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Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein Werk von Max Weber. Es erschien im November 1904 und Juni 1905 in Form zweier Abhandlungen …
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Werk und zentrale Fragestellung
Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein grundlegendes Werk der Soziologie und insbesondere der Religionssoziologie. Es erschien zunächst im November 1904 und Juni 1905 als zwei Abhandlungen im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik. Eine von Weber überarbeitete und ergänzte Fassung wurde 1920 unter dem heutigen Titel veröffentlicht.
Weber fragt, warum die moderne Kultur und vor allem der moderne Kapitalismus gerade im Okzident entstanden seien und nicht ebenso in China, Indien oder dem Orient. Seine Erklärung setzt bei einem „spezifisch gearteten Rationalismus der okzidentalen Kultur“ an. Er untersucht, wie sich diese besondere Form des Rationalismus entwickelte und welche Rolle religiöse Vorstellungen dabei spielten.
Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und modernem Wirtschaftsethos. Weber spricht von „Wahlverwandtschaften“: Bestimmte religiöse Vorstellungen, besonders des Calvinismus, passten zu einer Wirtschaftsweise, die auf Gewinn, Kapitalakkumulation und die Reinvestition von Gewinnen ausgerichtet war. Er will jedoch nicht behaupten, der Kapitalismus sei einfach ein Ergebnis der Reformation. Untersucht werden vielmehr bestimmte Zusammenhänge zwischen religiösem Glauben und Berufsethik.
Die unmittelbare Anregung zur Studie bildete eine empirische Untersuchung seines Schülers Martin Offenbacher. Außerdem wirkten Werner Sombarts Werk Der moderne Kapitalismus von 1902 und die damalige Diskussion deutscher Historiker und Ökonomen über religiöse und wirtschaftliche Entwicklungen auf Weber ein. Weber arbeitete an der Schrift vor und nach seiner Reise in die USA von August bis November 1904; deren Eindrücke beeinflussten vor allem den späteren Aufsatz „‚Kirchen‘ und ‚Sekten‘“.
Weber formulierte seine Aufgabe als Untersuchung einer wichtigen Ursachenreihe, die eine konstitutive Komponente des modernen kapitalistischen Geistes hervorbrachte. Dazu entwickelt er einen idealtypischen Begriff: ein Gedankengebilde, dem sich historische Durchschnittsinhalte in unterschiedlichem Maß annähern. Sein Vorgehen besteht darin, zunächst die auffällige Verbindung von Protestantismus und modernem Kapitalismus zu zeigen, anschließend ethische Lebensmaximen wie die von Benjamin Franklin zu untersuchen, deren Unterschied zu mittelalterlichen Lebensformen herauszuarbeiten und schließlich den Zusammenhang mit dem Wirtschaftssystem sowie die religiöse Fundierung des Berufsbegriffs zu erklären.
Weber betrachtete die Studie als nicht abgeschlossen. Ergänzt werden sollten unter anderem genauere Untersuchungen der calvinistischen, täuferischen und pietistischen Ethik, ihrer mittelalterlichen und antiken Vorläufer, der wirtschaftlichen Bedingungen des asketischen Protestantismus, seiner Wirkung auf Familie, Staat und andere Gemeinschaften sowie seines Einflusses auf philosophischen und wissenschaftlichen Empirismus.
Protestantische Ethik und Prädestination
Nach Weber entwickelt sich die protestantische Ethik aus zwei entscheidenden Ideen: aus Luthers Reformation und aus der unter dem Einfluss Calvins entstehenden innerweltlichen Askese. Innerweltliche Askese bedeutet eine strenge, methodische Lebensführung innerhalb des Alltags, verbunden mit Sparsamkeit, Enthaltsamkeit und ständiger Selbstkontrolle.
Bei Luther verändert sich die Bedeutung des Berufs. Zunächst gilt, dass Menschen in jedem Stand selig werden können. Später wird der Beruf als von Gott gestellte Aufgabe verstanden. Wer Gott gefallen will, soll die irdischen Pflichten und die Arbeit, zu der er berufen ist, fleißig erfüllen. Mönchische Askese gilt nicht mehr als Überbietung der weltlichen Sittlichkeit. Jeder erlaubte Beruf, geistlich oder weltlich, besitzt vor Gott denselben Wert.
