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Oktoberrevolution
November 1917 war die gewaltsame Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Iljitsch Lenins in Russland. Sie beseitigte die aus …
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Kern und Ursachen
Die Oktoberrevolution vom 25. Oktoberjul. / 7. November 1917greg. war die gewaltsame Machtübernahme der kommunistischen Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin in Russland. Sie beendete die seit der Februarrevolution bestehende Doppelherrschaft aus Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet. Langfristig führte sie zum Bürgerkrieg, zur Alleinherrschaft der Bolschewiki und 1922 zur Gründung der Sowjetunion als Diktatur der Kommunistischen Partei Russlands. Ob das Ereignis als Revolution oder als militärischer Staatsstreich zu bewerten ist, war von Beginn an umstritten.
Die Februarrevolution hatte Zar Nikolaus II. gestürzt, aber zentrale Probleme nicht gelöst. Die Provisorische Regierung unter Georgi Lwow und ab Juli 1917 Alexander Kerenski wollte nach westlichem Vorbild reformieren und den Ersten Weltkrieg fortsetzen. Der Petrograder Sowjet, der Arbeiter- und Soldatenrat der Hauptstadt, beanspruchte ebenfalls politische Macht. In ihm dominierten zunächst Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die die Regierung unterstützten.
Der Krieg überforderte das überwiegend agrarische Land. Der Befehl Nr. 1 des Petrograder Sowjets begrenzte am 16. Februarjul. / 1. März 1917greg. die Gehorsamspflicht der Soldaten und stärkte Soldatenkomitees. Desertionen nahmen zu; die Kerenski-Offensive im Juli endete als Desaster. Zugleich blieb die von der Bauernschaft verlangte Bodenreform aus. Viele Bauern vertrieben deshalb eigenmächtig Großgrundbesitzer und nahmen Land in Besitz.
Auch die Wirtschaft näherte sich dem Zusammenbruch. Gegenüber 1913 verdreifachten sich die Lebenshaltungskosten. Streiks, Entlassungen und Betriebsbesetzungen nahmen zu; im Oktober 1917 streikten mehr als eine Million Arbeiter. Nationalbewegungen in Finnland, Polen, dem Baltikum und der Ukraine bedrohten zudem den Zusammenhalt des Reiches.
Lenin und der Aufstieg der Bolschewiki
Lenin vertrat im Schweizer Exil den „revolutionären Defätismus“: Eine russische Niederlage sollte helfen, den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg und schließlich in eine internationale Revolution zu verwandeln. Die deutsche Reichsregierung ermöglichte ihm deshalb die Reise über Deutschland, Schweden und Finnland nach Petrograd, weil sie sich davon eine Schwächung Russlands versprach.
In seinen am 7. Apriljul. / 20. April 1917greg. veröffentlichten Aprilthesen lehnte Lenin jede Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung ab. Er forderte „alle Macht den Sowjets“, das sofortige Kriegsende, die Enteignung des Großgrundbesitzes, sozialistische Kontrolle der Industrie und die Verstaatlichung der Banken. Beim I. Allrussischen Sowjetkongress verfügten die Bolschewiki allerdings nur über 105 von 822 stimmberechtigten Delegierten.
Ob die Bolschewiki deutsche Geldzahlungen erhielten und wie wichtig diese waren, ist umstritten. Mehrere Millionen Mark flossen an russische Sozialisten; Schätzungen reichen bis zu 20 bis 50 Millionen Reichsmark. Einige Historiker sehen die Bolschewiki als Hauptnutznießer, andere halten die Belege für unzureichend. Ein Einfluss des Geldes auf Lenins Politik oder ein entscheidender Einfluss auf den Revolutionsausgang ist nicht nachgewiesen.
Unter bolschewistischem und teilweise anarchistischem Einfluss entstanden die Roten Garden, bewaffnete Arbeitereinheiten. In Petrograd zählten sie bis Juni 1917 etwa 20.000 Bewaffnete. Nach dem gescheiterten Juliaufstand wurden zahlreiche Bolschewiki verhaftet; Lenin floh nach Finnland. Der rechte Putschversuch des Generals Lawr Kornilow im September stärkte sie jedoch, weil Kerenski zu seiner Abwehr auf revolutionäre Kräfte angewiesen war. Im September errangen die Bolschewiki Mehrheiten in den Sowjets von Moskau und Petrograd, dessen Vorsitzender Leo Trotzki wurde. Landesweit blieben sie eine Minderheit, gewannen aber mit den Forderungen nach „Brot, Frieden und Land“ deutlich an Unterstützung.
Vorbereitung und Machtübernahme
Lenin drängte aus seinem Versteck auf einen bewaffneten Aufstand vor dem II. Allrussischen Sowjetkongress. Grigori Sinowjew und Lew Kamenew warnten dagegen, die Bedingungen für eine sozialistische Revolution seien noch nicht gegeben. Das Zentralkomitee beschloss schließlich mit neunzehn gegen zwei Stimmen, den Aufstand vorzubereiten.
