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Bildungsreform
Von einer Bildungsreform spricht man im deutschen Sprachraum dann, wenn Sektoren des Bildungswesens nach einem übergreifenden Konzept umgestaltet werden.
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Begriff und Grundidee
Eine Bildungsreform ist im deutschen Sprachraum die Umgestaltung von Sektoren des Bildungswesens nach einem übergreifenden Konzept. Meist besteht sie aus einem Bündel von Maßnahmen, das sich an einer Leitvorstellung orientiert und über längere Zeit umgesetzt wird.
Einzelne Neuerungen wie mehr Horte, früherer Fremdsprachenunterricht in der Grundschule oder eine kürzere Gymnasialzeit gelten für sich allein nicht als Bildungsreformen in diesem Sinn. Obwohl es im modernen Bildungswesen fast ständig Reformdebatten gibt, entsteht nur selten eine Phase, in der Fachleute, Öffentlichkeit und zuständige Politik eine gemeinsame Richtung so stark unterstützen, dass eine umfassende Bildungsreform tatsächlich erkennbar durchgesetzt wird.
Frühe Bildungsreformen bis zum 18. Jahrhundert
Am Anfang der dargestellten Entwicklung steht die Karolingische Bildungsreform im Frankenreich unter Karl dem Großen. Sie ist in der Admonitio generalis von 796 n. Chr. dokumentiert. Ziel war eine neue Hinwendung zur antiken Literatur, die christlich und dynastisch genutzt werden sollte. Eine breite Wirkung in der Bevölkerung erreichte diese Reform nicht.
Zu Beginn der Neuzeit veränderte der Renaissance-Humanismus die höhere Bildung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Im hohen und späten Mittelalter waren höhere Schulen vor allem kirchliche Lateinschulen, besonders Domschulen, und Bildung war stark von römisch-katholischer Theologie, scholastischer Philosophie und dem Wissensmonopol der Geistlichkeit geprägt. Ab dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts reformierte der Humanismus Fächer und Textgrundlagen, brachte ein neues Zeitverständnis ein und verstand Bildung als Mittel, soziale und politische Probleme zu bearbeiten.
Im 16. Jahrhundert wurden diese Impulse durch die Reformation und die konfessionellen Auseinandersetzungen stärker institutionalisiert und religiös gebunden. Philipp Melanchthon, der „praeceptor Germaniae“ oder „Lehrer Deutschlands“, setzte sich für bessere Bildung breiter Bevölkerungsschichten ein, damit Menschen die Bibel lesen konnten. Humanistische Schulen standen bereits unter kommunaler Aufsicht. Im katholischen Bereich entwickelten Jesuitenschulen mit Verzögerung ähnliche Reformwirkungen. Außerdem entstanden elitäre Landesschulen für ganze Territorien, etwa in Pforta, Meißen und Grimma.
Im 17. Jahrhundert forderten Reformer wie Johann Amos Comenius eine umfassende Allgemeinbildung für alle, auch für Arme, Bauern und Mädchen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden an vielen Orten Dorfschulnetze, auch um soziale Disziplin wiederherzustellen. Im 18. Jahrhundert führten die preußischen Könige mit dem Generaledikt 1717 und dem Generallandschulreglement 1763 stufenweise die allgemeine Schulpflicht ein. Sie wurde zunächst lückenhaft umgesetzt und musste Rücksicht auf Feldarbeit und später Fabrikarbeit von Kindern nehmen. Das Bildungswesen war stark geteilt: Elementarschulen für breite Bevölkerungsschichten hatten oft schlecht oder gar nicht ausgebildete Lehrkräfte, höhere Schulen dagegen universitär gebildete Lehrer oder Geistliche. Eine frühe Realschule eröffnete Johann Julius Hecker 1747 in Berlin.
Humboldt und das dreigliedrige Schulsystem
Die Humboldtsche Bildungsreform um 1810 begleitete eine starke Ausweitung der höheren Bildung. In Preußen wird die Zahl der Schüler an „gelehrten Schulen“ für das Ende des 18. Jahrhunderts auf etwa 16.000 Jungen geschätzt. Hundert Jahre später waren es etwa 150.000, 1930 bereits 300.000 Schüler und nun auch Schülerinnen.
