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Eine Welt ohne Wirtschaftswachstum – geht das?
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 170 Zeilen
- Diese beiden Kurven bestimmen darüber, wie wir in Zukunft leben werden. Ob wir den Klimawandel stoppen können, ob wir das mit unserem Wirtschaftssystem
- hinbekommen oder ob der Kapitalismus am Ende ist. Es geht dabei um die eine große Frage. Müssen wir unsere Wirtschaft für das Klima schrumpfen oder
- brauchen wir gerade jetzt Wachstum mehr denn je? Das ist eine ziemlich komplexe Frage und es gibt dazu unzählige Studien, Artikel
- und Talkshowrunden. Wir haben deshalb versucht, das für euch mal aufzudröseln. Wir haben uns beide Seiten angeschaut, mit Leuten aus beiden Lagern gesprochen.
- Das Ergebnis: In diesem Video stellen wir euch jeweils die drei wichtigsten Argumente auf beiden Seiten vor. Los geht's.
- [Musik] Okay, zunächst müssen wir mal klären, über was genau da eigentlich gestritten
- wird. Diese blaue Kurve zeigt, wie sich die Weltwirtschaft seit 1960 entwickelt hat. Und das ist erstmal eine ziemlich krasse Erfolgsgeschichte. Gemessen wird
- das am Brutto Inlandsprodukt kurz BIP, also dem Wert aller Waren und Dienstleistung, die in einem Jahr produziert werden. Heute liegt das BIP
- fast acht mal so hoch wie 1960. Das hat die Menschheit insgesamt viel reicher gemacht und über eine Milliarde Menschen aus der Armut befreit. Wachstum führt zu
- Wohlstand. Das ist eine zentrale Idee unseres Wirtschaftssystems. Aber dieser Wohlstand hat seinen Preis und das sieht man an dieser Kurve hier. Sie zeigt uns
- die jährliche Menge an CO2, die die Menschheit weltweit in die Luft geblasen hat und diese Menge geht Jahr für Jahr immer weiter hoch. Und ihr seht, die
- beiden Kurven hängen sehr eng zusammen. Mehr BIP bedeutet mehr Produktion, mehr Produktion erfordert mehr Fabriken, mehr Fabriken brauchen mehr Energie und die
- klimaschädlichen CO2 Emissionen steigen. Bis Ende der 70er sind diese Kurven ziemlich im gleichen Tempo gewachsen. Seitdem tut sich etwas. Die Emissionen
- wachsen deutlich weniger als das BIP. Diese Entwicklung hat einen Namen, relative Entkopplung. Das ist zunächst mal eine gute Nachricht. Mehr Wachstum
- bedeutet nicht in gleichem Maße mehr Emissionen. Das Problem ist, es reicht nicht. Die Emissionen müssen nicht nur langsamer steigen, sie müssen fallen.
- Nur dann können wir die Erderwärmung stoppen. Da sind sich außer ein paar Klimawandelleugnern eigentlich alle einig. Aber wie soll das gehen? Im
- Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die erste ist, wir senken das BIP, dann fallen auch die Emissionen. Das hieße also, wir schrumpfen absichtlich unsere
- Wirtschaft. Genau das fordern Anhänger der sogenannten Dgrowth Bewegung. z.B. einer von Deutschlands prominentesten Wachstumskritikern.
- Wir werden in den Industrie- und Konsumländern, weil eine Entkopplung nicht denkbar ist, tatsächlich den Wohlstand reduzieren müssen.
- Und diese Idee gewinnt tatsächlich immer mehr Fans, vor allem in der Klimabewegung.
- Das Wohlstandsrisiko ist genau dieser Profitdrang, dieser Zwang zu Profitmaximierung zu einer angeblichen Wirtschaftswachstum. Die zweite
- Möglichkeit ist, wir schaffen eine absolute Entkopplung. Das heißt, die Wirtschaft kann weiterwachsen, während die Emissionen sinken. Das ist das, was
- viele Politiker und Ökonomen als grünes Wachstum bezeichnen. Wir werden reicher und dem Klima geht's besser. Aber ist das überhaupt möglich? Ja, das sagen
- zumindest renommierte Klimaökonomen. Meiner Auffassung ist es nicht notwendig, dass man das Wirtschaftswachstum reduziert. Man kann
- also Wirtschaftswachstum und Emissionsreduktion miteinander vereinbaren. Das wäre genau das, was wir brauchen.
