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Pfingstbewegung

Die Pfingstbewegung (auch Pentekostalismus nach englisch pentecostal movement) ist eine weltweite christliche Bewegung, die im Laufe ihres Bestehens …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Entstehung
  2. 2. Lehre und religiöse Praxis
  3. 3. Gemeinden, Mission und Organisation
  4. 4. Verbreitung und regionale Entwicklungen
  5. 5. Ethik, Politik und Kontroversen
  6. 6. Ökumene und Verhältnis zu anderen Kirchen

Kern und Entstehung

Die Pfingstbewegung, auch Pentekostalismus genannt, ist eine weltweite christliche Bewegung. Im Zentrum stehen das Wirken des Heiligen Geistes und Erfahrungen wie Geistestaufe, Zungenrede, Prophetie und Heilungen. In den meisten theologischen Fragen steht sie in der Tradition des Evangelikalismus. Sie brachte viele eigene Denominationen hervor und wirkte zugleich innerhalb traditioneller Kirchen weiter, besonders durch die charismatische Bewegung.

Der Name bezieht sich auf das Pfingstfest, das an die im Neuen Testament berichtete Ausgießung des Heiligen Geistes in der Jerusalemer Urgemeinde erinnert. In evangelikalen Kreisen der USA wurde in den 1870er und 1880er Jahren verstärkt um ein neues Pfingsten gebetet. Als am 9. April 1906 in der Azusa Street in Los Angeles besondere religiöse Phänomene auftraten, wurden sie als Zeichen eines zweiten Pfingsten verstanden.

Vorläufer gab es schon seit dem 16. Jahrhundert in Europa und seit dem 18. Jahrhundert in Nordamerika. Wichtige Einflüsse waren die Heiligungsbewegung und Erweckungsbewegungen, besonders der Methodismus. John Wesley sprach von einer zweiten Segnung in der Heiligung, John William Fletcher von der Taufe im Heiligen Geist. Als eigentlicher theologischer Begründer der modernen Pfingstbewegung gilt Charles Fox Parham. Er deutete nach Erfahrungen an seiner Bibelschule in Topeka, besonders nach der Zungenrede von Agnes Ozman am 1. Januar 1901, die Zungenrede als anfängliches Zeichen für den Empfang der Taufe mit dem Heiligen Geist.

Den stärksten Impuls gab das Azusa Street Revival in Los Angeles von 1906 bis 1909 unter William J. Seymour. Missionare aus vielen Ländern nahmen daran teil und trugen zur Ausbreitung in den USA, Europa, China sowie in Kolonialgebiete Südamerikas, Afrikas und Asiens bei. Die Bewegung war für viele Christen in ärmeren Regionen attraktiv, weil sie anfangs Weiße und Schwarze sowie ärmere Bevölkerungsschichten relativ gleichberechtigt einbezog. Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders nach 1989 wuchs die Pfingstbewegung stark in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa.

Lehre und religiöse Praxis

Die Pfingstbewegung lehrt neben allgemeinen biblischen Lehren besonders die Erfahrung der Ausgießung des Heiligen Geistes. Eine Kirche steht nach pfingstlichem Verständnis der neutestamentlichen Gemeinde nahe, wenn sie Geistesgaben Raum gibt. Dazu gehören Heilungen, Prophetie und Zungenrede, auch Glossolalie oder Sprachengebet genannt. Die Berichte des Neuen Testaments über das Wirken des Geistes gelten als Vorbild für heutiges Gemeindeleben.

In den meisten Pfingstgemeinden gilt die traditionelle Trinitätslehre, also der Glaube an Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Es gibt aber auch nichttrinitarische Gruppen, besonders die Oneness Pentecostals. Die Taufe wird meist als Glaubenstaufe verstanden; die Taufe unmündiger Kinder wird in der Regel abgelehnt. Das Abendmahl gilt als Gedächtnismahl. Einige Gemeinden praktizieren zusätzlich die Fußwaschung.

Der Heilsweg umfasst wichtige religiöse Erfahrungen: Bekehrung und Geistestaufe. Die Geistestaufe wird oft von Zungenrede oder anderen Geistesgaben begleitet. Nach Auffassung der meisten Pfingstkreise ist Heiligung eine Voraussetzung für Geistestaufe und Geistesgaben. Die Bibel wird als verbalinspiriert, unfehlbar und widerspruchsfrei angesehen. Im Zentrum des Heilsverständnisses stehen Tod und Auferstehung Jesu Christi und eine persönliche Beziehung zu ihm. In vielen Gruppen wird die Evolutionstheorie abgelehnt und ein kreationistischer Standpunkt vertreten.

