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Kaufkraftparität
Wenn Kaufkraftparität zwischen zwei Ländern herrscht, so ist der reale Wechselkurs gleich eins. Kaufkraftparität (KKP) ist das makroökonomische Gegenstück zum …
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Definition und Bedeutung
Die Kaufkraftparität (KKP; englisch purchasing power parity, PPP; auch KKB = kaufkraftbereinigt) ist ein makroökonomisches Konzept. Zwischen zwei Räumen im selben Währungsraum liegt Kaufkraftparität vor, wenn Waren und Dienstleistungen eines bestimmten Warenkorbes für gleich hohe Geldbeträge gekauft werden können. Werden unterschiedliche Währungsräume verglichen, werden die Geldbeträge durch Wechselkurse vergleichbar gemacht. Kaufkraftparität herrscht dann, wenn beide Währungen über den Wechselkurs dieselbe Kaufkraft besitzen und man mit ihnen denselben Warenkorb erwerben kann.
Bei Kaufkraftparität ist der reale Wechselkurs gleich eins. Das Konzept ist damit das makroökonomische Gegenstück zum mikroökonomischen Gesetz von der Unterschiedslosigkeit der Preise. Es wird vor allem in zwei Bereichen verwendet: als langfristige Wechselkurstheorie und als Korrekturfaktor für internationale Wirtschafts- und Einkommensvergleiche.
Kaufkraftparitätentheorie und ihre Grenzen
Die Kaufkraftparitätentheorie erklärt Wechselkursschwankungen hauptsächlich als Anpassung an Unterschiede der Preisniveaus. Sie beruht auf dem Gesetz vom einheitlichen Preis: Ein Gut sollte überall auf der Welt zum gleichen Preis verkauft werden. Andernfalls entstünden Arbitragemöglichkeiten, also Gewinne durch den Kauf eines Gutes an einem günstigen Ort und den Verkauf an einem teureren Ort.
Die absolute Kaufkraftparität besagt, dass eine Geldeinheit in allen Ländern dieselbe Kaufkraft und denselben realen Wert haben muss. Praktisch wird berechnet, wie viele Einheiten der jeweiligen Währung nötig sind, um denselben repräsentativen Güterkorb zu kaufen, den man in den USA für 1 US-Dollar erhält. Kurzfristig kann der tatsächliche Wechselkurs von der Kaufkraftparität abweichen, weil monetäre Störungen Wechselkurse schnell verändern, während sich Preisniveaus nur langsam anpassen. Langfristig sollte der Wechselkurs jedoch um den kaufkraftparitätischen Wert schwanken; dies wird relative Kaufkraftparität genannt. Als Wegbereiter gilt Gustav Cassel. Rudiger Dornbusch entwickelte aus dieser Interpretation und der Zinsparitätentheorie die monetäre Wechselkurstheorie.
Die Theorie ist eine vereinfachte Darstellung. Sie berücksichtigt unter anderem keine Transportkosten, Zölle, Steuerabgaben und staatlichen Handelsbeschränkungen. Die Voraussetzungen des Jevons-Gesetzes treten in der Realität kaum vollständig auf. Dornbusch und Fischer zeigten am Wechselkurs der DM und des US-Dollars seit 1979, dass die Theorie nicht immer linear anwendbar ist. Außerdem stammt nur ein kleiner Teil des Devisenhandels aus Warengeschäften: Die Devisenmarktstatistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich vom April 2007 nennt einen durchschnittlichen Tagesumsatz von 3.210.000.000.000 US-Dollar, also 3,21 Billionen US-Dollar, der seit 2004 um 70 % gestiegen war; nur etwa 3 % der Umsätze entfielen auf Warengeschäfte.
Kaufkraftparitäten als Vergleichs- und Korrekturfaktor
Internationale Organisationen wie die Weltbank ermitteln Kaufkraftparitäten empirisch, um Verzerrungen durch Wechselkursschwankungen zu verringern. Größen wie Bruttoinlandsprodukt, Bruttonationaleinkommen, Pro-Kopf-Einkommen und absolute Armut lassen sich mit aktuellen Wechselkursen allein nur unzureichend vergleichen, weil die Kaufkraft in verschiedenen Währungsräumen stark abweichen kann. Verwendet werden unter anderem der Kaufkraftstandard (KKS) und der PPP-US-Dollar (PPP-$).
Die so berechneten Werte sind fiktive Vergleichswerte. Sie zeigen das Aktivitäts- oder Wohlstandsniveau von Volkswirtschaften, treffen aber keine unmittelbare Aussage über deren Wirtschaftskraft. Da viele Entwicklungsländer nach der Kaufkraftparitätentheorie unterbewertete Währungen besitzen, fällt ihr Pro-Kopf-Einkommen in Kaufkraftparitäten meist höher aus als bei einer Umrechnung zu offiziellen Wechselkursen. Die Weltbank verwendet beispielsweise lokale Kaufkraft für ihre Armutsdefinition.
Ein bekanntes alternatives Maß ist der regelmäßig von The Economist veröffentlichte Big-Mac-Index. Er vergleicht die Preise eines Big Macs in McDonald’s-Restaurants verschiedener Länder und verwendet sie als Grundlage für eine Währungsumrechnung. Der iPod-Index vergleicht den Verkaufspreis eines von Apple produzierten iPods. iPods sind über Landesgrenzen handelbar, Big Macs dagegen nicht; deshalb können bei Big Macs keine ausgleichenden internationalen Arbitragegeschäfte stattfinden. Die UBS vergleicht unter anderem Big Macs, Brot und iPhones und berechnet zusätzlich, wie viele Arbeitsstunden Beschäftigte in verschiedenen Städten und Ländern benötigen, um sich ein Produkt leisten zu können.