- Die Wirtschaft wächst, die Emissionen fallen. Absolute Entkopplung. Das sind also die zwei Auswege, die wir haben. Nachhaltiges Wachstum oder Verzicht.
- Green Growth oder Degrowth. auf Anreize und Innovationen setzen oder den Kapitalismus, wie wir ihn kennen, abschaffen. Aber welcher dieser Wege
- bringt uns tatsächlich ans Ziel? Schauen wir uns die Argumente einmal an. Zuerst die der Wachstumskritiker.
- Argument 1: Der Planet stößt an seine Grenzen. Grünes Wachstum ist ja eine schöne Idee, sagen die Degrowth Anhänger. Dagegen spricht für sie aber
- ein einfacher logischer Zusammenhang. Die Erde ist ein Ökosystem mit endlichen Ressourcen und mit endlichen Ressourcen lassen sich auch nicht unendlich viele
- Dinge herstellen. Und selbst bei grünen Technologien benötigen wir unglaublich viele natürliche Ressourcen. Für E-Autos brauchen wir Materialien wie Litium und
- Windräder und Solarparks nehmen viel Fläche ein. Wenn die Technologie, die zum Einsatz gelangte, um dies zu ermöglichen, so
- viel Flächen zerstört, so viel Natur zerstört, so viel Biodiversität zerstört, dass ich dann letztenendes einen umweltpolitischen Kannibalismus
- vor mir sehe. Ich löse ein Problem, aber erzeuge neue Probleme. Pech sagt also, den Preis des Wachstums zahlt am Ende doch wieder die Umwelt,
- selbst bei grünen Technologien. Ein australischer Kollege von ihm kommt sogar zu dem Ergebnis, dass dieses Problem grundsätzlich nicht in den Griff
- zu bekommen ist. Dort heißt es, unser Modell zeigt, dass das Wachstum des BIP letztlich nicht plausibel vom Wachstum des Material und Energieverbrauchs
- abgekoppelt werden kann. Viele Wachstumskritiker glauben also, dass die Idee von absoluter Entkopplung völlig utopisch ist. Okay, zumindest was
- unseren Ressourcenverbrauch angeht, sind das erstmal ziemlich schlechte Nachrichten. Für den Klimawandel ist vor allem der CO2 Ausstoß relevant. In
- diesem Video konzentrieren wir uns deshalb darauf. Schauen wir uns den noch mal an. Wir haben in Deutschland unsere Emissionen zwar in den letzten Jahren
- ziemlich stark gesenkt, aber wie ihr seht, blasen wir immer noch fast doppelt so viel CO2 in die Luft wie der weltweite Durchschnitt. Deutlich zu
- viel. Im Klimaabkommen von Paris 2015 haben die Regierungen sich darauf geeinigt, die Erdwärmung auf 1,5° zu begrenzen. Um dieses Ziel irgendwie noch
- zu erreichen, müssten die weltweiten CO2 Emissionen um 6,8% im Jahr gesenkt werden und das ist zumindest nach aktuellem Forschungsstand unerreichbar.
- Noch mal, wenn wir weiter so wirtschaften wie bisher, Gerät der Klimawandel außer Kontrolle. Was wir also brauchen ist ein Ausweg und viele
- Leute setzen ihre Hoffnungen da auf ein ganz bestimmtes Pferd und wir wollen es vor allem mit Technologie lösen.
- Die Hoffnung von Leuten wie Friedrich Merz ist, der technische Fortschritt soll uns helfen, klimaneutral zu werden und das ohne, dass unser Wohlstand
- abnimmt. Da gibt es nur leider ein ziemlich großes Problem. Argument 2: Technischer Fortschritt allein reicht nicht. Nur weil
- technischer Fortschritt die Wirtschaft effizienter macht, heißt es noch lange nicht, dass die Emissionen fallen. Um das zu verstehen, müssen wir einen
- kleinen Exkurs in die Geschichte machen und zwar mitten in die industrielle Revolution ins Jahr 1865. Gerade hat James Watt seine neue
- besonders effiziente Dampfmaschine vorgestellt. Die Maschine wird ein Hit und verbreitet sich schnell im ganzen Vereinigten Königreich. Da macht der
- Ökonom William Stanley Javins eine eigenartige Entdeckung. Die neue Maschine ist viel effizienter als ihre Vorgänger und trotzdem verbraucht das
- Land jetzt sehr viel mehr Kohle. Javins hat eine Erklärung dafür. Durch die effizientere Maschine sparen die Fabrikeigentümer Geld. Dieses Geld
- investieren Sie in neue Maschinen. Mit den neuen Maschinen wird jetzt einfach viel mehr produziert. Heute wissen wir, das was Jevinstar entdeckt hat, ist der
- Rebound Effekt. Unternehmen entwickeln neue Technologien, um effizienter zu werden. Sie wollen entweder Zeit, Energie oder einfach nur Geld sparen.
