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Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Erinnerung und Gedenken an Flucht und Vertreibung vor allem im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus · Roland Borchers.
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Kern und Zweck
Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) ist eine Stiftung öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin. Sie wurde am 30. Dezember 2008 von der Bundesrepublik Deutschland ins Leben gerufen und widmet sich der Erinnerung und dem Gedenken an Flucht und Vertreibung vor allem im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus.
Der Anlass lag im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom November 2005. Darin wurde beschlossen, in Berlin ein „sichtbares Zeichen“ zu setzen, um „an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“. Außerdem bekannte sich der Vertrag zur historischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung. Zwangsmigration bedeutet, dass Menschen ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sondern durch Krieg, Gewalt, staatlichen Druck oder andere Zwänge dazu gebracht werden.
Rechtsform und Aufgaben
Die Stiftung wurde nach dem Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG) als unselbständige Stiftung errichtet. Träger ist die Stiftung Deutsches Historisches Museum. Nach § 16 Abs. 1 DHMG ist ihr Zweck, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wach zuhalten“.
Zu ihren Aufgaben gehören besonders: Aufbau, Pflege und Weiterentwicklung einer Dauerausstellung; Einzelausstellungen zu speziellen Themen; Vermittlung von Forschungsergebnissen; Sammlung, Dokumentation und wissenschaftliche Auswertung von Materialien, vor allem Zeitzeugenberichten; sowie Zusammenarbeit mit deutschen und internationalen Museen und Forschungseinrichtungen.
Mit einem Organisationserlass des Bundeskanzlers vom 7. Mai 2025 wurde die Zuständigkeit für die Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa einschließlich der Stiftung dem Bundesministerium des Innern übertragen. Zuvor lag sie beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Im Juli 2026 beschloss die Bundesregierung, die Stiftung aus dem Gesetz zur Errichtung der Stiftung Deutsches Historisches Museum herauszulösen und per Gesetz in eine selbstständige Stiftung umzuwandeln.
Standort und Dokumentationszentrum
Als Standort des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung wählte die Bundesregierung 2008 das frühere Deutschlandhaus im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg. Das Gebäude gehört der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Der Umbau wurde vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung betreut; die Stiftung mietet etwa die Hälfte des Gebäudes.
Nach der Sanierung stehen dort Ausstellungen, eine Bibliothek, ein Zeitzeugenarchiv, Bildungs- und Vermittlungsangebote, Veranstaltungen, ein Museumsshop und ein Restaurant zur Verfügung. Die Umbaukosten von knapp 30 Millionen Euro trug der Bund. Im Frühjahr 2020 wurde das Gebäude der Stiftung als leeres Haus übergeben und anschließend eingerichtet. Am 21. Juni 2021 wurde die Einrichtung in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatsministerin Monika Grütters eröffnet; seit dem 23. Juni 2021 ist das Dokumentationszentrum öffentlich zugänglich.
Organisation und Finanzierung
Im Jahr 2009 wurden erstmals ein Stiftungsrat und ein wissenschaftlicher Beraterkreis berufen. Der Stiftungsrat legt die Grundzüge des Programms fest und entscheidet über grundsätzliche Angelegenheiten. Der wissenschaftliche Beraterkreis unterstützt den Stiftungsrat und die Direktion in fachlichen Fragen. Gründungsdirektor war der Historiker und Politikwissenschaftler Manfred Kittel.
Der Stiftungsrat besteht aus 21 Mitgliedern. Kraft ihres Amtes gehören die Präsidenten der Stiftungen Deutsches Historisches Museum und Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dazu. Die übrigen 19 Mitglieder werden von verschiedenen Institutionen benannt und von der Bundesregierung für fünf Jahre bestellt, darunter Vertreter des Deutschen Bundestages, von Bundesministerien, des Bundes der Vertriebenen, der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Römisch-katholischen Kirche in Deutschland und des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Nach dem Bericht der Bundesregierung zur Arbeit gemäß § 96 BVFG von 2023 wird die SFVV ausschließlich vom Bund institutionell gefördert. Die Förderung betrug 7,781 Mio. Euro im Jahr 2021 und 8,477 Mio. Euro im Jahr 2022.