Kern der Reform war das humanistische Gymnasium. Im Mittelpunkt standen Latein und Altgriechisch sowie Grundwissen über Geschichte und Philosophie des klassischen Altertums einschließlich Mathematik. Auch christliche Wertvorstellungen waren im protestantischen Preußen wichtig. Naturwissenschaften, Kunst, Musik und Sport spielten eine geringere Rolle, sollten die ganzheitliche Bildung aber ergänzen. Bildung sollte idealistisch verstanden werden, also nicht vor allem nach beruflicher Verwertbarkeit. Ein wichtiges Dokument war der Königsberger Schulplan von 1809. Humboldt wollte humanistische Bildung für Kinder aller Klassen, erreichte tatsächlich aber vor allem Ober- und ehrgeizige Mittelschichten; vieles blieb Planung.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich langsam das dreigliedrige Schulsystem aus Volksschule, Realschule und Gymnasium. Bis in die 1840er-Jahre war das System eher nach Altersstufen gegliedert: Vorschule, Schule und Gymnasium. Wichtige Wegmarken für die vertikale Gliederung waren das Abiturientenreglement 1834 und die Lehrplanreform 1837. Das Fremdsprachenangebot, besonders Latein und Griechisch, entschied darüber, ob der Weg zum Abitur offenblieb. Auch das Schulgeld spielte eine große Rolle: In Preußen kostete die Volksschule bis 1888 pro Kind und Jahr 10 Mark, weiterführende Schulen konnten bis zu 100 Mark kosten.
Die Volksschule vermittelte Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde und christliche Wertvorstellungen und dauerte acht Jahre. Die Mittel- oder Real(ien)schule bot naturwissenschaftliche Grundkenntnisse und gegebenenfalls eine oder zwei moderne Fremdsprachen. Sie bereitete eine mittlere Schicht von Angestellten und kleineren Beamten vor und dauerte mindestens neun Jahre. Das humanistische Gymnasium blieb einer schmalen Elite vorbehalten und bereitete auf das Universitätsstudium vor. Daneben entstanden Realgymnasium und Oberrealschule, die auf Altgriechisch verzichteten und stärker Naturwissenschaften oder moderne Sprachen betonten. Erst mit der preußischen Schulkonferenz 1900 wurden die drei Typen des Gymnasiums gleichberechtigt.
Reformpädagogik und Bundesrepublik
Die Reformpädagogik fasst verschiedene Ansätze zur Veränderung von Schule, Unterricht und Erziehung zusammen, die sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gegen Lebensferne und Autoritarismus der wilhelminischen „Paukschulen“ richteten. Wichtige Prinzipien waren Selbsttätigkeit der Schüler, freies Gespräch, Erlebnispädagogik, Schulgemeindepädagogik, praktische Tätigkeiten und Lernen durch Handeln. Manche Reformpädagogen verbanden liberale Grundhaltungen mit sozialem Engagement, andere dachten völkisch. Mit dem Nationalsozialismus endete ab 1933 die Reformbewegung für mehr Chancengleichheit und Selbstbestimmung. Insgesamt blieb sie trotz ihrer Bedeutung als Stimme der Kritik eine gesellschaftliche Randerscheinung und führte nicht zu einer tiefgreifenden Bildungsreform in Deutschland.
In der Bundesrepublik wurde die Bildungsreform der 1960er- und 1970er-Jahre durch mehrere Entwicklungen angestoßen. Nach 1945 studierten höchstens 8 % eines Altersjahrgangs, während der Großteil der Bevölkerung nur Volksschulbildung besaß. Georg Pichts Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ von 1964 verstärkte die öffentliche und politische Debatte. Bildungsexpansion wurde technisch-ökonomisch begründet, aber auch politisch mit Demokratisierung, etwa bei Ralf Dahrendorf. Durch die Studentenrevolte 1967/1968 kamen marxistische Emanzipationstheorien hinzu. Viele Menschen hofften auf „Aufstieg durch Bildung“, und auch Defizite der Frauenbildung wurden diskutiert.