- Diese freigewordenen Ressourcen investieren Sie in neue Mitarbeiter, in Forschung oder in eine neue Kantine. Für die Wirtschaft insgesamt bedeutet das,
- Effizienzsteigerungen führen zu mehr Wirtschaftswachstum. Schön für die Kapitalisten. Für den Kampf gegen den Klimawandel ist das aber ein Problem.
- Das Umweltbundesamt gibt beispielsweise an, dass die direkten Reboundekte für Raumwärmenutzung zwischen 10 und 30% liegen. Das heißt, Familie Meer dämmt
- ihr Haus, spart dadurch Gas und dreht dafür die Heizung im Winter höher als zuvor. Oder sie behalten ihre gewohnte Temperatur bei, sparen Gas und
- investieren das gesparte Geld in einen Langstreckenflug. Das Problem ist, dass diese indirekten Effekte nahezu unmöglich messbar sind.
- Deshalb gibt es nur sehr wenige belastbare Zahlen. Aus Einzeluntersuchungen zeichnet sich aber ein düsteres Bild ab. Studien zeigen,
- dass Rebounde Effekte sogar mehr als 50% der Einsparung zur Nichte machen können. Die Energieeinsparungen werden dann nur halb so wirksam wie ursprünglich
- gedacht. Kommen wir noch mal zurück zu unserer Grafik. Wenn der Reboundeffekt voll einschlägt, dann fällt dieser Graf hier längst nicht so schnell, wie er
- theoretisch könnte. Innovationen helfen dann zwar bei der relativen Entkopplung, weil die Energie effizienter genutzt wird, aber sie treiben gleichzeitig
- diese Kurve in die Höhe. Und ohne absolute Entkopplung heißt das mehr Emissionen. Im Klartext heißt das die Effizienzgewinde durch den
- technologischen Fortschritt nutzen dem Klima wenig. Sie verpuffen den mehr Konsum. Noch härter attackieren Wachstumskritiker allerdings diesen
- Grafen. Sie sagen, dass wir überhaupt so auf das BIP gucken, ist an sich schon ein Problem. Und das bringt uns zu Argument 3: Das BIP misst nicht das
- Wohlergehen. Das BIP ist sowas wie der Erzfeind der Wachstumskritiker. Sie sagen, das BIP ist als Wohlstandsmaß für ein Land völlig ungeeignet.
- [Musik] Der Grund wird klar, werden wir uns angucken, wie sich dieser Wert zusammensetzt. Das BIP ist die Summe
- aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft in einem Jahr produziert werden. Egal, ob ihr zum Friseur geht, ein neues Auto kauft oder
- einfach Urlaub macht. Am Ende des Jahres rechnen Deutschlands Statistiker all unsere Käufe und Verkäufe zu einer einzigen Zahl auf. Wenn man das BIP
- durch die Anzahl der Bewohner des Landes dividiert, kann man es ganz gut mit anderen Ländern vergleichen. In Deutschland waren das zuletzt etwa 46
- 000 €. Das BIPR Kopf ist so ziemlich die wichtigste Wirtschaftszahl eines Landes. Sie wird oft dafür verwendet, auszudrücken, wie es um den Wohlstand
- eines Landes steht. Aber dafür ist das BIP eigentlich nicht gedacht und das hat einige absurde Folgen. Geschieht z.B. eine Umweltkatastrophe, ist das erstmal
- gut fürs BIP. Die Wiederaufbaukosten fließen ja schließlich auch in die Kennzahl ein. Das ist natürlich ein Widerspruch, das
- ist eine Pathologie. die zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt überhaupt nicht geeignet ist, um die Lebensqualität der Menschen zu messen.
