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Appeasement-Politik

Er ist ein politisches Schlagwort, mit dem eine Politik ständigen Nachgebens gegenüber Diktatoren, besonders gegenüber totalitären Staaten, bezeichnet wird. Der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Zielsetzung
  2. 2. Britische Haltung zu Hitlers Politik
  3. 3. München, Kriegsbeginn und Kritik
  4. 4. Historische Bewertungen
  5. 5. Politisches Schlagwort seit 1945

Begriff und Zielsetzung

Appeasement-Politik, auch Beschwichtigungspolitik, bezeichnet eine Politik der Zugeständnisse, Zurückhaltung und des Entgegenkommens gegenüber Aggressionen, um Krieg zu vermeiden. Der Begriff wird besonders auf die britische Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland seit 1933 bezogen, vor allem auf Premierminister Neville Chamberlain. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist er ausschließlich negativ besetzt und dient als Schlagwort für ständiges Nachgeben gegenüber Diktatoren, besonders totalitären Staaten.

In den 1930er Jahren verstanden britische und französische Politiker unter „Appeasement“ eine Befriedung. Sie gingen davon aus, dass es in Deutschland „Falken“ und „Tauben“ gebe: Wirtschaftliche Zugeständnisse sollten gemäßigte Kräfte wie Hjalmar Schacht oder Hermann Göring stärken; Konfrontation dagegen harte Vertreter wie Joachim Ribbentrop oder Joseph Goebbels. Ein wichtiges Ziel war ein kollektives, vertraglich geregeltes europäisches Sicherheitssystem auf Grundlage des Völkerbunds oder anderer Verträge.

Im engeren Sinn meint der Begriff Chamberlains Haltung und die der sogenannten Cliveden-Clique beim Münchner Abkommen 1938. Sie tolerierten die Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich, um einen europäischen Krieg abzuwenden. Chamberlain setzte damit die Außenpolitik von Ramsay MacDonald und Stanley Baldwin fort. MacDonald hatte 1932 in Lausanne auf Zugeständnisse an deutsche Forderungen zur Revision des Versailler Vertrags gedrängt. Sebastian Haffner sah die Ursprünge dagegen schon in den Locarno-Verträgen von 1925 unter Austen Chamberlain: Sie reintegrierten Deutschland international, sicherten aber nur dessen Westgrenzen vertraglich ab.

Britische Haltung zu Hitlers Politik

Fast alle politischen Kräfte im Deutschen Reich wollten den Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg revidieren, weil sie seine Beschränkungen als zu hart ansahen. Adolf Hitler brach nach seiner „Machtergreifung“ wichtige Vertragsbestandteile: Deutschland rüstete auf, führte die allgemeine Wehrpflicht ein und marschierte ins entmilitarisierte Rheinland ein.

Die britische Regierung zeigte teilweise Verständnis. Großbritannien befand sich in einer schweren Wirtschaftskrise, die Bevölkerung war kriegsmüde, und auch die Kolonien wollten zu diesem Zeitpunkt keinen neuen Krieg. König Georg V. soll erklärt haben, er würde eher abdanken und auf dem Trafalgar Square „The Red Flag“ singen, als seinem Land nochmals einen Krieg wie 1914–1918 zuzumuten.

Großbritannien war deshalb zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Es wollte einen deutschen Aufstieg zur Hegemonialmacht in Mitteleuropa hinnehmen, sofern Deutschland in internationale Verträge eingebunden werden konnte. Zugleich erhöhte Großbritannien seine Rüstungsausgaben.

München, Kriegsbeginn und Kritik

Gegen den „Anschluss“ Österreichs protestierte Großbritannien nicht, weil es ihn wegen der fehlenden Gegenwehr als interne Angelegenheit Deutschlands und Österreichs betrachtete. In der Sudetenkrise drohte Hitler mit der Besetzung des Sudetenlands, also mehrheitlich deutsch bewohnter Gebiete der Tschechoslowakei. Ende September 1938 gaben Großbritannien und Frankreich auf der Münchner Konferenz nach und erlaubten mit dem Münchner Abkommen die Annexion dieser Gebiete. Beide Mächte waren selbst noch nicht kriegsbereit. In London hielt man den Anschluss der Sudetendeutschen und Österreicher an Deutschland für vertretbar, wenn diese ihn wünschten, und berief sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Chamberlain erklärte nach seiner Rückkehr am 30. September 1938, er habe „den Frieden für unsere Zeit“ gesichert. Im Unterhaus gab es jedoch heftige Kritik. Tatsächlich war der Frieden nicht gesichert: Am 15. März 1939 besetzte die Wehrmacht den Rest der Tschecho-Slowakischen Republik ohne Rücksprache mit den Garantiemächten. Unter Druck von Lord Halifax und Roosevelt gab Chamberlain am 31. März 1939 eine Garantie für Polens Unabhängigkeit ab; am 19. April wurde sie auf Rumänien und Griechenland ausgeweitet. Damit endete seine Appeasement-Politik offiziell.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. Das Münchner Abkommen hatte ihnen jedoch Zeit zur Aufrüstung verschafft. Frankreich nutzte dies wegen seiner defensiv ausgerichteten militärischen Führung wenig; Großbritannien konnte 1940 eine drohende deutsche Invasion abwehren. Winston Churchill hatte zuvor Aufrüstung und ein Appeasement nur aus einer Position der Stärke verlangt. Das Münchner Abkommen nannte er eine „vollkommene, ungemilderte Niederlage“. Seine Kritik wurde auch in Politik, Verwaltung, Presse und Militär geteilt.

