Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Theodor Litt

Theodor Litt (* 27. Dezember 1880 in Düsseldorf; † 16. Juli 1962 in Bonn) war ein deutscher Kultur- und Sozialphilosoph und Pädagoge. Das Grab von Theodor …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Dialektik, Geschichte und menschliche Welt
  3. 3. Mensch, Welt und Bildung
  4. 4. Schule, Demokratie und Unterricht
  5. 5. Rolle der Lehrkräfte und Freiheit der Lernenden

Bedeutung und Lebensweg

Theodor Litt (27. Dezember 1880 in Düsseldorf–16. Juli 1962 in Bonn) war ein deutscher Kultur- und Sozialphilosoph sowie Pädagoge. Er entwickelte eine Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie, in deren Mittelpunkt die spannungsvollen Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft, Mensch und Welt sowie Vernunft und Leben stehen. Seine geisteswissenschaftliche Pädagogik ging von der Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts aus und wirkte über seinen Schüler Wolfgang Klafki bis in die Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre hinein.

Litt studierte Philosophie, Geschichte und klassische Philologie in Bonn und Berlin und wurde 1904 mit einer lateinischen Dissertation in Altphilologie promoviert. Nach Tätigkeiten als Lehrer und im preußischen Kultusministerium wurde er 1919 außerordentlicher Professor für Pädagogik in Bonn. 1920 übernahm er den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Universität Leipzig; 1931–1932 war er dort Rektor.

Als Rektor setzte er sich für die Unabhängigkeit der Universität ein. Seine Ablehnung vernunftwidriger, organologischer und romantischer Ideologien brachte ihn in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Zugleich wird er unter den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat vom 11. November 1933 genannt. Nach Störungen seiner Vorlesungen und einem Vortragsverbot erreichte Litt 1937 seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. 1938 wandte er sich in Der deutsche Geist und das Christentum gegen Alfred Rosenbergs antisemitischen Mythus des 20. Jahrhunderts. 1944 wurde ihm auch das Vortragen in der Sächsischen Akademie untersagt.

Nach 1945 beteiligte Litt sich an der demokratischen Reform der Universität Leipzig. Wegen eines Konflikts mit der SED wechselte er an die Universität Bonn, gründete dort das Institut für Erziehungswissenschaften und leitete es bis zu seinem Tod. Seine letzte Schrift Freiheit und Lebensordnung von 1962 behandelte erneut Demokratie und totalitäre Herrschaft.

Dialektik, Geschichte und menschliche Welt

Litts Denken war dialektisch: Gegensätze sollten nicht einseitig aufgelöst, sondern in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Prägend waren unter anderem Kant, Herder, Hegel, Georg Simmel, Wilhelm Dilthey, Ernst Cassirer und Edmund Husserl. Litt bezeichnete seinen Ansatz als Kulturpädagogik. Zu den grundlegenden Antinomien – also nicht einfach auflösbaren Gegensätzen – gehören Individuum und Gemeinschaft, Vernunft und Leben sowie subjektiver Geist, die einzelne Person, und objektiver Geist, die von Menschen geschaffene geistige und kulturelle Welt.

Geschichte bedeutete für Litt nicht nur Vergangenheit. Er definierte sie als „kulturelle Gesamtlage“: als Gesamtheit dessen, was Menschen gemeinschaftlich durch Denken, Handeln und Herstellen geschaffen haben, einschließlich der von ihnen gestalteten Zukunft. Erziehung ist deshalb auf den Zusammenhang der menschlich-gesellschaftlichen beziehungsweise geistigen Welt gerichtet. Diese Welt bildet jedoch keine tatsächlich vorhandene harmonische Einheit; sie enthält Ungleichheiten, Trennungen und Verschiedenheiten, weil menschliche Handlungen unterschiedliche Absichten und Ziele verfolgen.

Solche Spannungen beruhen nach Litt auf der dialektischen Grundstruktur des menschlichen Seins. Psychologische Maßnahmen können sie erklären, aber nicht von außen beseitigen. Auch Erziehende sind in diese Widersprüche eingebunden. Deshalb genügt weder ein lenkendes Eingreifen, das alle Spannungen auflösen will, noch ein bloßes natürliches Wachsenlassen, das eine von selbst zweckmäßige Entwicklung voraussetzt.

