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Wunder Jesu in der Bahai-Religion

Die Wunder Jesu in der Bahai-Religion werden wie die Wunder von den Offenbarern geistig gedeutet. So wird die Auferstehung Jesu als die Auferweckung aus dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis von Wundern
  2. 2. Warum äußere Wunder wenig Beweiskraft haben
  3. 3. Theologische Begründung
  4. 4. Wunder und Offenbarungsanspruch
  5. 5. Das Zeichen Jonas und die Auferstehung
  6. 6. Das himmlische Brot

Grundverständnis von Wundern

In der Bahai-Religion werden die Wunder Jesu und die Wunder anderer Offenbarer vor allem geistig gedeutet. Ein Offenbarer ist eine Manifestation Gottes, also ein Mensch, durch den Gott seine Führung offenbart. Zu den Offenbarern zählt der Artikel unter anderem Jesus Christus. Nach Bahai-Verständnis besitzen Offenbarer aufgrund ihrer göttlichen „Souveränität“ oder „Vollmacht“ die Macht, Wunder zu bewirken. Diese Souveränität ist jedoch keine politische oder irdische Herrschaft, sondern „geistige Überlegenheit über alles im Himmel und auf Erden“.

Deshalb werden die Wunderberichte in den heiligen Schriften allegorisch verstanden. Allegorisch bedeutet: Eine Erzählung wird nicht nur als äußeres Ereignis gelesen, sondern als Bild für eine geistige Wirklichkeit. Wenn etwa ein Blinder sehend wird, bedeutet dies in dieser Deutung, dass jemand innere Einsicht erlangt, aus Unwissenheit zu Weisheit findet oder geistig wach wird. Wenn ein Tauber hörend wird, bedeutet dies geistiges Hören. Totenerweckungen durch Jesus werden als „geistige Wiedergeburt“ oder geistige Wandlung verstanden: Menschen, die zuvor an irdischen Dingen hingen, finden durch den Offenbarer „ewiges Leben“ im geistigen Sinn.

Auch die Auferstehung Jesu wird nicht als Rückkehr aus dem körperlichen Tod verstanden, sondern als Auferweckung aus dem geistigen Tod. Die Bahai-Religion greift damit eine geistige Interpretation von Wundern auf, die es auch in der christlichen Literatur gibt, und führt sie zu einer durchgängigen Deutung der Symbolik in den Wundern Jesu und anderer Offenbarer wie Jona, Mose und Mohammed weiter.

Warum äußere Wunder wenig Beweiskraft haben

Die Bahai-Religion spricht den Offenbarern nicht ab, Wunder vollbringen zu können, die naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten sprengen oder aufheben. Weil sie von Gott mit überirdischer Allmacht ausgestattet sind, könnten sie solche Wunder tun. Trotzdem messen sie dieser Art von Wundern nur geringe Bedeutung bei. Außernatürliche Wunder gelten nicht als geeigneter Weg, um den Anspruch eines Offenbarers zu legitimieren, seine Botschaft zu verkünden oder Menschen geistig zu erziehen.

Ein Grund dafür ist, dass materielle Wunder nur für Augenzeugen überzeugend überprüfbar sind. Für spätere Menschen reichen Berichte darüber nicht als sichere Bestätigung aus. Außerdem gibt es in vielen Völkern und Religionen Wunderlegenden. Allein die Erzählung von Wundern kann daher nach dieser Sicht nicht beweisen, dass Jesus oder ein anderer Offenbarer wirklich von Gott gesandt ist. Der Artikel verweist darauf, dass solche Wunderberichte im Lauf der Zeit sogar als bloße Legenden eingestuft werden konnten.