Der eigentliche militärische Stratege war Leo Trotzki. Als Vorsitzender des Petrograder Sowjets leitete er das Militärisch-Revolutionäre Komitee (MRK). Offiziell sollte es Petrograd gegen eine Konterrevolution schützen; tatsächlich verhinderte es die Verlegung revolutionärer Truppen an die Front und übernahm die Kontrolle über Garnisonen, Waffenlager und militärische Befehle. Seine Kräfte umfassten nach unterschiedlichen Angaben etwa 6.000 oder 15.000 bis 20.000 Soldaten, Matrosen, Rotgardisten und militante Bolschewiki.
Als Kerenski in der Nacht zum 24. Oktoberjul. / 6. November 1917greg. die Schließung bolschewistischer Druckereien anordnete, ließ Trotzki strategische Punkte Petrograds besetzen. Kerenski floh, um loyale Truppen zu sammeln. Am 25. Oktoberjul. / 7. November 1917greg. erklärten Lenin und Trotzki die Provisorische Regierung für gestürzt.
In der Nacht besetzten Truppen des MRK den Winterpalast durch das unverschlossene Haupttor und verhafteten die Minister. Ein Blindschuss aus der Peter-und-Paul-Festung und Schüsse des Kreuzers Aurora beschädigten das Gebäude nicht nachhaltig. Der später berühmt gewordene „Sturm auf den Winterpalast“ war daher eine starke Dramatisierung. In Moskau dauerten dagegen blutige Kämpfe eine Woche und kosteten mehrere hundert Menschen das Leben. In vielen anderen Landesteilen verlief der Machtwechsel relativ friedlich.
Sowjetkongress und neue Regierung
Der II. Allrussische Sowjetkongress trat am Abend des 25. Oktoberjul. / 7. November 1917greg. zusammen. Von 670 Sitzen hielten die Bolschewiki 300, die Sozialrevolutionäre 193 und die Menschewiki 82. Insgesamt befürworteten 505 Delegierte die Parole „Alle Macht den Räten!“, ohne damit unbedingt dem militärischen Vorgehen der Bolschewiki zuzustimmen. Viele Gegner verließen aus Protest den Kongress und erleichterten dadurch den Bolschewiki die Machtübernahme.
Der Kongress billigte Lenins Dekret über den Frieden, das Verhandlungen über einen Frieden ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen verlangte, sowie das Dekret über Grund und Boden. Dieses enteignete den Großgrundbesitz entschädigungslos und bestätigte damit weitgehend bereits erfolgte Landaneignungen der Bauern. Am 26. Oktoberjul. / 8. November 1917greg. setzte der Kongress den Rat der Volkskommissare, kurz Sownarkom, als neue Regierung unter Lenin ein.
Der Sownarkom sollte dem Sowjetkongress und dessen Exekutivkomitee verantwortlich sein. Tatsächlich übernahm er die bestehenden Ministerien und große Teile ihres Beamtenapparats; eine wirksame Kontrolle durch die Sowjets entstand nicht. Die Volkskommissare folgten vor allem der bolschewistischen Parteiführung. Zunächst gehörten der Regierung ausschließlich Bolschewiki an; am 9. Dezemberjul. / 22. Dezember 1917greg. traten sieben Linke Sozialrevolutionäre bei.
Die Regierung führte die Zensur wieder ein und verbot Zeitungen, die zum Ungehorsam aufriefen. Das Dekret über Arbeiterkontrolle vom 1. Novemberjul. / 14. November 1917greg. führte infolge gescheiterter Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Unternehmern zu Verstaatlichungen; Mitte 1918 befanden sich alle Industriebetriebe in staatlicher Hand. Die Deklaration der Rechte der Völker Russlands gewährte Selbstbestimmung und hob nationale und religiöse Diskriminierung auf. Zugleich begann die Trennung von Staat und Kirche, der später eine massive Verfolgung von Religionsgemeinschaften folgte.
Am 24. Novemberjul. / 7. Dezember 1917greg. entstand unter Felix Dserschinski die Geheimpolizei Tscheka zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage. Sie sollte Opposition mit terroristischer Gewalt ausschalten und das Machtmonopol der Partei durchsetzen.
Vom Wahlergebnis zur Einparteienherrschaft
Bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung wurden 48,4 Millionen Stimmen abgegeben; die Wahlbeteiligung lag schätzungsweise bei 60 %. Die Sozialrevolutionäre gewannen 19,1 Millionen Stimmen, die Bolschewiki 10,9 Millionen, die Kadetten 2,2 Millionen und die Menschewiki 1,5 Millionen. Damit hatten die Bolschewiki zwar ihren größten Wahlerfolg erzielt, aber eine klare Niederlage erlitten.
