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Wolfgang Reinhard
Einflussreich ist Reinhards parallel zu Heinz Schilling entwickelte These der Konfessionalisierung, die als Paradigma der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung …
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Person und wissenschaftliche Bedeutung
Wolfgang Karl Wilhelm Reinhard (* 10. April 1937 in Pforzheim) ist ein deutscher Historiker. Er hatte Professuren an den Universitäten Augsburg und Freiburg inne. Seine Forschung befasst sich vor allem mit dem Papsttum, dem Patronage- und Klientelwesen der Frühen Neuzeit, der europäischen Expansion, der Staatsgewalt sowie der historischen Anthropologie und der vergleichenden Verfassungsgeschichte Europas.
Besonders einflussreich ist die von Reinhard parallel zu Heinz Schilling entwickelte These der Konfessionalisierung. Sie erklärt, wie religiöse Veränderungen im konfessionellen Zeitalter mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenwirkten, und gilt als Paradigma der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung. Reinhard führte außerdem die Verflechtungsanalyse in die Geschichtswissenschaft ein. Mit ihr untersuchte er Beziehungsgeflechte zwischen Personen und Institutionen, insbesondere das Klientelwesen an der römischen Kurie. Seine Forschungen zeigen, dass die europäische Politik und der Einfluss von Papsttum und Kurie ohne Kenntnis der sich ständig wandelnden Beziehungen nicht realistisch eingeschätzt werden können.
Forschung und akademischer Weg
Nach dem Abitur am Freiburger Bertholdgymnasium im März 1956 studierte Reinhard Geschichte, Anglistik und Geographie an den Universitäten Freiburg und Heidelberg. Im Dezember 1963 wurde er bei Erich Hassinger in Freiburg promoviert. Seine Dissertation behandelte die Reform in der Diözese Carpentras unter den Bischöfen Jacopo Sadoleto, Paolo Sadoleto, Jacopo Sacrati und Francesco Sadoleto in den Jahren 1517–1596.
Nach einer Tätigkeit im Schuldienst und als Schulentwicklungsreferent am Oberschulamt Freiburg habilitierte er sich 1973 mit der Studie Familie und Klientel. Untersuchungen zur gesellschaftlichen Struktur und Dynamik des Papsttums und der politischen Sozialgeschichte der frühen Neuzeit. 1977 erhielt er einen Ruf für Neuere und Außereuropäische Geschichte an die Universität Augsburg. Von 1990 bis zu seiner Emeritierung 2002 war er Ordinarius für Neuere Geschichte in Freiburg im Breisgau. Weitere Stationen waren eine Gastprofessur an der Emory University in Atlanta 1985/1986, ein Forschungsstipendium am Historischen Kolleg in München 1997/1998, ein Jean-Monnet-Fellowship am European University Institute Florenz 2003/2004 und ein Aufenthalt am Netherlands Institute for Advanced Studies in Wassenaar 2004. Von 2005 bis 2010 war Reinhard Fellow für Geschichte am Max-Weber-Kolleg, anschließend wurde er assoziierter Fellow.
Reinhard betreute neun Habilitationen, 53 Promotionen sowie 137 Magisterarbeiten und Zulassungsarbeiten zum Staatsexamen. Zu seinen akademischen Schülern zählen unter anderem Peter Burschel, Birgit Emich, Mark Häberlein, Achim Landwehr, Volker Reinhardt und Jürgen Zimmerer.
Forschungsschwerpunkte und Auszeichnungen
Reinhards Arbeiten verbinden historische Anthropologie, europäische Verfassungs- und Staatsgeschichte, die Geschichte der europäischen Expansion und die Geschichte des Papsttums. Ein Schwerpunkt liegt auf der sozialen Struktur und politischen Wirkung von Patronage, Klientel und Nepotismus an der Kurie. Dafür forderte er bereits 1979 die Erstellung einer Prosopographie der kurialen Prälatenschicht. Eine Prosopographie ist eine systematische Untersuchung einer Personengruppe und ihrer Beziehungen.
Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören das vierbändige Werk Geschichte der europäischen Expansion (1983–1990), das 2016 als Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015 neu bearbeitet wurde, sowie Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart (1999), Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie (2004), Glaube und Macht. Kirche und Politik im Zeitalter der Konfessionalisierung (2004) und Paul V. Borghese. Eine mikropolitische Papstgeschichte (2009). Mit Unsere Lügengesellschaft. Warum wir nicht bei der Wahrheit bleiben (2006) erreichte er auch ein breiteres Publikum. Außerdem veröffentlichte er Arbeiten zur außereuropäischen und Kolonialgeschichte, darunter Kleine Geschichte des Kolonialismus (2008).
Reinhard war Mitherausgeber der Zeitschriften Periplus und Saeculum sowie mehrerer wissenschaftlicher Reihen. Er ist Mitglied der British Academy, der Accademia di San Carlo di Milano und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Von 1988 bis 2002 gehörte er dem Beirat des Deutschen Historischen Instituts in Rom an. 2001 erhielt er für sein Gesamtwerk den Preis des Historischen Kollegs, den „Historikerpreis“, durch den Bundespräsidenten. 2012 verlieh ihm die Universität Konstanz die Ehrendoktorwürde; 2018 erhielt er den Dimitris Tsatsos-Preis.
Positionen zur Holocaust-Erinnerungskultur
Im Januar 2022 äußerte sich Reinhard in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur deutschen Erinnerungskultur zum Holocaust. Der Text beruhte auf einem Tagungsbeitrag für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachsen. Reinhard bezeichnete den Holocaust als „erinnerungspolitische Identifikationsfigur von geradezu sakralem Charakter“ und sprach von einer „Holocaust-Obsession“. Die „Holocaust-Kultur“ sei „machtbesetzt und tabugeschützt“. Nach seiner Darstellung hätten sich „Amerikas Juden“ in einer „Opferkonkurrenz“ durchgesetzt und anschließend Amerika und die Welt von der Einzigartigkeit des Holocausts überzeugt.
Reinhard schrieb außerdem, der Holocaust habe sich „aus einer zufälligen Häufung tragischer Einzelschicksale in eine einzigartige, identitätsstiftende Leitvorstellung des jüdischen Gedächtnisses“ verwandelt. Das „deutsche“ Gedächtnis habe zunächst eine „pflichtgemäße Erinnerungskultur jüdischer Art“ lernen müssen; dafür sei auch eine nicht näher bezeichnete „Medienmacht“ verantwortlich. Die Aussage Björn Höckes über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Deutschland habe sich ein „Denkmal der Schande“ in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt, bewertete Reinhard als „in der Sache zutreffend“.
Diese Positionen waren stark umstritten. Alan Posener widersprach Reinhard in der Welt und warf ihm Unkenntnis westlicher Erinnerungskultur vor. Er rückte die Aussagen in die Nähe von Ernst Noltes Thesen im Historikerstreit und erklärte, die von Reinhard geforderte „Normalisierung“ des Holocaustgedenkens „käme einem Vergessen gleich“. Michael Wolffsohn hielt Reinhards Unbehagen an der deutschen Erinnerungs„kultur“ grundsätzlich für nachvollziehbar und notwendig, kritisierte jedoch dessen Sprache als zynisch und mit antisemitischen Klischees vermischt. Weitere Kritik äußerten Schimon Stein, Moshe Zimmermann und Andreas Wirsching.