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Wirtschaftskrise 2020–2021
In vielen Ländern der Welt ist die Wirtschaftsleistung gesunken und die Arbeitslosigkeit gestiegen. Zahlreiche Staaten haben um internationale Kredithilfe …
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Entstehung und Bedeutung der Krise
Die Wirtschaftskrise 2020–2021, auch Corona-Wirtschaftskrise, Corona-Rezession oder „The Great Lockdown“, entstand infolge der COVID-19-Pandemie. Staaten versuchten, die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 durch Lockdowns, Betriebsschließungen, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen einzudämmen. Dadurch wurden Produktion, Handel, Reisen und Dienstleistungen stark eingeschränkt. In vielen Ländern sank die Wirtschaftsleistung, während Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit zunahmen. Zahlreiche Staaten benötigten internationale Kredithilfe.
Die Krise war zugleich eine Angebots- und Nachfragekrise: Unterbrochene Lieferketten und geschlossene Betriebe begrenzten das Angebot, während Haushalte weniger konsumierten und Unternehmen Investitionen zurückstellten. Besonders betroffen waren Tourismus, Luftverkehr, Gastronomie, Kultur, stationärer Einzelhandel und Autoindustrie. Lieferdienste, Onlinehandel und einige Technologie- und Logistikunternehmen profitierten dagegen.
Neben der vorübergehenden Rezession entwickelte sich eine längerfristige Strukturkrise. Diskutiert wurden dauerhafte Veränderungen von Geschäftsmodellen, ein klimaverträglicher Umbau der Wirtschaft und Schäden am Humankapital. Humankapital bezeichnet das Leistungspotenzial einer Bevölkerung, das in ausgebildeten und lernfähigen Menschen steckt und auf Gesundheit, Arbeitskraft, Wissen und Erfahrung beruht.
Weltweiter Verlauf und wirtschaftliche Folgen
Die ersten deutlichen Folgen zeigten sich Anfang 2020 in China. Unternehmen wie Toyota, Google, Starbucks, McDonald’s, IKEA und Apple schlossen Standorte oder stoppten Tätigkeiten. Die chinesischen Containerausfuhren per Schiff gingen im Februar um 30 Prozent zurück. Kurz darauf wurden internationale Messen und Veranstaltungen abgesagt, darunter der für den 5. bis 15. März geplante Genfer Auto-Salon.
Am 9. März 2020 begann der sogenannte Corona-Crash an den Börsen. An der Wall Street kam es zum stärksten Einbruch seit dem 19. Oktober 1987. Im ersten Quartal verloren Dow Jones und DAX 23 beziehungsweise 25 Prozent. Gleichzeitig fiel wegen sinkender Nachfrage sowie eines Preiskriegs zwischen Saudi-Arabien und Russland der Ölpreis. Die US-Sorte WTI kostete Ende März weniger als 20 US-Dollar je Barrel und erreichte am 20. April wegen drohender Überfüllung der Lager kurzzeitig erstmals einen negativen Wert. Bis Mitte Mai stieg ihr Preis wieder über 30 Dollar; die NASDAQ lag bereits wieder über ihrem Stand vor der Pandemie.
Die Arbeitsmärkte wurden schwer getroffen. In den USA stiegen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe Ende März von 282.000 auf rund 3,3 Millionen und verdoppelten sich in der folgenden Woche. Auch Österreich, Spanien und Norwegen meldeten starke Zunahmen der Arbeitslosigkeit. Kurzarbeit und Homeoffice veränderten den Arbeitsalltag und verringerten die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Internationale Produktionsketten brachen teilweise zusammen. Stornierte Textilaufträge im Wert von mindestens 1,5 Milliarden Dollar belasteten Bangladesch; in Kambodscha stellten mehr als 110 Bekleidungsfabriken mit fast 100.000 Beschäftigten die Produktion ein. Der internationale Luftverkehr geriet nach Angaben der IATA in die „schlimmste Krise“ seiner Geschichte. Für 2020 wurden Umsatzeinbußen von bis zu 44 Prozent oder 252 Milliarden Dollar erwartet. Ende März sank der Flugverkehr im europäischen Luftraum auf ein Viertel des Vorjahreswerts.