Gleichzeitig bleibt Luthers Auffassung traditionalistisch. Der Einzelne soll grundsätzlich in dem Beruf und Stand bleiben, in den Gott ihn gestellt hat, und sein Streben auf diese Lebensstellung begrenzen. Luther wandte sich gegen Zinsnehmen und gegen kapitalistischen Erwerb. Das orthodoxe Luthertum brachte nach Weber deshalb vor allem den Wegfall mönchischer Askese bei gleichzeitiger Betonung von Gehorsam und Anpassung an die gegebene Lebenslage hervor. Die entscheidenden Träger einer engeren Verbindung von religiöser Lebenspraxis und Kapitalismus sieht Weber daher eher im Calvinismus, Pietismus, Methodismus und in täuferischen Bewegungen wie den Quäkern.
Im Calvinismus steht die Prädestination oder Gnadenwahl im Mittelpunkt. Danach hat Gott durch seinen Beschluss einige Menschen zum ewigen Leben und andere zum ewigen Tod bestimmt. Während die Gnade bei Luther verloren und durch Buße wiedergewonnen werden kann, ist sie im Calvinismus vorherbestimmt und kann nicht durch menschliche Handlungen verändert werden.
Diese Lehre erzeugt nach Weber eine dauernde Ungewissheit über das eigene Heil. In der Seelsorge entstehen deshalb zwei miteinander verbundene Ratschläge: Der Gläubige soll sich erstens für erwählt halten, weil Zweifel als Versuchung gelten. Zweitens soll er Berufsarbeit leisten, die als wichtiges Mittel zur Erlangung von Selbstgewissheit und zum Abbau der Angst dient. Kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche und auch kein anderer Mensch kann diese Gewissheit vermitteln. Der Einzelne bleibt auf sich selbst angewiesen; selbst gegenüber Freunden wird Misstrauen verlangt, und die Beichte verliert ihre Bedeutung.
Gute Werke können die Seligkeit nicht erwerben, gelten aber als notwendiges Zeichen der Erwählung. Der Gläubige soll sich unablässig selbst kontrollieren und sein gesamtes Leben methodisch ordnen. Die religiöse Bewährung findet nicht nur im Gottesdienst, sondern im alltäglichen Leben statt. Dadurch entsteht eine innerweltliche Askese: Die Gnade wird nicht durch Beten oder Beichte erlangt, doch der weltliche Erfolg kann als Hinweis auf die Erwählung erscheinen.
Der Geist des modernen Kapitalismus
Weber verwendet den „Geist des modernen Kapitalismus“ als historischen, idealtypisch gebildeten Begriff. Er setzt sich aus wesentlichen Bestandteilen der geschichtlichen Wirklichkeit zusammen und ist keine vollständige Beschreibung aller kapitalistischen Erscheinungen. Kapitalismus bedeutet für Weber das Streben nach Gewinn und Rentabilität in einem kontinuierlich und rational arbeitenden Betrieb. Der kapitalistische Wirtschaftsakt ist die Ausnutzung von Tausch-Chancen in formell friedlicher Weise; zugleich kann er mit schrankenloser Erwerbsgier verbunden sein.
Drei Entwicklungen sind für das Heranwachsen des Kapitalismus besonders wichtig:
• die rationale Betriebsorganisation, • die Trennung von Haushalt und Betrieb, • die rationale Buchführung.
Weber unterscheidet den bloßen kaufmännischen Wagemut vom modernen kapitalistischen Geist. Jakob Fugger wollte, solange er konnte, weitergewinnen. Benjamin Franklin verbindet Erwerb dagegen mit einer Ethik der Zeitnutzung, Kreditwürdigkeit, Pünktlichkeit, Gerechtigkeit, Sparsamkeit und genauen Buchführung. Seine Maximen lauten unter anderem: „Bedenke, dass die Zeit Geld ist“ und „Bedenke, dass Kredit Geld ist“. Geld soll nicht vor allem dem Genuss dienen, sondern als Selbstzweck erworben und vermehrt werden.
