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Theodor Litt
Theodor Litt (* 27. Dezember 1880 in Düsseldorf; † 16. Juli 1962 in Bonn) war ein deutscher Kultur- und Sozialphilosoph und Pädagoge. Das Grab von Theodor …
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Bedeutung und Lebensweg
Theodor Litt (27. Dezember 1880 in Düsseldorf–16. Juli 1962 in Bonn) war ein deutscher Kultur- und Sozialphilosoph sowie Pädagoge. Er entwickelte eine Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie, in deren Mittelpunkt die spannungsvollen Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft, Mensch und Welt sowie Vernunft und Leben stehen. Seine geisteswissenschaftliche Pädagogik ging von der Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts aus und wirkte über seinen Schüler Wolfgang Klafki bis in die Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre hinein.
Litt studierte Philosophie, Geschichte und klassische Philologie in Bonn und Berlin und wurde 1904 mit einer lateinischen Dissertation in Altphilologie promoviert. Nach Tätigkeiten als Lehrer und im preußischen Kultusministerium wurde er 1919 außerordentlicher Professor für Pädagogik in Bonn. 1920 übernahm er den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik an der Universität Leipzig; 1931–1932 war er dort Rektor.
Als Rektor setzte er sich für die Unabhängigkeit der Universität ein. Seine Ablehnung vernunftwidriger, organologischer und romantischer Ideologien brachte ihn in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Zugleich wird er unter den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat vom 11. November 1933 genannt. Nach Störungen seiner Vorlesungen und einem Vortragsverbot erreichte Litt 1937 seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. 1938 wandte er sich in Der deutsche Geist und das Christentum gegen Alfred Rosenbergs antisemitischen Mythus des 20. Jahrhunderts. 1944 wurde ihm auch das Vortragen in der Sächsischen Akademie untersagt.
Nach 1945 beteiligte Litt sich an der demokratischen Reform der Universität Leipzig. Wegen eines Konflikts mit der SED wechselte er an die Universität Bonn, gründete dort das Institut für Erziehungswissenschaften und leitete es bis zu seinem Tod. Seine letzte Schrift Freiheit und Lebensordnung von 1962 behandelte erneut Demokratie und totalitäre Herrschaft.
Dialektik, Geschichte und menschliche Welt
Litts Denken war dialektisch: Gegensätze sollten nicht einseitig aufgelöst, sondern in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Prägend waren unter anderem Kant, Herder, Hegel, Georg Simmel, Wilhelm Dilthey, Ernst Cassirer und Edmund Husserl. Litt bezeichnete seinen Ansatz als Kulturpädagogik. Zu den grundlegenden Antinomien – also nicht einfach auflösbaren Gegensätzen – gehören Individuum und Gemeinschaft, Vernunft und Leben sowie subjektiver Geist, die einzelne Person, und objektiver Geist, die von Menschen geschaffene geistige und kulturelle Welt.
Geschichte bedeutete für Litt nicht nur Vergangenheit. Er definierte sie als „kulturelle Gesamtlage“: als Gesamtheit dessen, was Menschen gemeinschaftlich durch Denken, Handeln und Herstellen geschaffen haben, einschließlich der von ihnen gestalteten Zukunft. Erziehung ist deshalb auf den Zusammenhang der menschlich-gesellschaftlichen beziehungsweise geistigen Welt gerichtet. Diese Welt bildet jedoch keine tatsächlich vorhandene harmonische Einheit; sie enthält Ungleichheiten, Trennungen und Verschiedenheiten, weil menschliche Handlungen unterschiedliche Absichten und Ziele verfolgen.
Solche Spannungen beruhen nach Litt auf der dialektischen Grundstruktur des menschlichen Seins. Psychologische Maßnahmen können sie erklären, aber nicht von außen beseitigen. Auch Erziehende sind in diese Widersprüche eingebunden. Deshalb genügt weder ein lenkendes Eingreifen, das alle Spannungen auflösen will, noch ein bloßes natürliches Wachsenlassen, das eine von selbst zweckmäßige Entwicklung voraussetzt.
Die Natur enthält für Litt kein „Sollen“, also keine von sich aus vorgegebene moralische oder sinnvolle Ordnung. Der menschliche Geist strebt jedoch nach Zusammenhang und versucht, Gegensätze durch selbstständige Denkarbeit zu einer Synthese zusammenzuführen. Erziehung kann daher nur im Hinblick auf ein solches „Sollen“ verstanden werden: Widersprüche müssen anerkannt und durch geistige Anstrengung kontrolliert und miteinander vermittelt werden.
Mensch, Welt und Bildung
Mensch und Welt erschließen und formen sich nach Litt gegenseitig. Das Individuum darf nicht hinter einer übergeordneten Weltordnung verschwinden. Objektive Gehalte – etwa Wissenschaft, Technik, Arbeitswelt, Sitten und Gesetze – werden erst bildend, wenn eine Person sie in ihr eigenes Leben aufnimmt. Zugleich trifft die Willkür des Einzelnen an den gemeinsam geltenden Verbindlichkeiten ihre Grenze. Die Welt besitzt damit „Weltbildungscharakter“: Der Mensch schafft und verändert sie, während ihre Inhalte als „bildende Mächte“ auf ihn zurückwirken.
Litt lehnte ein allgemein verbindliches Bildungsideal ab. Religion, Wissenschaft, Kunst und Moral können zwar dauerhaft bildenden Charakter besitzen; Bildung darf jedoch keinem fertigen politischen oder religiösen Menschenbild folgen. Ihr Ziel ist vielmehr die Selbstformung eines freien Geistes, der sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt selbst erkennt.
