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Wirtschaft Chiles

Inhaltsverzeichnis · Makroökonomische Daten · Sektoren · Außenhandel · Geschichte · Sozialpolitik · Korruption · Gewerkschaften und Unternehmerverbände.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundstruktur und aktuelle Kennzahlen
  2. 2. Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft
  3. 3. Bergbau, Industrie und Finanzwesen
  4. 4. Außenhandel und Handelspolitik
  5. 5. Historische Entwicklung und Sozialpolitik
  6. 6. Unternehmen, Gewerkschaften und Korruption

Grundstruktur und aktuelle Kennzahlen

Chile ist eine überwiegend marktwirtschaftlich organisierte, stark exportorientierte Volkswirtschaft. Viele Bereiche sind liberalisiert und privatisiert; die Staatsquote wird mit 22 % angegeben. Das Land gehört zur WTO, APEC, OECD (seit Mai 2010) und ist assoziiertes Mitglied des Mercosur. Seine besondere wirtschaftliche Bedeutung beruht vor allem auf Kupfer: Chile verfügt über rund 40 % der bekannten weltweiten Kupfervorkommen und ist der größte Kupferexporteur der Welt.

2024 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Wert aller im Land erzeugten Waren und Dienstleistungen, 330,2 Mrd. US-Dollar nominal beziehungsweise 678,0 Mrd. US-Dollar nach Kaufkraftparität (PPP). Das BIP pro Kopf lag bei 16.439 US-Dollar nominal und 33.756 US-Dollar nach PPP. Das reale Wachstum betrug 2,6 %, die Inflationsrate 3,9 %, die Arbeitslosenquote 8,5 % und der Gini-Index 43 (2022). Der Gini-Index misst die Ungleichheit der Einkommen: Höhere Werte stehen für stärkere Ungleichheit.

Der Dienstleistungssektor ist mit 64,3 % des BIP (2017) der größte Bereich; Industrie und Landwirtschaft stellten 31,4 % beziehungsweise 4,4 %. Von 10,088 Mio. Erwerbstätigen im Jahr 2024 arbeiteten nach älteren Sektordaten 67,1 % im Dienstleistungsbereich, 23,7 % in der Industrie und 9,2 % in der Landwirtschaft. Die öffentlichen Schulden betrugen 42,0 % des BIP, die Staatseinnahmen 23,7 % und die Staatsausgaben 26,5 %; daraus ergab sich ein Haushaltssaldo von −2,7 % des BIP.

Die Wirtschaft ist empfindlich gegenüber Rohstoffpreisen. Nach dem Preisverfall während der Asien- und Brasilienkrise 1998 geriet Chile in eine Rezession. Der Kupferpreis stieg von 0,74 US-Dollar je englischem Pfund Feinkupfer 1999 auf 2,02 US-Dollar Ende 2005, also um 275 %. In der internationalen Finanzkrise sank das reale BIP-Wachstum von 5,1 % 2007 auf 3,5 % 2008.

Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft

Nur etwa 7 % der Landesfläche werden landwirtschaftlich genutzt; davon dienen 3 % dem Ackerbau. Intensive Landwirtschaft konzentriert sich auf das Zentraltal, während sie im trockenen Norden häufig auf Oasen beschränkt ist. Viehzucht findet vor allem in Zentralchile und im nördlichen Südchile statt. Rund zwei Drittel der Ackerfläche entfallen auf Weizen, Mais und Kartoffeln.

Agrarreformen unter Eduardo Frei und Salvador Allende verteilten 40 % der bewirtschafteten Fläche neu; Großgrundbesitzer ab 80 „Einheitshektar“ wurden enteignet und entschädigt. Allende wandelte viele Haciendas in von CORA unterstützte Genossenschaften, sogenannte asentamientos, um. Diese arbeiteten wegen staatlicher Unterstützungen, niedriger Festpreise und eines Schwarzmarkts meist unwirtschaftlich. Unter Pinochet wurden 29 % des enteigneten Landes zurückgegeben; viele Flächen wurden jedoch als kleine parcelas von 5 bis 20 ha verkauft und später weiterverkauft. Dadurch besteht bis heute ein großer Sektor mittlerer Betriebe mit 20–100 ha.

