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Zeitgeschichte
Die Zeitgeschichte oder zeitgenössische Geschichte ist im deutschen Sprachraum jene Epoche der Späten Neuzeit, „die zumindest ein Teil der Zeitgenossen …
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Begriff und Charakter
Zeitgeschichte oder zeitgenössische Geschichte bezeichnet im deutschen Sprachraum einen Abschnitt der Späten Neuzeit, „die zumindest ein Teil der Zeitgenossen bewusst miterlebt hat, im engeren Sinn die wissenschaftliche Untersuchung und Darstellung dieses Zeitraums durch die Geschichtswissenschaft“.
Sie ist keine abgeschlossene, dauerhaft festgelegte Epoche. Ihre Grenze verschiebt sich: Wenn Zeitzeugen sterben, gehören frühere Ereignisse nach dieser Definition nicht mehr zur Zeitgeschichte; zugleich werden neue Zeiträume untersucht. Der Begriff verbreitete sich in Deutschland besonders durch das 1950 gegründete Institut für Zeitgeschichte in München. Als Pionier- und Standardwerk gilt H. G. Adlers 1955 veröffentlichte Monografie „Theresienstadt 1941–1945, Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ über das Ghetto Theresienstadt.
Frühere Abgrenzung ab 1917
Zunächst verstand man unter Zeitgeschichte meist die Zeit seit der Oktoberrevolution in Russland 1917 oder seit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Damit begann nach dieser Sicht das „kurze 20. Jahrhundert“ und endete das lange 19. Jahrhundert.
1917 gilt als Einschnitt, weil die alten europäischen Monarchien und Fürstendynastien neuen Gesellschaftsentwürfen weichen mussten. Als typische Dynastien werden die Romanows, Habsburger, Hohenzollern und Osmanen genannt. Vor der Durchsetzung republikanisch-demokratischer Strukturen prägten auch Diktaturen die Epoche.
Die Oktoberrevolution legte außerdem den Grundstein für die spätere Teilung der Welt in zwei Blöcke. Im Kalten Krieg standen sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion um 1990 der kapitalistische Westen unter Führung der USA und der kommunistische beziehungsweise realsozialistische Ostblock unter Führung der UdSSR gegenüber. Grundlage war die ideologische, politische, ökonomische, militärische und technologische Konkurrenz beider Supermächte.
Auch der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg war eine Zäsur: Die USA brachen mit ihrer bisherigen gegenüber Europa isolationistischen Außenpolitik und intervenierten erstmals in Europa. Zwischen 1921 und 1941 nahmen sie die isolationistische Politik allerdings wieder auf.
Neuere Abgrenzung ab 1945
Seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts wird Zeitgeschichte zunehmend als Epoche seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 verstanden. Ein Grund ist, dass nur noch wenige Menschen als Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs leben, besonders solche, die damals erwachsen waren oder Verantwortung trugen.
Für die meisten Europäer und Nordamerikaner war die Zeit seit 1945 nach innen und außen überwiegend durch gewaltloses Zusammenleben geprägt und nicht durch größere militärische Auseinandersetzungen. Zugleich endete die Vorherrschaft europäischer Mächte durch die allmähliche Entkolonialisierung. Frankreich und Großbritannien waren in der NATO mit den USA verbündet; Deutschland und Italien hatten infolge ihrer Kriegsniederlagen Großmachtstatus und Kolonien verloren. Damit begann auch ein postkolonialer Blick auf die ehemaligen „Drittwelt“-Länder und ein stärker vom Dialog geprägtes Verhältnis der „Einen Welt“.
In Westeuropa setzte sich in den meisten Staaten die Demokratie durch und der europäische Einigungsprozess begann. Ausnahmen waren Spanien, Portugal und Griechenland, die noch Zeiten von Unruhen und Diktatur erlebten.
Diskutierte Grenze in den 1970er Jahren
Als mögliche zukünftige Epochengrenze werden die 1970er Jahre diskutiert. Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael stellten 2008 in „Nach dem Boom“ die viel beachtete These auf, dass nach 1970 die stabile Nachkriegsordnung zerfiel. Diese Ordnung sei nicht die Regel, sondern eine Ausnahme der Entwicklung gewesen.
Mit dem Ende des Finanzregimes von Bretton Woods, den Grenzen des Wachstums und dem ersten Ölpreisschock sanken die Wachstumsraten und die Konjunkturschwankungen nahmen zu. Arbeitslosigkeit wurde zu einer Massenerscheinung; eine ganze Generation erlebte neue ökonomische Unsicherheiten. Den Umbruch in Ost- und Mittelosteuropa deuteten die Autoren 2008 als „Begleiterscheinung des Übergangs, nicht als dessen Ursache“. Der damit verbundene „Strukturbruch“ habe „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität mit sich gebracht“.