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Wolfgang Klafki
Fünf didaktische Grundfragen (Didaktische Analyse) · Exemplarische Bedeutung des Inhalts („Was können die Schüler mit dem heute Gelernten anfangen?
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Grundidee
Wolfgang Klafki (1. September 1927 bis 24. August 2016) war ein deutscher Erziehungswissenschaftler. Er prägte die Didaktik, also die Theorie des Lehrens und Lernens, sowie Bildungsreformen besonders seit Beginn der 1970er Jahre. Im Mittelpunkt seiner Ansätze steht nicht bloß Fachwissen, sondern die Bildung des Menschen zu Selbst- und Mitbestimmung.
Klafki entwickelte zunächst die bildungstheoretische Didaktik und später die kritisch-konstruktive Didaktik. Seine Didaktische Analyse beeinflusste die Ausbildung von Lehrkräften seit Ende der 1950er Jahre stark. Sie soll jedoch nicht schematisch für jede einzelne Unterrichtsstunde benutzt werden, sondern hilft bei größeren Zusammenhängen, etwa bei Bildungsplänen oder der Planung eines Schuljahres.
Kategoriale Bildung
Klafki setzte sich mit zwei gegensätzlichen Bildungskonzepten auseinander. Materiale Bildung betont wichtige Bildungsinhalte, die Schülerinnen und Schüler lernen sollen. Formale Bildung betont wichtige Verhaltens- und Handlungsformen. Die kategoriale Bildung verbindet beide Seiten: Ein Inhalt ist nur dann gerechtfertigt, wenn er zugleich einen gegenständlichen Wert und einen formalen Bildungsgehalt besitzt.
Nicht jeder Inhalt hat deshalb automatisch Bildungsgehalt. Für die Auswahl nennt Klafki drei Prinzipien:
- Das Elementare sind einfache, grundlegende Sachverhalte, die über sich hinausweisen.
- Das Fundamentale sind Grunderfahrungen und grundlegende Einsichten bei der Wahrnehmung der Welt.
- Das Exemplarische ist ein typischer Einzelfall, der für größere Bereiche eines Sachgebiets mit gleicher Struktur steht.
Didaktische Analyse
Bei der Unterrichtsvorbereitung soll die Lehrkraft klären, welchen Wert ein Inhalt für die Lernenden hat. Klafkis fünf Leitfragen sind:
- Exemplarische Bedeutung: Auf welchen allgemeinen Sachverhalt oder welches allgemeine Problem verweist der konkrete Inhalt?
- Gegenwartsbedeutung: Welche Bedeutung hat der Inhalt heute im Leben der Schülerinnen und Schüler, und welche sollte er pädagogisch gesehen haben?
- Zukunftsbedeutung: Worin liegt seine Bedeutung für die Zukunft der Lernenden?
- Struktur des Inhalts: Wie ist der Inhalt aufgebaut?
- Zugänglichkeit und Darstellbarkeit: Durch welche Fälle, Phänomene, Situationen oder Versuche wird die Struktur für diese Lerngruppe verständlich und anschaulich?
1985 ergänzte Klafki den Punkt „Erweisbarkeit und Überprüfbarkeit“. Leistungskontrollen sind dabei nur eine besonders zu rechtfertigende Form der Überprüfung.
Kritisch-konstruktive Didaktik und Allgemeinbildung
Klafki entwickelte seine Didaktik weiter, nachdem sie unter anderem als methodisch zu wenig ausgearbeitet („Feiertagsdidaktik“) und politisch als zu konservativ kritisiert worden war. Kritisch-konstruktiv heißt sein Ansatz, weil er nicht nur innerhalb vorgegebener schulischer und curricularer Bedingungen plant, sondern Verbesserungen von Lehr- und Lernprozessen ermitteln, entwerfen und erproben will. Er ist keine konstruktivistische Didaktik.
Allgemeinbildung hat für Klafki drei Bedeutungen, in Anknüpfung an Johann Amos Comenius: Sie ist „für alle“ und verlangt Chancengleichheit; sie ist „allseitig“ und umfasst kognitives, soziales und emotionales, ergebnis- wie prozessorientiertes Lernen; und sie geschieht „durch das Allgemeine“, also durch die Auseinandersetzung mit epochaltypischen Schlüsselproblemen.
Ziel sind drei Grundfähigkeiten: Selbstbestimmungsfähigkeit für persönliche Lebensbeziehungen und Sinndeutungen, Mitbestimmungsfähigkeit zur verantwortlichen Teilhabe an gesellschaftlich-politischen Verhältnissen sowie Solidaritätsfähigkeit. Solidarität bedeutet, für die Rechte von Menschen einzutreten, die diese Rechte nicht haben.
Zu den veränderbaren und nicht vollständigen Schlüsselproblemen gehören Frieden, Umwelt, Interkulturalität und Leben in der einen Welt, Technikfolgen, Demokratisierung, Verteilungsgerechtigkeit und gesellschaftlich produzierte Ungleichheit, Gleichberechtigung/Menschenrechte sowie personale Beziehungen und Glücksfähigkeit. Über diese Themen hinaus sollen Kritik- und Selbstkritikfähigkeit, Argumentationsfähigkeit, Empathie und „vernetzendes Denken“ entwickelt werden.
Unterricht planen und Wirkung
Für die kritisch-konstruktive Unterrichtsplanung formulierte Klafki sieben Aspekte und ergänzte sie durch eine Bedingungsanalyse. Diese untersucht die Lerngruppe, ihre soziokulturellen Ausgangsbedingungen, die Voraussetzungen der Lehrkraft und mögliche Schwierigkeiten.
Die ersten drei Aspekte bilden die Begründungsproblematik: Gegenwarts-, Zukunfts- und exemplarische Bedeutung eines Themas müssen zusammen betrachtet werden. Es folgen die thematische Struktur mit nötigen Vorkenntnissen, Kontexten und Teillernzielen sowie die Erweisbarkeit: An Fähigkeiten, Erkenntnissen, Handlungsformen und Leistungen soll erkennbar werden, ob Lernschritte gelungen sind. Auch die Lernenden sollen zunehmend ihren eigenen Lernprozess anhand eingesehener Ziele beurteilen.
Der sechste Aspekt betrifft die für die Lerngruppe passende Zugänglichkeit und Darstellung. Der siebte plant die methodische Struktur des Lehr-Lern-Prozesses als schrittweise Abfolge. Methoden sollen nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch soziale Lernprozesse anregen.
Klafki prägte außerdem Curriculumreformen, das Marburger Grundschulprojekt, die Gesamschulentwicklung und die Arbeitslehre. Seine Ansätze wirkten in zahlreiche Fachdidaktiken hinein; im Sachunterricht forderte er ein integratives Fach, das sich an gesellschaftlichen Problemen, allgemeinen Bildungsinhalten, Schlüsselproblemen und deren Zugänglichkeit für Kinder orientiert.