Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Zentralismus
Der Begriff Zentralismus bezeichnet ein Strukturprinzip zur Kennzeichnung einer gesellschaftlichen Raumordnung, die zentral organisiert ist.
Inhalt5 Abschnitte
Grundbegriff und Bedeutung
Zentralismus bezeichnet ein Strukturprinzip, bei dem eine gesellschaftliche, politische, religiöse oder wirtschaftliche Ordnung von einem Zentrum aus organisiert ist. Allgemein steht Zentralismus im Gegensatz zum Regionalismus oder ergänzt ihn als anderes Ordnungsprinzip.
In der Politik bedeutet Zentralismus das Streben, alle Kompetenzen im Staat bei einer zentralen obersten Instanz zu konzentrieren. Wenn dieses Streben tatsächlich die staatliche Ordnung prägt, beschreibt der Begriff auch die Struktur eines politischen Systems oder Regimes. Eine typische Form ist der zentralistisch organisierte Einheitsstaat oder Zentralstaat. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass die politische Souveränität ausschließlich auf der nationalen Ebene konzentriert ist.
Der Begriff wird auch außerhalb der Politik verwendet: In der Religion beschreibt er zentralistische Organisationsformen von Kirchensystemen, in der Wirtschaft Planwirtschaften oder zentralistische Konzernstrukturen.
Entwicklung in Kirche und Absolutismus
Ein frühes Muster für Zentralismus entstand im Abendland in der römisch-katholischen Kirche. Als früher Papst, der auf römischen Zentralismus drängte, gilt Damasus I. (366–384). Im Frühmittelalter bildete sich der römische Zentralismus besonders in Auseinandersetzung mit dem theokratischen Selbstverständnis germanischer Königtümer heraus. Weil Kirchen eng mit der politischen Ordnung verbunden waren und man Legitimationsprobleme durch den Einfluss von Königen und Kaisern befürchtete, wurde im Kirchensystem staatlicher Zentralismus nachgebildet.
Im Zeitalter des Absolutismus setzte sich der Flächenstaat gegen das mittelalterliche Modell des Personenverbandsstaats durch. Ältere Forschung sah Zentralismus oft pauschal als typisches Merkmal des Absolutismus. Neuere Forschung bewertet das differenzierter: Neben zentralistischer Machtausübung der Monarchien spielten auch die politische Macht der Stände und der Regionalismus der Eliten eine wichtige Rolle.
Der ständische Forschungsansatz betont viele Konflikte zwischen Ständen und Fürsten, die keineswegs immer zugunsten der Fürsten ausgingen. Außerdem wirkten Stände in einzelnen Territorien des Reichs sowie in kleineren Staaten wie Schweden und Dänemark politisch mit. Die regionalistische Forschung zeigt, dass landesherrliche Amtsträger oft eng mit regionalen Eliten verbunden waren. Dadurch konnte der Absolutismus in großen Staaten wie Spanien, Frankreich, Österreich-Böhmen-Ungarn und Brandenburg-Preußen in den Provinzen nicht vollständig „nach unten“ durchgreifen.
Politische Theorie
Eine wichtige theoretische Grundlage des zentralistischen Politikmodells im monarchisch-absolutistischen Staat lieferte Thomas Hobbes. Er schrieb Leviathan unter dem Eindruck des englischen Bürgerkriegs. Für Hobbes sollte das Ständewesen als politische Organisationsform und als institutionalisierte Gegenmacht zur monarchischen Herrschaft kein entscheidendes Gewicht mehr haben.
Nach Hobbes sollte die Gemeinschaft die politische Macht durch Übereinkunft einem Mann oder einer Versammlung anvertrauen. In diesem Zentrum sollte sich die reale Einheit aller darstellen. Der Grund dafür lag für Hobbes in den schlechten Eigenschaften des Menschen, die eine starke Ordnung nötig machten.