Zu den Krisengewinnern gehörten große Digital- und Logistikunternehmen. Amazon steigerte seinen Nettogewinn 2020 um 84 Prozent auf 21,3 Milliarden US-Dollar. Auch Facebook, Alphabet und FedEx meldeten stark wachsende Gewinne. 2021 entstanden im Welthandel Lieferengpässe unter anderem bei Mikrochips, Plastik und Holz.
Prognosen, Armut und langfristige Bildungsschäden
Der Internationale Währungsfonds (IWF) erklärte Ende März 2020 eine Rezession für „unausweichlich“. Mitte April erwartete er die vermutlich schwerste Rezession seit der Großen Depression der 1930er Jahre und einen Rückgang der Weltwirtschaft um etwa 3 Prozent. Für die USA wurden minus 5,9 Prozent, für die Eurozone minus 7,5 Prozent prognostiziert. Die Welthandelsorganisation rechnete für 2020 mit einem Rückgang des Welthandels um 13 bis 32 Prozent. Die Prognosen waren wegen fehlender Erfahrungen mit dieser Krisenart besonders unsicher.
Mögliche Erholungsverläufe wurden mit Buchstaben beschrieben: Eine L-Kurve bedeutet Absturz und lange Stagnation, eine V-Kurve einen schnellen Einbruch mit rascher Erholung, eine U-Kurve eine verzögerte Erholung und eine W-Kurve eine erste Erholung mit erneutem Einbruch. Eine extreme L-Entwicklung könnte in eine Depression mit Pleitewelle, Massenarbeitslosigkeit und verlorenem Vertrauen münden.
Hilfsorganisationen warnten, dass 35 bis 65 Millionen Menschen in absolute Armut geraten könnten. Die Welthungerhilfe hielt im Juli 2020 einen Anstieg der Zahl hungernder Menschen auf eine Milliarde für möglich. Besonders arme Länder verloren zugleich Einnahmen aus dem Tourismus und verfügten über weniger soziale Sicherung.
Die Krise beschädigte außerdem die Entwicklung des Humankapitals. UNICEF warnte im November 2020 vor einer „verlorenen Covid-Generation“. Geschätzt 100 Millionen Kinder gerieten zusätzlich in mehrdimensionale Armut. Selbst unter besten Bedingungen sollte es sieben bis acht Jahre, also bis 2029/2030, dauern, wieder den Stand von 2019 zu erreichen. Seit dem Frühjahr 2020 hatten 168 Millionen Schüler keinen Präsenzunterricht erhalten; mehr als ein Drittel der Schulkinder hatte keinen Zugang zu alternativen Lernmöglichkeiten. Die PISA-Studie 2022 bestätigte in vielen Staaten deutliche Rückgänge beim Lesen, Schreiben, in Mathematik und in den Naturwissenschaften.
Die Weltbank warnte 2023 vor „vernarbten Generationen“ in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen. Für Deutschland berechnete der Bildungsökonom Ludger Wößmann: Wenn ein Drittel der Kompetenzen eines Schuljahres nicht aufgebaut werde, könne dies über das Erwerbsleben zu einem Verlust von ungefähr drei Prozent und zu einem Minus von 1,5 Prozent des künftigen Bruttoinlandsprodukts führen. Betroffen seien zwölf Schuljahrgänge.
Internationale Hilfen und Strukturwandel
Im April 2020 gewährten die G20 ärmeren Ländern einen mindestens einjährigen Zahlungsaufschub von 11 Milliarden Dollar und beschlossen ein Hilfspaket von bis zu fünf Billionen Dollar. Der IWF stellte bis zu 900 Milliarden Euro Kredithilfe bereit.