Ein weiteres Problem ist der begrenzte Nutzen materieller Wunder. Selbst wenn ein Toter körperlich auferweckt würde, müsste er später wieder sterben. Das eigentliche „wahrhaftige Wunder“ ist deshalb das, was die Offenbarer dauerhaft bewirken: dass sich ihr Wort trotz Widerstand ohne äußere materielle Hilfe durchsetzt, Menschen geistig verändert und Gesellschaft und Kultur voranbringt. Auch die Jungfrauengeburt Christi wird von Bahai geglaubt, aber nicht als Wahrheitsbeweis für Anspruch und Sendung Jesu verstanden. Ebenso werden Wunder Bahá’ú’lláhs, obwohl sie als historisch überliefert gelten, kaum betont. Bahá’ú’lláh selbst warnt davor, Religion durch das, was Menschen als Zeichen und Wunder ansehen, zu trivialisieren.

Theologische Begründung

Die wichtigsten apologetischen Behandlungen der Wunder Jesu im Bahai-Glauben stammen nach dem Artikel von Mirza Abu’l-Faḍl und George Townshend. Apologetik bedeutet hier: eine begründende Verteidigung des Glaubens. Beide behandeln die Wunder Jesu und begründen, warum sie geistig verstanden werden müssen.

Mirza Abu’l-Faḍl erklärt in seinen Werken Kitábu’l-Fará’id und Faṣlu’l-Khṭiáb, dass Gott und seine Manifestationen grundsätzlich die Fähigkeit haben, auch materielle Zeichen und Wunder zu vollbringen. Doch solche Wunder seien nicht als Kriterium festgesetzt worden, um den Anspruch eines Offenbarers zu beweisen oder Menschen zum Glauben zu führen. Das größte Wunder der Offenbarer seien ihre Worte und Taten. Diese setzen sich im Laufe der Zeit durch, leiten Menschen zu einem geistigen Leben an und fördern die Entwicklung menschlicher Gesellschaft und Kultur.

Als wichtiges Beispiel nennt der Artikel Jesu Weigerung, auf Forderung der Pharisäer und Schriftgelehrten Zeichen und Wunder zu vollbringen. In Mt 12:38 bitten sie um ein Zeichen. Jesus lehnt dies ab und kündigt nur das „Zeichen des Propheten Jona“ an, der drei Tage und Nächte im Bauch des Fisches war (Jona 2:1). Mirza Abu’l-Faḍl betont außerdem, dass in der Religionsgeschichte nicht die frühen Gläubigen, etwa die Jünger Christi, Wunder verlangten, sondern die Gegner der Offenbarer. Jesus nennt jene, die ein Wunder fordern, deshalb eine „böse und treulose Generation“. Materielle Wunder führten nach dieser Argumentation nicht zu echtem Glauben, sondern könnten Menschen in Angst und Starre versetzen. Damit wären sie für das Ziel der Religion, Menschen zum Heil zu führen, sogar kontraproduktiv.

Wunder und Offenbarungsanspruch

Mirza Abu’l-Faḍl stellt in der vierten Abhandlung des Fará’íd fest, dass Wunder keine Beweiskraft für den Wahrheitsanspruch eines Offenbarers besitzen. Zwar könnten Offenbarer Wunder vollbringen, weil sie ontologisch über den Menschen stehen, also ihrem Sein nach eine höhere Stellung haben. Diese Fähigkeit gehört aber nur zu den „Sekundärbeweisen“. Sie kann höchstens ergänzend wirken und muss sich der eigentlichen Beweiskraft der Verse und des Buches unterordnen.

Das zentrale Zeichen ist nach dieser Darstellung das Buch, also die Offenbarung selbst. Gott habe „das Buch als das umfassendste Zeichen festgesetzt“, ihm die Führung der Gläubigen anvertraut und damit einen unverrückbaren Beweis für alle Menschen gegeben. Wunder allein legitimieren also keinen Offenbarungsanspruch.

