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Wort des Jahres (Deutschland)
Jugendwort des Jahres · 1. Platz, fly sein, Etwas oder jemand geht besonders ab · 2. Platz, bae, before anyone/anything else, Bezeichnung für beste Freundin o. ä …
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Grundidee und Auswahl
Das Wort des Jahres in Deutschland ist ein sprachlicher Jahresrückblick. Es wurde in der Bundesrepublik Deutschland erstmals 1971 veröffentlicht und wird seit 1977 regelmäßig von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden bestimmt. Seit 1978 erscheint es in der Zeitschrift Der Sprachdienst.
Ausgewählt werden Wörter und Ausdrücke, die nach Angaben der GfdS die öffentliche Diskussion eines Jahres besonders geprägt haben, für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen. Die GfdS nennt sie „verbale Leitfossilien“ eines Jahres. Entscheidend ist dabei nicht, wie häufig ein Wort verwendet wurde. Die Auswahl ist auch keine Empfehlung und keine Bewertung des Wortes.
Zwischen 1977 und 1999 war das deutsche Wort des Jahres zugleich das deutschsprachige Wort des Jahres. Weil später immer häufiger Wörter mit klarem Deutschlandbezug gewählt wurden, begannen andere deutschsprachige Länder, eigene Wörter des Jahres zu bestimmen: Österreich seit 1999, Liechtenstein seit 2002 und die Schweiz seit 2003. Im Jahr 1999 wurden außerdem 100 Wörter des Jahrhunderts vorgestellt, die als besonders bezeichnend für das 20. Jahrhundert galten.
Entwicklung der Jahreswörter
Die Jahreswörter spiegeln wichtige politische, gesellschaftliche, technische und kulturelle Ereignisse wider. Frühe Beispiele sind „aufmüpfig“ 1971, ein Wort, das 1970/71 im westdeutschen Sprachgebrauch neu aufkam und sich zunächst vor allem auf die 68er-Bewegung bezog, sowie „Szene“ 1977 im Zusammenhang mit dem Deutschen Herbst. Weitere frühe Wörter verweisen auf Terrorismus, politische Konflikte und gesellschaftliche Debatten, etwa „konspirative Wohnung“ 1978 zur Entführung Hanns Martin Schleyers durch die Rote Armee Fraktion, „Rasterfahndung“ 1980 als Fahndungsmethode und „heißer Herbst“ 1983 zu Protesten gegen die Nachrüstung.
Auch Katastrophen und Krisen prägten die Auswahl. „Tschernobyl“ wurde 1986 nach der Reaktorkatastrophe am 26. April gewählt. „Aids, Kondom“ stand 1987 für wachsende Angst vor der Immunschwächeerkrankung. „Finanzkrise“ war 2008 das Wort des Jahres und bezog sich auf die globale Banken- und Finanzkrise, die im Sommer 2007 als Immobilienkrise in den USA begonnen hatte. 2020 wurde „Corona-Pandemie“ gewählt, weil die Zusammensetzung „das beherrschende Thema nahezu des gesamten Jahres“ benannte. 2021 folgte „Wellenbrecher“ für Maßnahmen, mit denen die 4. Corona-Welle gebrochen werden sollte.
Politische Umbrüche wurden ebenfalls sichtbar: „Reisefreiheit“ 1989 bezog sich auf die Einführung derselben in der DDR, „die neuen Bundesländer“ 1990 auf die Wiedervereinigung. „Besserwessi“ 1991 ist ein Portmanteauwort aus „Besserwisser“ und „Wessi“ und entstand nach der deutschen Wiedervereinigung. „Rot-Grün“ 1998 stand für das erstmalige Auftauchen dieser Koalition auf Bundesebene nach der Bundestagswahl 1998. „Bundeskanzlerin“ wurde 2005 gewählt, nachdem Angela Merkel als erste Frau in das Amt des Bundeskanzlers gewählt worden war.
Jüngere Jahreswörter zeigen aktuelle Krisen und Debatten. „postfaktisch“ 2016 beschreibt, dass zunehmend Emotionen anstelle von Fakten zählen und ein Teil der Bevölkerung bereit ist, Wahrheit aufzugeben, Tatsachen zu ignorieren und offensichtliche Lügen zu akzeptieren. „Heißzeit“ 2018 bezeichnete den extremen Sommer 2018 und den Klimawandel und spielt lautsprachlich auf „Eiszeit“ an. „Zeitenwende“ 2022 wurde von Bundeskanzler Scholz verwendet; der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 markiere eine „Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinentes“. „Krisenmodus“ 2023 bezog sich auf mehrere gleichzeitig bestehende Krisen und deren Bewältigung. „Ampel-Aus“ 2024 bezeichnete das Ende der Ampelkoalition, und „KI-Ära“ 2025 stand für den wachsenden Einfluss Künstlicher Intelligenz als „epochalen Wandel“.
Überblick über weitere Kategorien
Neben dem Wort des Jahres enthält die Gesamtübersicht weitere sprachliche Jahresmarken. Seit 1991 wird jährlich ein Unwort gewählt. Von 2001 bis 2003 gab es zusätzlich einen Satz des Jahres. Seit 2008 existiert außerdem das Jugendwort des Jahres.
Die Tabelle zeigt für jedes Jahr ab 1971 das Wort des Jahres sowie, soweit vorhanden, den zweiten und dritten Platz, das Unwort, den Satz des Jahres und das Jugendwort. Einige Beispiele verdeutlichen die Breite der Themen: 2001 war „der 11. September“ Wort des Jahres; daneben standen „Anti-Terror-Krieg“ und „Milzbrandattacke“. Der Satz des Jahres lautete „Und das ist (auch) gut so!“ von Klaus Wowereit. 2002 wurde „Teuro“ gewählt, mit „PISA-Schock“ und „Jahrtausendflut“ auf den folgenden Plätzen. 2015 war „Flüchtlinge“ das Wort des Jahres, gefolgt von „Je suis Charlie“ und „Grexit“. 2019 wurde „Respektrente“ gewählt, 2020 „Corona-Pandemie“, 2022 „Zeitenwende“, 2023 „Krisenmodus“, 2024 „Ampel-Aus“ und 2025 „KI-Ära“.
Die Übersicht macht deutlich, dass die Wörter eng mit dem jeweiligen Zeitgeschehen verbunden sind. Viele Wörter stehen für politische Entscheidungen, gesellschaftliche Konflikte, Krisen, Technik, Medien oder Jugendkultur. Dadurch eignen sie sich als Ausgangspunkt, um ein Jahr sprachlich und historisch einzuordnen.
Unwort und Jugendwort
Das Unwort des Jahres wird seit 1994 jährlich von einer politisch und institutionell unabhängigen, ehrenamtlichen Jury bestimmt. In der Gesamtübersicht erscheinen aber auch frühere Unwörter ab 1991. Beispiele sind „ausländerfrei“ 1991, „ethnische Säuberung“ 1992, „Kollateralschaden“ 1999, „Humankapital“ 2004, „alternativlos“ 2010, „Lügenpresse“ 2014, „Volksverräter“ 2016, „Klimahysterie“ 2019, „Klimaterroristen“ 2022, „Remigration“ 2023, „Biodeutsch“ 2024 und „Sondervermögen“ 2025.
Das Jugendwort des Jahres wird seit 2008 jährlich von einer Jury unter Leitung des Langenscheidt-Verlags aus 15 Kandidaten ausgewählt, die in einer Internet-Abstimmung nominiert werden. 2008 gewann „Gammelfleischparty“, erklärt als Party für Menschen über 30 Jahren, also Ü30-Party. 2012 wurde „YOLO“ gewählt, eine Abkürzung von „you only live once“ und Aufforderung, eine Chance zu nutzen. 2015 gewann „Smombie“, ein Kofferwort aus Smartphone und Zombie für Menschen, die durch ihr Smartphone ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen.
Spätere Jugendwörter zeigen besonders deutlich den Einfluss von Internetkultur, englischen Ausdrücken und Umgangssprache. 2020 gewann „lost“ für ahnungslos, verloren oder verirrt. 2021 wurde „cringe“ gewählt, eine Bezeichnung für etwas Peinliches oder eine Situation, bei der man sich fremdschämt. 2022 gewann „smash“, 2023 „goofy“ für eine tollpatschige, alberne Person oder Verhaltensweise, 2024 „Aura“ für Ausstrahlung, Charisma oder Status einer Person und 2025 „das crazy“, ein Füllwort, wenn jemand nichts zum Thema sagen, aber freundlich bleiben möchte.
Anglizismen und eingewanderte Wörter
Der Anglizismus des Jahres wurde von 2010 bis 2021 jährlich von der „Aktion Anglizismus des Jahres“ ausgewählt. Gründer und Juryvorsitzender war Anatol Stefanowitsch. Vorschläge konnten Leserinnen und Leser auf der Webseite der Aktion einreichen. Das Siegerwort musste ganz oder teilweise aus dem Englischen stammen, im jeweiligen Jahr erstmals im allgemeinen Sprachgebrauch zu beobachten sein und nach Meinung der Jury eine wichtige Lücke im deutschen Wortschatz füllen. Ziel war ein besseres Verständnis von Lehnwörtern. 2022 wurde ohne Angabe von Gründen kein Anglizismus des Jahres gekürt; die Aktion wurde damit offenbar eingestellt.
Beispiele sind „leaken“ 2010 für anonymes Veröffentlichen geheimer Informationen, „Shitstorm“ 2011 für eine Welle der Entrüstung im Internet, „Crowdfunding“ 2012 für Kapitalbeschaffung durch viele kleine Einzelbeträge über das Internet, „Fake News“ 2016 für Falschinformationen, „Influencer“ 2017 für Online-Berühmtheiten mit Einfluss auf ihr Publikum, „Gendersternchen“ 2018 für ein Genderzeichen zur geschlechtergerechten Schreibung, „Lockdown“ 2020 für Pandemie-Einschränkungen und „boostern“ 2021 für eine Auffrischimpfung im Rahmen der COVID-19-Pandemie.
Eine verwandte, aber einmalige Aktion war „Das beste eingewanderte Wort“. Im Jahr 2008 kürte eine Jury auf Initiative des Goethe-Instituts und des Deutschen Sprachrats „Tollpatsch“ zum besten eingewanderten Wort in der deutschen Sprache. Es wurden über 3500 Wort-Vorschläge aus 42 Sprachen eingesandt. Die Initiative wurde in der deutschsprachigen Presse positiv aufgenommen. Matthias Wermke, Jury-Mitglied und Leiter der Dudenredaktion, sagte, trotz solcher Importwörter glaube er nicht, „dass sich das Deutsche in 50 Jahren von der heute gesprochenen Sprache deutlich unterscheiden“ werde; eingewanderte Wörter habe es im Deutschen schon immer gegeben.