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Konfessionalisierung

Die Konfessionalisierung ist die geschichtswissenschaftliche Theorie über die ineinandergreifende Entwicklung von Kirche, Staat und Gesellschaft nach der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Bedeutung
  2. 2. Theoretische Entstehung
  3. 3. Abläufe und Modelle
  4. 4. Kritik und Neuausrichtung
  5. 5. Anwendungen außerhalb des Reiches

Gegenstand und zentrale Bedeutung

Konfessionalisierung ist eine geschichtswissenschaftliche Theorie über die eng miteinander verbundene Entwicklung von Kirche, Staat und Gesellschaft nach der Reformation. Sie erklärt, wie sich die christlichen Konfessionen organisatorisch und inhaltlich verfestigten und dadurch das öffentliche wie private Leben in Europa veränderten. Für das Heilige Römische Reich wird die Epoche der Konfessionalisierung meist ungefähr auf die Zeit von 1540 bis 1648 datiert; sie wird auch als konfessionelles Zeitalter oder Zeitalter der Konfessionalisierung bezeichnet.

Nach der Theorie führte die Spaltung der Christenheit nicht nur zu Veränderungen innerhalb der Kirchen. Sie beeinflusste alle gesellschaftlichen Bereiche und verlief bei den drei großen Bekenntnissen – Katholizismus, Luthertum und reformiertem beziehungsweise calvinistischem oder zwinglianischem Protestantismus – in teilweise vergleichbaren und zeitlich parallelen Mustern. Die katholische Reform nach dem Abschluss des Konzils von Trient in den 1560er Jahren wird daher nicht einfach als Reaktion auf die Reformation verstanden. Sie wird mit der seit den 1560er Jahren vordringenden „Zweiten Reformation“ des reformierten Bekenntnisses und mit der gleichzeitigen institutionellen Konsolidierung des Luthertums verglichen.

Die Konfessionalisierungstheorie verbindet religiöse Entwicklung mit der Herausbildung des frühmodernen Staates und einer disziplinierten Untertanengesellschaft. Diese war stärker institutionell und flächenmäßig organisiert als die mittelalterliche, die als personal und fragmentiert beschrieben wird. Dadurch rückte die Religion, die im Alltag der Frühen Neuzeit eine große Rolle spielte, wieder in den Mittelpunkt der Geschichtsforschung. Im Unterschied zum älteren Gegensatz von Reformation und Gegenreformation wird nicht eine angeblich fortschrittliche Reformation einer rückschrittlichen Gegenreformation gegenübergestellt. Vielmehr können nach Wolfgang Reinhard sowohl Reformation als auch katholische Reform und Gegenreformation zur Modernisierung Europas beigetragen haben.

Vom Begriff der Konfessionalisierung ist der Begriff Konfessionalismus zu unterscheiden. Konfessionalisierung ist eine nachträgliche wissenschaftliche Bezeichnung. Konfessionalismus bezeichnet im engeren Sinne eine protestantische Denkschule des Deutschland des 19. Jahrhunderts; verallgemeinert meint er heute häufig eine Überbetonung der eigenen Konfession.

Theoretische Entstehung

Die Theorie baut auf den Arbeiten von Ernst Walter Zeeden auf. Er beschrieb in den 1950er Jahren als Erster das Phänomen der Konfessionsbildung. Damit meinte er vor allem innerkirchliche Wandlungsprozesse nach der Reformation: Die auseinanderstrebenden christlichen Bekenntnisse verfestigten sich geistig und organisatorisch zu einem halbwegs stabilen Kirchentum. Diese Stabilisierung betraf das Dogma, die kirchliche Verfassung sowie religiöse und sittliche Lebensformen. Zeeden verwendete bereits die Bezeichnung „konfessionelles Zeitalter“.

Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling entwickelten die Konfessionalisierungstheorie Ende der 1970er Jahre unabhängig voneinander und parallel weiter. Sie standen dabei unter dem Einfluss der modernisierungstheoretisch geprägten Gesellschaftsgeschichte. Ihr Ansatz erklärte religiöse Veränderungen nicht als isolierte Vorgänge der Kirchengeschichte, sondern als Teil eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels. Die Theorie wurde dadurch zu einem wichtigen Zugang zur Erforschung der frühneuzeitlichen Geschichte Europas.

Abläufe und Modelle

Wolfgang Reinhard entwickelte vor allem ein Modell der inhaltlichen Merkmale. Die „Geschlossenheit der neuen Großgruppe Konfession“ beruhte nach ihm auf mehreren miteinander verbundenen Verfahren:

  • der Wiedergewinnung klarer theologischer Vorstellungen,
  • der Verbreitung und Durchsetzung neuer Normen,
  • Propaganda und der Verhinderung von Gegenpropaganda,
  • der Internalisierung der neuen Ordnung durch Bildung,
  • der Disziplinierung der Anhänger,
  • dem Einsatz von Riten,
  • der Beeinflussung der Sprache.

Gemeindepriester und lokale Lehrer konnten dadurch auf die Lebensführung der Untertanen einwirken. Als „Transmissionsriemen“ verbanden die Kirchendiener das staatlich-bürokratische Zentrum mit der örtlichen Bevölkerung. Wenn der frühneuzeitliche Staat diese kirchlichen Ressourcen nutzte, konnte er eine „Disziplinierung und Homogenisierung der Untertanen“ fördern. Auch Konfessionsbilder begleiteten diesen Prozess.

