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Wunder

Als Wunder gilt umgangssprachlich ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, sodass es Verwunderung und Erstaunen auslöst.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Definition
  2. 2. Begriff und Sichtweisen
  3. 3. Antike Beispiele
  4. 4. Wunder im Christentum
  5. 5. Theologische Deutungen und Legenden
  6. 6. Neuzeit, Kirche und Bahaitum

Grundidee und Definition

Ein Wunder ist allgemein ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann und das deshalb Verwunderung oder Erstaunen auslöst. Im engeren Sinn meint es ein Ereignis in Raum und Zeit, das menschlicher Vernunft, Erfahrung und den Gesetzmäßigkeiten von Natur und Geschichte scheinbar oder wirklich widerspricht.

Die heutige Vorstellung eines Wunders als „übernatürlich“ entstand erst in der Neuzeit, weil sie Wissen über Naturgesetze voraussetzt. In Antike und Mittelalter war die Grenze zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen durchlässiger, da viele Naturphänomene noch nicht erklärt werden konnten. Nach der Aufklärung galt ein Wunder vor allem als Durchbrechung der Naturgesetze.

Begriff und Sichtweisen

Der Begriff des Wunders hängt mit dem Sich-Wundern zusammen und wurde in der hellenistischen Antike durch Begriffe wie θαῦμα (thaúma, „Wunder, Wunderwerk“) und θαυμάσιον (thaumásion, „Seltsames, Wunderbares“) geprägt. Gemeint waren zunächst vor allem erstaunliche Naturbeobachtungen. Unerwartete, dem Augenschein widersprechende Ereignisse wurden auch Paradoxe genannt. Im Lateinischen bezeichnete miraculum ein „Wunderding“, oft etwas Sensationelles oder Außergewöhnliches.

Im Mittelalter wurde zwischen miraculum und mirabilia unterschieden. Ein miraculum galt als direkte Einwirkung Gottes, bei der an einer Stelle Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Mirabilia meinte allgemeiner unbegreifliche Phänomene, die als Wirkung einer höheren Macht erschienen.

Philosophie und Theologie deuten Wunder teils als Ereignisse, die auf eine unbekannte oder unsichtbare Ursache höherer Ordnung verweisen. Rationalismus und Empirismus bestreiten die Möglichkeit von Wundern grundsätzlich, weil sie von einem geschlossenen, naturwissenschaftlich erklärbaren Weltbild oder überprüfbarer Erfahrung ausgehen. Agnostizismus und Skeptizismus bestreiten die Erkennbarkeit höherer Ursachen. Der weltanschauliche Atheismus bekämpft Wunderglauben als Aberglauben. Der Theismus rechnet grundsätzlich mit der Möglichkeit von Wundern, während der Pantheismus das Welt- und Naturgeschehen selbst mit dem Wirken Gottes gleichsetzt.

Antike Beispiele

In der griechischen Antike wurden Wunder oft als Zeichen göttlicher Nähe oder göttlicher Macht verstanden. Von Herakles berichtete man zahlreiche wunderbare Handlungen, besonders die „zwölf Arbeiten des Herakles“, die ihm von König Eurystheus auferlegt wurden. Sie umfassten übermenschliche Kämpfe und eigentlich unmögliche Aufgaben und wurden als Hinweis auf seine Göttlichkeit gedeutet.

Herodot berichtet, Aristeas von Prokonnesos sei gestorben und wieder auferstanden. Über Apollonios von Tyana hieß es, seine Mutter sei beim Blumenpflücken von einem Blitz getroffen worden und so sei seine Geburt zustande gekommen; später soll er selbst Wunder vollbracht und ein verstorbenes Mädchen wieder zum Leben erweckt haben.

Auch politische Macht konnte durch Wundererzählungen bestätigt werden: Tacitus und Sueton berichten von einem Heilungswunder des Kaisers Vespasian. Sueton deutete den Sinn dieses Wunders so, dass Vespasians Majestät von Gott bestätigt werde.

Wunder im Christentum

Im Neuen Testament stehen verschiedene Wunderberichte über Jesus von Nazaret: Wunder, die er vollbracht haben soll, und Wunder, die an ihm geschehen sein sollen. Die christliche Theologie versteht sie als Zeichen für den Heilswillen und das Heilshandeln JHWHs, des Gottes Israels.