Die Natur enthält für Litt kein „Sollen“, also keine von sich aus vorgegebene moralische oder sinnvolle Ordnung. Der menschliche Geist strebt jedoch nach Zusammenhang und versucht, Gegensätze durch selbstständige Denkarbeit zu einer Synthese zusammenzuführen. Erziehung kann daher nur im Hinblick auf ein solches „Sollen“ verstanden werden: Widersprüche müssen anerkannt und durch geistige Anstrengung kontrolliert und miteinander vermittelt werden.

Mensch, Welt und Bildung

Mensch und Welt erschließen und formen sich nach Litt gegenseitig. Das Individuum darf nicht hinter einer übergeordneten Weltordnung verschwinden. Objektive Gehalte – etwa Wissenschaft, Technik, Arbeitswelt, Sitten und Gesetze – werden erst bildend, wenn eine Person sie in ihr eigenes Leben aufnimmt. Zugleich trifft die Willkür des Einzelnen an den gemeinsam geltenden Verbindlichkeiten ihre Grenze. Die Welt besitzt damit „Weltbildungscharakter“: Der Mensch schafft und verändert sie, während ihre Inhalte als „bildende Mächte“ auf ihn zurückwirken.

Litt lehnte ein allgemein verbindliches Bildungsideal ab. Religion, Wissenschaft, Kunst und Moral können zwar dauerhaft bildenden Charakter besitzen; Bildung darf jedoch keinem fertigen politischen oder religiösen Menschenbild folgen. Ihr Ziel ist vielmehr die Selbstformung eines freien Geistes, der sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt selbst erkennt.

Weil Kulturen viele mögliche Inhalte bereitstellen, muss die Pädagogik deren Bildungswert prüfen. Ein Kulturgut ist nicht automatisch ein Bildungsgut: Es muss zur inneren Entwicklung junger Menschen passen und für eine Zielgruppe mit vergleichbarer Denkweise sowie entsprechendem Alter und entsprechenden Begabungen präzisiert werden. Kein Inhalt kann unabhängig von seinem kulturellen und lebensgeschichtlichen Zusammenhang allgemeine Gültigkeit beanspruchen.

Bildung soll Menschen dazu befähigen, sich selbst und ihre Beziehungen zu ordnen. Besonders die sachliche Ordnung der Arbeit kann menschliches Wachstum fördern. Da die Familie nach Litt nicht mehr alle für den Alltag nötigen Fähigkeiten vermitteln kann, übernimmt die Schule zusätzliche Verantwortung für Alltagstauglichkeit und Eigenverantwortung. Eine vollständige Trennung zwischen Erziehung und der Berufs- und Erwachsenenwelt ist deshalb nicht möglich.

Neben klassischen Kulturgütern von „zeitloser Bedeutung“, den Bildungswerten, muss Schule auch Vitalwerte berücksichtigen: wirkliche Lebensforderungen und soziale Anforderungen. Zwischen Bildungs- und Vitalwerten bleibt ein unauflösbares Spannungsverhältnis bestehen, das ausgehalten werden muss.

Schule, Demokratie und Unterricht

Litt wollte tages- und parteipolitische Kontroversen aus dem Unterricht heraushalten und die Schule vor ideologischer Vereinnahmung schützen. Dennoch befürwortete er die Erziehung zur Demokratie. Die Schule soll Geistigkeit und Moralität stärken und die „Bildungssolidarität der Generationen“ weitergeben. Ihr erhaltender Charakter sorgt auch in gesellschaftlichen Umbrüchen für Beständigkeit.

Litt lehnte die Einheitsschule kategorisch ab und verteidigte ein gegliedertes Schulsystem sowie unterschiedliche gymnasiale Ausbildungsrichtungen mit jeweils eigenem Kerngehalt. Höhere Schulen sollten leistungsstarken Schülerinnen und Schülern eine anspruchsvolle Ausbildung ermöglichen. An Berufsschulen dürfe die Spezialisierung nicht dazu führen, dass Allgemeinbildung und soziale sowie geistige Grundfähigkeiten vernachlässigt werden. Kultur und Geschichte sollten dort in einen zur jeweiligen Berufssparte passenden Zusammenhang gestellt werden. Verständnis und Respekt betrachtete Litt als wichtige Mittel gegen schwere Menschenrechtsverletzungen.