Die Europäische Zentralbank beschloss mit dem Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) zusätzliche Anleihekäufe von 750 Milliarden Euro. Die EU-Staaten einigten sich am 9. April auf Hilfen von etwa 540 Milliarden Euro: 240 Milliarden aus dem Euro-Rettungsschirm ESM, 200 Milliarden als Garantiefonds der Europäischen Investitionsbank und 100 Milliarden für das Kurzarbeiterprogramm „Sure“. Im Juli folgten ein EU-Aufbauplan von 750 Milliarden Euro und ein Mehrjähriger Finanzrahmen von 1074 Milliarden Euro für 2021–2027. Der Aufbaufonds umfasste 390 Milliarden Euro gemeinsamer Schuldenaufnahme und 360 Milliarden Euro Kredite an Mitgliedstaaten.
Kontrovers diskutiert wurden gemeinsame EU-Anleihen, sogenannte Coronabonds. Frankreich, Italien und Spanien befürworteten sie, während die Niederlande, Österreich, Dänemark und Schweden – die „sparsamen Vier“ – sie ablehnten.
Wirtschaftswissenschaftler warben für eine „Green Recovery“: Konjunkturhilfen sollten zugleich Beschäftigung fördern und den Übergang zu einer klimaverträglichen Wirtschaft beschleunigen. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, ein grünes Stimulationspaket mit weniger Investitionen in fossile Brennstoffe könne bis 2050 eine Erwärmung um 0,3 °C verhindern. Erforderlich sei eine Dekarbonisierung, also die systematische Verringerung kohlenstoffhaltiger Energieträger in der Wirtschaft. Damit verbunden war die Frage der Generationengerechtigkeit, weil jüngere Menschen Bildungs-, Einkommens- und Sozialverluste erlitten und später zusätzlich Rentenlasten und Corona-Schulden tragen müssen.
Deutschland: Einbruch, Branchen und Arbeitsmarkt
In Deutschland erwarteten Ende März 2020 laut einer DIHK-Umfrage 80 Prozent von 15.000 Unternehmen ein deutliches Umsatzminus; fast jedes fünfte Unternehmen sah sich akut von Insolvenz bedroht. Die Industrieproduktion sank im März gegenüber Februar um 9,2 Prozent. In der Industrie ohne Bau und Energie betrug das Minus 11,6 Prozent, der größte Rückgang seit Beginn des Produktionsindex 1991. Die Autoindustrie verlor mehr als 30 Prozent. Im April lagen die Exporte 31,1 Prozent unter dem Vorjahresmonat, der stärkste derartige Rückgang seit Beginn der Außenhandelsstatistik 1950.
Das Bruttoinlandsprodukt sank im ersten Quartal 2020 um 2,2 Prozent und im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 9,7 Prozent. Im Gesamtjahr ging es tatsächlich um 5,0 Prozent zurück. Die Exporte fielen um 9,3 Prozent auf 1204,7 Milliarden Euro, die Importe um 7,1 Prozent auf 1025,6 Milliarden Euro. 2021 stieg das BIP um 2,7 Prozent; für 2022 prognostizierte das BMWi 3,6 Prozent Wachstum unter der Annahme eines abflachenden Infektionsgeschehens. Schätzungen der Gesamtkosten lagen weit auseinander: Das Ifo-Institut nannte 255 bis 729 Milliarden Euro, der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau eine bis 1,5 Billionen Euro.
Kurzarbeit begrenzte den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Bis zum 26. April hatten Unternehmen sie für 10,1 Millionen Menschen angemeldet; tatsächlich betroffen waren im März 2,49 Millionen und im April 6,83 Millionen Beschäftigte. Im Mai stieg die Zahl der Arbeitslosen um 169.000 auf 2.813.000, im Juni um 40.000 auf 2.853.000. Besonders belastet waren Menschen mit niedrigen Einkommen, Migrationshintergrund, Minijobs oder Solo-Selbstständigkeit. Die Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen sanken 2020 um 0,6 Prozent – erstmals seit 2007 gingen sowohl Nominal- als auch Reallöhne zurück.
