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Erste Tschechoslowakische Republik
Wirtschaft. Bearbeiten. Die neue Nation hatte eine Bevölkerung von über 14,8 Millionen. 70 bis 80 % der gesamten Industrie des zusammengebrochenen …
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Überblick und Staatsgründung
Die Erste Tschechoslowakische Republik ist die nachträglich entstandene, inoffizielle Bezeichnung für die erste Phase des tschechoslowakischen Staates: von der Unabhängigkeit 1918 bis zur Eingliederung der sudetendeutschen Gebiete in den NS-Staat infolge des Münchner Abkommens 1938. Ihre amtliche Bezeichnung war von 1918 bis 1938 Tschechoslowakische Republik (ČSR; anfangs RČS).
Sie entstand aus dem Zerfall Österreich-Ungarns. Am 28. Oktober 1918 riefen Vertreter von vier tschechischen Parteien im Prager Gemeindehaus den tschecho-slowakischen Staat aus. Am 30. Oktober erklärte die Martiner Deklaration den Anschluss der Slowakei. Tomáš Garrigue Masaryk wurde am 14. November 1918 zum Staatspräsidenten gewählt; Karel Kramář bildete am selben Tag die erste reguläre Regierung. Masaryk blieb bis zum 14. Dezember 1935 Präsident, danach folgte Edvard Beneš.
Die Republik galt als parlamentarische Demokratie und blieb neben der Schweiz eine Ausnahme in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, weil sich dort zwischen den Weltkriegen sonst keine Demokratie dauerhaft hielt. Zugleich war sie ein Vielvölkerstaat, dessen zentralistische Ordnung und Staatsdoktrin des Tschechoslowakismus Spannungen zwischen Tschechen, Slowaken und anderen Gruppen hervorriefen.
Verfassung, Staat und Parteien
Die Verfassung vom 29. Februar 1920 ersetzte die vorläufige Verfassung von 1918. Sie bestimmte die ČSR als Republik mit parlamentarischer Demokratie. Die Nationalversammlung mit Senat und Abgeordnetenhaus besaß die Gesetzgebungsinitiative und kontrollierte Exekutive und Judikative. Ein Präsident wurde alle sieben Jahre gewählt und bestätigte ein von ihm ernanntes Kabinett; außerdem war eine unabhängige Justiz vorgesehen. Als Vorbilder werden das Vereinigte Königreich, die USA und Frankreich genannt.
Das Staatsgebiet bestand zunächst aus Böhmen, Mähren, Schlesien, der Slowakei und der Karpatenukraine. Nach Gesetz Nr. 125 von 1927 wurden Mähren und Schlesien zum Land Mähren-Schlesien vereinigt; von 1928 bis 1939 bestanden damit vier Länder.
Der Tschechoslowakismus verstand Tschechen und Slowaken als gemeinsame Staatsnation; Tschechisch und Slowakisch waren Amtssprachen. Dies sollte die Staatsgründung auch statistisch gegenüber den großen Minderheiten begründen. Slowakische Parteien forderten dagegen Autonomie und teils einen trialistischen Staat aus Tschechien, Slowakei und Karpatenukraine. Die im Pittsburgher Vertrag von Mai 1918 zugesagte slowakische Autonomie wurde nicht verwirklicht.
Die Politik wurde durch viele Parteien geprägt. Stabilität schuf besonders die Pětka („Die Fünf“), eine Koalition tschechoslowakischer Parteien unter Führung von Antonín Švehla in den 1920er Jahren. Zu ihr gehörten Agrarpartei, Sozialdemokratie, nationalsozialistische Partei, Volkspartei und Nationaldemokratische Partei. Das Parteiensystem verlief jedoch stark entlang ethnischer und kultureller Grenzen. Deutsche, ungarische, polnische, jüdische und ruthenische Parteien vertraten jeweils unterschiedliche Interessen.
