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Novemberrevolution

Die Novemberrevolution von 1918/19 führte in der Endphase des Ersten Weltkriegs zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Ursachen
  2. 2. Kriegsniederlage und Matrosenaufstand
  3. 3. Revolution im Reich und in Berlin
  4. 4. Übergangsregierung, Räte und Gegenkräfte
  5. 5. Gewalt und politische Spaltung
  6. 6. Nationalversammlung und Deutung

Kern und Ursachen

Die Novemberrevolution von 1918/19 war der Umsturz, der am Ende des Ersten Weltkriegs die Monarchie im Deutschen Reich beseitigte und den Übergang zur parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik einleitete. Sie führte am 9. November 1918 zur Ausrufung der Republik in Berlin und zur Machtübernahme der Mehrheitssozialdemokraten unter Friedrich Ebert. Kurz darauf dankten Kaiser Wilhelm II. und die übrigen Bundesfürsten ab.

Die tieferen Ursachen lagen in der extremen Belastung durch mehr als vier Jahre Krieg, im Schock über die militärische Niederlage, in sozialen Spannungen und in den vordemokratischen Strukturen des Kaiserreichs. Der Reichstag wurde zwar nach allgemeinem, gleichem und geheimem Männerwahlrecht gewählt, hatte aber nur begrenzten Einfluss. Reichskanzler und Staatssekretäre waren allein dem Kaiser verantwortlich. Die SPD war seit 1912 mit 35 Prozent der Stimmen und 110 Abgeordneten stärkste Reichstagsfraktion, blieb aber lange als „Reichsfeind“ diffamiert.

Im Ersten Weltkrieg unterstützte die SPD-Führung zunächst die Kriegspolitik: Am 4. August 1914 bewilligte die gesamte SPD-Fraktion die Kriegskredite, obwohl eine Minderheit um Hugo Haase dagegen war. Karl Liebknecht stimmte am 2. Dezember 1914 als erster Reichstagsabgeordneter gegen weitere Kriegskredite. Aus der innerparteilichen Opposition entstand 1917 die USPD; der Spartakusbund bildete ihren linken Flügel. Die russische Oktoberrevolution 1917 verstärkte in Deutschland zugleich Hoffnungen auf radikale Veränderungen und Ängste vor einer Revolution nach bolschewistischem Vorbild.

Kriegsniederlage und Matrosenaufstand

1918 war die militärische Niederlage Deutschlands nicht mehr zu vermeiden. Am 8. August, dem sogenannten „Schwarzen Tag des deutschen Heeres“, wurde sie für die Militärführung deutlich. Am 29. September forderte die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff ein Waffenstillstandsgesuch und empfahl eine Parlamentarisierung der Regierung. Damit übertrug sie den Mehrheitsparteien des Reichstags die Verantwortung für die absehbare Kapitulation. Daraus entstand später die Dolchstoßlegende, nach der angeblich Revolutionäre und demokratische Politiker dem „im Felde unbesiegten“ Heer in den Rücken gefallen seien.

Am 3. Oktober wurde Prinz Max von Baden Reichskanzler; auch Sozialdemokraten traten in die Regierung ein. Am 4. Oktober bot die Regierung den Alliierten den Waffenstillstand an. US-Präsident Woodrow Wilson verlangte in seinen Noten unter anderem den Rückzug aus besetzten Gebieten, das Ende des U-Boot-Kriegs und indirekt die Abdankung des Kaisers. Ludendorff wollte daraufhin den Krieg wieder aufnehmen, wurde aber am 26. Oktober durch Wilhelm Groener ersetzt.

Unmittelbarer Auslöser der Revolution war der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918. Die Marineleitung wollte die Hochseeflotte trotz feststehender Niederlage in eine letzte Schlacht gegen die britische Royal Navy schicken. Matrosen verweigerten den Befehl, zunächst vor Wilhelmshaven, dann in Kiel. Am 3. November schossen Truppen auf Demonstranten; sieben Menschen starben, 29 wurden schwer verletzt. Am 4. November kontrollierten etwa 40.000 revoltierende Matrosen, Soldaten und Arbeiter Kiel. Sie bildeten Arbeiter- und Soldatenräte und forderten unter anderem Frieden, die Abdankung der Hohenzollern sowie freies und gleiches Wahlrecht für Männer und Frauen.