Gottesdienste sind oft lebhaft, dauern häufig mindestens eine oder zwei Stunden und enthalten viel Musik. Moderne Instrumente wie Keyboard oder Schlagzeug werden oft der Orgel vorgezogen. Lobpreis und Anbetung bestehen aus Liedern und frei formulierten Gebeten; dabei werden teilweise Hände und Arme erhoben. Predigten werden meist engagiert und frei gehalten, häufig mit Bibelzitaten begründet und durch Zurufe wie „Amen“ oder „Halleluja“ begleitet. Am Ende werden Menschen oft zu persönlicher Reaktion, Bekehrung, Heilungsgebet, Fürbitte, Segnung oder Seelsorge eingeladen. Eine formale Liturgie wird größtenteils abgelehnt, weil sie nach pfingstlicher Überzeugung das Wirken des Heiligen Geistes blockieren könnte.

Gemeinden, Mission und Organisation

Pfingstgemeinden sind in der Regel kongregationalistisch organisiert. Das bedeutet, dass die einzelne Ortsgemeinde viel Eigenständigkeit besitzt. Die Leitung besteht meist aus ehrenamtlichen Ältesten und hauptamtlichen Predigern oder Pastoren. Ehrenamtliches Engagement der Mitglieder wird stark gefördert. Zugleich steht das pfingstliche Verständnis vom freien Wirken des Heiligen Geistes oft in Spannung zu festen Strukturen.

Hauskreise spielen eine wichtige Rolle. In kleinen verbindlichen Gruppen wird regelmäßig gesungen, gebetet und die Bibel studiert. Daneben gibt es Gruppen nach Alter, Geschlecht oder Interesse, etwa Kinder-, Teenager-, Frauen-, Männer- oder Seniorengruppen sowie Chöre. Pfingstgemeinden sind gewöhnlich missionarisch orientiert, was als ein Grund ihres starken Wachstums gilt.

Zur Pfingstbewegung gehören auch diakonische Werke, also Einrichtungen praktischer sozialer Hilfe. Genannt werden Kindergärten, Seniorenwohnheime, Kliniken, Behindertenhilfe und therapeutisch betreute Wohngemeinschaften für psychisch Kranke und Drogenabhängige. Beispiele sind Teen Challenge, das Jugend-, Missions- und Sozialwerk Altensteig, Haus Nazareth in Norden-Norddeich und das Sozialwerk der Freien Christengemeinden Bremen.

Die Frauenordination ist in deutschen Pfingstgemeinden erlaubt. Weltweit gibt es dazu keine einheitliche Aussage, weil Pfingstgemeinden meist selbstständig organisiert sind. Eine Umfrage des Pew Research Center von 2006 ergab jedoch, dass Anhänger der Pfingstbewegung die Frauenordination ähnlich stark befürworten wie Christen insgesamt. Die weltweit größte pfingstlerische Denomination ist die Assemblies of God. Weitere Gruppen sind unter anderem die Church of God in Christ, die Church of God (Cleveland), die Pentecostal Assemblies of the World und die United Pentecostal Church.

Verbreitung und regionale Entwicklungen

Die Pfingstbewegung ist weltweit verbreitet und wuchs besonders im 20. und 21. Jahrhundert stark. Für das Jahr 2000 wurden im Artikel 220 bis 250 Millionen Personen zur weltweiten Pfingstbewegung gezählt; andere Statistiken nennen für 2000 bereits 453.934.000 Pfingstler und Charismatiker. Solche Unterschiede zeigen, dass je nach Zählweise klassische Pfingstler, Charismatiker und unabhängige charismatische Gruppen unterschiedlich einbezogen werden.

Schmidtgall nannte 2003 für 1990 insgesamt 540 Millionen Pfingstler und Charismatiker. Darunter waren 215 Millionen klassische Pfingstler, 92 Millionen katholische Charismatiker, 71 Millionen protestantische Charismatiker, 110 Millionen unabhängige Charismatiker und 52 Millionen chinesische Pfingstler. Die Religionsstatistiker Todd M. Johnson, Gina A. Zurlo und Peter F. Crossing nannten im Oktober 2018 folgende Entwicklung: 981.000 Pfingstler im Jahr 1900, 60.944.000 Pfingstler und Charismatiker 1970, 693.820.000 im Jahr 2019 und ein jährliches Wachstum von 2,26 %. Sie schätzten 794.474.000 Anhänger für 2025 und 1.089.199.000 für 2050.

Die Forschung beschreibt die Ausbreitung meist in drei Wellen. Die erste Welle sind die klassischen Pfingstler aus Erweckungen in den USA und Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die zweite Welle ist die charismatische Erneuerung innerhalb großer Volkskirchen ab den 1950er Jahren. Die dritte Welle breitete sich ab etwa 1970 vor allem in Ländern der sogenannten Dritten Welt aus; sie wird auch neocharismatische Bewegung genannt und umfasst heute mehrere hundert Millionen Anhänger.