Autohersteller stoppten ihre Produktion; von Januar bis Mai wurden 44 Prozent weniger Autos gebaut als im Vorjahr. Der stationäre Einzelhandel, Handwerk, Hotels, Gastronomie, Kultur, Veranstaltungen und Verkehr erlitten besonders hohe Verluste. Im April 2020 sah der Hotel- und Gaststättenverband rund 70.000 von 223.000 Betrieben in ihrer Existenz bedroht. Für die Kultur- und Kreativwirtschaft erwartete die Bundesregierung Verluste zwischen 9,5 und fast 28 Milliarden Euro. Reisebüros und Veranstalter, Fluggesellschaften und Flughäfen meldeten massive Einbrüche; das Passagieraufkommen an deutschen Flughäfen sank in der ersten Aprilwoche auf 2 Prozent des Vorjahreswerts.
Lebensmittelhandel, Lieferdienste, Onlinehandel und Logistik profitierten teilweise. Delivery Hero steigerte seinen Umsatz im ersten Quartal um fast 93 Prozent auf 515 Millionen Euro. Gleichzeitig wuchs das Vermögen deutscher Dollar-Milliardäre bis Juli 2020 von 501 auf 595 Milliarden Euro. Die Krise verstärkte damit soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten.
Staatliche Reaktionen und Ländervergleich
Deutschland beschloss im März 2020 Hilfen von insgesamt etwa 750 Milliarden Euro: rund 50 Milliarden für kleine Unternehmen und Soloselbstständige, einen Nachtragshaushalt von 156 Milliarden Euro sowie einen 600-Milliarden-Euro-Rettungsfonds für mittlere und große Unternehmen. Hinzu kamen Kündigungsschutz bei krisenbedingt ausbleibenden Mietzahlungen, höheres Kurzarbeitergeld, steuerliche Entlastungen und zeitweise eine Senkung der Mehrwertsteuer. Im Juni folgte ein Konjunkturpaket von 130 Milliarden Euro mit 57 Maßnahmen. Die Wirkung war je nach Branche verschieden: Staatshilfen erhöhten etwa bei Messeveranstaltern und Reisebüros die Überlebenswahrscheinlichkeit um rund 30 Prozentpunkte, dennoch blieb sie unter 60 Prozent.
Die Lockerungen erfolgten ab April 2020 je nach Bundesland unterschiedlich. Dies führte teilweise zu Wettbewerbsverzerrungen und Einkaufstourismus. Im Herbst kam zunächst ein „Lockdown light“, ab 16. Dezember ein weiterer harter Lockdown. Dessen Kosten schätzte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung auf etwa 3,5 Milliarden Euro pro Woche.
Auch andere Staaten setzten umfangreiche Hilfen ein. Österreich beschloss am 18. März Maßnahmen von 38 Milliarden Euro. Die Schweiz stellte zunächst 42 Milliarden Franken bereit und erhöhte allein ihr Bürgschaftsprogramm für Überbrückungskredite auf 40 Milliarden Franken. Ihr reales BIP sank 2020 um 2,9 Prozent. Frankreich erwartete ein Wirtschaftsminus von mehr als elf Prozent und rettete unter anderem Renault und Air France-KLM mit Staatsgeld. Japan kündigte ein Konjunkturpaket von umgerechnet etwa einer Billion Euro an.
In den USA stieg die Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent im Februar auf 14,7 Prozent im April 2020, den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Bis zum 14. Mai wurden 36,5 Millionen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gezählt. Einzelhandelsumsatz und Industrieproduktion brachen historisch stark ein; bekannte Unternehmen wie J. C. Penney und Hertz beantragten Insolvenz. Die USA legten ein Konjunkturprogramm von 2,9 Billionen Dollar auf.
Die Erwartung, die Wirtschaftskrise werde mit Impfungen bis Ende 2021 beendet sein, erfüllte sich nicht vollständig. Niedrige Impfquoten in ärmeren Ländern, neue Virusvarianten und Impfablehnung ermöglichten weitere Wellen und erneute Beschränkungen. Am 5. Mai 2023 hob die WHO zwar die internationale Gesundheitsnotlage auf, warnte aber vor fortbestehenden Gefahren und neuen Varianten. In den meisten Ländern waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend auf den Zustand vor der Pandemie zurückgeführt worden.