Bevölkerung und Minderheiten
Bei der Volkszählung 1921 hatte die Republik 13,613 Millionen Einwohner. Als „Tschechoslowaken“ wurden 8,761 Millionen Menschen oder 64,35 % gezählt. Es folgten 3,123 Millionen Deutsche (22,94 %), 0,745 Millionen Ungarn (5,47 %), 0,461 Millionen Russen, Ukrainer und Karpatorussen (3,38 %), 0,180 Millionen Juden (1,32 %), 0,238 Millionen Ausländer (1,74 %) sowie 0,102 Millionen Polen und andere (0,75 %). Tschechen und Slowaken bildeten somit zusammen keine vollständige Bevölkerungsmehrheit; etwa ein Drittel gehörte anderen Nationalitäten an.
Die Verfassung, der Vertrag von Saint-Germain und die Genfer Konvention gewährten Minderheiten theoretischen Schutz. In Gebieten mit mehr als 20 % Minderheitenbevölkerung durfte deren Sprache im Alltag und in der Schule verwendet werden. Dennoch betonte die amtliche Sprache vor allem den tschechoslowakischen Charakter des Staates. Eigene höhere Bildungseinrichtungen wurden Ukrainern, Polen und teilweise Deutschen untersagt. Dies führte zu Konflikten; zwischen 1920 und 1930 gingen über 1.200 Petitionen beim Völkerbund ein, darunter 175 aus der Tschechoslowakei.
Die Deutschen lebten besonders in Böhmen, Mähren, Schlesien und dem Sudetenland. Viele waren mit ihrer Stellung unzufrieden; frühere österreichische Beamte ohne Tschechischkenntnisse wurden entlassen. Die Sudetendeutsche Partei unter Konrad Henlein erhielt 1935 mehr als zwei Drittel der sudetendeutschen Stimmen. Auch viele Slowaken lehnten Zentralismus und Tschechoslowakismus ab. In der Karpatenukraine stellten Ukrainer mit 372.884 Personen beziehungsweise 63 % der Bevölkerung 1921 die größte Gruppe.
Religiös bekannten sich 1920 in Böhmen und Mähren 82 % zur römisch-katholischen Kirche; 7,2 % waren ohne religiösen Glauben, 5,5 % Hussiten und 2,3 % Evangelische Tschechische Brüder. Die Gründung einer von Rom unabhängigen tschechoslowakischen Kirche 1920 und der Hus-Tag als Staatsfeiertag 1925 verschärften zunächst den Konflikt mit dem Vatikan, der im Februar 1928 beigelegt wurde.
Außenpolitik, Krise und Ende
Außenminister Edvard Beneš setzte auf den Völkerbund, Frankreich und Großbritannien. Mit Rumänien und Jugoslawien entstand die Kleine Entente, die vor allem ungarischen Revisionismus verhindern sollte. 1935 schloss Beneš zudem einen Beistandsvertrag mit der Sowjetunion. Die Beziehungen zu Polen waren wegen des Olsagebiets belastet, zu Ungarn wegen der Südslowakei und zu Deutschland wegen Grenzfragen und des Sudetenlands. Im polnisch-tschechoslowakischen Grenzkrieg begann am 23. Januar 1919 die tschechoslowakische Besetzung um Bohumín und Karviná; der Vertrag vom 3. Februar 1919 legte eine Grenze fest. Das Olsagebiet fiel 1938 an Polen.
Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wuchs die Sorge vor deutscher Aggression. Henlein traf Hitler am 28. März 1938 in Berlin und stellte am 24. April das Karlsbader Programm vor; damit begann die Sudetenkrise. Es kam zu Zusammenstößen im Grenzgebiet, zur tschechoslowakischen Teilmobilmachung am 20. Mai 1938 und zu einem erfolglosen Vermittlungsversuch Lord Runcimans. Das Sudetendeutsche Freikorps tötete 110 Tschechoslowaken und entführte 2.020 tschechoslowakische Staatsbürger.
Das Münchner Abkommen wurde von Adolf Hitler, Neville Chamberlain, Benito Mussolini und Édouard Daladier unterzeichnet. Die Prager Regierung trat das Sudetenland an das Deutsche Reich ab, nachdem Großbritannien und Frankreich ein Ultimatum gestellt hatten. Die Republik verlor über 38 % ihrer Fläche, über drei Millionen Einwohner und große wirtschaftliche sowie militärische Ressourcen. Etwa 40 % der tschechoslowakischen Industrie verblieben im Reststaat. Am 30. September 1938 lehnte Beneš einen militärischen Widerstand ab; die Verfassung von 1920 war damit de facto außer Kraft gesetzt und die Erste Republik beendet.