Ausstellungen und Publikationen
Die Dauerausstellung wurde in einem Konzept von 2017 beschrieben, das auf einer Konzeption von 2012 aufbaut. Sie ist chronologisch angelegt und besteht aus drei inhaltlichen Teilen auf zwei Etagen. Im ersten Obergeschoss behandelt „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“ die Bedeutung von Zwangsmigration für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, ihre Ursachen und Bezüge zur Gegenwart, einschließlich aktueller Herausforderungen von Flucht und Vertreibung im 21. Jahrhundert.
Im zweiten Obergeschoss sollen die Teile „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“ gezeigt werden. Sie stellen Flucht und Vertreibung der Deutschen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sowie der nationalsozialistischen Expansions-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik dar. Außerdem behandeln sie die Integration Vertriebener und Flüchtlinge in West- und Ostdeutschland und Nachwirkungen bis heute. Nach Kritik des Bundes der Vertriebenen wird die Dauerausstellung aktuell überarbeitet.
Zu den Wechselausstellungen gehörten 2012 die Präsentation der ersten 100 Sammlungsobjekte unter dem Motto „Politiken und Kulturen der Erinnerung“ im Rahmen der 7. Berlin-Biennale sowie bis 2018 eine Open-Air-Ausstellung am Bauzaun des Deutschlandhauses mit dem Titel „Schlaglichter auf die künftige Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Die Stiftung veröffentlicht außerdem Tagungs- und Begleitbände zu Themen wie Flucht, Vertreibung, ethnische Säuberung, jüdische Geschichte im preußischen Osten und die deutsche Minderheit in Jugoslawien 1941–1955.
Kontroversen
Die Stiftung war wiederholt Gegenstand politischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Über den Standort eines Dokumentationszentrums gab es Dissens mit Regierungsvertretern Polens. Der damalige polnische Premierminister Donald Tusk schlug im Dezember 2007 Danzig als Standort für ein Museum des Zweiten Weltkriegs vor. Die polnische Regierung lehnte eine direkte Zusammenarbeit zum Thema Flucht und Vertreibung weiterhin ab. Kritisiert wurde außerdem, eine unterschiedslose Empathie für Opfer könne Unterschiede zwischen Tat und Tätern verwischen.
2010 wurden Stiftungsrat und wissenschaftlicher Beraterkreis vergrößert. Umstritten war unter anderem ein Sitz des Bundes der Vertriebenen, für den Erika Steinbach vorgesehen war, aber wegen Bedenken besonders aus Polen nicht akzeptiert wurde. Auch einzelne stellvertretende BdV-Mitglieder wurden wegen früherer Positionen kritisiert. Der Zentralrat der Juden ließ aus Protest seine Mitgliedschaft zeitweise ruhen. Im wissenschaftlichen Beraterkreis kam es ebenfalls zu Rücktritten, unter anderem weil Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung und an der Gewichtung von Versöhnung mit Polen geäußert wurde.
Auch die Dauerausstellung und die Direktion waren umstritten. 2010 legten Historiker aus deutsch-tschechischen, deutsch-slowakischen und deutsch-polnischen Fachzusammenhängen einen alternativen Entwurf vor, weil ein konkretes Konzept und eine öffentliche Debatte fehlten. Der Theatermacher Ersan Mondtag warf der Stiftung im Zusammenhang mit einem Imagefilm inakzeptable Verträge und Zensur vor, weil der Aspekt Rechtsextremismus ausgespart bleiben sollte. Bei der Besetzung der Direktion gab es mehrere Konflikte: Manfred Kittel wurde 2014 entbunden, Winfrid Halder trat nach Kritik nicht an, Gundula Bavendamm leitete die Stiftung von 2016 bis März 2026, und Ende März 2026 wurde Roland Borchers zu ihrem Nachfolger gewählt.