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Geschichte des Papsttums
Die Geschichte des Papsttums reicht von der Spätantike bis in die Gegenwart. Grundlegend für das Selbstverständnis der Päpste ist ihr Anspruch, in der …
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Grundlagen und frühe Entwicklung
Das Papsttum bezeichnet das Amt des Bischofs von Rom und seine Leitung der Römisch-katholischen Kirche. Sein Selbstverständnis beruht auf dem Anspruch, Nachfolger des Apostels Simon Petrus zu sein. Die stadtrömische Kirche stützte ihr besonderes Ansehen auf die Tradition, dass Petrus und Paulus in Rom als Märtyrer starben, sowie auf die christlich umgedeutete Bedeutung Roms.
Historisch ist umstritten, ob Petrus tatsächlich in Rom war und dort starb. Sicher ist jedoch, dass diese Tradition in der frühen lateinischen Christenheit ohne Konkurrenz wirkte. Eine lückenlose Reihe römischer Bischöfe seit Petrus lässt sich für das 1. Jahrhundert nicht nachweisen: Der Monepiskopat, also die Leitung einer Gemeinde durch einen einzelnen Bischof, entstand in Rom nach kirchenhistorischem Konsens erst um 150. Zuvor leitete ein Gremium gleichgestellter Episkopen die Gemeinde.
Frühe römische Bischöfe beanspruchten eine Führungsrolle, doch andere Kirchen akzeptierten keine umfassende römische Kontrolle. In der Spätantike gewann der Bischof von Rom durch Vermögen, Verwaltung und die Verbindung von christlichem Glauben mit der Romidee an politischem Gewicht. Leo I. (440–461) prägte das Verständnis, der jeweilige römische Bischof sei Stellvertreter des Petrus und Erbe des petrinischen Stuhls. Im Osten wurde ein umfassender Primatsanspruch jedoch nicht dauerhaft anerkannt. Die Kirche sollte nach der Vorstellung der Pentarchie durch fünf Patriarchen gemeinsam geleitet werden.
Papst Gelasius I. formulierte im Akakianischen Schisma (484–519) die Vorrangstellung geistlicher Autorität gegenüber dem Kaiser. Praktisch blieb der Einfluss der Päpste zunächst begrenzt, vor allem auf Italien und einzelne benachbarte Regionen.
Mittelalter: Reform, Primat und Machtkonflikte
Seit dem 8. Jahrhundert entfernte sich das Papsttum schrittweise von Byzanz und suchte die Nähe zu den Franken. Pippin wurde 751 mit päpstlicher Legitimation König; die Pippinsche Schenkung begründete päpstlichen Landbesitz. Nach der Kaiserkrönung Karls des Großen durch Leo III. im Jahr 800 entstand eine dauerhafte Verbindung von Papsttum und westlichem Kaisertum. Der Kirchenstaat gab den Päpsten eine politische Machtbasis, blieb aber oft nur begrenzt kontrollierbar.
Die Mitte des 11. Jahrhunderts war eine entscheidende Wende. Reformpäpste wie Leo IX. bauten die Römische Kurie als zentrale Leitungsbehörde aus, ernannten auswärtige Kardinäle und griffen stärker in die Westkirche ein. Nikolaus II. regelte 1059 die Papstwahl neu und band Normannenherrscher als Lehnsleute an Rom. Gleichzeitig spaltete das Schisma von 1054 die lateinische Westkirche von der Ostkirche.
Im Investiturstreit beanspruchte Gregor VII. das Recht, Bischöfe einzusetzen, und forderte sogar Absetzungsgewalt über den Kaiser. Heinrich IV. wurde 1076 exkommuniziert und erreichte 1077 in Canossa die Lossprechung. Der Konflikt stärkte langfristig die Zentralisierung der Kirche. Reformer bekämpften Simonie, also die Beteiligung von Laien an der Vergabe kirchlicher Ämter, und Nikolaiten, Kleriker mit Frauen. Das Papsttum entwickelte zudem einen Innovationsvorsprung im Kirchenrecht: Urkunden, Legaten und päpstliche Richter halfen, den Primat in Lateineuropa durchzusetzen.