Seit den 1970er Jahren stiegen Erträge trotz sinkender Anbaufläche durch mehr Technologie und Kapital. Die Landwirtschaft richtete sich auf den Weltmarkt aus: Der Agrarexport verzwanzigfachte sich unter der Diktatur und verachtfachte sich danach nochmals. Im Zentraltal werden zunehmend Obst, Wein und Gemüse erzeugt; im Süden gewann die Forstwirtschaft an Gewicht. Chile exportiert Holz, Papier, Zellulose, Fischmehl, Lachs, Äpfel, Weintrauben und Wein und kann sich mit wichtigen Lebensmitteln selbst versorgen.

Grundlage der Forstwirtschaft sind angepflanzte Wälder aus Pinus radiata und Eukalyptus. Von 1970 bis Ende 1989 wurden jährlich 80.000 ha neu bepflanzt. Ab 1974 übernahm der Staat 75 % der Aufforstungskosten. Die Holzausfuhren stiegen von 105 Mio. US-Dollar 1973 auf 1,8 Mrd. US-Dollar 1995, jeweils zu Preisen von 1995. Chile ist außerdem nach Norwegen der zweitgrößte Produzent von Zuchtlachs. Der Lachs-Export stieg von praktisch null 1986 auf 700 Mio. US-Dollar 1998. Obst wird überwiegend bewässert im Zentraltal angebaut; mehr als die Hälfte des Obstexports kontrollieren Dole, Chiquita, UTC/Del Monte und Unifrutti.

Bergbau, Industrie und Finanzwesen

Kupfer ist das wichtigste Exportgut Chiles. Das Land erzeugt 27 % der Weltproduktion und besitzt etwa 40 % der globalen Reserven. Zu den größten Bergwerken gehören Chuquicamata als Tagebau und El Teniente als Untertagebau. Der staatliche Konzern CODELCO fördert knapp ein Drittel der chilenischen Gesamtproduktion. Neben Kupfer wird in kleinerem Umfang Eisenerz abgebaut; mit Pascua-Lama ist eines der größten Goldbergwerke der Welt geplant.

Bis in die 1950er Jahre kontrollierten vor allem die US-Firmen Anaconda und Kennecott die Kupferbergwerke. 1965 vereinbarte Präsident Eduardo Frei Montalva eine staatliche Beteiligung von 51 %, die „Chilenisierung“. Im Juni 1971 verstaatlichte das Parlament unter Salvador Allende den Kupferbergbau einstimmig. Die vorgesehenen Entschädigungen wurden um als übermäßig bewertete Gewinne der vorangegangenen 25 Jahre vermindert; der Oberste Rechnungshof berechnete daraus Schulden der Konzerne von 400 Mio. US-Dollar gegenüber Chile. Die Militärdiktatur behielt die Verstaatlichung der CODELCO-Bergwerke bei, erlaubte aber privaten Abbau an neuen Standorten. Seit 1958 erhält das Militär unmittelbar 10 % der Gewinne aus Kupferexporten.

Die Industrie wuchs seit den 1930er Jahren durch importsubstituierende Industrialisierung (ISI): Güter, die zuvor importiert wurden, sollten im Inland hergestellt werden. CORFO wurde 1939 als Planungsbehörde gegründet; 1970 entfielen 70 % aller Investitionen auf den Staat. Der kleine Binnenmarkt begrenzte diese Strategie. Allende verstaatlichte ab 1970 Konsumgüterindustrien und Banken. Nach 1973 führte die Öffnung der Märkte zu einer starken Deindustrialisierung; die Industrieproduktion sank zunächst um 27 % und 1982 nochmals um 21 %. Der Anteil des sekundären Sektors fiel von 30 % 1974 auf 19 % in den 1980er Jahren. Nach 1985 wurden wieder Schutzzölle bis 35 % eingesetzt und Exporte gefördert; unter demokratischen Regierungen erholte sich die Industrie.

Die wichtigsten Wertpapierhandelsplätze sind die Bolsa Electronica de Chile und die Bolsa de Comercio de Santiago; die Bolsa de Corredores de Valparaíso ist nicht mehr aktiv. Der Leitindex heißt Índice de Precio Selectivo de Acciones. Zudem besteht der staatliche Economic and Social Stabilization Fund. 2025 besuchten sechs Millionen Menschen Chile, etwa die Hälfte aus Argentinien. Der Tourismus trägt 3 % zum BIP bei und beschäftigt 700.000 Menschen beziehungsweise 7,3 % aller Beschäftigten.