Unterricht und Erziehung sind für Litt untrennbar: Jeder Unterricht besitzt eine erzieherische Wirkung. Beständiger, sachgerechter Unterricht soll Sachlichkeit, Arbeitsmoral und Pflichterfüllung fördern. Lehrkräfte sollen solche Werte vermitteln, ohne Schülerinnen und Schüler unmittelbar nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Ebenso hängen Intellekt und Charakter sowie Wissen und Bildung zusammen. Wissen ist immer auch eine Einschätzung der Lage; angemessenes Handeln setzt voraus, dass Wissen und Gewissen zusammenwirken.

Rolle der Lehrkräfte und Freiheit der Lernenden

Litt nahm an, dass es einzelne „geborene Erzieher“ mit besonderer Begabung gebe. Die meisten Lehrkräfte müssten jedoch Unterrichtsmethoden und pädagogische Verfahren erlernen. Er verlangte Beständigkeit, eine klare pädagogische Formgebung sowie systematisches und planmäßiges Vorgehen.

Pädagogische Theorie soll nicht einfach praktische Rezepte liefern. Sie soll Lehrkräften ein „geschichtliches Standortbewusstsein“ und damit die „Weite des geistigen Horizontes“ vermitteln. Dadurch können sie die kulturellen Kräfte hinter den Unterrichtsinhalten verstehen und zeitgenössische Erscheinungen kritisch prüfen. Zugleich soll die Theorie ihre pädagogische Selbstbestimmung stärken, die auf innerer Freiheit und Pflichtbewusstsein beruht. Gute Lehrkräfte beherrschen sich selbst, ergreifen in Streitfragen nicht vorschnell Partei und suchen bei grundlegenden Lebensfragen eine gemeinsame Ebene.

Schülerinnen und Schüler dürfen nicht frühzeitig auf die Weltanschauung der älteren Generation festgelegt werden. Sie sollen ihr eigenes Zukunftsbild entwickeln können. Dafür müssen Lehrkräfte tolerant sein und ihre persönlichen Wünsche zurückhalten. Ihre Aufgabe besteht darin, zwischen „Ich“ und „Welt“ zu vermitteln und objektive kulturelle Inhalte zugänglich zu machen.

Litt verbindet dabei die beiden Seiten seines bekannten pädagogischen Grundproblems „Führen oder Wachsenlassen“. Bloßes Wachsenlassen – also nur Bedürfnisse, Vorlieben und Interessen eines Kindes zu beobachten und zu fördern – reicht nicht aus. Zur Erziehung gehört auch Führung durch die Auseinandersetzung mit objektiven Inhalten, die Alter und Begabungen entsprechen. Diese Verbindung ermöglicht den wechselseitigen Erschließungsprozess von Mensch und Welt und damit Bildung, ohne die persönliche Entscheidungsfreiheit zu beseitigen.

Weiterlesen

Wilhelm Dilthey Wilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, Südtirol) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph. Ernst Cassirer Ernst Alfred Cassirer (* 28. Juli 1874 in Breslau; † 13. April 1945 in New York) war ein deutscher Philosoph aus der Familie Cassirer. Wolfgang Klafki Fünf didaktische Grundfragen (Didaktische Analyse) · Exemplarische Bedeutung des Inhalts („Was können die Schüler mit dem heute Gelernten anfangen? Bildungsreform Von einer Bildungsreform spricht man im deutschen Sprachraum dann, wenn Sektoren des Bildungswesens nach einem übergreifenden Konzept umgestaltet werden. Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Nationalsozialismus Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919 … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Sozialistische Einheitspartei Deutschlands Die SED war eine „Partei neuen Typs“ ohne innerparteiliche Demokratie. Sie wurde vom Politbüro geführt. Dieses war im Sinne des sogenannten demokratischen … Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Dissertation Als Sprachen sind in vielen deutschen Promotionsordnungen Deutsch und Englisch gleichermaßen zugelassen, weitere Sprachen sind je nach Fachgebiet möglich. Antisemitismus Als Antisemitismus werden heute alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Der Ausdruck entstand 1879 als … Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht …