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Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (russisch Чернобыль, ukrainisch Чорнобиль Tschornobyl) war der bisher folgenschwerste Unfall in der Geschichte der …
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Kern der Katastrophe
Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl war ein nuklearer und radioaktiver Unfall im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe Prypjat in der damaligen Ukrainischen SSR der Sowjetunion, heute Ukraine. Am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit explodierte der Reaktor. Der Unfall wurde auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse als INES-Stufe 7, also als „katastrophaler Unfall“, eingeordnet. Er gilt als bisher folgenschwerster Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
Durch Explosion, Kernschmelze und Graphitbrand wurden große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre freigesetzt. Besonders stark wurden Gebiete nordöstlich des Kraftwerks in der Ukraine, in Belarus und Russland kontaminiert. Durch Wind und Regen gelangten Radionuklide, also radioaktive Atomkerne, auch in viele andere Länder Europas. Wichtige freigesetzte Stoffe waren Iod-131 mit einer Halbwertszeit von etwa 8 Tagen und Caesium-137 mit einer Halbwertszeit von rund 30 Jahren. Die Halbwertszeit ist die Zeit, in der die Hälfte einer radioaktiven Stoffmenge zerfällt.
Die Zahl der Todesopfer ist umstritten. Offiziell starben 31 Kraftwerksmitarbeiter und Feuerwehrleute unmittelbar durch Explosion und Brandbekämpfung beziehungsweise an akuter Strahlenkrankheit. Das Tschernobyl-Forum der IAEO schätzte 2005 die langfristige Gesamtzahl der Todesopfer auf etwa 4.000. Andere Schätzungen gehen von mehreren Zehntausend Toten aus. Die Unterschiede hängen vor allem damit zusammen, dass spätere Krebserkrankungen statistisch schwer eindeutig auf Strahlenbelastung zurückzuführen sind und die sowjetische Informationspolitik die Aufklärung erschwerte.
Ursachen und Ablauf
Der Unfall geschah während eines geplanten Sicherheitstests. Geprüft werden sollte, ob bei einem Stromausfall die auslaufenden Turbinen noch für etwa 40 bis 60 Sekunden genug elektrische Energie liefern könnten, bis die Notstromaggregate laufen. Der Test hätte eigentlich schon vor der kommerziellen Inbetriebnahme von Block 4 im Dezember 1983 stattfinden sollen, wurde aber verschoben.
Der Reaktor war ein RBMK-1000, ein graphitmoderierter, wassergekühlter Siedewasser-Druckröhrenreaktor. Ein wichtiger Konstruktionsfehler war der stark positive Void-Koeffizient: Wenn sich im Kühlwasser Dampfblasen bildeten, stieg im RBMK die Reaktivität und damit die Wärmeleistung. Bei vielen anderen Reaktortypen ist dieser Effekt negativ, sodass Dampfblasen die Reaktion eher bremsen. Zusätzlich hatten die Steuerstäbe Graphitspitzen. Beim Einfahren konnten sie zunächst Wasser verdrängen und die Reaktivität kurzfristig erhöhen, bevor sie die Kettenreaktion dämpften.
Der Test wurde um etwa einen halben Tag in die Nachtschicht verschoben. Dadurch reicherte sich Xenon-135 an, ein stark neutronenabsorbierendes Isotop; dies wird Xenonvergiftung genannt. Die Reaktorleistung fiel zeitweise auf etwa 30 MW, nur rund 1 Prozent der Nennleistung, und wurde danach trotz unzulässiger Bedingungen wieder angehoben. Sicherheitssysteme waren abgeschaltet, und die vorgeschriebene Reaktivitätsreserve wurde unterschritten.
Um 01:23:04 Uhr begann der eigentliche Test durch Schließen der Turbinenschnellschlussventile. Die Wärmeabfuhr verschlechterte sich, es bildeten sich mehr Dampfblasen, und wegen des positiven Void-Koeffizienten stieg die Leistung weiter. Um 01:23:40 Uhr ordnete Schichtleiter Alexander Akimow die manuelle Notabschaltung AZ-5 an, die Leonid Toptunow auslöste. Durch die Graphitspitzen der Steuerstäbe erhöhte sich die Reaktivität im unteren Bereich des Reaktors kurzfristig stark. Um 01:23:44 Uhr stieg die Leistung vermutlich auf ein Vielfaches, möglicherweise etwa das Hundertfache, der Nennleistung. Der Reaktor barst, und wenige Sekunden später kam es zu einer zweiten Explosion. Das Dach wurde zerstört, der Graphit im Reaktorkern brannte, und über etwa zehn Tage wurden radioaktive Stoffe freigesetzt.