Wichtige Maßnahmen waren das Hamburger Abkommen 1964 zur Reform und Vereinheitlichung der unteren Schulformen, der Hochschulausbau als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern, zahlreiche Hochschulneugründungen und das Bundesausbildungsförderungsgesetz von 1971. Dieses ermöglichte Schülern der gymnasialen Oberstufe, beruflichen Schulen und Studenten aus breiteren Bevölkerungsschichten bessere Bildungschancen. Das Berufsbildungsgesetz 1969 reformierte die Berufsausbildung; aus dem früheren Lehrling wurde der Auszubildende. Die Oberstufenreform ab 1972 sollte mit dem Kurssystem die wissenschaftspropädeutische, also auf wissenschaftliches Arbeiten vorbereitende, Funktion des Abiturs stärken.
Der „Öffnungsbeschluss“ für die Hochschulen von 1977 vergrößerte zwar den Zugang, führte aber auch zu überfüllten und unterfinanzierten Universitäten sowie zu komplizierten Zulassungsbeschränkungen. Mitte der 1970er-Jahre ließ der Reformeifer nach. Kritiker warfen der Reform eine „Bildungsinflation“ vor, während Linke ernüchtert feststellten, dass benachteiligte Unterschichtkinder am wenigsten profitiert hatten. Mit mehr Migrantenkindern stellten sich zudem neue Fragen an ein integratives Schulsystem.
Bildungsreform in der DDR
In der DDR wurde das Bildungssystem nach der Gründung 1949 und besonders mit der Bildungsreform von 1965 im „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ umgestaltet. Zentral war die ideologische Ausrichtung von Schule und Hochschule auf die sozialistische Ideologie.
Damit verbunden waren die Abschaffung des gegliederten Schulwesens, die Beteiligung der Freien Deutschen Jugend am Schulbetrieb und die Einführung oder Stärkung ideologisch gewünschter Fächer. Dazu gehörten Russisch als Pflichtfremdsprache, Polytechnik, Staatsbürgerkunde und später Wehrunterricht. Nicht zum System passende Fächer wie Religionsunterricht und alte Sprachen wurden abgeschafft. Unterrichtsinhalte und Lehrerausbildung wurden möglichst systemkonform gestaltet.
Trotz dieser ideologischen Ausrichtung nennt der Artikel auch Verbesserungen: ein hohes Niveau mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse, eine geringe Quote von Jugendlichen ohne Ausbildung und Fortschritte in der Mädchenbildung.
Aktuelle Strukturreformen
Seit 1990 wurden in Deutschland verschiedene Schulstrukturreformen umgesetzt. Als nach der Wiedervereinigung die westliche Schulstruktur in den neuen Bundesländern übernommen werden sollte, entschieden sich Sachsen und Thüringen für eine zweigliedrige Sekundarstufe. Neben dem Gymnasium von Klasse 5 bis 12 gab es eine Mittelschule beziehungsweise Regelschule von Klasse 5 bis 10, die nach der Orientierungsstufe Realschulgang und Hauptschulgang verbindet. Geeignete Schüler können das Abitur am Gymnasium nach 12 Schuljahren oder am Fachgymnasium nach 13 Schuljahren erreichen.
Inzwischen ist ein Zwei-Säulen-Modell fast in allen Bundesländern außer Bayern und Hessen eingeführt worden, wobei ältere Schulformen oft auslaufend weiterbestehen. In Hamburg wurde nach Ablehnung der „sechsjährigen Primarschule“ per Volksentscheid ein Modell beschlossen, bei dem nach der vierjährigen Grundschule Stadtteilschule oder Gymnasium folgen. Stadtteilschulen sollen alle Abschlüsse bis zum Abitur nach 13 Jahren anbieten, Gymnasien nach 12 Jahren zur Hochschulreife führen.
In Berlin wurde 2010 die Hauptschule abgeschafft und ein zweigliedriges System eingeführt. Neben Gymnasien gibt es Integrierte Sekundarschulen (ISS), die meist aus zusammengefassten Haupt- und Realschulen entstanden. Auch an der ISS ist, sofern angeboten, das Abitur möglich: dort nach 13 Jahren, am Gymnasium nach 12 Jahren.
Eine weitere Reformrichtung ist die Gemeinschaftsschule. Sie wurde in mehreren Bundesländern eingeführt, teils nur als Schulversuch. Im Kern handelt es sich um eine integrierte Gesamtschule unter neuem Namen, die längeres gemeinsames Lernen ermöglichen soll und teilweise bereits mit der Grundschule beginnt. Sie wird vor allem von der politischen Linken unterstützt und soll sich am erfolgreichen „finnischen Modell“ orientieren.