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Ernst Nolte
Insbesondere seine Studien zum europäischen Faschismus, die er in den 1960er Jahren vorlegte, waren einflussreich. Seine These von einem „kausalen Nexus“, also …
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Bedeutung und wissenschaftlicher Weg
Ernst-Hermann Nolte (11. Januar 1923–18. August 2016) war ein deutscher Historiker und Philosoph. Er lehrte Neuere Geschichte an den Universitäten Marburg und Berlin. Besonders einflussreich waren zunächst seine Untersuchungen zum europäischen Faschismus aus den 1960er Jahren. Später wurde er vor allem durch seine umstrittene These bekannt, zwischen den Verbrechen des sowjetischen Gulag-Systems und dem Holocaust bestehe ein „kausaler Nexus“, also eine ursächliche Verknüpfung.
Nolte studierte Philosophie sowie deutsche und griechische Philologie in Münster, Berlin und Freiburg. Da ihm an der linken Hand drei Finger fehlten, war er zunächst nicht kriegsdiensttauglich. Er erklärte später, das Gefühl, gegenüber gefallenen Gleichaltrigen bevorzugt worden zu sein, habe seine Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus mitgeprägt. 1952 wurde er mit einer Arbeit über Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx promoviert.
Nach Tätigkeiten im Schuldienst und an der Universität Köln wurde Nolte 1965 Professor für Neuere Geschichte in Marburg. Von 1973 bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte er an der Freien Universität Berlin. Seine Forschung behandelte unter anderem deutsche Parteien, die italienische Geschichte seit 1870 und den internationalen Faschismus. Nolte starb 2016 im Alter von 93 Jahren in Berlin.
Theorie des Faschismus
In seinem international bekannt gewordenen Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ von 1963 untersuchte Nolte die Action française, den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus vergleichend. Seine Vorgehensweise bezeichnete er als phänomenologisch: Er versuchte, den Faschismus auf Grundlage seiner eigenen Äußerungen und seines Selbstverständnisses zu erfassen.
Nolte definierte Faschismus als „Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie“.
Mit einer an Max Weber angelehnten typologischen Methode bestimmte er Antimarxismus, Antiliberalismus, Nationalismus, Gewalt und Propaganda als allgemeine Merkmale. Eine Typologie ordnet unterschiedliche Erscheinungen anhand gemeinsamer Merkmale einem Grundtyp zu. Nolte wies selbst auf eine Grenze dieser Einteilung hin: Rassismus und Antisemitismus gehörten darin nicht zu den definierenden Merkmalen. In seiner Darstellung der Vorgeschichte des Faschismus nahmen sie dennoch eine zentrale Stellung ein. Bei der Action française sah er einen Rassenantisemitismus, der unmittelbar auf Hitlers Weltanschauung vorausweise. Die Ursprünge des europäischen Faschismus verortete er in der Tradition der französischen Gegenrevolution.
Sein Ansatz wurde zunächst teilweise als Gegenentwurf zur Totalitarismustheorie verstanden. Diese Theorie vergleicht diktatorische Systeme anhand gemeinsamer Herrschaftsmerkmale. Nolte erklärte 1978 jedoch, er habe sie differenzieren, historisieren und teilweise entemotionalisieren, aber nicht überwinden oder verdrängen wollen.
Historikerstreit und zentrale Kontroverse
Der Historikerstreit war eine öffentliche Auseinandersetzung über die Deutung des Nationalsozialismus und die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Ausgelöst wurde er durch einen Beitrag Noltes in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 6. Juni 1986 und die publizistische Reaktion Jürgen Habermas’ in der „Zeit“. Ähnliche Gedanken hatte Nolte bereits am 24. Juli 1980 veröffentlicht.
Nolte behauptete, der „Archipel Gulag“ habe gegenüber Auschwitz das „logische und faktische Prius“, sei ihm also gedanklich und zeitlich vorausgegangen. Der nationalsozialistische „Rassenmord“ sei aus der Furcht vor dem älteren bolschewistischen „Klassenmord“ entstanden. Im Buch „Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus“ von 1987 deutete er den Holocaust und Hitlers Antisemitismus als „überschießende Reaktion“ auf die Oktoberrevolution, die bolschewistischen Klassenmorde und die seit 1918 errichteten Konzentrationslager.
Daraus entwickelte Nolte die Vorstellung eines „europäischen Bürgerkriegs“ von 1917 bis 1945. Faschismus, Nationalsozialismus und Bolschewismus setzte er in ein enges Verhältnis; der Bolschewismus sei für Hitler zugleich Vorbild und „Schreckbild“ gewesen. Nolte stellte nach eigener Position die Singularität, also die historische Einzigartigkeit, des Holocaust nicht in Frage. Kritiker sahen in seiner ursächlichen Verknüpfung jedoch eine problematische Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen.
Besonders umstritten war Noltes Umgang mit einem britisch-amerikanischen Boykott deutscher Waren von 1933 und einer Loyalitätserklärung Chaim Weizmanns für Großbritannien von 1939. Daraus leitete er eine Rechtfertigung dafür ab, dass Hitler Juden als „Kriegsgefangene“ behandeln und internieren durfte. Diese aus rechtsextremem Schrifttum übernommene Argumentation wurde weithin als antisemitisch beurteilt.
Kritiker erhoben außerdem methodische und quellenkundliche Einwände. Sie betonten, Antisemitismus sei nicht bloß eine nationalsozialistische Abwehrreaktion auf eine konkrete bolschewistische Bedrohung gewesen, sondern von Anfang an ein entscheidendes Merkmal der NS-Ideologie und ihrer völkischen Vorläufer. Nolte habe zudem wesentliche Unterschiede zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und anderen faschistischen Bewegungen, etwa dem italienischen Faschismus, nicht ausreichend erklärt.
Radikalisierung und wissenschaftliche Isolation
Nach dem Historikerstreit geriet Nolte unter Fachhistorikern zunehmend in Isolation und fand stärkeren Zuspruch im politisch rechten und neurechten Umfeld. 1990 schrieb er, der nationalsozialistische Antisemitismus habe ein „fundamentum in re“, also einen tatsächlichen oder rationalen Kern im Verhalten von Juden. Aus revolutionären und deutschfeindlichen Aussagen einzelner jüdischer Intellektueller leitete er die Möglichkeit eines „Gegenschlags“ ab. Kritiker beanstandeten, dass er vereinzelten Äußerungen eine Wirkung zuschrieb, ohne ihre tatsächliche Verbreitung nachzuweisen.
In „Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert“ von 1991 bezeichnete Nolte die UdSSR, das geteilte Deutschland und Israel als drei „außerordentliche Staaten“. Während die beiden ersten zur „Normalität“ zurückgekehrt seien, müsse Israel diesen Zustand noch erreichen. Die Aufnahme des Buches war überwiegend ablehnend. 1994 veröffentlichte Nolte in dem neurechten Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ und gab dem „Journal of Historical Review“, einem Organ von Holocaustleugnern, ein Interview. Den pseudowissenschaftlichen Leuchter-Report von 1988, der den Massenmord in den Gaskammern mit angeblich fehlenden Blausäurespuren bestritt, nannte er „wichtig“, ohne ihn als wissenschaftlich zu bezeichnen.
In „Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?“ von 1998 verschärfte Nolte frühere Thesen. Er behauptete, auch die Tätigkeit sowjetischer Partisanen habe als Reaktion den Massenmord an den Juden provoziert. Hitler habe seit 1939 „schwerwiegende Gründe“ gehabt, Juden als feindlich anzusehen und „entsprechende Maßnahmen“ zu ergreifen; Nolte erklärte dabei, er meine nicht deren Ermordung. Seine Parallelen zwischen Vernichtungsdrohungen im Alten Testament und Hitlers Vorstellungen wurden in der Presse als Zeichen seines wissenschaftlichen Niedergangs bewertet.
Später übertrug Nolte seine Deutungsmuster auf den Islamismus und verteidigte Positionen, die Kritiker als antisemitisch einordneten. Noch 2012 bezeichnete er den Nationalsozialismus als „eine Kopie des bolschewistischen Originals“. Neben der fachlichen Kritik gab es auch Gewalt gegen ihn: 1988 wurde ein Brandanschlag auf sein Auto verübt, und 1994 verhinderten Demonstranten gewaltsam einen Vortrag.
Werk und Einordnung
Noltes Veröffentlichungen reichen von seiner Dissertation „Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx“ von 1952 bis zu späten Arbeiten über europäische Geschichte, politische Ideologien, den Islamismus sowie sein eigenes Leben und Denken. Zu den für seine Entwicklung wichtigsten Schriften gehören „Der Faschismus in seiner Epoche“ (1963), „Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945“ (1987), „Das Vergehen der Vergangenheit“ (1987), „Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert“ (1991), „Historische Existenz“ (1998) und „Der kausale Nexus“ (2002).
Seine frühe vergleichende Faschismusforschung machte ihn international bekannt und beeinflusste die historische Forschung. Im Mittelpunkt seines späteren Werks stand zunehmend der Versuch, Nationalsozialismus und Bolschewismus als aufeinander bezogene Erscheinungen des 20. Jahrhunderts zu erklären. Gerade die behauptete ursächliche Verbindung von bolschewistischen und nationalsozialistischen Verbrechen, sein Umgang mit Antisemitismus und seine Nähe zu neurechten Veröffentlichungen führten jedoch zu scharfer Kritik und weitgehender wissenschaftlicher Isolation. Damit bleibt Nolte sowohl wegen seines Beitrags zur Faschismusforschung als auch wegen der von ihm ausgelösten grundlegenden Kontroversen über die Deutung des Holocaust und des Nationalsozialismus bedeutsam.