- Was Nico Pech hier sagt, ist das BIP misst immer nur den Output einer Wirtschaft. Deshalb geht es manchmal auch dann hoch, wenn die Menschen gar
- nicht besser dran sind. Wachstumskritiker bemängeln auch, dass das BIP keine Faktoren wie Bildung, Gesundheit, Lebensqualität oder soziale
- Sicherheit berücksichtigt. Diese Aspekte sind aber entscheidend für das Wohlergehen der Bevölkerung. Das zeigt z.B. ein Vergleich der USA mit Spanien.
- Das BIP pro Kopf ist in Amerika fast doppelt so hoch wie das der Spanier. Trotzdem werden Spanier z.B. im Schnitt fast 6 Jahre älter als Amerikaner. Grund
- dafür ist vor allem die deutlich größere Ungleichheit in den USA, die das BIP nicht abbildet. Das BIP ignoriert außerdem auch wichtige Tätigkeiten, bei
- denen kein Geld fließt. Ehrenamt, unbezahlte Hausarbeit. All das spielt bei der Bewertung des Wohlstands keine Rolle. Und genau daran knüpfen auch die
- Forderungen der Wachstumskritiker an. Das BIP misst auch in reichen Ländern ohnehin nicht, wie gut es den Leuten geht. Dann brauchen wir unsere
- Gesellschaft auch nicht auf immer mehr Wirtschaftswachstum ausrichten, oder? Also fassen wir die drei wichtigsten Argumente der Wachstumskritiker noch mal
- zusammen. Wachstum in einer ähnlichen Welt muss irgendwann an Grenzen stoßen. Technologischer Fortschritt führt nur zu noch mehr Konsum und Wirtschaftswachstum
- macht die Menschen in reichen Ländern nicht glücklicher. Das klingt erstmal ziemlich überzeugend, aber längst nicht alle sehen das so. Zeit sich die
- stärksten Argumente der Gegenseite anzuschauen. Argument 1: Klimaschutz und Wachstum sind vereinbar. Die meisten Ökonomen
- sagen, eine effektive globale Klimapolitik kann absolut verträglich mit Wachstum sein. Ein Ende des Wachstums ist also überhaupt nicht
- nötig. Warum das so ist, wie klar werden wir uns noch mal den Grafen von eben angucken. Dieses Mal aber für bestimmte Länder. Hier ist z.B. Deutschland und
- hier ist das Vereinigte Königreich und hier die USA. Dort ist überall genau das passiert, was wir brauchen. Nicht nur relative, sondern absolute Entkopplung
- von Wachstum und Emissionen. Die Emissionen gehen seit Jahren runter, die Wirtschaft wächst weiter. So eine absolute Entkopplung kann man heute
- schon in insgesamt 32 Ländern sehen. Es spricht also erstmal nichts dagegen, dass das auch anderswo klappen kann. Die Enkopplung liegt übrigens nicht nur
- daran, dass wir die dreckigen Industrien in andere Länder ausgelagert haben. Auch wenn man diesen Effekt mit einrechnet, hat es eine Entkopplung gegeben.
- Entkopplung ist also grundsätzlich möglich. Die Frage ist dann nicht, ob sie gelingen kann, sondern wie schnell. Es spricht aber einiges dafür, dass das
- durchaus machbar ist. Das zeigen auch immer wieder Studien. Hier mal ein aktuelles Beispiel aus der Fachzeitschrift Nature Climate Change.
- Angenommen, wir hätten eine effektive weltweite Klimapolitik. Also alle Länder setzen die richtigen Anreize, um schnell genug klimaneutral zu werden. Dann
- müsste der Konsum im Mittel nur um 0,06% Punkte im Jahr niedriger ausfallen als sonst. Das ist so wenig, dass es im Prinzip kaum ins Gewicht fällt. Trotzdem
- in Kopplung ist kein Automatismus. Es muss noch viel passieren, um die Emissionen auf null zu senken. Aber technisch ist heute schon super viel
- möglich. Solar und Windenergie sind heute die günstigsten Energieformen, die es gibt. In China werden heute schon jedes Jahr mehr Solarzellen installiert,
- als viele Länder insgesamt haben. Selbst im konservativen Texas ist ein Solarboom ausgebrochen. Wärmepumpen und Elektroautos werden in den nächsten
- Jahren voraussichtlich besser und billiger werden. Und die Industrie, die heute noch so viel CO2 ausstößt, auch dafür gibt's längst Lösungen.
