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Zentrum gegen Vertreibungen
... Siedlungsgeschichte, Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts sowie die Integration der deutschen Vertriebenen und Aussiedler seit 1945 …
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Überblick
Das Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV) ist eine Stiftung mit Sitz in Wiesbaden. Es wurde 2000 aus dem Bund der Vertriebenen (BdV) heraus gegründet. Ziel war die Dokumentation von Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts. Gründungsvorsitzende war die damalige BdV-Präsidentin Erika Steinbach; 2018 übergab sie das Amt an Christean Wagner. Das ZgV ist nicht zu verwechseln mit der staatlichen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und deren Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.
Ziele und Themen
Das Zentrum will nach eigenen Angaben das Schicksal von „mehr als 15 Millionen deutschen Deportations- und Vertreibungsopfern aus ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa“ sowie das Schicksal deutscher Spätaussiedler erfahrbar machen. Außerdem will es Vertreibung und Genozid an anderen Völkern, besonders in Europa, dokumentieren. Dazu sollen mündliche und schriftliche Zeitzeugenberichte aus Vertreibungs- und Aussiedlungsgebieten gesammelt werden.
Weitere Ziele sind, Kultur, Schicksal und Geschichte europäischer und deutscher Vertriebener im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Heimat darzustellen, an die Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik zu erinnern und aktuelle Vertreibungsgeschehen in Wechselausstellungen aufzuarbeiten. Eine Requiem-Rotunde soll dem Gedenken an die Opfer dienen. Nach eigener Aussage gehört auch die regelmäßige Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises zu den Aufgaben der Stiftung.
Geplante Ausstellungsthemen betreffen unter anderem das Schicksal der Armenier 1915/16, die Vertreibungen von Griechen und Türken nach dem Lausanner Vertrag von 1923, die Vertreibung der europäischen Juden ab 1933 als Teil des Holocaust, Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen von Polen, Balten und Ukrainern zwischen 1939 und 1949 sowie der Deutschen zwischen 1941 und 1949. Weitere Themen sind Westkarelier, Italiener aus Jugoslawien, Vertreibungen nach dem Zypernkonflikt nach 1974 und Vertreibungen im ehemaligen Jugoslawien am Beispiel von Bosnien und Herzegowina in den 1990er Jahren.
Peter Glotz (SPD), der mit Erika Steinbach bis zu seinem Tod 2005 den Vorstand bildete, erklärte 2001, das Zentrum solle nicht vor allem Erinnerungen pflegen, sondern dazu beitragen, Vertreibungen weltweit zu ächten, die Völkergemeinschaft zu sensibilisieren und sich systematisch mit Ethnonationalismus und der Idee des ethnisch homogenen Nationalstaats auseinanderzusetzen.
Wanderausstellungen
Das ZgV entwickelte mehrere Ausstellungen. „Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ wurde erstmals vom 11. August bis zum 29. Oktober 2006 im Kronprinzenpalais in Berlin gezeigt. Ab Juni 2007 war sie in veränderter und erweiterter Form unter anderem in der Paulskirche in Frankfurt am Main, in Nürnberg, Erfurt, Recklinghausen und Hannover zu sehen. Neu aufgenommen wurden die Vertreibung von Ungarn aus der damaligen Tschechoslowakei, die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn und die Vertreibung der Deutschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Außerdem kam ein lokaler Teil zur Aufnahme von Vertriebenen nach 1945 in einzelnen deutschen Städten hinzu.
Die Ausstellung war im Vorfeld politisch stark umstritten. Polnische Museen und Opferverbände, die sich beteiligt hatten, zogen ihre Exponate zurück. Laut Artikel blieben Befürchtungen der Skeptiker jedoch unbegründet, weil die Ausstellung das Schicksal der deutschen Vertriebenen in die Weltgeschichte einordnete und den Deutschen als größter Vertriebenengruppe nicht mehr Platz gab als Armeniern oder Polen. Der Historiker Ingo Haar kritisierte dagegen die genannte Zahl von über einer Million bei Flucht und Vertreibung umgekommener Deutscher als deutlich zu hoch. Nach seiner Einschätzung seien 500.000 bis 600.000 deutsche Vertreibungsopfer konkret nachweisbar.