Historische Bewertungen

Eine lange vorherrschende Bewertung lautet: Zugeständnisse könnten von Aggressoren als Schwäche verstanden werden und zu weiteren Forderungen führen. Diese Sicht ist umstritten. Bekannt ist, dass Hitler den tschechischen Reststaat einverleiben wollte, während Frankreich und Großbritannien 1938 nicht auf einen neuen Krieg vorbereitet waren. Die Zeit von München 1938 bis zur Luftschlacht um England im Sommer 1940 half der Royal Air Force bei der Vorbereitung; auch die Küstenradarkette Chain Home wurde errichtet und in Betrieb genommen. Hitler verwarf danach die Operation Seelöwe. Chamberlain trat am 10. Mai 1940 nach dem deutschen Angriff auf die Beneluxstaaten und Frankreich zurück; Churchill folgte ihm nach und nahm unter anderem Lord Halifax in sein Kriegskabinett auf.

Frank McDonough, an R. A. C. Parker anknüpfend, hält Appeasement in den 1930er Jahren wahrscheinlich für die einzige Handlungsmöglichkeit der britischen Regierung. Er bewertet aber Chamberlains Umsetzung als zu spät und zu wenig entschlossen. Ursache des Scheiterns seien auch dessen Fehleinschätzungen, sein Widerwille, Gegner anzuhören, und seine geringe Bereitschaft, Alternativen zu prüfen. McDonough vertritt in einer kontrafaktischen Spekulation die These, Großbritannien und Frankreich seien 1938 Hitler militärisch noch überlegen gewesen, 1939 aber schwächer in den Krieg gezogen.

Bernd Jürgen Wendt beschreibt eine britische Doppelstrategie von „peace and rearmament“. Die Regierung habe zu spät und unentschlossen aufgerüstet sowie kein rechtzeitiges Bündnis mit Moskau gesucht. Zugleich nennt Wendt Gründe für ihre Politik: begrenzte Ressourcen zur Verteidigung des Empire, die Herausforderung durch Deutschland, Italien und die Sowjetunion sowie die Vorstellung, Europa sei für Großbritannien weniger wichtig. Viele hielten die Versailler Friedensordnung für ungerecht und überholt und akzeptierten daher eine gewaltfreie Revision. Dass Hitler eine kontinentale Hegemonie anstrebte, erkannte die Regierung laut Wendt erst im März 1939.

Wendt betont zudem wirtschaftliche Motive. Chamberlain wollte britische Handelsinteressen in Südosteuropa sichern, eine wirtschaftliche Ausschließung Großbritanniens vom Kontinent verhindern und einen Wirtschaftskrieg vermeiden. Er glaubte an „Raum für beide Nationen“, bezweifelte später jedoch selbst den Realitätssinn dieser Annahme. Daryl G. Press widersprach anhand freigegebener Geheimdokumente der verbreiteten Annahme, frühere Zugeständnisse führten entscheidend zu späterer Aggression: Für riskante Entscheidungen seien vor allem aktuelle Machtmittel und die Bedeutung der Interessen maßgeblich.

Politisches Schlagwort seit 1945

Seit 1945 wird das angenommene Scheitern der Appeasement-Politik häufig als Argument für ein härteres Vorgehen gegen einen „Feind“ oder zur Rechtfertigung eines Präventivkriegs verwendet. In der Bundesrepublik verglichen konservative Kommentatoren in den 1970er und 1980er Jahren die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition und später die Friedensbewegung gegenüber der Sowjetunion mit Appeasement. Franz Josef Strauß verwies am 24. Februar 1972 im Bundestag beim Moskauer Vertrag auf das Münchner Abkommen. In der DDR wurde der Vorwurf gegen westliche Politiker gerichtet, die Alt- und Neonazis zu sehr entgegenkämen. Auch im Falklandkrieg 1982, vor dem Zweiten Golfkrieg 1990, im Kosovokrieg 1999 und im Irakkrieg 2003 wurde mit Appeasement argumentiert.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde der westlichen Weltgemeinschaft Appeasement gegenüber Islamismus vorgeworfen. Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad kritisierten einen aus ihrer Sicht zu nachsichtigen Umgang; Bundeskanzlerin Merkel warnte auf der Münchener Konferenz für Sicherheit im Februar 2006 mit diesem Begriff vor einem fehlerhaften Umgang mit dem Iran.

Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wurde „Russlandverstehern“ vorgeworfen, eine Appeasement-Politik gegenüber Russland zu betreiben oder zu unterstützen, weil sie Verständnis für dessen aggressive, völkerrechtswidrige Politik zeigten.

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