Gegenmaßnahmen und Sperrzone
Die ersten Reaktionen waren von Unterschätzung, Geheimhaltung und Desinformation geprägt. Prypjat, weniger als 5 km vom Kraftwerk entfernt, wurde erst etwa 30 Stunden nach der Explosion evakuiert. Am 27. April 1986 begann die Evakuierung der Stadt mit 48.000 Einwohnern. Bis zum 3. Mai wurden alle Menschen aus einem Umkreis von 10 km herausgebracht, am 4. Mai folgte die Räumung der 30-km-Zone; davon waren weitere 116.000 Menschen betroffen. In den folgenden Jahren wurden noch etwa 210.000 Einwohner umgesiedelt. Die Sperrzone umfasst heute etwa 4300 km².
Zur Eindämmung wurden von Hubschraubern große Mengen Material auf den Reaktor abgeworfen: etwa 40 Tonnen Borcarbid zur Unterbindung der Kettenreaktion, etwa 800 Tonnen Dolomit gegen den Graphitbrand und zur Wärmeverringerung, etwa 2400 Tonnen Blei zur Verringerung der Gammastrahlung und etwa 1800 Tonnen Sand und Lehm zur Filterung radioaktiver Stoffe. Dafür waren rund 1800 Hubschrauberflüge nötig. Später wurde unter dem Reaktor gearbeitet, um eine mögliche weitere Dampfexplosion und die Verseuchung des Grundwassers zu verhindern.
Eine zentrale Rolle spielten die sogenannten Liquidatoren, also Aufräumarbeiter, Soldaten, Feuerwehrleute und andere Helfer. Sie dekontaminierten Flächen, entfernten hochverstrahltes Material und arbeiteten am Bau eines Schutzmantels. Besonders gefährlich war die Reinigung des Dachs von Block 4; nachdem ferngesteuerte Fahrzeuge versagt hatten, mussten Menschen dort unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten. Um den radioaktiven Staub zu binden, wurde eine klebrige Polymerlösung namens „Burda“ verteilt. Auf dem Gelände wurden 300.000 m³ kontaminierte Erde abgetragen, in Gräben geschoben und mit Beton bedeckt.
Umwelt, Gesundheit und Streitfragen
Die Folgen der Katastrophe sind bis heute umstritten. Der größte Teil der radioaktiven Partikel wurde in den ersten zehn Tagen freigesetzt, etwa 15 Prozent direkt am 26. April 1986. Insgesamt wurden etwa 218.000 km² mit mehr als 37 kBq/m² Caesium-137 kontaminiert; über 70 Prozent dieser Gebiete liegen in Russland, der Ukraine und Belarus. Etwa 6400 km² landwirtschaftliche Flächen und Wälder nahe dem Kraftwerk mussten für menschliche Besiedlung und Nutzung aufgegeben werden. In Europa wurden etwa 3.900.000 km², also rund 40 Prozent der Gesamtfläche, mit mindestens 4 kBq/m² Caesium-137 kontaminiert.
Besonders exponiert waren Liquidatoren, Evakuierte und Bewohner kontaminierter Gebiete. Unmittelbar nach dem Unglück und bis Ende 1987 wurden etwa 200.000 Liquidatoren eingesetzt; später nennt die WHO insgesamt 600.000 bis 800.000, wobei nur 400.000 registriert waren. Etwa 1000 Aufräumarbeiter erhielten am ersten Tag Strahlendosen von 2 bis 20 Gray. Gray ist eine Einheit für aufgenommene Strahlungsenergie. Später eingesetzte Liquidatoren erhielten meist deutlich geringere Dosen.
Die am besten dokumentierte Gesundheitsfolge ist ein starker Anstieg von Schilddrüsenkrebs, vor allem bei Menschen, die zur Zeit des Unfalls Kinder waren. Die Schilddrüse nimmt Iod auf; dadurch konnte radioaktives Iod-131 dort hohe lokale Dosen verursachen. In Russland, Belarus und der Ukraine wurden etwa 6000 Fälle diagnostiziert; bis 2011 starben 15 Betroffene daran. Die UN-Kommission erkennt den Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Anstieg von Schilddrüsenkrebs an.
Bei 134 Personen, vor allem Kraftwerksbeschäftigten und Feuerwehrleuten, wurde unmittelbar nach dem Ereignis Strahlenkrankheit diagnostiziert; 28 starben 1986 daran. Bei Leukämie und anderen Krebsarten ist die Bewertung uneinheitlich: Einige Studien fanden erhöhte Raten, andere nicht. Auch genetische und teratogene Schäden, also Schäden am Erbgut und Fehlbildungen in der Embryonalentwicklung, werden kontrovers beurteilt. Neben körperlichen Folgen gelten psychische und soziale Belastungen als sehr wichtig: Angst vor Strahlung, Umsiedlung, soziale Ausgrenzung, Depressionen, Stress und gesundheitsschädigendes Verhalten belasteten viele Betroffene langfristig.
Politische und wirtschaftliche Folgen
Die Katastrophe hatte große wirtschaftliche Auswirkungen. Das sowjetische Finanzministerium schätzte 1990 die direkten Verluste und Ausgaben für 1986 bis 1989 auf etwa 9,2 Milliarden Rubel, entsprechend etwa 12,6 Milliarden US-Dollar. In der Ukraine entfielen 20 Jahre nach dem Unfall jährlich 5 bis 7 Prozent des Staatsbudgets auf Folgen von Tschernobyl; 1991 waren es noch 22,3 Prozent. Landwirtschaft und Forstwirtschaft wurden besonders getroffen: knapp 800.000 Hektar Land und 700.000 Hektar Wald konnten wegen Strahlenbelastung nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden.