Das wunderbare Handeln Jesu wird als Verkündigung Gottes, als Zeichen seiner Vollmacht, als Erfüllung göttlicher Verheißungen, als Realisierung des Reiches Gottes und als Ausdruck seines besonderen Verhältnisses zu Gott verstanden. Dazu gehören Krankenheilungen, Austreibungen unreiner oder böser Geister und andere Wunder. Jesus soll auch seine Nachfolger zu solchen Taten beauftragt haben. Die Urchristen sahen solche Fähigkeiten als Gaben des Heiligen Geistes, sogenannte Charismen.

Gegner Jesu deuteten seine Wundertaten anders: Teilweise galten sie ihnen als Zeichen eines Bundes mit dem Teufel. Im Judentum wurde der Magier häufig negativ als Scharlatan oder Betrüger betrachtet. Der Talmud setzt Jesu Wundertaten als Tatsache voraus, deutet ihn aber wegen dieser Taten als Volksverführer zum Götzendienst. Für Paulus waren wunderbare Fähigkeiten nur dann wertvoll, wenn sie der Überwindung von Feindschaft und dem Aufbau der christlichen Gemeinde dienten.

Theologische Deutungen und Legenden

Die spätantike und mittelalterliche christliche Theologie sah biblische Wunder oft als historische Fakten, die Gottes Eingreifen sowie Gottes oder Jesu Größe und Macht beweisen sollten. Die katholische Apologetik vertrat diese Sicht bis in die Neuzeit und betrachtete Wunder als Hinweis auf die Wahrheit des Glaubens; in der heutigen Fundamentaltheologie ist das umstritten.

Die reformatorische Theologie sah in Kreuz und Auferweckung Jesu Christi das Hauptwunder, das allen anderen Wundern Ziel und Sinn gibt. Neuere liberale Theologie deutet Wunderberichte oft übertragen, etwa als Bild dafür, dass jemand für Jesu Botschaft „sehend“ oder „hörend“ wird. Rudolf Bultmann hielt das naturwissenschaftlich geprägte Weltbild der Neuzeit und das mythische Weltbild der Antike für unvereinbar und forderte eine „Entmythologisierung“ des Neuen Testaments.

Im Mittelalter berichteten viele lateinische Schriftzeugnisse von Wundern, besonders von Krankenheilungen durch Vermittlung von Heiligen. Solche Mirakelberichte stehen oft in Heiligenlegenden, etwa in Lebensbeschreibungen heiliger Bischöfe. Seit den 1980er Jahren nutzt die Geschichtsforschung sie als Quellen für Alltags- und Mentalitätsgeschichte, weil sie Einblicke in Krankheiten, Ernährung, Arbeits- und Lebensbedingungen einfacher Bevölkerungsschichten geben.

Neuzeit, Kirche und Bahaitum

In der Neuzeit wird besonders an Wallfahrtsorten von Wundern berichtet, die durch Fürsprache bestimmter Heiliger geschehen sein sollen. Bekannte Orte sind Lourdes, Fátima und Altötting. In der römisch-katholischen Kirche gibt es außerdem Hostienwunder oder eucharistische Wunder, etwa das Eucharistische Wunder von Lanciano aus dem achten Jahrhundert sowie berichtete Ereignisse vom 1. Mai 1992 in Buenos Aires und aus dem Jahr 2008 in Sokółka. Außer im Fall des Martyriums gilt die Bewirkung eines Wunders als Voraussetzung für die Selig- und Heiligsprechung eines ehrwürdigen Dieners Gottes.

Im Bahaitum werden Wunder der Manifestationen Gottes spirituell gedeutet. Die Auferweckung des Lazarus durch Jesus gilt dort nicht als Rückkehr aus körperlichem Tod, sondern als Auferweckung aus spirituellem Tod. Zwar könnten Manifestationen kraft göttlicher „Vollmacht“ außernatürliche Wunder bewirken, doch täten sie dies nicht, weil solche Wunder weder ihren Anspruch legitimierten noch Menschen spirituell erzögen. Außerdem wären sie nur für unmittelbare Zeugen überprüfbar.

Für die Gegenwart nennt der Artikel eine Befragung von 1003 Personen in Deutschland im März 2019: 66 Prozent glaubten an Wunder. Der Glaube war bei Frauen stärker als bei Männern (75 zu 57 Prozent) und in Westdeutschland größer als in Ostdeutschland (67 zu 62 Prozent).

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