Wirtschaft, Währung und Militär
Die ČSR übernahm 70 bis 80 % der Industrie des ehemaligen Österreich-Ungarn, darunter Porzellan-, Glas-, Zucker-, Rüstungs-, Maschinen- und Chemieindustrie. Von 1920 bis 1935 war sie laut Artikel der neuntreichste Staat der Welt und weltweit der zehntmeisten industrialisierte. Die wirtschaftlichen Unterschiede im Land blieben jedoch groß: In Böhmen, Mähren und Schlesien arbeiteten 39 % in der Industrie und 31 % in der Landwirtschaft; in der Slowakei waren es 17,1 % beziehungsweise 60,4 %. Die Karpatenukraine war fast ohne Industrie und lebte vor allem von Tourismus und Holztransport.
1929 waren 35 % der Einwohner in der Landwirtschaft tätig. Die Industrieproduktion erreichte 1924 einen Spitzenwert; 1928 gab es 38.000 Arbeitslose. Die Weltwirtschaftskrise traf die ČSR von 1929 bis 1933 schwer. Die Industrie ging um 40,4 % zurück, 1933 gab es 1,3 Millionen Arbeitslose. Erst 1936 setzte ein Aufschwung ein, der sich 1937 verstärkte.
Die Tschechoslowakische Krone wurde nach einer Währungsreform eingeführt. Die ersten Banknoten kamen 1918 in Umlauf, eigene Münzen folgten 1922. Das Gesetz vom 7. November 1929 bestimmte die Goldparität auf 44,85 mg pro 1 Kč. Zwischen 1923 und etwa 1929 schwankte die Krone um durchschnittlich 15,36 bis 16,37 Schweizer Franken pro 100 Kronen; 1932 betrug der Kurs zur Reichsmark 0,85.
Die Armee umfasste rund 200.000 Soldaten in 17 Infanteriedivisionen und vier schnellen Divisionen sowie 50.000 Reservisten. Sie war gut ausgerüstet und durch den Tschechoslowakischen Wall abgesichert. Nach dem Münchner Abkommen geriet ein großer Teil dieser Befestigungen an Hitler, wodurch der Reststaat 1939 fast wehrlos war.
Bildung, Symbole und Nachwirkungen
Der Staat baute das Schul- und Hochschulwesen aus. 1921 war etwa ein Viertel der Bevölkerung Analphabeten; die Unterschiede waren erheblich: in Böhmen nur 0,75 %, in der Slowakei 35 % und in der Karpatenukraine etwa 60 bis 65 %. In der Slowakei wurde 1919 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, wodurch sich Lehrer- und Schülerzahl innerhalb von vier Jahren um zwei Drittel erhöhten. In der Karpatenukraine gab es zunächst nur etwa 250 Schulen. 1935 betrug das staatliche Bildungsbudget für rund drei Millionen Kinder 1,5 Milliarden Tschechoslowakische Kronen.
Die Flagge war zunächst weiß-rot wie die böhmische Flagge. Seit dem 30. März 1920 ergänzte ein blaues gleichschenkliges Dreieck am linken Rand die Flagge; es stand für die Slowakei, nach anderen Quellen stammte das Blau aus dem Wappen Mährens. Das Große Wappen war nach der Verfassung von 1920 das alleinige offizielle Wappen.
Kulturell und sportlich wurde die Republik als Blütezeit beschrieben. Die Fußballnationalmannschaft erreichte bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1934 den zweiten Platz. Bei den Olympischen Sommerspielen 1936 gewann die ČSR mit 163 Teilnehmern drei Gold- und fünf Silbermedaillen; bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1938 in Prag Bronze.
Nach 1945 versuchten Edvard Beneš und Außenminister Jan Masaryk in der Dritten Tschechoslowakischen Republik, Demokratie und Wirtschaft der Ersten Republik wiederherzustellen. Nach dem Februarumsturz wurde die Tschechoslowakei jedoch ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Später wurde die Erste Republik besonders mit Wohlstand, staatsbürgerlichen Rechten, Personenfreizügigkeit, Frauenwahlrecht und Demokratie verbunden.