- Klimaforscher haben ausgerechnet, wir können voraussichtlich bald 99% der europäischen Industrie elektrifizieren. Es ist also schon echt viel möglich. Für
- so ziemlich jeden Sektor gibt es eine realistische emissionsfreie Alternative. Entscheidend wäre jetzt auch die Anreize zu schaffen, damit diese Alternativen
- noch eingesetzt werden. Wir haben die politischen Instrumente, wir haben die Technologien, um die Emissionen zu senken. Wir könnten die
- schädlichen Aktivitäten alle bepreisen und besteuern und die würden wir dann zurückfahren. Edenhofer sagt, wenn wir ökonomische
- Anreize ausnutzen und z.B. einen CO2 Preis einführen, gehen auch nur solche Aktivitäten zurück, die schädlich sind. und nicht die, die eigentlich sehr
- nützlich sind. Das ist dann viel gezielter und auch gerechter als eine allgemeine Schrumpfung der Wirtschaft. Klimaschutz wäre vielen Wissenschaftlern
- zufolge also auch ohne großen Verzicht auf Wachstum möglich. Okay, wir haben jetzt also gesehen, rein technisch ist es möglich, Wachstum von Emissionen zu
- trennen. Ob es wirklich klappt, ist offen. Sollten wir dann so wie die Wachstumskritiker fordern, bewusst auf Wachstum verzichten? Es gibt jedenfalls
- gute Argumente, warum das keine so gute Idee ist. Argument 2: Wachstum hilft Menschen zu einem besseren Leben. Wachstumskritiker sagen, das
- Bruttoinlandsprodukt ist ein schlechter Indikator für Glück. Dafür ist das BIP als Messwert aber eigentlich auch gar nicht gedacht. Und trotzdem, man kann
- sehr gut sehen, je höher das BIP in einem Land, desto höher die Zufriedenheit der Menschen. Das gilt nicht nur in Ländern mit großer Armut.
- In der reichen Schweiz sind die Menschen zufriedener als im wenigerreichen Frankreich und in Frankreich sind sie zufriedener als in Polen. So einen
- Zusammenhang sieht man bei vielen anderen Indikatoren für gutes Leben. Kindersterblichkeit, Einkommen der Ärmsten, Gesundheit. Auch wenn das BIP
- sie nicht direkt misst, sie alle hängen sehr eng mit dem Wirtschaftswachstum zusammen. Das BIP ist also sicherlich kein perfekter Indikator, aber
- Wirtschaftswachstum macht dann doch vieles möglich, das Menschen glücklicher macht. Ein Ende des Wachstums würde im Umkehrschluss bedeuten, viele Dinge, die
- ein Leben lebenswert machen, werden dann nicht mehr bezahlbar. Nun sagen viele Wachstumskritiker, die reichen Länder haben das doch alles schon. Vielleicht
- haben sie sogar zu viel von allem. Deshalb sollen nur sie schrumpfen. Die Armen dürfen bis zu einem gewissen Punkt weiterwachsen. Das Problem gerade die
- großen Schwellenländer wie China und Indien stoßen richtig viel klimaschädliches Treibhausgas aus. Ganz einfach, weil sie gerade sehr stark
- wachsen. Das müssen sie auch. In Indien allein leben immer noch über 100 Millionen Menschen in Armut. In den vergangenen Jahren haben es hunderte
- Millionen aus der Armut herausgeschafft, weil es so viel Wirtschaftswachstum gab. Das sieht man aber eben auch an den Emissionen. Schaut mal hier. China und
- Indien allein verursachen fast 50% aller weltweiten Emissionen. Wenn diese beiden es nicht schaffen, klimaneutral zu werden, sieht es schlecht für uns alle
- aus. Also nicht nur sagt das Wirtschaftswachstum eben doch was über die Lebensqualität aus. Noch dazu würde ein Verzicht darauf, vor allem in den
- Ländern etwas bringen, die es gerade am dringendsten brauchen. Wirtschaftswachstum spielt eine sehr wichtige Rolle dabei, das Leben sehr
- vieler Menschen besser zu machen. Die Wachstumskritiker glauben, dass man das mit der richtigen Politik auch anders erreichen kann. Z.B. indem der
- Wohlstand, den wir haben, anders verteilt wird. Aber und das bringt uns zum dritten Punkt. Sie bleiben dabei eine Antwort auf eine ganz wichtige