Revolution im Reich und in Berlin

Von Kiel aus breitete sich die Revolution innerhalb weniger Tage auf das ganze Reich aus. Abordnungen revolutionärer Matrosen erreichten viele Städte; meist übernahmen Arbeiter- und Soldatenräte ohne größeren Widerstand die zivile und militärische Macht. Am 7. November wurde in München König Ludwig III. gestürzt, und Kurt Eisner von der USPD rief in Bayern die Republik aus. Bis zum 25. November dankten auch die übrigen deutschen Monarchen ab.

In Berlin versuchte Friedrich Ebert, eine soziale Revolution zu verhindern und die staatliche Ordnung zu erhalten. Er wollte die Monarchie möglichst in eine parlamentarische Form überführen und fürchtete eine Entwicklung nach russischem Vorbild. Am 9. November 1918 eskalierte die Lage: Hunderttausende demonstrierten im Zentrum Berlins. Max von Baden verkündete eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und übergab Ebert das Amt des Reichskanzlers. Wilhelm II. floh am 10. November in die Niederlande und unterzeichnete die Abdankungsurkunde erst am 28. November.

Am Mittag des 9. November rief Philipp Scheidemann vom Reichstag aus die deutsche Republik aus, obwohl Ebert dies nicht gewollt hatte. Wenig später proklamierte Karl Liebknecht im Berliner Lustgarten und im Berliner Schloss eine „freie sozialistische Republik Deutschland“. Der Konflikt zwischen parlamentarischer Demokratie und rätedemokratischen Zielen wurde damit offen sichtbar. Rätedemokratie bedeutete, dass Arbeiter- und Soldatenräte politische Macht ausüben und auch Wirtschaft und Militär kontrollieren sollten.

Am 10. November wählte eine Versammlung Berliner Arbeiter- und Soldatenräte im Circus Busch den Rat der Volksbeauftragten als provisorische Revolutionsregierung. Er bestand aus je drei Vertretern von MSPD und USPD: Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Otto Landsberg sowie Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth. Zugleich entstand ein Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte Großberlin. Am Abend schloss Ebert mit General Groener den Ebert-Groener-Pakt: Das Heer sicherte der Regierung Unterstützung zu; Ebert versprach, gegen die Räte vorzugehen und die militärische Ordnung wiederherzustellen.

Übergangsregierung, Räte und Gegenkräfte

Am 11. November 1918 unterzeichnete Matthias Erzberger für das Deutsche Reich den Waffenstillstand von Compiègne. Er trat um 11 Uhr französischer, 12 Uhr deutscher Zeit in Kraft und beendete die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.

Der Rat der Volksbeauftragten veröffentlichte am 12. November ein demokratisches und soziales Programm. Es hob Belagerungszustand und Zensur auf, schaffte die Gesindeordnung ab, führte das allgemeine demokratische Wahlrecht ab 20 Jahren ein und damit auch das aktive und passive Frauenwahlrecht. Außerdem wurden Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit geregelt, der 8-Stunden-Tag vorgeschrieben und Leistungen der Erwerbslosenfürsorge, Sozial- und Unfallversicherung erweitert.

Gleichzeitig blieb der alte Verwaltungsapparat weitgehend bestehen. Die SPD-Führung arbeitete lieber mit Verwaltung und Militärführung zusammen als mit den neuen Räten, weil sie eine stabile Versorgung und Ordnung sichern wollte. Die meisten Arbeiter- und Soldatenräte waren jedoch nicht bolschewistisch ausgerichtet; viele unterstützten eine parlamentarische Demokratie und sahen sich als Übergangslösung.

Wirtschaftlich wichtig war das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 zwischen Gewerkschaften und Großindustrie. Die Arbeitgeber erkannten die Gewerkschaften als Interessenvertretung an und garantierten den 8-Stunden-Tag. Die Gewerkschaften sagten dafür geordneten Produktionsverlauf zu, wollten wilde Streiks eindämmen, den Einfluss der Räte zurückdrängen und eine Sozialisierung von Produktiveigentum verhindern.

Vom 16. bis 20. Dezember tagte der Reichsrätekongress. Er stimmte am 19. Dezember mit 344 zu 98 Stimmen gegen ein Rätesystem als Grundlage der Verfassung und für Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Streit gab es aber um die Kontrolle über das Militär. Die sogenannten Hamburger Punkte verlangten unter anderem Mitbestimmung der Räte beim Oberbefehl, freie Offizierswahl und Disziplinargewalt der Soldatenräte. Ebert und Groener verhinderten diese Reformen; stattdessen entstanden Freikorps, meist aus monarchistisch gesinnten Offizieren und Soldaten.