Außenhandel und Handelspolitik

Der Außenhandel ist für Chile zentral: 2024 standen Exporten von 111,12 Mrd. US-Dollar Importe von 99,23 Mrd. US-Dollar gegenüber; die Außenhandelsbilanz betrug 11,9 Mrd. US-Dollar. Exportiert werden vor allem Kupfer, landwirtschaftliche Güter und Chemie, importiert vor allem Maschinen, Elektronik, Automobile und Petroleum. Die Exporte bestehen überwiegend aus Rohstoffen oder wenig verarbeiteten, primärgüterbasierten Produkten: Kupfer, Wein, Obst, Lachs, Fischmehl, Holz, Papier, Zellulose und Methanol. Industrieprodukte mit selbst niedrigem Technologiegrad werden kaum exportiert.

China war 2023 mit 39 % der wichtigste Exportmarkt, gefolgt von den USA mit 16 %, Japan mit 7 %, Südkorea mit 6 % und Brasilien mit 4 %. Bei den Importen führten China mit 23 %, die USA mit 20 %, Brasilien mit 10 %, Argentinien mit 7 % und Deutschland mit 5 %. Die breite Handelsstruktur wird mit Chiles Lage zwischen mehreren Weltregionen, der weltweiten Nachfrage nach Kupfer und dem Ruf seiner Agrarprodukte erklärt. Die Beziehungen zur Europäischen Union regelt ein Assoziierungsabkommen, das am 1. Februar 2025 neu gefasst wurde.

Der Anteil des Kupfers an den Exporten blieb sehr hoch: Bis Mitte der 1970er Jahre lag er bei etwa drei Vierteln. Andere Exportzweige wuchsen seit Mitte der 1980er Jahre stark; Wein und Lachs verzehnfachten sich in 13 Jahren etwa, Papier und Zellulose vervierfachten sich und Obstexporte verdoppelten sich mehr als. Der Gesamtwert der Exporte stieg von 8,9 Mrd. US-Dollar 1991 auf 58,1 Mrd. US-Dollar 2006. Wegen steigender Kupferpreise ging der Anteil anderer Güter am Gesamtexport trotz ihres absoluten Wachstums zeitweise zurück.

Chile war 1947 Gründungsmitglied des GATT. Nach einer Abschottung in der ISI und unter Allende liberalisierte das Pinochet-Regime den Handel: Der durchschnittliche Zoll von 94 % wurde zunächst vereinheitlicht und schließlich 1977 auf 10 % gesenkt. Mehrere Wechselkurse sowie Importquoten und Importverbote wurden abgeschafft. Chile schloss Freihandelsabkommen unter anderem mit der EU (2002), NAFTA (2003), Brunei, Südkorea, Singapur und China (September 2005). Mit Stand 2008 bestanden 19 Verträge mit mehr als 55 Ländern.

Historische Entwicklung und Sozialpolitik

Die Wirtschaft wurde von der spanischen Kolonisation, Haciendas und Großgrundbesitz geprägt. Im 17. Jahrhundert war Rinderzucht wichtig, im 18. Jahrhundert Weizen. Von 1873 bis 1914 bestimmte die Salpeterproduktion die Entwicklung; danach wurde Kupfer zum wichtigsten Exportgut. Der Zusammenbruch des Welthandels während Weltwirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg führte in den 1930er und 1940er Jahren zur ISI. Von 1973 bis 1982 vollzog Chile als weltweit erstes Land eine radikale wirtschaftsliberale Wende mit Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung und Abbau des Sozialstaats. Von 1983 bis 1990 folgte ein „pragmatischer Neoliberalismus“; seit 1990 wurden besonders in der Sozialpolitik Korrekturen vorgenommen.