Die Folgeausstellung „Die Gerufenen. Deutsches Leben in Mittel- und Osteuropa“ behandelte die Migrationsgeschichte der Deutschen zwischen Mittelalter und Neuzeit. Sie wurde vom 16. Juli bis zum 30. August 2009 erstmals im Berliner Kronprinzenpalais gezeigt.
2011 stellte das Zentrum im Deutschen Bundestag die Ausstellung „Angekommen. Die Integration der Vertriebenen in Deutschland“ vor. Sie widmete sich der Eingliederung der Vertriebenen in Deutschland nach 1945. Die Eröffnung im Paul-Löbe-Haus übernahm Bundestagspräsident Norbert Lammert.
Trilogie HeimatWEH
Ab März 2012 wurden die drei Ausstellungen als Einheit unter dem Titel „HeimatWEH. Eine Trilogie“ im Berliner Kronprinzenpalais präsentiert. Die Stiftung führte damit drei Ausstellungen zusammen, die sie seit 2006 innerhalb von fünf Jahren erarbeitet und einzeln vorgestellt hatte.
Die Trilogie beschrieb in einem großen Bogen die weitgehend unbekannte Heimat deutscher Volksgruppen außerhalb des Reiches, ihre Siedlungsgeschichte, Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts sowie die Integration deutscher Vertriebener und Aussiedler seit 1945. Bei der Eröffnung würdigte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Leistungen der Vertriebenen und Aussiedler und betonte ihre Rolle als Brückenbauer in Europa.
Unterstützung und Kritik
Das ZgV wurde von zahlreichen bekannten Personen unterstützt, darunter Historiker, Juristen, Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Publizisten. Zu den genannten Unterstützern gehören beziehungsweise gehörten unter anderem Joachim Gauck, Imre Kertész, György Konrád, Otto Graf Lambsdorff, Rüdiger Safranski, Harald Schmidt, Christian Thielemann, Michael Wolffsohn und Tilman Zülch.
Einzelne Unterstützer zogen sich zurück. Ralph Giordano gehörte bis November 2007 dazu. Er begründete seinen Rückzug damit, dass das „deutschverursachte Morduniversum des Zweiten Weltkriegs und seine[r] Besatzungspolitik“ noch immer „notorisch zu kurz“ komme. Julius H. Schoeps beendete seine Unterstützung im September 2010 wegen abfälliger Äußerungen Erika Steinbachs über den polnischen Politiker Władysław Bartoszewski.
Das Vorhaben und besonders der Standort Berlin stießen in Deutschland und im Ausland, vor allem in Polen und Tschechien, auf Kritik oder Ablehnung. Kritiker warfen dem Bund der Vertriebenen vor, eine solche Institution in Berlin könne als revisionistisch verstanden werden. Außerdem wurde kritisiert, der BdV eigne sich ungefragt das Gedenkinteresse anderer vertriebener Völker und Volksgruppen an. Dadurch könne die Hauptursache der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa, nämlich der Unterjochungs- und Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, in einer deutschen Vertriebenengedenkstätte zu stark ausgeklammert werden.
Befürworter hielten dagegen, das Zentrum beziehe Vertriebene aus allen europäischen Völkern ein, um eine einseitige Fokussierung auf deutsche Vertriebene zu vermeiden. Vertreter anderer vertriebener Volksgruppen würden in die Gestaltung einbezogen. Außerdem sei eine angemessene Aufarbeitung des Themas bisher ausgeblieben. Als Gründe für Vertreibungen des 20. Jahrhunderts nennt der Artikel neben Rache oder Vergeltung auch völkisches Denken, persönliches Macht- oder Besitzstreben, pseudohistorische Ideologien und das Ziel, ethnische Minderheiten zu beseitigen. Als alternative Standorte wurden unter anderem Breslau, Sarajewo, Schweden und Priština diskutiert. Markus Meckel forderte als Gegenprojekt ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen und wollte die Gestaltung einer internationalen Kommission übertragen.