- Frage schuldig. Argument 3: Wir dürfen keine Zeit verlieren. Die Welt, die sich Wachstumskritiker vorstellen, klingt erstmal sehr idyllisch. In einer
- Postwachstumsökonomie würden Menschen im Durchschnitt 20 Stunden kommerziell arbeiten. Wenn wir dann sogar dazu übergehen, die freigewordene Zeit zu
- verwenden, um kooperativ in Netzwerken selber Güter zu produzieren, dann haben wir einen Fundus an reichhaltige Möglichkeiten sehr gut demokratisch,
- frei und würdig zu leben. Im Klartext, den Wachstumskritikern schwebt eine völlig andere Arbeitswelt vor, ein anderes Wirtschaftssystem, ganz schön
- revolutionär, aber irgendwie muss das Ganze auch in die Realität umgesetzt werden. Und die Frage, die offen bleibt, ist, wie wäre das auf demokratischen
- Wege möglich? Nur wenn es dafür eine realistische Perspektive gibt, bringt es uns auch etwas gegen den Klimawandel. Wir haben den Anthropologen und die
- Growthanickel gefragt, wie er politisch eine Wirtschaft ohne Wachstum umsetzen würde. Als wichtigsten Hebel sieht er die sogenannte demokratische Planung. Im
- Moment schreibtickel: "Im Kapitalismus planen Unternehmen ihre Produktion zu steigern, nicht um bestimmte menschliche Bedürfnisse zu
- befriedigen, sondern um ihre Gewinne zu maximieren. Es gibt keinen Grund, warum dieser Planungsprozess nicht auch für das Gegenteil genutzt werden kann. Das
- klingt erstmal plausibel, aber überlegt euch mal, was das bedeutet. Es würde einen extremen Eingriff in die Art und Weise bedeuten, wie unser
- Wirtschaftssystem funktioniert. Wir müssten den Unternehmen genau vorschreiben, welche Ziele sie sich setzen müssen. Das wäre eine komplette
- Abkehr von der Marktwirtschaft, wie wir sie kennen und hätte mehr mit einer kommunistischen Planwirtschaft gemeint. Jetzt kann man absolut unterschiedlicher
- Meinung darüber sein, ob der Kapitalismus so wie er ist gut funktioniert und was wir daran ändern sollten, ganz unabhängig vom
- Klimawandel. Der Punkt ist aber ein ganz anderer. Die Wachstumskritiker sagen: "Ja, ein grünes Wachstum ohne Emissionen erreichen wir nicht schnell genug." Und
- erinnert euch, dass es so langsam geht, hat inzwischen nicht mehr in erster Linie mit fehlender Technologie zu tun. Es liegt vor allem daran, dass die
- politische Umsetzung zu Träge ist. Und dann soll die Alternative ein noch viel krasserer Umbau unserer Wirtschaftsordnung sein, der sich
- demokratisch noch viel viel schwerer umsetzen ließe. Das Problem sieht übrigens auch Nico Pech. Eine Postwachstumsökonomie lässt sich im
- Moment politisch nicht ohne weiteres umsetzen, weil die Wählermehrheiten in den ausgereiften Konsum und Industriegesellschaften
- unfähig sind, so zu leben, wie sie leben können müssten. Auch Pech sieht also derzeit keine Perspektive, wie man die Growth als
- politisches Programm durchsetzen kann. Vielleicht wird sich irgendwann einmal eine Mehrheit für eine Postwachstumsgesellschaft finden. Aber
- selbst um den Klimawandel nur auf 2° zu beschränken, bleiben uns nur noch 23 Jahre. Für das 1,5° Ziel sogar nur noch 6 Jahre. Nach dieser Zeit ist das
- weltweite CO2 Budget aufgebraucht. Bis dahin müssen also die weltweiten Emissionen auf null fallen. Gelingt das nicht, hieße das noch mehr gefährliche
- Hitzewellen, ein Anstieg des Meeresspiegels, das Aussterben vieler Tierarten, schlechtere Ernten. Für Milliarden von Menschen werden die
- Folgen katastrophal. Es kommt jetzt auf jedes Jahr an und je schneller man die Menschen vom Klimaschutz überzeugen kann, desto besser. Dass das mit die
- Growth gelingen kann, ist zumindest zweifelhaft. Es ist gar nicht so einfach, sich da vorzustellen, mit welchen politischen Instrumenten das
- überhaupt gehen soll. Krasse Eingriffe, prohibitiv hohe Einkommenssteuern, das sind alles Dinge, die einfach schwer durchsetzbar sind.