In der Sowjetunion verstärkte der Unfall die Debatte über Geheimhaltung. Die Führung der KPdSU kontrollierte Informationen zunächst streng. Michail Gorbatschow sah darin einen Widerspruch zu seiner Politik größerer Offenheit und erklärte später die „Ära der Glasnost“. Auch seine Abrüstungsbemühungen wurden durch Tschernobyl verstärkt.
In der Bundesrepublik Deutschland löste die Katastrophe eine breite politische Diskussion über Kernenergie aus. Große Teile der Bevölkerung wurden kernkraftkritischer; der Anteil der vehementen Kernkraftgegner verdoppelte sich von 13 auf 27 Prozent. 1986 wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet, und am 11. Dezember 1986 verabschiedete der Bundestag das Strahlenschutzvorsorgegesetz. Dennoch wurden bis 1989 noch mehrere bereits im Bau befindliche Kernkraftwerke in Betrieb genommen.
In der DDR versuchte die SED-Führung, aus Rücksicht auf die Sowjetunion zu beruhigen und veröffentlichte zunächst unvollständige oder falsche Informationen. Messwerte und Warnungen wurden nur eingeschränkt bekanntgegeben. Für Umweltschutzgruppen wurde Tschernobyl dennoch zu einem wichtigen Auslöser für Debatten über die friedliche Nutzung der Kernenergie.
Österreich gehörte in Westeuropa zu den stärker belasteten Ländern und ergriff Maßnahmen im Lebensmittelbereich, etwa Verkaufsverbote und Kontrollen. Politisch festigte Tschernobyl den Kurs eines „atomfreien Österreich“. Bereits 1978 war die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf durch Volksabstimmung verhindert worden; 1999 wurde ein Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich beschlossen. Auch Polen, Frankreich, Schweden und andere Länder reagierten mit Messungen, Schutzmaßnahmen, politischen Debatten oder Kritik an Informationspolitik und Risikokommunikation.
Schutzhüllen und heutige Lage
Nach dem Unfall wurden die noch funktionsfähigen Blöcke des Kraftwerks wieder betrieben. Block 2 wurde 1991 nach einem Feuer in der Turbinenhalle abgeschaltet. Auf internationalen Druck und mit Unterstützung der EU und der G7 wurde die Stilllegung des Kraftwerks vorbereitet. Block 1 ging im November 1996 vom Netz, Block 3 wurde am 15. Dezember 2000 endgültig außer Betrieb genommen.
Über dem zerstörten Reaktor wurde 1986 eine provisorische Schutzhülle aus Stahl und Beton gebaut, der „Sarkophag“. In seinem Inneren befinden sich Schätzungen zufolge noch etwa 150 bis 180 Tonnen der rund 190 Tonnen Reaktorkernmasse, in Form von Corium, Staub, Asche, Flüssigkeiten oder anderem Material. Corium ist eine erstarrte Mischung aus geschmolzenem Kernbrennstoff, Metall, Beton und anderen Stoffen. Die erste Schutzhülle war nur eine vorläufige Lösung und blieb durchlässig.
Von 2010 bis 2016 wurde deshalb eine zweite Schutzhülle errichtet, das „New Safe Confinement“. Sie wurde wegen der hohen Strahlung etwa 200 Meter neben dem havarierten Reaktor gebaut und im November 2016 über den alten Sarkophag geschoben. Am 25. April 2019 meldete die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung den Abschluss eines 72-Stunden-Testbetriebs; die offizielle Inbetriebnahme erfolgte am 10. Juli 2019. Die Hülle sollte etwa 100 Jahre Schutz bieten und spätere Arbeiten am alten Sarkophag ermöglichen.
Die Stadt Prypjat ist heute eine Geisterstadt und Zentrum der Sperrzone. Einige Gebäude dienen Arbeitern, Ingenieuren, Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleuten als Unterkunft. Um 2012 lebten im Umland und im Stadtgebiet von Tschernobyl noch rund 700 von einst 14.000 Personen, die nicht gehen wollten oder zurückgekehrt waren.
Beim russischen Überfall auf die Ukraine 2022 nahmen russische Streitkräfte am 24. Februar das stillgelegte Kernkraftwerk und die Sperrzone ein; nach der Schlacht um Kiew zogen sie wieder ab, was die IAEO am 31. März 2022 bestätigte. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 2025 wurde die neue Schutzhülle laut ukrainischen Angaben durch eine Kampfdrohne vom Typ Schahed-136 getroffen und schwer beschädigt. Die IAEO warnte im Dezember 2025, dass die Schutzhülle ihre wichtigsten Schutzfunktionen verloren habe und umfassend saniert werden müsse.