Das Zentrum dieser Ethik ist für Weber die Berufspflicht: Der Einzelne soll sich gegenüber dem Inhalt seiner beruflichen Tätigkeit verpflichtet fühlen, gleichgültig, worin diese Tätigkeit besteht. Der Beruf wird dadurch zum absoluten Selbstzweck. Das unterscheidet die moderne Haltung von der vorkapitalistischen, traditionalen Auffassung, nach der der Bedarf das Ziel und die Arbeit nur das Mittel zu seiner Deckung ist. Weber veranschaulicht dies mit Landarbeitern, die bei einer Erhöhung des Akkordlohns weniger arbeiten, weil sie ihren Bedarf nun mit geringerem Aufwand erreichen können.
Der gewerbliche Mittelstand ist nach Weber ein wesentlicher Träger des modernen kapitalistischen Geistes. Er verfügte meist nicht über große Finanzmittel und musste deshalb Kapital durch Arbeit, Sparsamkeit und Reinvestition aufbauen. Dem stellt Weber ein traditionalistisch geführtes Textilunternehmen gegenüber: Der Unternehmer arbeitet etwa 5 bis 6 Stunden täglich, betreibt wenig Kundenpflege, vermeidet Konkurrenz durch Absprachen und begnügt sich mit einem bescheidenen, aber sicheren Gewinn.
Kapitalistische Wirtschaftsform und kapitalistischer Geist stehen für Weber in einer angemessenen Beziehung, aber nicht in einer gesetzmäßigen Abhängigkeit. Die Frage nach den Triebkräften der Expansion des modernen Kapitalismus betrifft deshalb nicht nur die Herkunft von Geldvorräten, sondern vor allem die Entwicklung des kapitalistischen Geistes. Der calvinistische Zug zum Erwerb förderte nach Weber besonders die Ansammlung und Investition der notwendigen Kapitalien.
Okzidentaler Rationalismus und Lebensführung
Weber verbindet die Entstehung des modernen Kapitalismus mit dem okzidentalen Rationalismus. Im Okzident findet er eine besonders systematische und berechenbare Grundhaltung. Beispiele dafür sind die mathematische Durchdringung der Naturwissenschaften, die Idee des rationalen Beweises bei den Griechen, die systematische Staatslehre nach Aristoteles, die juristischen Denkformen des auf römischem Recht beruhenden Rechts sowie das in dieser Form nur im Okzident entwickelte kanonische Recht.
Für den bürgerlichen Betriebskapitalismus sind außerdem mathematisch und experimentell exakte Naturwissenschaften, die technische Verwertbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie eine rationale Struktur von Recht und Verwaltung wichtig. „Rational“ und „irrational“ sind dabei keine festen Eigenschaften von Handlungen; sie hängen davon ab, unter welchem Gesichtspunkt eine Handlung betrachtet wird.
Neben den ökonomischen Bedingungen untersucht Weber deshalb die Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen zu bestimmten praktisch-rationalen Lebensführungen. Diese werden durch magische oder religiöse Mächte geprägt, die ethische Pflichtvorstellungen hervorbringen. Besonders eng sind für Weber die religiöse Ethik des asketischen Protestantismus und die kapitalistischen Vorstellungen von Beruf, Erwerb und Pflicht verbunden.
Ein Beispiel bilden junge, unverheiratete Frauen, die pietistisch erzogen wurden. Bei ihnen findet Weber häufig eine starke Verpflichtung zur Arbeit, strenge Wirtschaftlichkeit, nüchterne Selbstbeherrschung und Mäßigkeit. Diese Eigenschaften steigern nach seiner Darstellung die Leistungsfähigkeit. Der Puritaner Richard Baxter betont in seiner Schrift Christian Directory die sittliche Gefahr des Reichtums, das Verwerfliche des Ausruhens auf Besitz, die Arbeit als Willen Gottes und die Arbeit als asketisches Mittel. Entscheidend ist dabei nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit.