- Die Menschen zu überzeugen wird schwer genug. Guckt euch allein mal das Drama um das neue Heizungsgesetz an oder die Reaktionen auf die Aktionen der letzten
- Generation. Auch wenn es manchmal weh tut, demokratische Prozesse sind zäh. Eine Politik, die auf Investitionen und gezielte Anreize setzt, wird es
- vermutlich leichter haben, als eine Mehrheit für eine allgemeine Schrumpfung der Wirtschaft zu finden und sich wahrscheinlich schneller umsetzen
- lassen. Und genau darauf kommt es jetzt an. Also noch mal kurz zusammengefasst, die meisten Klimaökonomen sind überzeugt, Wirtschaftswachstum und
- Klimaschutz sind absolut vereinbar, wenn wir nur die richtigen Schritte in die Wege leiten. Wirtschaftswachstum hilft uns oben drein, Menschen auf der ganzen
- Welt ein besseres Leben zu verschaffen. Und selbst wenn eine Schrumpfung der Wirtschaft erstrebenswert wäre, wir haben einfach nicht die Zeit, auf die
- Durchsetzung so eines revolutionären Konzeptes zu warten. Die Wachstumskritiker legen den Finger in die Wunde. Sie haben ja recht. An der
- Art, wie wir bisher gewirtschaftet haben. Mit immer weiter steigenden Emissionen, muss ich etwas ändern. Letztlich finde ich persönlich ihre
- Vorschläge aber nicht überzeugend. Sie bieten keinen klaren Fahr zu einer klimaneutralen Wirtschaft und der Preis, den ihre Vorschläge einfordern würden,
- wäre viel zu hoch. Sie würden sehr vielen Menschen den Wohlstand verwehren, nachdem sie sich sehnen. Ja, vermutlich werden wir in Zukunft unsere
- Gewohnheiten ändern müssen, weniger Fliegen oder Fleisch essen. Und grünes Wachstum wird auch nicht einfach so von allein passieren. Das verhindert die
- Trägheit der Menschen und oben drein noch der Rebound Effekt. Aber die gute Nachricht ist, wir haben schon sehr viele Werkzeuge, die für effektiven
- Klimaschutz nötig wären. Nicht nur die Technologien, sondern auch Ideen, wie man die richtigen ökonomischen Anreize schafft. ob das über einen CO2 Preis
- geschieht oder über Subventionen, wir müssen diese Werkzeuge nur einsetzen. Vielleicht ist die wichtigste Lehre aus dieser Debatte, wir müssen unbedingt die
- Entkopplung schneller vorantreiben, sonst wird uns das teuer zu stehen kommen. Entweder, weil wir tatsächlich unsere Wirtschaft schrumpfen müssen oder
- durch die gewaltigen Schäden, die der Klimawandel anrichtet, wenn wir nichts tun. Und jetzt will ich von euch wissen, glaubt ihr, dass Wirtschaftswachstum und
- Klimaschutz vereinbar sind? Schaffen wir die Entkopplung von Wachstum und Emissionen rechtzeitig? Habe ich ein wichtiges Argument vergessen? Schreibt
- uns in die Kommentare. Wenn euch das Video gefallen hat, würden wir uns über ein Abo freuen und wenn ihr noch nicht genug vom Thema Wirtschaftswachstum
- habt, schaut euch doch mal dieses Video von meiner Kollegin Jessie an, die erklärt euch, warum Deutschlands langfristiges Wirtschaftswachstum gerade
- in Gefahr ist. Und hier findet ihr ein weiteres Video von unserem Kollegen Mr. Wissen to Go. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
Zum Nachlesen
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Grünes WachstumGrünes Wachstum verfolgt das Ziel, wirtschaftspolitische Wachstumsziele nachhaltig zu erfüllen. Dafür soll eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und …
WachstumskritikWachstumskritik ist ein Überbegriff für mehrere Konzepte, die das gesellschaftliche, politische und unternehmerische Ziel des Wirtschaftswachstums kritisieren.
WirtschaftswachstumUnter Wirtschaftswachstum wird allgemein in der Wirtschaft eine Zunahme der Wirtschaftsleistung (je Staat, Region oder weltweit) im Zeitablauf verstanden.