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Alf Lüdtke

Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. · Herrschaft als soziale Praxis. · Sicherheit und „Wohlfahrt“. · Physische Gewalt.

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Historiker der Alltagsgeschichte
  2. 2. Forschungsthemen und wissenschaftliche Arbeit
  3. 3. Wichtige Veröffentlichungen

Historiker der Alltagsgeschichte

Alf Lüdtke (* 18. Oktober 1943 in Dresden; † 29. Januar 2019 in Göttingen) war ein deutscher Historiker und ein Vertreter der internationalen Alltagsgeschichte. Alltagsgeschichte erforscht historische Erfahrungen und Lebensweisen im täglichen Leben, besonders auch die Perspektiven gewöhnlicher Menschen.

Lüdtke verband Fragestellungen aus Soziologie, Ethnologie und Anthropologie mit der Geschichtswissenschaft. Einen zentralen Beitrag leistete er mit Untersuchungen zu den Lebenswelten von Industriearbeitern und der sogenannten „kleinen“ Leute. Seine Forschung zeigte, dass Arbeit nicht nur wirtschaftliche Tätigkeit, sondern soziale Praxis ist: Sie prägt Erfahrungen, Beziehungen und politische Haltungen.

Forschungsthemen und wissenschaftliche Arbeit

Zu Lüdtkes Forschungsschwerpunkten gehörten die Verbindung von Produktion und Destruktion durch „Arbeit“, Formen des Mitmachens und Hinnehmens in europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts sowie Erinnern und Mahnen, Vergessen und Verdrängen. Er untersuchte außerdem die Auseinandersetzung mit Krieg und Genozid in der neuesten Zeit.

Seine Doktorarbeit „Gemeinwohl“, Polizei und „Festungspraxis“ behandelte staatliche Gewaltsamkeit in Preußen im frühen 19. Jahrhundert. Zu seinen späteren Projekten zählten „Blockaden und Passagen. Die Grenzübergangsstellen der DDR“, Krieg als Arbeit und der Stand transnationaler Geschichtsschreibung. Transnationale Geschichtsschreibung betrachtet historische Entwicklungen über nationale Grenzen hinweg.

Lüdtke studierte von 1965 bis 1972 in Tübingen Geschichte sowie Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Er promovierte 1980 an der Universität Konstanz, habilitierte sich 1988 in Neuerer Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Hannover und lehrte dort von 1989 bis 1999. 1999 wurde er Professor an der Universität Erfurt; seit 2008 war er dort Honorarprofessor für Historische Anthropologie. 1999 gründete er mit Hans Medick die Arbeitsstelle für Historische Anthropologie des Max-Planck-Instituts für Geschichte an der Universität Erfurt.

Wichtige Veröffentlichungen

Lüdtkes Monographie „Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus“ erschien 1993, eine Neuauflage 2015. Darin stehen Erfahrungen von Fabrikarbeitern im Mittelpunkt, etwa Lohn, Pausen und Neckereien um 1900 sowie Arbeitererfahrungen im deutschen Faschismus und im Nationalsozialismus. Der Begriff „Eigen-Sinn“ bezeichnet dabei die eigene, nicht vollständig von Herrschaft oder Politik bestimmte Haltung und Praxis von Menschen im Arbeitsalltag.

Seine überarbeitete Dissertation erschien 1982 als „‚Gemeinwohl‘, Polizei und ‚Festungspraxis‘. Innere Verwaltung und staatliche Gewaltsamkeit in Preußen, 1815–50“; die englische Ausgabe „Police and State in Prussia, 1815–1850“ folgte 1989. Weitere Monographien waren „Des ouvriers dans l’Allemagne du XXe siècle. Le quotidien des dictatures“ (Paris 2000).

Als Herausgeber prägte Lüdtke besonders den Sammelband „Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen“ (1989), der auch auf Französisch, Englisch und Koreanisch erschien. Weitere Sammelbände behandelten unter anderem Herrschaft als soziale Praxis, Polizei und Sicherheit, physische Gewalt, die DDR, Fotografie, extreme Kriege, Ausnahmezustand, Kolonialgeschichte, Archive sowie Alltag in Massendiktaturen.

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