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Zehn kleine Negerlein
Zehn kleine Negerlein ist ein Lied in Form eines Zählreims, das in seinen zahlreichen Varianten in der Regel zehn Strophen enthält, in denen jeweils eine …
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Gegenstand und Grundstruktur
„Zehn kleine Negerlein“ ist ein Lied in Form eines Zählreims. Die üblichen Fassungen enthalten zehn Strophen: In jeder Strophe stirbt eine Person oder verschwindet, sodass die Zahl der beschriebenen Personen jeweils um eins sinkt. Die meisten Versionen schildern grausame Todesarten oder ein gewaltsames Verschwinden.
Der Ausdruck „Neger“ wird heute als abwertend und diskriminierend bewertet. Deshalb gilt das Lied als beleidigende und rassistische Karikatur. Die Fassungen unterscheiden sich im Text und teilweise auch im Ende: In manchen sind am Schluss alle zehn verschwunden, in anderen werden sie, meist durch eine Heirat, wieder vollständig.
Entstehung und Verbreitung
Das Lied geht auf Ten Little Injuns von Septimus Winner (1827–1902) aus dem Jahr 1868 zurück. „Injuns“ ist eine Verballhornung des englischen Wortes „Indians“ und bezeichnete ursprünglich Indianer. Beide Lieder wurden ab 1868 beziehungsweise 1869 auch als Kinderbücher veröffentlicht; die ältesten deutschen Ausgaben erschienen ab 1885.
Schon 1869 wurde das Lied, möglicherweise von Frank J. Green, zu Ten Little Niggers umgereimt. Diese Fassung wurde zum Standardrepertoire der US-amerikanischen Blackface-Minstrel-Shows, in denen Weiße mit dunkel bemaltem Gesicht Schwarze nachspielten. Die Gruppe Christy’s Minstrels verbreitete die Fassung in Großbritannien und trug damit zur europaweiten Verbreitung bei.
Das zeitliche Zusammentreffen der ältesten deutschen Ausgaben mit der Berliner Kongokonferenz führte dazu, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit dem deutschen Kolonialismus angenommen wird. Eine Rezeption des Liedes findet sich außerdem im Song Sweet Black Angel (1972) der Rolling Stones. Es diente auch als Grundlage für Agatha Christies Roman Und dann gab’s keines mehr, der vielfach adaptiert wurde.
Deutsche und englische Textfassungen
Die erste deutsche Version stammt von F. H. Benary aus dem Jahr 1885. In ihr schlachten zehn Kinder ein Schwein; danach folgen unter anderem Selbstmord, gegenseitiges Erschießen bei der Jagd, der Tod durch einen Bauern, das Wegzaubern durch eine Hexe, eine tödliche Erkältung, das Platzen nach zu viel bayerischem Bier, ein Sturz in einen Kessel, ein herabfallender Stein und ein Krokodil. Der letzte Junge „nahm sich ’ne Mama“; dadurch sind bald wieder zehn kleine Negerknaben da.
Die bekannte englische Version von Frank Green aus dem Jahr 1869 beginnt mit zehn Personen, die zum Essen gehen; eine erstickt. Weitere verschwinden durch Verschlafen, beim Holzhacken, durch einen Hummelstich, im Gerichtsverfahren, auf See, im Zoo und in der Sonne. Die letzte Person lebt allein, heiratet und dadurch gibt es anschließend keine mehr. Zwischen den Strophen steht außerdem eine Zählpassage von „One little“ bis „ten little Niggers“.
Melodie
Die im Deutschen häufig verwendete Melodie weicht deutlich von der Melodie von Ten Little Injuns ab. Sie steht in F-Dur und im 2/4-Takt. Die im Artikel angegebene Notation lautet: \language "deutsch" \relative c' { \key f \major \time 2/4 \autoBeamOff f4 f8 f f c c c f f g g a4 r8 a b b g g a a f f g g e e f4 r \bar "|." }.
Kinderbücher und Varianten
Das Lied wurde über mehr als 100 Jahre weltweit als Kinderbilderbuch verbreitet. Es erschien in mindestens 345 Editionen in 16 Ländern. Nach der Zahl der Editionen entfielen unter anderem 104 auf das Vereinigte Königreich, 96 auf Deutschland, 54 auf die USA, 50 auf die Niederlande, 13 auf Österreich, 8 auf Schweden, 6 auf die Schweiz, 4 auf Australien und 3 auf Frankreich. Je eine Edition gab es in Neuseeland, Kanada, Palästina, Dänemark, Island, der Tschechoslowakei und China. In Deutschland gilt es als das am weitesten verbreitete jemals gedruckte Kinderbuch.
Neben den üblichen zehn Szenen gab es ältere deutsche Fassungen mit zwölf Szenen, etwa bei Fritz Gareis (1910). Einige Ausgaben zwischen 1890 und 1920 lehnten sich an Münchener Bilderbogen und die Fliegenden Blätter an. In den 1960er Jahren erschienen außerdem Fassungen mit sechs, fünf und vier kleinen Negerlein.
Abgeleitete Lieder und Tsen Brider
Das Zählmuster wurde in zahlreichen Liedern mit veränderten Figuren oder Themen verwendet. Beispiele sind Bill Haleys 10 Little Indians (1953), The Beach Boys’ Ten Little Indians (1962), MTS’ 10 böse Autofahrer (1974), Georg Danzers Zehn kleine Fixer (1979), Die Toten Hosen’ Zehn kleine Jägermeister (1996), Ohrbootens 10 kleine Menschlein (2007), Feuerschwanz’ 10 kleine Ritterlein (2009), Swiss und die Andern: 10 Kleine Punkah (2020) und Jan Hegenbergs 10 Kleine Gamer (2021).
Das jiddische Volkslied Tsen Brider von 1901 aus Sankt Petersburg handelt von zehn Brüdern, die beim Handel mit zehn verschiedenen Waren nacheinander umkommen. Erst in der letzten Strophe wird erklärt, dass sie zu wenig zu essen haben. Die Melodie ist von der deutschen Melodie verschieden, melancholisch und ohne Refrain. Verbindungen zwischen beiden Liedern konnten nicht nachgewiesen werden; ein direkter Zusammenhang gilt daher als „möglich, aber unwahrscheinlich“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Tsen Brider von mehreren deutschen Liedermachern neu bearbeitet und aufgeführt.