Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Martin Wagenschein

Experimentelle Untersuchung über das Mitschwingen einer Kugel in einer schwingenden Flüssigkeits- oder Gasmasse. · Bildung durch Naturwissenschaft.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und pädagogischer Ansatz
  2. 2. Ausbildung und Schuldienst
  3. 3. Lehre an Schulen und Hochschulen
  4. 4. Zentrale Schriften
  5. 5. Auszeichnungen

Bedeutung und pädagogischer Ansatz

Martin Wagenschein (* 3. Dezember 1896 in Gießen; † 3. April 1988 in Trautheim zu Mühltal) war ein deutscher Physiker und Pädagoge. Besonders wichtig wurde er für die Fachdidaktik, also die Lehre vom Unterrichten eines bestimmten Faches, in Mathematik und Naturwissenschaften.

Im Mittelpunkt seiner Arbeit stand die Frage, wie Schülerinnen und Schüler naturwissenschaftliche und mathematische Zusammenhänge wirklich verstehen können. Er entwickelte das repräsentative oder exemplarische Lernen: Statt möglichst viele Einzelthemen oberflächlich zu behandeln, sollen ausgewählte, besonders aussagekräftige Beispiele gründlich erschlossen werden. Dafür prägte er die Redewendung „Mut zur Lücke“. Später ordnete er das exemplarische Lernen dem genetischen Prinzip unter.

Wagenschein beschrieb seine Unterrichtsmethode mit den drei Begriffen „sokratisch, genetisch und exemplarisch“. Sokratisch bedeutet, dass Erkenntnisse in einem fragenden Unterrichtsgespräch entwickelt werden. Genetisch heißt, einen Gedanken oder Zusammenhang schrittweise entstehen zu lassen und seinen Erkenntnisweg nachzuvollziehen. Exemplarisch bedeutet, an einem sorgfältig gewählten Gegenstand allgemeine Einsichten zu gewinnen.

Ausbildung und Schuldienst

Von 1914 bis 1920 studierte Wagenschein Mathematik, Physik und Geographie in Gießen und Freiburg im Breisgau. Das Studium schloss er mit dem 1. Staatsexamen ab. 1921 promovierte er bei Walter König in Experimentalphysik. Seine Dissertation an der Universität Gießen trug den Titel „Experimentelle Untersuchung über das Mitschwingen einer Kugel in einer schwingenden Flüssigkeits- oder Gasmasse“.

Von 1920 bis 1921 arbeitete er als Hochschulassistent bei Walter König und half beim Aufbau von dessen Experimentalphysikvorlesung. Danach absolvierte er Lehramtsreferendariat und Probejahr; 1923 legte er das 2. Staatsexamen ab.

Von 1923 bis 1957 gehörte Wagenschein dem staatlichen Schuldienst an. Zwischen 1924 und 1933 war er jedoch, abgesehen von einer halbjährigen Unterbrechung, beurlaubt und unterrichtete an der Odenwaldschule von Paul Geheeb in Ober-Hambach. Diese Erfahrung beeinflusste ihn dauerhaft.

1933 trat er der NS-Volkswohlfahrt und dem NS-Lehrerbund bei, 1938 wurde er Mitglied der NSDAP. Im Entnazifizierungsverfahren von 1947 wurde er entlastet. Als Begründung wurde angeführt, er habe bei seinen Schülern „selbständiges Denken in jeder Hinsicht begünstigt“ und damit „einen starken aktiven Widerstand“ geleistet.

Lehre an Schulen und Hochschulen

Ab 1945 unterrichtete Wagenschein an einer Aufbauschule mit Internat in seinem Heimatort Traisa. Von 1947 bis 1952 war er Fachleiter für Physik am Studienseminar für Gymnasien Darmstadt. Zu den dortigen Referendaren gehörten Walter Jung und Horst Rumpf.

1949 erhielt Wagenschein am Pädagogischen Institut in Jugenheim an der Bergstraße einen Lehrauftrag für „Naturwissenschaftliche Erkenntnispsychologie“. Das Institut befand sich im Schloss Heiligenberg. Nachdem es 1963 gegen seinen Wunsch an die Hochschule für Erziehung in Frankfurt verlegt worden war, lehrte er dort bis 1972 „Didaktik der exakten Naturwissenschaften“.

Daneben hatte er von 1952 bis 1987 an der Technischen Hochschule Darmstadt einen Lehrauftrag für „Praktische Pädagogik“. Von 1956 bis 1978 war er außerdem Honorarprofessor in Tübingen.

