Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wirtschaftsraum
... Wirtschaftsgeographie). Auch raumwirksame Aspekte der Globalisierung und neue internationale Arbeitsteilung werden zunehmend behandelt. Besondere …
Inhalt6 Abschnitte
Grundbegriff und Bedeutung
Ein Wirtschaftsraum, auch Wirtschaftsregion genannt, ist in der Wirtschaftsgeographie ein geografisch zusammenhängender Raum aus benachbarten Regionen, die zu mehreren souverän bleibenden Staaten gehören. Diese Staaten betreiben eine gemeinsame oder abgestimmte Wirtschaftspolitik, ohne dadurch ihre Identität und Souveränität aufzugeben.
Der Begriff geht auf den Geographen Theodor Kraus zurück. Er definierte 1933 einen Wirtschaftsraum als einen „durch menschliche Aktivitäten organisierte[n] und gestaltete[n] Erdraum bzw. Landschaftsausschnitt, welcher durch bestimmte sozioökonomische Strukturmerkmale und funktionale Verflechtungen charakterisiert und abgegrenzt ist“. Für Kraus musste ein Wirtschaftsraum einen in sich geschlossenen Wirtschaftskreislauf aus Bedarf, Erzeugung und Verbrauch besitzen. Außerdem sollten „Gleichartigkeit und Gleichgerichtetsein der wirtschaftlichen Bindungen und Bezogenheiten“ vorhanden sein.
Zusammenarbeit souveräner Staaten
Die Staaten eines Wirtschaftsraums arbeiten auf Grundlage von Staatsverträgen wirtschaftlich zusammen. Ziel ist es, ihre Volkswirtschaften enger miteinander zu verbinden. Wenn zusätzlich eine politische Zusammenarbeit hinzukommt, spricht man von einem Staatenbund.
Ein Wirtschaftsraum ist kein völkerrechtlicher Staat. Er hat also weder ein eigenes Staatsgebiet noch eigene Staatsangehörige. Ein wichtiges Ziel der Mitgliedstaaten ist die Verbesserung der Terms of Trade, also der Austauschbedingungen im internationalen Handel, über das jeweilige nationale Niveau hinaus. Dies kann auch durch eine abgestimmte Stabilisierung der Wechselkurse unterstützt werden. Zwischen den Mitgliedstaaten können außerdem Win-win-Situationen entstehen, bei denen mehrere Seiten profitieren.
Integration und Struktur
Ein Wirtschaftsraum entsteht durch wirtschaftliche Integration. Dabei werden Wirtschaftsstrukturen regional angeglichen, indem gemeinsame sozioökonomische Strukturmerkmale und funktionale Verflechtungen genutzt werden. Sozioökonomisch bedeutet, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Merkmale zusammen betrachtet werden; funktionale Verflechtungen sind wirtschaftliche Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Teilräumen.
Strukturell wird das innere Gefüge der raumprägenden Elemente eines Wirtschaftsraums angepasst, besonders in Bezug auf Lage und Eigenschaften. Funktionell werden Art, Intensität und Dynamik der Verflechtungen und Systemzusammenhänge harmonisiert. Ein Wirtschaftsraum unterscheidet sich durch seine individuelle Wirtschaftsstruktur von benachbarten Wirtschaftsräumen. Eine Abgrenzung nur nach Regionen oder Staatsgrenzen ist vor allem bei makrogeografischer Betrachtung sinnvoll.
Historische Beispiele
Ein früher großer Wirtschaftsraum entstand nach den im November 1777 verabschiedeten Konföderationsartikeln im März 1781 auf dem heutigen Gebiet der USA. Die einzelstaatliche Souveränität blieb zunächst bestehen, Ziel war aber nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer Zusammenschluss. 1823 entstand mit dem Staatenbund der Zentralamerikanischen Konföderation ein weiterer Wirtschaftsraum.
Ein erster makropolitischer Wirtschaftsraum war die im April 1951 gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Im Januar 1958 folgte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Rechtsvorgängerin der heutigen Europäischen Union. Diese entstand im Februar 1992 durch den Vertrag von Maastricht. Ein wichtiger Teilsektor ist die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, die seit Januar 2002 in der Eurozone die gemeinsame Währung Euro verwendet. Im Januar 1994 entstand außerdem der Europäische Wirtschaftsraum als Freihandelszone zwischen der Europäischen Union und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA).
Weitere Beispiele sind die im November 1989 entstandene Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) und der im März 1991 gegründete Mercosur, der als Binnenmarkt funktioniert. Beim Mercosur ist es bisher nicht gelungen, die Weichwährungen der Mitgliedstaaten zu harmonisieren. Das im Januar 1994 zustande gekommene Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) gilt dagegen nicht als Wirtschaftsraum, weil es nur den Außenhandel und damit nur einen Teilbereich der Wirtschaftspolitik regelt. Im September 2009 beschlossen die ASEAN-Mitgliedstaaten die Errichtung eines Binnenmarkts nach dem Vorbild der EU.
Rolle in der Wirtschaftsgeographie
Der Wirtschaftsraum ist ein zentrales Erkenntnisobjekt der Wirtschaftsgeographie, also der Teildisziplin der Geographie, die wirtschaftliche Aktivitäten räumlich untersucht. In jüngerer Zeit steht jedoch weniger die umfassende Analyse ganzer Wirtschaftsräume im Vordergrund, sondern stärker die Untersuchung ausgewählter Spezialthemen.
Dazu gehören regionale Produktionscluster, also räumliche Konzentrationen miteinander verbundener Unternehmen und Einrichtungen, etwa Industrieregionen. Untersucht wird auch, wie solche Cluster in einen bestimmten soziokulturellen Kontext eingebunden sind. Dazu zählt die Einbindung der Akteure in ihr Umfeld, auf Englisch embeddedness genannt, ein Thema der relationalen Wirtschaftsgeographie. Außerdem behandelt die Forschung raumwirksame Aspekte der Globalisierung, die neue internationale Arbeitsteilung und das Verhältnis zwischen globalen und lokalen Prozessen und Systemen, das als Glokalisierung bezeichnet wird.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Der Wirtschaftsraum unterscheidet sich vom Wirtschaftsgebiet dadurch, dass seine Abgrenzung nicht auf politisch-administrativen Verwaltungseinheiten beruhen soll. Beim Wirtschaftsgebiet können solche Verwaltungseinheiten stärker im Mittelpunkt stehen.
Eine Agglomeration oder ein Ballungsraum bezeichnet dagegen die Konzentration mehrerer Nachbargemeinden innerhalb eines Staates, zum Beispiel das Ruhrgebiet. Die Gesamtheit aller in einem Wirtschaftsraum verbundenen und gegenseitig abhängigen Sektoren wird als Volkswirtschaft bezeichnet.