Chile gilt südamerikanisch als relativ wohlhabend, weist jedoch eine starke Einkommensungleichheit auf. 1994 erhielt das ärmste Fünftel 4,6 % des Volkseinkommens, das reichste 56,1 %, also dreizehnmal so viel. Der HDI stieg von 0,699 im Jahr 1990 auf 0,832 im Jahr 2014. Vor 1973 wurde ein vergleichsweise umfassender, aber nicht alle Gruppen erreichender Sozialstaat aufgebaut. Anfang der 1970er Jahre hatten schätzungsweise 70 % Zugang zum staatlichen Rentensystem und 90 % Zugang zu irgendeiner Gesundheitsversorgung. Das komplexe System aus vielen Programmen begünstigte jedoch auch Klientelismus.

Unter Pinochet wurden Sozialprogramme 1973–1976 um 25 % bis 50 % gekürzt. 1975 flossen nur noch 32 % der Staatsmittel in Soziales, gegenüber 59 % 1970. 1981 entstand ein kapitalgedecktes Rentensystem: Arbeitnehmer zahlen 13 % des Bruttolohns in privatwirtschaftlich arbeitende, staatlich kontrollierte AFP-Fondsgesellschaften ein. Etwa 60 % der arbeitenden Bevölkerung sind im AFP-System versichert, 10 % im alten Umlageverfahren und 30 % ohne Sicherung.

Die Gesundheitsversorgung wurde als duales System organisiert: FONASA ist staatlich und verlangt 7 % Beitragspflicht, ISAPRE ist privat. Im Bildungswesen erhalten Schulen seit 1980 Mittel nach der Zahl regelmäßig anwesender Schüler; private Anbieter können gleichfalls staatliche Erstattung erhalten. Neben staatlichen und privat subventionierten Schulen bestehen gebührenfinanzierte Privatschulen. Seit den 1990er Jahren dürfen auch privat subventionierte Schulen Gebühren verlangen. Laut Artikel verstärkt dies die soziale Polarisierung im Bildungssystem.

Unternehmen, Gewerkschaften und Korruption

Unternehmerverbände, große Konzerne und Gewerkschaften haben traditionell politisches Gewicht. Auf Arbeitnehmerseite ist die Central Unitaria de Trabajadores de Chile (CUT) der wichtigste Dachverband. Gewerkschaften sind jedoch meist nur auf Betriebsebene organisiert und daher stark zersplittert. Auf Arbeitgeberseite ist neben der Confederación de la Producción y del Comercio (CPC) der unmittelbare Einfluss großer Konglomerate, der Grupos económicos, entscheidend.

Während der Privatisierungen von 1973 bis 1982 nahm die wirtschaftliche Konzentration zu: 1978 kontrollierten fünf Gruppen mehr als die Hälfte der 250 wichtigsten privaten Unternehmen. Nach der Krise 1982/83 rettete der Staat Unternehmen mit 6 Mrd. US-Dollar, etwa 30 % des BIP von 1983. Die Grupos económicos blieben trotz späterer Veränderungen einflussreich. Unternehmer unterstützten 1973 überwiegend den Militärputsch und profitierten unter anderem von Reprivatisierung und gewerkschaftsfeindlicher Politik.

Die Gewerkschaftsbewegung begann 1909 mit der Federación Obrera de Chile. Das Arbeits- und Sozialgesetz von 1924 führte Streikrecht und Tarifverhandlungen ein, begrenzte Organisationen aber auf einzelne Unternehmen. Die CUT wurde 1953 gegründet und vereinigte 1967 49 von 79 Gewerkschaften sowie 60 % aller Gewerkschaftsmitglieder. Nach dem Putsch 1973 wurden Gewerkschaften verboten, Funktionäre verfolgt und das Streikrecht abgeschafft. Der plano laboral von 1979 erlaubte später nur ein stark eingeschränktes Streikrecht. Seit 1990 verloren Gewerkschaften weiter Einfluss: 1998 gab es fast 15.000 Gewerkschaften, der Organisationsgrad sank von 22 % 1991 auf 16 % 1995. Überbetriebliche Verhandlungen sind weiterhin untersagt.

Korruption wird als deutlich geringeres Problem als im übrigen Lateinamerika beschrieben. Als Gründe nennt der Artikel marktwirtschaftliche Strukturen, ein funktionierendes Justizsystem und demokratische Institutionen. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International erreichte Chile 2017 67 Punkte und Rang 26 von 180 Staaten.

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