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Christlicher Zionismus

Als Christlichen Zionismus beschreibt man die vor allem im evangelikalen Christentum verbreitete Ansicht, dass Christen den Staat Israel aus theologischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Entwicklung
  3. 3. Lehre und Bibelauslegung
  4. 4. Verbreitung und Organisationen
  5. 5. Kritik und Streitpunkte

Grundidee und Bedeutung

Christlicher Zionismus bezeichnet die vor allem im evangelikalen Christentum verbreitete Auffassung, dass Christen den Staat Israel aus theologischen Gründen unterstützen müssen. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass das jüdische Volk aufgrund eines biblischen Mandats Anspruch auf seine angestammte Heimat im Nahen Osten habe.

Die Bewegung verbindet politische Unterstützung für Israel häufig mit einer bestimmten Endzeiterwartung: Die Rückkehr der Juden nach Israel gilt vielen christlichen Zionisten als Voraussetzung oder Zeichen für die Wiederkunft Jesu Christi. Deshalb werden Ereignisse im Nahen Osten oft religiös gedeutet.

Entstehung und Entwicklung

Frühe Vorläufer gab es im Puritanismus. Thomas Brightman (1562-1607) schrieb Shall They Return to Jerusalem Again? (1615) und gilt als einer der ersten Puritaner, die die Rückkehr und Bekehrung der Juden nicht ans Ende der Welt verlegten, sondern als Auftakt eines tausendjährigen Friedensreiches sahen. Er wurde als „Vater der Lehre der Wiederherstellung des jüdischen Volkes“ bezeichnet.

Der eigentliche christliche Zionismus entstand im Zusammenhang mit dem politischen Zionismus Theodor Herzls. Als wichtiges Jahr gilt 1896: Der anglikanische Pfarrer William Hechler las Herzls Der Judenstaat und bot Herzl Unterstützung an. Herzl sah in Hechler aus strategischen Gründen ein hilfreiches Mittel, um nichtjüdische Unterstützung für den Zionismus zu gewinnen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Großbritannien besonders wichtig für den christlichen Zionismus; später übernahmen die USA diese Rolle. Dort wurden evangelikale christliche Zionisten zu einer starken Lobby zugunsten Israels und beeinflussten auch außenpolitische Debatten. Um 1900 gab es Unterstützung für den jüdischen Zionismus nicht nur unter Evangelikalen, sondern auch in liberalen christlichen Kreisen in Deutschland und Österreich, etwa bei Hermann Maas und Friedrich-Wilhelm Marquardt.

Nach der Staatsgründung Israels 1948 und besonders nach dem Sechstagekrieg 1967 gewann der christliche Zionismus unter Evangelikalen weiter an Attraktivität. Genannt werden mehrere Gründe: eine wörtliche Bibelauslegung, die Deutung der israelischen Staatsgründung als Erfüllung biblischer Verheißungen, eine projüdische Haltung als Antwort auf christlichen Antijudaismus sowie allgemeine Endzeit- und Untergangsängste seit den 1970er Jahren.

Lehre und Bibelauslegung

Die Grundzüge der Lehre werden mit William Hechler verbunden: Alttestamentliche Verheißungen, nach denen die Juden am Ende der Zeiten nach Palästina zurückkehren würden, erfüllten sich in der Gegenwart. Daraus folge für Christen die Pflicht, Juden bei der Ansiedlung in Palästina zu unterstützen. Die Staatsgründung Israels 1948 gilt in dieser Sicht als besonders wichtiges Zeichen der Endzeit und als Hinweis auf die baldige Wiederkunft Jesu Christi, die Parusie.

Die Endzeitlehre verbindet Elemente des Chiliasmus, also der Erwartung eines Tausendjährigen Reiches, mit dem Dispensationalismus des 19. Jahrhunderts, einer heilsgeschichtlichen Einteilung der Weltgeschichte. Am Ende der Zeiten werde es demnach zur großen Völkerschlacht in Armageddon, also Megiddo, kommen. Jesus Christus werde auf dem Ölberg in Jerusalem wiederkommen, die Feinde Israels zurückschlagen und von den Juden kollektiv als Messias anerkannt werden. Danach beginne das Millennium, in dem Jesus Christus als neuer jüdischer König über die Erde herrsche.

