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Jürgen Zimmerer
Als Konsequenz fordert Zimmerer eine postkoloniale Erweiterung der Sicht auf die deutsche (Gedächtnis-)Geschichte. Der von Zimmerer 2013 herausgegebene …
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Überblick und akademischer Weg
Jürgen Zimmerer (* 14. April 1965 in Wörth an der Donau) ist ein deutscher Historiker und Afrikawissenschaftler. Seit dem Wintersemester 2010/11 ist er Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg. Von 2014 bis 2025 leitete er dort die Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe; sie musste 2025 eingestellt werden.
Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Oxford und Freiburg im Breisgau. 1991 erwarb er an der Universität Oxford einen M.A. in Modern History. Seine Promotion schloss er 2000 in Freiburg mit einer Arbeit über die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia ab. Danach lehrte und forschte er unter anderem an den Universitäten Kiel, Coimbra, Duisburg-Essen und Sheffield. In Sheffield gründete er 2008 das Sheffield Centre for Genocide Studies, das erste Zentrum dieser Art in Großbritannien.
Zimmerer ist Mitbegründer des International Network of Genocide Scholars und war von 2005 bis 2017 dessen Gründungspräsident. Von 2005 bis 2011 gab er das Journal of Genocide Research heraus.
Kolonialismus, Nationalsozialismus und Kontinuitätsthese
Zimmerers Forschung behandelt Kolonialismus und Postkolonialismus, vergleichende Genozidforschung, Holocaust, Kalten Krieg sowie Portugal und die portugiesischsprachige Welt. Er zählt neben Dirk Moses zu den Hauptvertretern einer postkolonialen Kontinuitätsthese. Diese nimmt Bedingungsverhältnisse, Kraftlinien und Kontinuitäten zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus an.
Zimmerer veröffentlichte 2003 einen ersten Aufsatz zum Verhältnis von Kolonialismus und Nationalsozialismus. Sein Ziel war, die nationalsozialistische Expansions- und Besatzungspolitik systematisch als kolonial darzustellen. Nach seiner These können die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht monokausal, also nicht allein, aus der Tradition des europäischen Kolonialismus erklärt werden. Der Kolonialismus sei aber ein wichtiger Ideengeber gewesen. Von Kolonialherren praktizierte Verhaltensweisen seien von Nationalsozialisten zum Vorbild genommen und perfektioniert worden.
Zimmerer bezeichnete die Niederschlagung des Hereroaufstandes als den „ersten deutschen Genozid“ des 20. Jahrhunderts und zog eine Linie „von Windhuk nach Auschwitz“. Der Feldzug gegen Herero und später Nama in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, sei in vieler Hinsicht paradigmatisch für den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Zugleich räumte Zimmerer später ein, dass auch Antisemitismus, Antibolschewismus und Antislawismus auf diesem „Weg von Windhuk nach Auschwitz“ eine Rolle spielten.
Die Kontinuitätsthese ist umstritten. Pascal Grosse, Gesine Krüger, Birthe Kundrus und Steffen Klävers verwiesen auf strukturelle Mängel: Der Genozidbegriff könne historische Besonderheiten des Holocausts verdecken; koloniale Mischehenverbote und Nürnberger Gesetze seien zu unterschiedlich; außerdem werde die Unterscheidung zwischen kolonialem Rassismus und Antisemitismus nicht ausreichend berücksichtigt. Kundrus betonte besonders die unterschiedlichen rassistischen Feindbilder und Verfolgungspraktiken im deutschen Kolonialismus und im Holocaust.
Kolonialpolitik und Erinnerungskultur
In seiner Dissertation untersuchte Zimmerer die „Eingeborenenpolitik“ während der deutschen Herrschaft in Namibia von 1905 bis 1914. Er wertete dafür Akten des Reichskolonialamtes im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde sowie Bestände des Zentralbureaus des kaiserlichen Gouvernements in Windhoek aus. Im Mittelpunkt standen die Mitte August 1907 erlassenen „Eingeborenenverordnungen“.
Zimmerer rekonstruierte erstmals detailliert deren Entstehung und verglich die festgeschriebenen Rechtsnormen mit der tatsächlichen Rechtsrealität. Die Maßnahmen sollten nach seiner Deutung eine „rassische Privilegiengesellschaft“ errichten: Unterschiedliche rechtliche Stellungen wurden zunehmend biologisch und ethnisch begründet. Die Arbeit erschien 2021 in englischer Übersetzung.
Außerdem fordert Zimmerer eine postkoloniale Erweiterung der deutschen Gedächtnisgeschichte. Er kritisierte, dass die koloniale Vergangenheit in den 2001 erschienenen Deutschen Erinnerungsorten ausgespart worden sei. Der von ihm 2013 herausgegebene Band Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte soll die „(post)koloniale Welt der Deutschen in ihrer ganzen Spannbreite“ darstellen und den historischen Ort des Kolonialismus in der deutschen Geschichte untersuchen. Gemeinsam mit Joachim Zeller gab Zimmerer 2004 zum hundertsten Jahrestag des Kolonialkriegs gegen Herero und Nama den Sammelband Völkermord in Deutsch-Südwestafrika heraus.
Öffentliche Debatten und Gewaltforschung
Zimmerer kritisierte das Berliner Humboldt Forum seit 2015 wegen fehlender kolonialkritischer Perspektiven. 2017 sprach er von einer „kolonialen Amnesie“, weil koloniale Objekte, koloniale Traditionen und das wiedererrichtete Stadtschloss auf den Kolonialismus verwiesen. Zur Entlastung des Humboldt Forums forderte er einen zentralen deutschen Gedenk- und Forschungsort; Hamburg komme dafür als deutsche Kolonialmetropole besonders in Betracht. Postkoloniale Debatten bezeichnete er als die „zentralen Identitätsdebatten Europas“.
In der Debatte über koloniale Raubkunst und Provenienzforschung forderte er 2015 eine Umkehr der Beweislast bei Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Begründung war das extreme Machtungleichgewicht der kolonialen Situation. Er wirkte zudem an einem Leitfaden des Deutschen Museumsbundes zum Umgang mit solchen Sammlungen mit.
In der Rassismusdebatte um Karl May nannte Zimmerer dessen Geschichten „zutiefst kolonial und rassistisch“. Er sprach sich jedoch gegen ein Verbot aus und dafür, die Bücher im Schulunterricht kritisch zu behandeln.
Als Genozidforscher untersuchte er auch den Zusammenhang von Klimawandel, kollektiver Gewalt und Genozid. Er plädierte dafür, Umweltwandel und Ressourcenknappheit als Katalysatoren von Gewalt ernst zu nehmen, und prägte den Begriff „environmental violence“. 2021 warnte er, menschengemachter Klimawandel werde Genozide begünstigen. Zudem kritisierte er die deutsche Erinnerungspolitik und sah im Anwachsen antisemitischer und rassistischer Gewalt sowie in hohen Umfragewerten einer rechtsextremen Partei Hinweise darauf, dass Vergangenheitsbewältigung in Teilen gescheitert sei.