Heinz Schilling entwickelte ein Vierphasenmodell für das Heilige Römische Reich:

  • In der vorkonfessionellen Phase von den späten 1540er bis zu den frühen 1570er Jahren funktionierte der Religionsfrieden.
  • In den 1570er Jahren kam es zur Überleitung in die konfessionelle Konfrontation. Die Konfessionen polarisierten sich stärker, unter anderem durch die Ausbreitung der „Zweiten Reformation“ und einen politischen Generationswechsel.
  • Der Höhepunkt der Konfessionalisierung lag in den 1580er bis 1620er Jahren.
  • Der Abschluss erfolgte vor allem nach dem Westfälischen Frieden von 1648, verbunden mit einem „irenischen Impuls“, also einer stärker auf Ausgleich gerichteten Tendenz.

Schillings Modell lenkte die Aufmerksamkeit auf die Zeit zwischen 1570 und 1620, die zuvor gegenüber der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg weniger beachtet worden war. Reinhard fasste den Zeitraum weiter. Für ihn begann die Konfessionalisierung bereits mit den fürstlichen Kirchenvisitationen der 1520er Jahre und den Reaktionen auf altgläubiger Seite. Sie endete erst mit konfessionellen Homogenisierungsprozessen in Frankreich 1685, in Großbritannien 1688–1707 sowie mit der Vertreibung der Salzburger Lutheraner 1731. Helga Schnabel-Schüle und andere stellten zuletzt den Westfälischen Frieden als allgemeingültigen Schlusspunkt infrage.

Kritik und Neuausrichtung

Die ursprüngliche Theorie war etatistisch, also stark auf den Staat ausgerichtet. Sie wollte vor allem den Zusammenhang zwischen der Verfestigung kirchlicher Strukturen und dem Anwachsen der Staatsgewalt seit dem 16. Jahrhundert zeigen. Seit den 1990er Jahren wurde diese Sicht zunehmend kritisiert und durch gesamteuropäische Perspektiven ergänzt.

Heinrich Richard Schmidt forderte, die staatszentrierte Konfessionalisierung „von oben“ durch eine Konfessionsbildung „von unten“ zu ergänzen. Dabei sollen Gemeinden, Städte und einzelne Untertanen berücksichtigt werden. Schmidt untersuchte unter anderem Gerichtsprotokolle, um zu prüfen, ob sich die Glaubensüberzeugungen der Bevölkerung durch die kirchlichen und staatlichen Einflusskanäle tatsächlich veränderten. Deshalb wird heute weniger ausschließlich der Zusammenhang von Konfessionsbildung und Staatsbildung betont. Größere Bedeutung haben auch Sozialdisziplinierung und die Bildung eines homogenisierten Untertanenverbandes, die Gerhard Oestreich in das 16. und 17. Jahrhundert datierte.

Weitere Grundannahmen sind umstritten. Winfried Schulze erkennt in den neugebildeten Konfessionen keinen Modernisierungsimpuls. Michael Stolleis vertritt die Auffassung, der frühneuzeitliche Staat sei nicht durch konfessionelle Bindung, sondern durch Säkularisierung entstanden. Andere Forschungen betonen, dass sich eine ausgeprägte konfessionelle Identität in der Bevölkerung erst im 19. Jahrhundert entwickelte und zuvor häufig religiöse Indifferenz bestand. Eine Forschergruppe um Lucian Hölscher sprach deshalb von einer „späten Konfessionalisierung“ der Deutschen im 19. Jahrhundert.

Unter dem Einfluss der Neuen Kulturgeschichte untersucht die Forschung außerdem fließende Übergänge und Pluralitäten zwischen und innerhalb der Konfessionen sowie gemischtkonfessionelles Zusammenleben und Austausch. Häufig geschieht dies in mikrohistorischen Regionalstudien. Die ursprüngliche Theorie wird heute kaum noch in ihrer reinen Form vertreten, sondern ist ausdifferenziert worden. Erhalten geblieben sind jedoch der Fokus auf das Verhältnis von Religion und Gesellschaft sowie die Annahme einer zeitlich und funktional teilweise parallelen Entwicklung der drei großen Konfessionen. Deshalb gilt Konfessionalisierung weiterhin als ein wichtiges Forschungsparadigma der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung.

Anwendungen außerhalb des Reiches

Der Historiker Serhii Plokhy verwendet den Begriff auch für die kirchliche Reform der Orthodoxie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Mittelpunkt war Kyjiw; eine wichtige Rolle spielte Petro Mohyla, der seit 1626 Archimandrit der Kiewer Lawra war. Kirchliche Strukturreformen, die engere Anbindung an das polnische Königtum, die Formulierung eines Katechismus, umfangreiche Veröffentlichungen und die Förderung von Bildung schufen eine orthodoxe konfessionelle Identität. Diese konnte sich gegenüber unierten griechisch-katholischen und westlichen Konfessionen behaupten. Die Grenzlage der ukrainischen Gebiete und die konkurrierenden religiösen Einflüsse trugen zur Ausbildung einer eigenen Identität bei.

In Medien und Wissenschaft werden Konfessionalismus und Konfessionalisierung zunehmend auch auf Konflikte im Nahen und Mittleren Osten bezogen. Dazu gehören das auf konfessionellem Proporz beruhende politische System des Libanon sowie konfessionell geprägte Konflikte in Syrien, im Jemen und im Irak, etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Wegen der fehlenden begrifflichen Trennschärfe zur geschichtswissenschaftlichen Theorie und wegen des unterschiedlichen kulturellen Zusammenhangs schlägt der Orientalist Daniel Gerlach dafür den Begriff „Sektarismus“ vor, angelehnt an „sectarianism“ beziehungsweise „sectarisme“.

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