Christlich-zionistische Bibelauslegung kombiniert zahlreiche Stellen aus Altem und Neuem Testament und bezieht sie auf aktuelle politische Ereignisse. Beispiele sind Jesaja 2,2 als Hinweis auf einen künftigen dritten Tempel und die Ausrichtung der Völker auf Jerusalem, Hesekiel 37,12 als Deutung der Staatsgründung Israels nach der Shoa, Matthäus 24,32 mit dem Feigenbaum als Symbol für Israel und Apostelgeschichte 1,6-7 als Bezug auf die Hoffnung einer nationalen Wiederherstellung Israels.

Verbreitung und Organisationen

Schätzungen zufolge gibt es in den USA mehrere zehn Millionen christliche Zionisten. Ein Artikel im E+Z Magazin von 2019 nennt eine Expertenschätzung von etwa 30 Millionen. In einer Umfrage der Organisation LifeWay Research befürworteten etwa 80 Prozent der Evangelikalen den christlichen Zionismus. Laut einer Pew-Studie von 2025 identifizieren sich 23 % der erwachsenen US-Bevölkerung als evangelikale Protestanten.

Christians United for Israel (CUFI) gilt als größte christlich-zionistische Lobbygruppe in den USA und hatte 2021 über zehn Millionen Mitglieder. Die International Fellowship of Christians and Jews nennt 1,6 Millionen christliche Spender weltweit. In den letzten Jahrzehnten wächst die Bewegung besonders im Globalen Süden, etwa in Nigeria, Brasilien und auf den Philippinen, vor allem durch pfingstlerische und charismatische Kirchen. Laut einer Pew-Studie von 2011 umfassen „Renewalists“, also Pfingstler, Charismatiker und verwandte Gruppen, weltweit über 584 Millionen Menschen; nicht alle sind christliche Zionisten, aber viele zeigen pro-israelische Einstellungen.

Zu genannten christlich-zionistischen Gruppen und Personen gehören unter anderem Christen für Israel, Christliche Freunde Israels, der Evangeliumsdienst für Israel, die Evangelische Marienschwesternschaft Darmstadt, das Missionswerk Mitternachtsruf, die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem, CUFI, John Hagee, Tim LaHaye, Jerry B. Jenkins, Pat Robertson, Mike Huckabee und Mike Pompeo.

Kritik und Streitpunkte

Der christliche Zionismus wird in mehreren Punkten kritisiert, wobei der Artikel betont, dass die Bewegung nicht einheitlich ist. Ein Streitpunkt ist die Judenmission, also der Versuch, Juden zum christlichen Glauben zu bekehren. Manche Gruppen betreiben sie offen, andere lehnen sie konsequent ab. Allen christlichen Zionisten wird eine Solidarität mit sogenannten messianischen Juden zugeschrieben. Historisch kamen viele frühe christliche Zionisten aus judenmissionarischen Tätigkeiten, verzichteten im Kontakt mit zionistischen Juden aber oft praktisch darauf, auch wenn sie dies nicht immer theologisch aufgaben.

Ein weiterer Vorwurf betrifft eine einseitige Unterstützung Israels. Manche Gruppen beschränken sich auf politische Solidarität mit dem Staat Israel. Andere vertreten aufgrund ihrer Lesart des Alten Testaments eine Groß-Israel-Theologie, nach der das heutige Israel die in der Bibel beschriebenen Landesgrenzen einnehmen solle. In dieser Sicht bleibt kein Platz für einen souveränen Palästinenserstaat, und politische Kompromisse oder Friedenslösungen werden abgelehnt.

Als Beispiel nennt der Artikel den Fernsehprediger Pat Robertson, der Anfang 2006 Ariel Scharons Krankheit als Strafe Gottes für die Räumung des Gaza-Streifens deutete. Der lutherische Pastor Mitri Raheb kritisiert, christliche Zionisten hielten arabische Christen nicht für echte Christen und unterstützten Israel nicht aus Liebe zu den Juden, sondern weil sie glaubten, durch die Rückkehr der Juden werde Harmagedon ermöglicht.

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