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Wohlstandsevangelium

Wohlstandsevangelium (nach englisch prosperity gospel, in anderen Sprachen auch Erfolgstheologie) ist die religiöse Auffassung, Wohlstand, vor allem Geldvermö …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Lehre und Praxis
  3. 3. Entstehung und Einflüsse
  4. 4. Gesellschaftliche Deutungen
  5. 5. Kritik

Grundidee

Das Wohlstandsevangelium, auch nach englisch prosperity gospel oder Erfolgstheologie genannt, ist eine religiöse Auffassung, nach der Wohlstand, Geldvermögen, geschäftlicher und persönlicher Erfolg sowie Gesundheit sichtbare Zeichen von Gottes Gunst seien. Wohlstand gilt dabei entweder als vorherbestimmt oder als etwas, das Gott im Gegenzug für wirksames Gebet oder religiöse Verdienste gewährt.

Der Begriff „Wohlstandsevangelium“ ist eine Fremdzuschreibung. Er wird häufig kritisch verwendet, besonders für Prediger oder Kirchen, deren Positionen in dieser Frage als extrem oder fundamentalistisch erscheinen. In religiöser Literatur ist der Begriff weit verbreitet.

Lehre und Praxis

Vertreten wird das Wohlstandsevangelium vor allem von Fernsehevangelisten aus charismatischen Kirchen, Pfingstkirchen und teilweise evangelikalen Kirchen, allerdings in unterschiedlicher Stärke. Viele sogenannte Megachurches zeigen solche Ansätze; im Artikel wird genannt, dass etwa ein Viertel der heutigen Megachurches sie in verschiedenen Ausprägungen vertritt.

Innerhalb der Pfingstbewegung gibt es auch Verbindungen zum christlichen Zionismus. Danach soll einer Nation Wohlstand verheißen sein, wenn sie sich mit dem Staat Israel solidarisiert. Zugleich lehnen manche Pfingstler diese Form des Glaubens ab. Kritisch wird gesagt, dass sie sich selektiv auf das Evangelium und nur oberflächlich auf die Bibel beziehe. In dieser Sicht würden persönliche Segnungen und Geschenke fast wichtiger als die Verehrung Gottes als Schöpfer, Erlöser und Geber aller Dinge.

Kirchen mit Wohlstandsevangelium sind oft stark auf einen charismatischen und autoritären Hauptpastor ausgerichtet. Gottesdienste werden häufig wie professionelle Unterhaltungsprogramme gestaltet. Kritiker sehen darin eine Förderung von unselbständigem, konsumorientiertem und egozentrischem Verhalten der Besucher und Mitglieder.

Als biblische Grundlagen werden Inhalte diesseitig und materiell gedeutet, zum Beispiel das Gleichnis von den anvertrauten Talenten oder 2 Korinther 8,9. Daraus wird teils geschlossen, Christentum und Kapitalismus seien nahezu identisch. Ähnliche Ansichten werden auch innerhalb des Opus Dei genannt, stehen dort aber laut Artikel im Widerspruch zur katholischen Soziallehre.

Entstehung und Einflüsse

Die Ursprünge und Vorläufer des Wohlstandsevangeliums liegen in den USA. Es gibt Annahmen, dass geistliche Grundlagen bereits im Puritanismus zu finden seien. Max Weber deutete in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von 1904 ähnliche Zusammenhänge an. Hans-Dieter Gelfert sieht den Glauben, wirtschaftlicher Erfolg sei ein Zeichen göttlicher Erwähltheit, in der calvinistischen Prädestinationslehre begründet. Der Anglistik-Professor Leland Ryken widerspricht einer einfachen Ableitung: Die Puritaner hätten nicht erfolgreiche Arbeit, sondern gute Werke gepredigt; das Wohlstandsevangelium sei eher eine religiöse Verkleidung weltlicher Ansichten.

Formale und teilweise inhaltliche Berührungspunkte bestehen mit den Predigten zum positiven Denken des reformierten New Yorker Pastors Norman Vincent Peale (1898–1993) und mit Essek William Kenyon (1867–1948), der von der Neugeist-Bewegung beeinflusst war. Daniel R. McConnell hält es für möglich, dass Kenneth E. Hagin (1917–2003) Kenyon nach 1937 persönlich kennenlernte oder um 1950 mit dessen Schriften in Kontakt kam. Jedenfalls habe Hagin mehrfach und ausführlich Passagen aus Kenyons Schriften abgeschrieben und in seine Lehre übernommen.

In der Nachkriegszeit war Oral Roberts (1918–2009), ein Heilungsevangelist, einer der ersten erfolgreichen Vertreter. Weitere genannte Exponenten sind Reinhard Bonnke, Benny Hinn, Wolfhard Margies, Volkhard Spitzer, Kenneth Copeland, Robert Tilton und Creflo Dollar. Ihre „Wohlstandstheologie“ verspricht nach dem Artikel durch ein „Empowerment-Konzept“ ein Leben in Gesundheit, geordneten Verhältnissen und teilweise Luxus. Dieser Wohlstand werde als Lohn für die Förderung des Evangeliums und christlicher Arbeit in der Welt verstanden und als gottgewollt gedeutet.