Auf der Grundlage seiner Konzepte entwickelte Hans Christoph Berg, der Herausgeber von Wagenscheins Spätwerk „Naturphänomene sehen und verstehen“, die Lehrkunstdidaktik weiter. An ihrer Entwicklung war ab 1997 auch Wolfgang Klafki beteiligt.

Zentrale Schriften

Wagenscheins Veröffentlichungen verbinden naturwissenschaftliche Themen mit grundsätzlichen Fragen des Unterrichtens und Verstehens. Bereits „Bildung durch Naturwissenschaft“ (1930), „Naturwissenschaft und Bildung“ (1932/33) und „Zur erzieherischen Aufgabe des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“ (1933/34) behandelten den Bildungswert dieser Fächer.

Seine Vorstellung des exemplarischen Unterrichts erläuterte er besonders in „Das ‚exemplarische Lehren‘ als ein Weg zur Erneuerung der höheren Schule“, das auf einen Vortrag vom 26. November 1952 zurückging, sowie in „Zum Begriff des exemplarischen Lehrens“ von 1956. Am Satz des Pythagoras zeigte er 1960, wie exemplarisches Lehren auch als fächerverbindendes Prinzip dienen kann. Ein Unterrichtsbericht von 1949 behandelt den Satz Euklids über das Nicht-Abbrechen der Primzahlenreihe.

Zu seinen wichtigen Büchern zählen „Natur physikalisch gesehen“ (1953), „Die Erde unter den Sternen“ (1955), „Die Pädagogische Dimension der Physik“ (1962), „Ursprüngliches Verstehen und exaktes Denken“ in zwei Bänden (1965/70) und „Die Erfahrung des Erdballs“ (1967). Sein grundlegendes Werk „Verstehen lehren. Genetisch – Sokratisch – Exemplarisch“ erschien 1968. Gemeinsam mit Agnes Banholzer und Siegfried Thiel veröffentlichte er 1973 „Kinder auf dem Wege zur Physik“.

Weitere Titel verdeutlichen seine Konzentration auf anschauliche Erfahrungen und eigenständiges Denken: „Verdunkelndes Wissen? Naturwissenschaft und Allgemeinbildung heute“ (1965), „Zum Problem des Genetischen Lehrens“ (1965), „Entdeckung der Axiomatik“ (1974) und „Rettet die Phänomene!“ (1975). Hans Christoph Berg gab 1980 „Naturphänomene sehen und verstehen. Genetische Lehrgänge“ heraus. 1983 erschien mit „Erinnerungen für morgen“ Wagenscheins pädagogische Autobiographie.

Auszeichnungen

Wagenschein erhielt mehrere Auszeichnungen für seine pädagogische und fachliche Arbeit:

  • 1955 die Goethe-Plakette des Landes Hessen
  • 1969 den Pfaff-Preis für Initiativen im Bildungswesen
  • 1985 den Deutschen Sprachpreis
  • 1986 den Didaktik-Preis für Physik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Weiterlesen

Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Physiker Physiker arbeiten nicht selten in Berufsfeldern, die dem eigentlichen Physikstudium fremd sind (vgl. z. B. diese Liste bekannter Physiker in anderen … Mathematik An deutschen Universitäten gehört die Mathematik meistens zur selben Fakultät wie die Naturwissenschaften, und so wird Mathematikern nach der Promotion in der … Physik Die Arbeitsweise der Physik besteht in einem Zusammenwirken experimenteller Methoden und theoretischer Modellbildung. Physikalische Theorien bewähren sich in … Geographie Weitere sozialwissenschaftlich orientierte Bereiche der Geographie stellen die Bevölkerungsgeographie, die Bildungsgeographie und die Religionsgeographie dar. Staatsexamen Ein Staatsexamen (Plural Staatsexamina; von lateinisch examen ‚Verhör' oder ‚Untersuchung'; kurz Stex oder StEx; auch Staatsprüfung) ist eine von einer … Odenwaldschule Die Odenwaldschule (kurz OSO für Odenwaldschule Ober-Hambach) war ein Landerziehungsheim im Stadtteil Ober-Hambach der hessischen Stadt Heppenheim … Wolfgang Klafki Fünf didaktische Grundfragen (Didaktische Analyse) · Exemplarische Bedeutung des Inhalts („Was können die Schüler mit dem heute Gelernten anfangen? Annalen der Physik über die brownsche Bewegung: Über die von der molekulartheoretischen Theorie der Wärme geforderten Bewegung von in ruhenden Flüssigkeiten suspendierten Teilchen …