Der Rechtsphilosoph John Austin entwickelte diesen Ansatz weiter. Er hielt an der Idee einer unauflösbaren und unbegrenzbaren souveränen Macht fest. Die damit verbundene These lautet: Staatsgewalt werde durch Zentralisation gefestigt, und der Mensch erhalte Schutz und Sicherheit zum Preis der Freiheit. Diese Vorstellung spielt bis heute im theoretischen und öffentlichen Diskurs eine wichtige Rolle.
Frankreich und Deutschland
In Europa gilt Frankreich als besonders deutliches Beispiel für Zentralismus. Die Anfänge lassen sich bis Ludwig XIII., Richelieu und Ludwig XIV. zurückverfolgen. Ludwig XIV. entzog den regionalen Feudalherren politische Rechte; dadurch wurden sie zu Höflingen des Königs degradiert.
Nach der Französischen Revolution und der Entstehung des modernen Nationalstaats knüpfte Napoléon Bonaparte an die zentralistische Denkweise an. Auf der Grundlage der jakobinisch-zentralistischen Tradition gewann in Frankreich die Idee eines starken Staates dauerhaft Bedeutung: Politische und gesellschaftliche Veränderungen sollten „von oben“ durchgesetzt werden können. Auch die Verkehrsinfrastruktur spiegelte den Zentralismus wider, denn die Straßen waren sternförmig auf Paris ausgerichtet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden jedoch Dezentralisierungsideen politisch umgesetzt, besonders durch verschiedenartige Gebietskörperschaften.
In Deutschland konnte das Kaisertum nie eine ähnlich zentrale Machtstellung erreichen wie in Frankreich. Bestimmend wurde hier das föderative Prinzip, also eine Ordnung, in der staatliche Aufgaben auf verschiedene Ebenen verteilt sind. Seit der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 wird für den zentralistischen Einheitsstaat auch der ursprünglich theologische Begriff Unitarismus verwendet. Er wurde als Gegenbegriff zu föderalistischen Denkweisen geprägt.
Seitdem hat Zentralismus in der deutschen Föderalismusdiskussion einen besonderen Stellenwert. Der nationalstaatliche Unitarismus des 19. Jahrhunderts konnte föderalistische Ideen nicht verdrängen. Zentralistische Denkweisen werden in dieser Debatte bis heute kritisch gesehen und auch als besonderes Merkmal des Totalitarismus herausgestellt. In der Bundesrepublik Deutschland verlor Zentralismus als Schlagwort in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung. In der Deutschen Demokratischen Republik blieb der Begriff vor allem über „Demokratischer Zentralismus“ präsent.
Kritik in der Systemtheorie
In der Systemtheorie werden zentralistische Ansätze kritisiert, wenn sie moderne Gesellschaften pauschal beschreiben sollen. Der Soziologe Niklas Luhmann argumentierte mit dem Konzept der funktionalen Differenzierung. Damit ist gemeint, dass moderne Gesellschaften aus verschiedenen Teilsystemen bestehen, die nach eigenen Kommunikationsweisen funktionieren.
Luhmann stellte fest, dass Theorien der Hierarchie, Delegation oder Dezentralisierung, die weiterhin von einer Spitze oder einem Zentrum ausgehen, heutige Verhältnisse nicht angemessen erfassen können. Er räumte zwar ein, dass ein politisches System staatliche Organisationen und das Wirtschaftssystem mehr oder weniger zentralistisch organisieren kann. Zugleich betonte er aber, dass sich weder allgemeine Kanalisierungen von Kommunikationsflüssen noch allgemeine Zentralisierungen von Entscheidungen feststellen lassen.
Für Luhmann reicht ein Denkansatz, der nur zwischen Zentralisation und Dezentralisation unterscheidet, nicht aus, um die gegenseitigen Abhängigkeiten von Systemen zu erklären. Entscheidend sei vielmehr, wie Systeme entsprechend ihrem Kommunikationsmedium Zentralisation und Dezentralisation kombinieren und beides steigern.