Gesellschaftliche Deutungen

Vertreter des Wohlstandsevangeliums gehen laut Artikel außerdem davon aus, dass dem freien Markt ein natürliches moralisches Gleichgewicht innewohne: Tugendhafte würden belohnt, Böse bestraft. Daraus folgt die Vorstellung, dass einzelne Menschen selbst verantwortlich seien, ihrem Leid ein Ende zu setzen. Dieses Denken passt zum „American Dream“, nach dem Fortschritt, Erfolg und Reichtum für alle erreichbar seien.

Das Wohlstandsevangelium bedient weitere amerikanische Narrative wie den American Way of Life, die Vorstellung „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, den amerikanischen Exzeptionalismus und die Doktrin des Manifest Destiny. Die Politologen David S. Gutterman und Andrew R. Murphy beschreiben es als Mischung aus Gedanken der Neugeist-Bewegung des 19. Jahrhunderts, Themen der Pfingstbewegung, positivem Denken des 20. Jahrhunderts und Selbsthilfeliteratur.

Im deutschsprachigen Raum werden Beispiele genannt: Wolfhard Margies schrieb 1990, verfolgte Christen in Russland seien Opfer ihrer eigenen, nicht ausgelebten Glaubensüberzeugung gewesen, weil sie die „Gesetze des Glaubens“, die Gesundheit und Erfolg garantierten, nicht angewendet hätten. Der südkoreanische Pastor Yonggi Cho sprach von der „Befreiung vom Fluch der Armut“. Siegfried Müller vom Missionswerk Karlsruhe erklärte am 19. Oktober 1986 in einer Predigt, man verunehre Gott, wenn man ein rostiges Auto fahre, und bezeichnete sich in derselben Botschaft als „König von Karlsruhe“.

Eine überkonfessionelle Strömung in Deutschland ist die Wort-des-Glaubens-Bewegung. Befürworter verweisen unter anderem auf 5. Mose 8,18: Gott gebe Kraft, Reichtum zu erwerben, um seinen Bund aufrechtzuerhalten. Als bekannte Anhänger oder mit dem Wohlstandsevangelium verbundene Personen werden Mike Pence, Paula White und Joel Osteen genannt. In den USA sind Anhänger des Wohlstandsevangeliums häufiger Anhänger der Republikaner als der Demokraten; Joel Osteen galt 2017 als einflussreichster Verkünder des Prosperity Gospels in den USA.

Kritik

Psychologen und Psychiater warnen vor Predigern des Wohlstandsevangeliums, weil deren Methoden labile und depressive Menschen weiter schädigen oder zum Realitätsverlust beitragen können. Ein Problem entsteht besonders dann, wenn ausbleibender Erfolg als persönliches Glaubensversagen gedeutet wird.

Christliche Kritiker verweisen darauf, dass Jesus von Nazaret nach Lukas 9,58 bewusst nicht nach Besitz oder Reichtum strebte und nach Markus 2,17 die Gemeinschaft mit Armen, Ausgestoßenen und Randgruppen suchte. Für Leid und Krankheit sei im Wohlstandsevangelium kein Platz. Kritiker sehen in der Bibel keine Legitimation dafür, dass Christen Reichtum und materielle Güter anhäufen sollen. Arme und Kranke könnten durch diese Lehre zusätzlich belastet werden, weil ihnen nahegelegt werde, sie müssten nur selbst die Verheißungen richtig in Anspruch nehmen.

Auch der Schwerpunkt auf materiellem Reichtum wird kritisiert: Gott lasse nach Psalm 37 sowohl Gerechten, also Gläubigen, als auch Gottlosen Reichtum zukommen. Reichtum vergehe, der Glaube bleibe bestehen. In der Bibel werden besonders die Freunde Hiobs als Vertreter einer Wohlstandsideologie dargestellt; ihre Argumente und Gegenargumente werden im Buch Hiob ausführlich behandelt.

Asher Intrater warnt davor, Menschen nicht vor Gier zu warnen. Das Problem der Wohlstandsprediger liege in dem, was sie nicht predigten: Wer nur die Hälfte der Wahrheit predige, führe auch dann in die Irre, wenn diese Hälfte wahr sei. David Wilkerson sah den sich ausbreitenden Wohlstandsglauben unter Christen als negatives Zeichen der „Endzeit“.

Die National Baptist Convention kritisierte das Wohlstandsevangelium, weil viele schwarze Gemeinden unverschuldet in Armut leben. Robert M. Franklin bezeichnete es als größte Bedrohung des geschichtlichen Erbes und der Kernwerte der zeitgenössischen schwarzen Kirchentradition und sagte, im Wohlstandsevangelium fehle oft der Aspekt der Gerechtigkeit. Auch die römisch-katholische Kirche warnt: Es werde suggeriert, wer nur „richtig“ glaube und moralisch lebe, müsse zwangsläufig Erfolg haben und glücklich werden. Daraus könne im Umkehrschluss entstehen, dass Menschen bei Misserfolg beschuldigt werden, sie hätten „ganz einfach noch nicht richtig geglaubt“.

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