Der Puritanismus verpflichtet den Einzelnen, zum Ruhme Gottes Besitz zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren. Seine wichtigste Folge ist für Weber jedoch nicht nur die Förderung der Kapitalbildung, sondern die Entstehung einer bürgerlichen und ökonomisch rationalen Lebensführung. Diese bringt den „modernen Wirtschaftsmenschen“ als Träger der kapitalistischen Expansion hervor.
Weber weist zugleich darauf hin, dass einzelne Wurzeln dieses Lebensstils bis ins Mittelalter zurückreichen. Zur Zeit Webers hatte sich die kapitalistische Ethik bereits von ihren religiösen Grundlagen gelöst. John Wesley erkannte, dass Religion durch Arbeitsamkeit und Sparsamkeit automatisch Reichtum fördern könne, wodurch schließlich die äußere Form der Religion bestehen bleibe, während ihr Geist schwinde.
Kritik, empirische Befunde und Weiterentwicklungen
Nach der Veröffentlichung entstand eine etwa fünf Jahre dauernde Debatte. Eine marxistische Kritik formulierte Henryk Grossmann: Der Kapitalismus sei bereits zwei Jahrhunderte vor dem Calvinismus in Italien entstanden. Nicht Religion, sondern vor allem Zwang habe bei der Erziehung zur Arbeitsdisziplin eine entscheidende Rolle gespielt. Grossmann verstand den Calvinismus als Lehre der Handwerkerschicht und hielt bestimmte katholische Strömungen für eine ebenso oder besser geeignete kapitalistische Massenmoral.
Robert K. Mertons Merton-These von 1938 besagt dagegen, dass die naturwissenschaftliche Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts hauptsächlich von englischen Puritanern und deutschen Pietisten getragen worden sei. Merton führte dies auf die von Weber beschriebene asketische Lebensweise zurück.
Gerhard Lenski fand 1958 in einer Untersuchung im Großraum Detroit mehrere Thesen Webers bestätigt. Protestanten stiegen eher als Katholiken im Wirtschaftssystem auf, besonders in der oberen Mittelschicht. Katholiken hatten im Allgemeinen mehr Kinder und eine stärker traditionalistische Orientierung, während Protestanten eher rationalistisch dachten. Lenski deutete die Beiträge des Protestantismus zum materiellen Fortschritt jedoch größtenteils als unbeabsichtigte Nebenwirkungen protestantischer Verhaltensweisen. Bei modernen Protestanten fand er kaum noch eine asketische Einstellung. An die Stelle der Berufslehre trete zunehmend intellektuelle Autonomie, die naturwissenschaftliche und technische Berufe begünstige.
Andere Untersuchungen widersprechen Weber. Davide Cantoni testete seine Hypothese 2009 anhand von Daten zu 272 Städten des Heiligen Römischen Reiches im Zeitraum 1300–1900. Seine Ergebnisse zeigten keinen Einfluss des Protestantismus auf das Wirtschaftswachstum. Richard Sennett kritisierte außerdem, Webers Studie enthalte als Wirtschaftsgeschichte zahlreiche Irrtümer und vernachlässige den Konsum als treibende Kraft des Kapitalismus; als Analyse eines durch Arbeit disziplinierten Charaktertyps sei sie jedoch schlüssig. In Lateinamerika sehen Peter L. Berger und David Martin sowie Friedrich Wilhelm Graf in protestantischen Pfingstgemeinden eine mögliche Bestätigung einzelner Elemente der Weber-These: Strenge Selbstdisziplin, Arbeitsbereitschaft und Sparsamkeit können dort mit wirtschaftlichem und sozialem Aufstieg verbunden werden.
Luc Boltanski und Ève Chiapello untersuchen in Der neue Geist des Kapitalismus die Ideologie, die das Engagement für den Kapitalismus rechtfertigt. Sie unterscheiden drei historische Phasen: die heroische Figur des Unternehmers, Hochstaplers und Eroberers im ausgehenden 19. Jahrhundert; das große, zentralisierte, durchbürokratisierte und gigantische Industrieunternehmen mit einem Höhepunkt zwischen 1930 und 1960; sowie einen dritten Geist mit Strukturmerkmalen eines globalisierten und neue Technologien einsetzenden Kapitalismus.