Gewalt und politische Spaltung

Die politische Lage verschärfte sich im Dezember 1918. Am 6. Dezember kam es in Berlin zu einem Putschversuch gegen den Vollzugsrat und später zu Schüssen auf eine spartakistische Demonstration; 16 Menschen starben. In der Weihnachtskrise eskalierte ein Streit zwischen der Regierung und der Volksmarinedivision um Sold und Quartiere. Am 24. Dezember ließ Ebert das Berliner Schloss mit regierungstreuen Truppen angreifen. 56 Soldaten, elf Matrosen und einige Zivilisten starben. Die USPD-Mitglieder verließen am 29. Dezember den Rat der Volksbeauftragten.

Zum Jahreswechsel 1918/19 gründeten Spartakisten und andere linkssozialistische Gruppen die KPD. Rosa Luxemburg forderte die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung, wurde aber überstimmt. Im Januar 1919 löste die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn eine neue Protestwelle aus. Hunderttausende demonstrierten; bewaffnete Gruppen besetzten Bahnhöfe und das Zeitungsviertel. Der sogenannte Spartakusaufstand ging nur zum Teil von der KPD aus, deren Anhänger unter den Aufständischen in der Minderheit blieben. Gustav Noske erhielt den Oberbefehl über Regierungstruppen und Freikorps. Bis zum 12. Januar wurde der Aufstand niedergeschlagen; in Berlin starben 156 Menschen.

Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet. Die Taten wurden kaum aufgeklärt und nur unzureichend bestraft. Die Morde vertieften den Bruch zwischen SPD einerseits sowie USPD und KPD andererseits. Diese Spaltung der Linken belastete die Weimarer Republik dauerhaft.

Weitere Aufstände, Generalstreiks und Räterepubliken folgten 1919. In Bremen starben bei der Niederschlagung der Räterepublik etwa 400 Menschen. In Berlin beteiligten sich im März rund eine Million Beschäftigte an einem Generalstreik; bis zum 16. März töteten Regierungstruppen mindestens 1.200 Menschen. Die Münchner Räterepublik wurde bis zum 2. Mai 1919 von preußischen, württembergischen und Freikorps-Truppen beendet. Insgesamt kamen bei Kämpfen in Berlin und München zwischen November 1918 und Mai 1919 mindestens 2400 Menschen ums Leben.

Nationalversammlung und Deutung

Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt, erstmals mit Frauenwahlrecht. Die SPD wurde mit 37,4 Prozent stärkste Partei und erhielt 165 von 423 Sitzen. Das Zentrum kam auf 19,7 Prozent und 91 Sitze, die DDP auf 18,5 Prozent und 75 Sitze, die DNVP auf 10,3 Prozent und 44 Sitze, die USPD auf 7,6 Prozent und 22 Sitze. Die KPD nahm nicht teil.

Die Nationalversammlung trat am 6. Februar in Weimar zusammen, wählte Friedrich Ebert am 11. Februar zum Reichspräsidenten und ermöglichte am 13. Februar eine Regierung unter Philipp Scheidemann, getragen von SPD, Zentrum und DDP. Die Weimarer Verfassung wurde am 11. August 1919 unterzeichnet. Sie machte das Deutsche Reich zu einer demokratischen Republik, enthielt Volksbegehren und Volksentscheid, gab dem Reichspräsidenten aber mit Artikel 48 weitreichende Notverordnungsrechte. Zentrale Forderungen vieler Revolutionäre blieben unerfüllt: die Sozialisierung der Montanindustrie, die Demokratisierung des Offizierskorps sowie die Enteignung von Großbanken, Großindustrie und adeligem Großgrundbesitz.

Die historische Deutung der Novemberrevolution blieb lange umstritten. Rechte Kreise verbreiteten die Dolchstoßlegende und gaben Demokraten und Revolutionären die Schuld an Niederlage und Umsturz. Linke Kritiker warfen der SPD-Führung vor, die Revolution gebremst und mit alten Eliten paktiert zu haben. Die Forschung seit den 1960er Jahren betonte stärker, dass die Arbeiter- und Soldatenräte meist nicht kommunistisch waren und dass es 1918/19 größere Spielräume für eine Demokratisierung von Militär, Verwaltung und Gesellschaft gegeben haben könnte. Neuere Forschung untersucht zusätzlich Kultur, Geschlecht, Gewalt und die längere Entwicklung der Rätebewegung über den November 1918 hinaus.

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