Mirza Abu’l-Faḍl erklärt dies mit dem Beispiel eines Arztes. Wenn ein Arzt seine Kompetenz dadurch beweisen wollte, dass er fliegen oder einen Stein zum Sprechen bringen könne, wäre das für einen weisen Menschen kein ausreichender Beweis. Der passende Beweis für einen Arzt ist, dass er Kranke und Gebrechliche heilen kann. Zwischen dem Anspruch und dem Beweis muss ein Zusammenhang bestehen. Fliegen oder Steine zum Sprechen bringen beweist keine ärztliche Kompetenz. Entsprechend beweisen außernatürliche Wunder nicht automatisch, dass jemand ein Offenbarer Gottes ist. Der Artikel erwähnt außerdem, dass Mirza Abu’l-Faḍl zahlreiche Koranverse anführt, in denen auch Mohammed es ablehnt, Wunder als Beleg seines Wahrheitsanspruchs zu vollbringen.

Das Zeichen Jonas und die Auferstehung

Das von Jesus angekündigte Zeichen Jonas wird in der christlichen Exegese gewöhnlich auf Kreuzigung und Auferstehung nach drei Tagen bezogen. Der Artikel betont aber, dass weder die Juden noch die frühen Gläubigen die Auferstehung nach historisch verbürgten Quellen beobachtet hätten. Eine rein wörtliche Auslegung würde nach der Bahai-Deutung den Anspruch Christi problematisch machen. Deshalb müsse dieses Wunder allegorisch oder geistig verstanden werden.

ʿAbdul-Baha deutet die Geschichte Jonas so: Jona erscheint als Manifestation Gottes im Bereich der Schöpfung bei einem Volk, das sich irdischen Dingen und Leidenschaften hingegeben hat. Der Fisch steht für die Welt tierischer und niederer Leidenschaften sowie des Unglaubens, von der Jona umgeben ist. Im Bauch des Fisches denkt Jona an Gott und bittet um Rettung. Gott rettet ihn, indem er das Volk zum Glauben führt.

Mirza Abu’l-Faḍl überträgt diese Deutung auf Christus. Jesus erschien inmitten eines Volkes, das ihn anfeindete und tötete. Nach dem Kreuzestod waren seine wenigen Anhänger verzweifelt und verloren zeitweise ihren Glauben. Die Gegner Christi glaubten, den christlichen Glauben vernichtet zu haben. Als die Jünger und Apostel ihren Glauben wiederfanden und begannen, ihn zu verbreiten, setzte sich das Wort Christi durch und viele Völker wurden zum Glauben geführt. Die Zeit zwischen Kreuzestod und neuer Initiative der Jünger entspricht dem Verschlungenwerden Jonas durch den Fisch beziehungsweise der Himmelfahrt. Die Rettung aus dem Fisch entspricht der Entstehung und Ausbreitung des Christentums, der sichtbaren Macht und Souveränität Christi und damit der Auferstehung Christi im geistigen Sinn.

Das himmlische Brot

Ein weiteres Beispiel ist die Rede vom Himmelsbrot in Joh 6:31 ff. Die Menschen bitten Jesus, ihnen wie zur Zeit des Mose Brot vom Himmel regnen zu lassen (Ex. 16:4). Jesus weigert sich, dies zu tun, und bezeichnet sich selbst als das Brot des Lebens: „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern … Ihr habt mich gesehen und doch glaub ihr nicht“ (Joh 6:35).

Mirza Abu’l-Faḍl zieht daraus den Schluss, dass materielle Wunder nicht als Beleg für den Anspruch der Offenbarer gelten sollen. Christus hätte nach Bahai-Verständnis aufgrund seiner Souveränität und Macht auch materielle Wunder bewirken können. Dennoch erfüllt er den Wunsch nach einem äußeren Zeichen nicht. Entscheidend ist nicht ein sichtbares Wunder, sondern die geistige Nahrung, die durch Offenbarung gegeben wird.

ʿAbdul-Baha deutet das himmlische Brot als die Liebe zu Gott. Sie belebt den Geist des Menschen und ist Nahrung für das Herz. Im Unterschied zu irdischer Nahrung, die nur den Körper versorgt und vorübergehend wirkt, hat diese geistige Nahrung ewige Wirkung. Bahá’ú’lláh deutet das himmlische Brot außerdem als die Auslegung der Heiligen Schrift durch die Offenbarer. Durch diese Auslegung werden den Menschen die Augen für geistige Wahrheiten geöffnet.

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