Weil Kulturen viele mögliche Inhalte bereitstellen, muss die Pädagogik deren Bildungswert prüfen. Ein Kulturgut ist nicht automatisch ein Bildungsgut: Es muss zur inneren Entwicklung junger Menschen passen und für eine Zielgruppe mit vergleichbarer Denkweise sowie entsprechendem Alter und entsprechenden Begabungen präzisiert werden. Kein Inhalt kann unabhängig von seinem kulturellen und lebensgeschichtlichen Zusammenhang allgemeine Gültigkeit beanspruchen.
Bildung soll Menschen dazu befähigen, sich selbst und ihre Beziehungen zu ordnen. Besonders die sachliche Ordnung der Arbeit kann menschliches Wachstum fördern. Da die Familie nach Litt nicht mehr alle für den Alltag nötigen Fähigkeiten vermitteln kann, übernimmt die Schule zusätzliche Verantwortung für Alltagstauglichkeit und Eigenverantwortung. Eine vollständige Trennung zwischen Erziehung und der Berufs- und Erwachsenenwelt ist deshalb nicht möglich.
Neben klassischen Kulturgütern von „zeitloser Bedeutung“, den Bildungswerten, muss Schule auch Vitalwerte berücksichtigen: wirkliche Lebensforderungen und soziale Anforderungen. Zwischen Bildungs- und Vitalwerten bleibt ein unauflösbares Spannungsverhältnis bestehen, das ausgehalten werden muss.
Schule, Demokratie und Unterricht
Litt wollte tages- und parteipolitische Kontroversen aus dem Unterricht heraushalten und die Schule vor ideologischer Vereinnahmung schützen. Dennoch befürwortete er die Erziehung zur Demokratie. Die Schule soll Geistigkeit und Moralität stärken und die „Bildungssolidarität der Generationen“ weitergeben. Ihr erhaltender Charakter sorgt auch in gesellschaftlichen Umbrüchen für Beständigkeit.
Litt lehnte die Einheitsschule kategorisch ab und verteidigte ein gegliedertes Schulsystem sowie unterschiedliche gymnasiale Ausbildungsrichtungen mit jeweils eigenem Kerngehalt. Höhere Schulen sollten leistungsstarken Schülerinnen und Schülern eine anspruchsvolle Ausbildung ermöglichen. An Berufsschulen dürfe die Spezialisierung nicht dazu führen, dass Allgemeinbildung und soziale sowie geistige Grundfähigkeiten vernachlässigt werden. Kultur und Geschichte sollten dort in einen zur jeweiligen Berufssparte passenden Zusammenhang gestellt werden. Verständnis und Respekt betrachtete Litt als wichtige Mittel gegen schwere Menschenrechtsverletzungen.
Unterricht und Erziehung sind für Litt untrennbar: Jeder Unterricht besitzt eine erzieherische Wirkung. Beständiger, sachgerechter Unterricht soll Sachlichkeit, Arbeitsmoral und Pflichterfüllung fördern. Lehrkräfte sollen solche Werte vermitteln, ohne Schülerinnen und Schüler unmittelbar nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Ebenso hängen Intellekt und Charakter sowie Wissen und Bildung zusammen. Wissen ist immer auch eine Einschätzung der Lage; angemessenes Handeln setzt voraus, dass Wissen und Gewissen zusammenwirken.
Rolle der Lehrkräfte und Freiheit der Lernenden
Litt nahm an, dass es einzelne „geborene Erzieher“ mit besonderer Begabung gebe. Die meisten Lehrkräfte müssten jedoch Unterrichtsmethoden und pädagogische Verfahren erlernen. Er verlangte Beständigkeit, eine klare pädagogische Formgebung sowie systematisches und planmäßiges Vorgehen.
Pädagogische Theorie soll nicht einfach praktische Rezepte liefern. Sie soll Lehrkräften ein „geschichtliches Standortbewusstsein“ und damit die „Weite des geistigen Horizontes“ vermitteln. Dadurch können sie die kulturellen Kräfte hinter den Unterrichtsinhalten verstehen und zeitgenössische Erscheinungen kritisch prüfen. Zugleich soll die Theorie ihre pädagogische Selbstbestimmung stärken, die auf innerer Freiheit und Pflichtbewusstsein beruht. Gute Lehrkräfte beherrschen sich selbst, ergreifen in Streitfragen nicht vorschnell Partei und suchen bei grundlegenden Lebensfragen eine gemeinsame Ebene.
Schülerinnen und Schüler dürfen nicht frühzeitig auf die Weltanschauung der älteren Generation festgelegt werden. Sie sollen ihr eigenes Zukunftsbild entwickeln können. Dafür müssen Lehrkräfte tolerant sein und ihre persönlichen Wünsche zurückhalten. Ihre Aufgabe besteht darin, zwischen „Ich“ und „Welt“ zu vermitteln und objektive kulturelle Inhalte zugänglich zu machen.
Litt verbindet dabei die beiden Seiten seines bekannten pädagogischen Grundproblems „Führen oder Wachsenlassen“. Bloßes Wachsenlassen – also nur Bedürfnisse, Vorlieben und Interessen eines Kindes zu beobachten und zu fördern – reicht nicht aus. Zur Erziehung gehört auch Führung durch die Auseinandersetzung mit objektiven Inhalten, die Alter und Begabungen entsprechen. Diese Verbindung ermöglicht den wechselseitigen Erschließungsprozess von Mensch und Welt und damit Bildung, ohne die persönliche Entscheidungsfreiheit zu beseitigen.