Kreuzzüge und päpstliche Lehnsherrschaft stützten den universalen Anspruch. Urban II. rief 1095 zum Ersten Kreuzzug auf; in den Kreuzfahrerstaaten entstanden lateinische, dem Papst unterstellte Hierarchien. Innozenz III. (1198–1216) erreichte einen Höhepunkt päpstlicher Macht. Er bezeichnete sich als vicarius Christi, „Stellvertreter Christi“, gewann Gebiete für den Kirchenstaat zurück und leitete das Vierte Laterankonzil 1215. Dieses beschloss unter anderem Lehren zur Transsubstantiation und zur Osterkommunion.
Die Päpste bekämpften die staufische Verbindung von Kaiserreich und Sizilien, weil sie eine Umklammerung des Kirchenstaats fürchteten. Innozenz IV. setzte Friedrich II. 1245 ab. Im 13. Jahrhundert wurden Inquisition und Ketzerverfolgung ausgeweitet; Innozenz IV. erlaubte in Ad extirpanda Folter zur Erzwingung von Geständnissen. Bonifatius VIII. formulierte 1302 in Unam Sanctam eine Maximalforderung: Geistliche und weltliche Gewalt seien dem Papst anvertraut. Gegen den französischen König Philipp IV. konnte er sich politisch aber nicht behaupten.
Avignon, Schisma, Renaissance und Reformation
Von 1309 bis 1376/1377 residierten die Päpste in Avignon. Die Lage erleichterte Verwaltung und Finanzwesen, doch der Kirchenstaat entzog sich weitgehend der Kontrolle. Johannes XXII. organisierte die päpstlichen Einnahmen systematisch. Dazu gehörten Annaten und Servitien bei der Vergabe von Pfründen, Interkalarfrüchte aus vakanten Pfründen, Spolien als Nachlässe hoher Kleriker und Gebühren für Exspektanzen, also Zusagen für künftige Ämter.
Nach der Rückkehr nach Rom 1377 begann das Große Abendländische Schisma. Urban VI. wurde 1378 in Rom gewählt, später aber von Kardinälen für ungültig erklärt; sie wählten Clemens VII. in Avignon. Europa teilte sich zwischen beiden Obödienzen. Das Konzil von Pisa verschärfte die Lage 1409 zunächst, weil nun drei Päpste konkurrierten. Das Konzil von Konstanz (1414–1418) setzte Johannes XXIII. ab, Gregor XII. trat zurück, und Martin V. wurde 1417 zum allgemein anerkannten Papst gewählt. Der Konziliarismus, nach dem ein Konzil über dem Papst stehen sollte, scheiterte endgültig 1449 beim Konzil von Basel-Ferrara-Florenz.
In der Renaissance förderten Päpste Kunst und Bauprojekte, um Rom als Kulturmacht zu präsentieren. Der Neubau des Petersdoms begann am 18. April 1506. Die Kurie finanzierte sich unter anderem durch Kompositionen, formell freiwillige Zahlungen für Dispensen, und Ämterkauf. Die Ablasskampagne für den Petersdom beruhte auf dem Gedanken eines Gnadenschatzes, aus dem der Papst zeitliche Sündenstrafen erlassen könne. Martin Luther protestierte 1517 in seinen 95 Thesen gegen diese Praxis. Die Reformation führte zur Entstehung romunabhängiger Kirchen und schwächte die päpstliche Stellung in großen Teilen Europas nachhaltig.
Frühe Neuzeit bis zum Verlust des Kirchenstaats
Nach dem Konzil von Trient stärkten die Päpste ihre zentrale Leitung. Sie bestätigten tridentinische Beschlüsse, normierten Katechismus, Bibeltext und Kirchenrecht und gründeten Fachbehörden der Kurie. Die Gregorianische Kalenderreform von 1582 war ein sichtbares Zeichen päpstlicher Autorität. Zugleich wuchs der päpstliche Absolutismus; Kardinäle verloren Möglichkeiten zur Mitregierung. Die 1622 gegründete Congregatio de Propaganda Fide stellte das Papsttum an die Spitze der Weltmission.
Politisch verlor Rom seit dem 17. Jahrhundert an Einfluss. Die Ablehnung des Westfälischen Friedens 1648 durch Innozenz X. blieb folgenlos. Im 18. Jahrhundert besetzten fremde Truppen den Kirchenstaat mehrfach; Frankreich, Habsburg und Spanien beeinflussten Papstwahlen. Auf Druck Spaniens, Portugals und Frankreichs hob Clemens XIV. 1773 den Jesuitenorden auf.
Napoleon ließ den Kirchenstaat 1809 annektieren und nahm Pius VII. gefangen. Nach Napoleons Sturz stellte der Wiener Kongress 1815 den Kirchenstaat fast vollständig wieder her. Die Restauration schuf jedoch stärker auf Rom ausgerichtete Ortskirchen und eine ausgeprägte Papstverehrung. Im Kirchenstaat blieben Verwaltung, Wirtschaft und Freiheit problematisch; unter Gregor XVI. bestanden weder Presse- noch Religionsfreiheit.
Pius IX. begann 1846 mit begrenzten Reformen, schlug nach Revolution und Flucht aus Rom 1848/49 aber einen scharf antiliberalen Kurs ein. Er verkündete 1854 das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens und verurteilte 1864 im Syllabus errorum 80 moderne Irrlehren. Das Erste Vatikanische Konzil verabschiedete am 18. Juli 1870 Pastor Aeternus: Der Papst besitzt den gesamtkirchlichen Jurisdiktionsprimat und ist bei Ex-cathedra-Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehre unfehlbar. Kurz darauf, am 20. September 1870, besetzten italienische Truppen Rom; der Kirchenstaat endete.
Leo XIII. richtete das Papsttum neu aus. Rerum Novarum (1891) begründete die Katholische Soziallehre mit einem Mittelweg zwischen liberalem Individualismus und sozialistischem Kollektivismus. Zugleich profilierte sich der Papst zunehmend als moralische Stimme und Vermittler in internationalen Konflikten.
Weltkirche, Konzil und Gegenwart
Im 20. Jahrhundert wurde das Papsttum stärker international. Benedikt XV. leitete 1919 mit Maximum illud eine Abkehr vom Kolonialismus in der Mission ein. Pius XI. schloss 1929 die Lateranverträge mit Italien: Sie gründeten den souveränen Staat der Vatikanstadt, eine absolute Wahlmonarchie. Pius XI. kritisierte 1937 Nationalsozialismus in Mit brennender Sorge und Kommunismus in Divini redemptoris.
In beiden Weltkriegen verstand sich das Papsttum als überparteilich, also nicht als neutral im engeren Sinn, sondern als dem universalen Auftrag der Kirche verpflichtet. Benedikt XV. forderte 1917 in Dès le début Abrüstung, Schiedsgerichte, Verzicht auf Reparationen und Rückzug von Besatzungstruppen. Pius XII. versuchte im Zweiten Weltkrieg diese Überparteilichkeit zu bewahren. Seine Haltung zum Holocaust ist historisch umstritten: Kritiker betonen sein öffentliches Schweigen, während andere auf stille Hilfsmaßnahmen verweisen; die Zahl durch päpstliches Eingreifen Geretteter lässt sich nicht feststellen.
Johannes XXIII. berief 1959 das Zweite Vatikanische Konzil ein, das 1962 eröffnet wurde. Sein Leitgedanke war Pastoralität, also ein vorwiegend seelsorglich ausgerichtetes Lehramt. Paul VI. führte das Konzil zu Ende. Lumen gentium (1964) betonte die Kollegialität der Bischöfe und verstand das Petrusamt als Prinzip der Einheit und Gemeinschaft. Die Konzilszeit verstärkte Ökumene, Religionsfreiheit und die internationale Sichtbarkeit des Papstamts.
Nach dem Konzil vereinfachte Paul VI. das Zeremoniell, hielt aber am Pflichtzölibat im lateinischen Ritus fest und verbot 1968 in Humanae vitae künstliche Empfängnisverhütung. Johannes Paul II., seit 1978 der erste nichtitalienische Papst seit 1523, nutzte 104 Auslandsreisen und Weltjugendtage zur weltweiten Präsenz der Kirche. Benedikt XVI. setzte auf liturgische Tradition und verschärfte das kirchliche Strafrecht gegen sexuellen Missbrauch; sein Rücktritt 2013 war ein Novum der jüngeren Papstgeschichte.
Franziskus, seit 2013 der erste Jesuit und erste Südamerikaner im Papstamt, betonte Barmherzigkeit, soziale Verantwortung, Schutz der Schöpfung und eine globale Ethik. Er reformierte die Kurie, erhöhte finanzielle Transparenz und ermöglichte die Leitung der 16 Dikasterien durch Laien, auch Frauen. Nach seinem Tod am Ostermontag 2025 wurde Robert Francis Prevost zu Leo XIV. gewählt.