Die Versammlung trat am 5. Januarjul. / 18. Januar 1918greg. zusammen. Sie lehnte die Forderung ab, die Sowjetmacht als bereits gegeben anzuerkennen. Am folgenden Tag verhinderten bolschewistische Truppen mit Gewalt ihre weitere Arbeit. Die Regierung rechtfertigte dies damit, dass nur Klasseninstitutionen wie die Sowjets den Widerstand der besitzenden Klassen brechen könnten.
Bis zum Frühjahr 1918 bestanden in mehr als 80 % der russischen Ortschaften Sowjets. Die Ausdehnung ihrer Macht war mit der Sozialisierung von Produktionsmitteln und regelloser Gewalt gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner verbunden. Der Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 verpflichtete Russland zur Demobilisierung und zum Verzicht auf große Gebiete. Russland verlor dadurch mehr als ein Drittel seiner Bevölkerung, seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche und seines Eisenbahnnetzes, drei Viertel seiner Kohle- und Eisenerzlagerstätten sowie fast alle erschlossenen Erdölvorkommen und Baumwollanbauflächen.
Der Vertrag führte zum Bruch mit den Linken Sozialrevolutionären. Nach ihrem gescheiterten Aufstand im Juli 1918 wurde ihre Partei verboten. Gemäßigte Sozialrevolutionäre und Menschewiki waren bereits am 14. Juni 1918 aus allen Sowjetorganen ausgeschlossen worden. Seit dem Sommer 1918 war Russland ein Einparteienregime.
Die Verfassung vom 8. Juli 1918 erklärte Russland zur föderalen Republik der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten. Eine Gewaltenteilung bestand nicht. Ziel war ausdrücklich eine Diktatur des städtischen und ländlichen Proletariats und der ärmsten Bauernschaft. Das Wahlrecht galt unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht, blieb aber auf Menschen beschränkt, die von „produktiver und gesellschaftlich nützlicher Arbeit“ lebten oder gelebt hatten.
Bürgerkrieg und Folgen
Der Russische Bürgerkrieg begann im Januar 1918 mit der Erhebung der Donkosaken unter General Alexei Kaledin. Nationale, politische, soziale und religiöse Konflikte verbanden sich zu einer schweren humanitären Katastrophe. Von 1918 bis 1922 starben auf dem Gebiet des früheren Russischen Kaiserreichs 12,7 Millionen Menschen; mehr als die Hälfte an Hunger oder Seuchen. Etwa 125.000 Juden wurden bei Pogromen getötet, die hauptsächlich Gegner der Bolschewiki verübten.
Gegeneinander kämpften zahlreiche Gruppen: nationale Unabhängigkeitsbewegungen, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Bauernarmeen, die Tschechoslowakischen Legionen und ausländische Interventionstruppen. Entscheidend war der Kampf zwischen dem „roten“ Herrschaftsgebiet der Bolschewiki in Zentralrussland und den „Weißen“ in Südrussland und Sibirien. Die weißen Militärführer waren untereinander zerstritten, boten den Bauern keine klare Lösung der Landfrage und verfügten über eine schwächere Infrastruktur.
Trotzki baute ab Januar 1918 die Rote Armee auf. Er beschäftigte frühere zaristische Offiziere und ließ deren Familien zur Sicherung ihrer Loyalität als Geiseln festhalten. Am 29. Mai 1918 wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt; hinzu kamen Rangabzeichen, strenge Disziplinarstrafen und die Todesstrafe. Die zentrale Lage des bolschewistischen Gebiets und Trotzkis bewegliche Führung mit einem Eisenbahnzug verschafften den Roten militärische Vorteile.
Nach Attentaten auf Lenin und den Petrograder Tscheka-Chef Moissei Urizki beschloss der Sownarkom am 5. September 1918 den Roten Terror. Die Tscheka erhielt erweiterte außergerichtliche Vollmachten; tatsächliche und vermeintliche Klassenfeinde wurden in Konzentrationslager gebracht oder erschossen. Bis 1922 fielen dem Roten Terror schätzungsweise mehrere hunderttausend Menschen zum Opfer.
Auch der Kronstädter Matrosenaufstand vom März 1921 wurde blutig niedergeschlagen. Die früheren Unterstützer der Bolschewiki hatten freie Sowjetwahlen sowie Rede-, Presse- und Vereinigungsfreiheit gefordert. Hunderte wurden sofort erschossen, mehr als 2.000 zum Tode verurteilt und Tausende inhaftiert oder in Lager gebracht.
Am Ende des Bürgerkriegs kontrollierten die Bolschewiki 1922 etwa 96 % des Gebiets des früheren Russischen Kaiserreichs. Im Dezember 1922 entstand daraus die Sowjetunion. Die Oktoberrevolution wurde dort als „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ und Beginn einer neuen Epoche gefeiert; Gegner und viele Historiker betonen dagegen die geringe Beteiligung der Bevölkerung am Umsturz und deuten ihn als militärischen Staatsstreich. Unstrittig ist, dass er einen grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Wandel einleitete.