In Deutschland kam die Pfingstbewegung 1907 über Norwegen nach Norddeutschland. Wichtige frühe Figuren waren Thomas Ball Barratt, Emil Meyer, Heinrich Dallmeyer und Jonathan Paul. 1909 verurteilte die pietistische Gemeinschaftsbewegung die Pfingstbewegung in der Berliner Erklärung scharf. 1913 entstand der Mülheimer Verband. Später folgten unter anderem die Volksmission entschiedener Christen, Elim-Gemeinden, die Gemeinde Gottes Deutschland und 1947 die Arbeitsgemeinschaft der Freien Pfingstgemeinden in Deutschland, eine Vorläuferin des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden. In Deutschland hatte die Pfingstbewegung laut Pew-Angaben etwa 300.000 Mitglieder, also 0,37 % der Gesamtbevölkerung.

Ethik, Politik und Kontroversen

Die Ethik der Pfingstgemeinden gründet sich auf ihr Bibelverständnis. Praktizierte Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr und Schwangerschaftsabbruch werden überwiegend abgelehnt. Zugleich nennt der Artikel auch bekennende homosexuelle Pfingstler wie Richard Grenell. Allgemein liegt der Akzent stark auf individueller Glaubenspraxis und Verantwortung vor Gott.

In afrikanischen und südamerikanischen Pfingstgemeinden ist teilweise das Wohlstandsevangelium verbreitet, auch „faith gospel“ oder „gospel of prosperity“ genannt. Es stellt individuellen und wirtschaftlichen Erfolg in einen direkten Zusammenhang mit religiöser Lebensführung: Starker Glaube führe demnach automatisch zu finanziellem Reichtum. Der Artikel bezeichnet diese Lehre aus wissenschaftlicher und theologischer Sicht als fragwürdig; auch viele Evangelikale und Pfingstler sehen sie als häretisch an. Sie wird besonders durch Fernsehprediger verbreitet.

Politisch treten Pfingstler in verschiedenen Ländern auf, etwa in den USA, Chile und besonders Brasilien. In Brasilien gibt es sowohl Vertreterinnen und Vertreter benachteiligter Gruppen und des Umweltschutzes als auch Politiker der religiösen Rechten. Der Artikel nennt Benedita da Silva, Marina Silva, Pastor Everaldo Pereira und Pastor Marco Feliciano. Edir Macedo, Gründer der Igreja Universal do Reino de Deus, wird mit dem Ziel eines theokratischen Staates in Verbindung gebracht. In den USA wird das politische Wirken der Pfingstbewegung überwiegend, aber nicht ausschließlich, dem konservativen Lager oder der christlichen Rechten zugeordnet. In Deutschland gelten politische Aktivitäten fundamentalistischer Pfingstler bisher als Randerscheinung.

Es gibt auch schwere Kontroversen. In Brasilien berichten Kritiker von religiöser Intoleranz gegenüber anderen Religionen, besonders afrobrasilianischen Umbanda- und Candomblé-Religionen. Ein UN-Bericht von 2009 im Auftrag des brasilianischen Komitees gegen religiöse Intoleranz warf Pfingstkirchen allgemein und der Igreja Universal do Reino de Deus besonders Belästigung, Angriffe und Dämonisierung anderer Religionen vor. In der Demokratischen Republik Kongo wird die Gruppe Combat Spirituel mit „Hexenverfolgungen“ und teils gewalttätigen Exorzismusritualen an Kindern verbunden. In Nigeria werden sogenannte Hexenkinder ausgesetzt und teilweise gefoltert; im Zusammenhang mit der Liberty Gospel Church und Helen Ukpabio werden Propagandafilme, Angriffe auf den Aktivisten Leo Igwe und Klagen gegen Kritiker erwähnt.

Ökumene und Verhältnis zu anderen Kirchen

Die Beteiligung der Pfingstkirchen an der ökumenischen Bewegung ist uneinheitlich. Ökumene bedeutet Zusammenarbeit zwischen christlichen Kirchen. In Deutschland ist der Bund Freier Pfingstgemeinden Mitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen und seit März 2011 Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland. Auf örtlicher Ebene sind Gemeinden teilweise mit der Deutschen Evangelischen Allianz verbunden.

Der Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Evangelikale Christen aus anderen Gemeinden werden, besonders wenn sie ein Bekehrungserlebnis betonen, unabhängig von ihrer Konfession oft als christliche Geschwister betrachtet.

Gegenüber liberalen Strömungen, etwa in Landeskirchen, und gegenüber traditionellen Ausprägungen des Christentums, etwa in orthodoxen Kirchen, ist die Pfingstbewegung eher skeptisch. Nichtchristliche Religionen werden als Irrweg oder Fehlinterpretation angesehen, weil Heil und Vergebung nach pfingstlicher Auffassung nur durch Jesus Christus vermittelt werden.

Lernvideos zu Pfingstbewegung

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