Beispiel und EuroStat-Daten
Ein Beispiel für Arbitrage betrifft die Bruttoinlandsprodukte ausgewählter Staaten von 1997. Für die Schweiz werden ein BIP pro Kopf von 43.060 USD und 26.580 PPP-$ angegeben; die Relation beträgt 0,62. Für die Vereinigten Staaten lauten die Werte 29.080 USD, 29.080 PPP-$ und eine Relation von 1. 1997 kostete 1 US-Dollar etwa 1,43 Schweizer Franken. Die Rechnung 1,43 geteilt durch 0,62 ergibt 2,31. Die Kaufkraftparität zwischen Dollar und Franken betrug demnach 2,31: In der Schweiz konnten mit 2,31 Franken ebenso viele Warenwerte gekauft werden wie in den USA mit 1 US-Dollar. Nach der Theorie war der Franken überbewertet. Man hätte Franken in Dollar tauschen, in den USA Waren kaufen und sie mit Gewinn in der Schweiz verkaufen können. Erst bei einer Abwertung des Franken auf 62 % seines ursprünglichen Wertes wäre diese Arbitragemöglichkeit verschwunden.
Die EuroStat-Zeitreihe zum BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards verwendet die EU-28 als 100 und enthält Daten von 2006 bis 2018; Quelle sind EuroStat-Daten vom 1. Juni 2018. 2018 lagen beispielsweise Belgien bei 115, Bulgarien bei 50, Deutschland bei 123, Frankreich bei 104, Griechenland bei 68, Spanien bei 91, Italien bei 95, Luxemburg bei 254, Polen bei 71, Rumänien bei 64, die Vereinigten Staaten bei 143 und Japan bei 98. Irland stieg von 148 im Jahr 2006 auf 187 im Jahr 2018, während Griechenland von 96 auf 68 fiel. Deutschland lag 2006 bei 116 und 2014 bei 126. Liechtenstein ist für alle Jahre mit „:n/a“ angegeben. Die Werte zeigen, dass kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Leistungen innerhalb Europas und im Vergleich mit außereuropäischen Ländern deutlich variieren.
International Comparison Program und Berechnung
Das International Comparison Program (ICP) der Weltbank wurde ursprünglich von Irving Kravis, Alan Heston und Robert Summers initiiert. Es soll die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften besser vergleichbar machen, weil frei gebildete Wechselkurse, etwa durch Deviseninterventionen Chinas, verzerrt sein können. Deshalb vergleicht das ICP die Preise von Warenkörben nach dem Kaufkraftparitätenansatz.
Die Wahl eines geeigneten Preissystems ist schwierig: Länder können trotz gleicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit wegen unterschiedlicher Preisniveaus verschieden leistungsfähig erscheinen. Dieser Verzerrungseffekt wird auch Balassa-Samuelson-Effekt genannt. Das ICP verwendet ein Durchschnittspreissystem, um den Gerschenkron-Effekt zu verringern.
Die internationalen Preise werden definiert als:
\pi_i=\sum_{j=1}^{m}{\frac{p_{ij}}{KKP_j}}\cdot{\frac{q_{ij}}{Q_i}}
Umgekehrt ergibt sich die Kaufkraftparität des Landes j aus:
KKP_j={\frac{\sum_{i=1}^{m}p_{ij}\cdot q_{ij}}{\sum_{i=1}^{m}\pi_i\cdot q_{ij}}}
Dabei bezeichnet \pi_i den internationalen Preis für Gut i, p_{ij} den Preis von Gut i in Land j, KKP_j die Kaufkraftparität von Land j, q_{ij} die produzierte Menge von Gut i in Land j und Q_i=\sum_{j=1}^{m}q_{ij} die Weltproduktion von Gut i.
Ergebnisse und methodische Probleme
Im Vergleich mit einer Berechnung zu herkömmlichen Wechselkursen fällt der Abstand zwischen Ländern bei der ICP-Methode geringer aus. Die Dienstleistungsquote, also die Ausgaben für Dienstleistungen gemessen am Sozialprodukt, ist in Entwicklungs- und Industrieländern ähnlich und beträgt jeweils etwa 1/3. Die Investitionsquote, also die Investitionsausgaben gemessen am Sozialprodukt, ist in Industriestaaten dagegen deutlich höher.
Ein grundlegendes Problem ist die statistische Datenerhebung. Für Preise und Mengen müssen vergleichbare Produkte gefunden werden. Das ist besonders bei Dienstleistungen schwierig, weil selten vollständig gleiche Dienstleistungen in verschiedenen Ländern verfügbar sind. Trotz des Durchschnittspreissystems kann außerdem der Gerschenkron-Effekt auftreten: Die Wachstumsrate einer Zeitreihe kann sich durch die Verschiebung des Basisjahres ändern, wodurch sich auch das Ergebnis verändert.
In der Formel für die internationalen Preise wird der Anteil eines Landes an der Weltproduktion stark gewichtet, nämlich durch \frac{q_{ij}}{\sum_{j=1}^{m}q_{ij}}. Dadurch können internationale Preise zugunsten von Ländern mit einem höheren Anteil an der Weltproduktion verzerrt werden. Schließlich beruht das ICP auf dem Kaufkraftparitätenansatz und damit auf der Annahme des Freihandels beziehungsweise des Gesetzes vom einheitlichen Preis. Diese Voraussetzung gilt jedoch nur zwischen einigen Nationen.