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Ausrufung der Republik in Deutschland

Die Ausrufung der Republik in Deutschland geschah am 9. November 1918 in Berlin gleich zweimal: durch den MSPD-Politiker Philipp Scheidemann am …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Was geschah am 9. November 1918?
  2. 2. Vorgeschichte: Novemberrevolution und Abdankung des Kaisers
  3. 3. Die Proklamation Scheidemanns und die Überlieferung seiner Rede
  4. 4. Die Proklamation Liebknechts
  5. 5. Nachwirkungen

Was geschah am 9. November 1918?

Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik in Deutschland gleich zweimal ausgerufen: Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann rief vom Reichstagsgebäude aus eine bürgerlich-demokratische Republik aus, der Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht vom Berliner Schloss aus eine sozialistische Republik.

Wirkmächtig wurde allein die Proklamation Scheidemanns. Die SPD und die bürgerlich-demokratischen Parteien setzten sich nach zum Teil bürgerkriegsartigen Unruhen durch: Das Deutsche Reich wurde von einer Monarchie zu einer parlamentarisch-demokratischen Republik mit liberaler Verfassung. Nach verbreiteter Ansicht von Historikern markiert Scheidemanns Aktion das Ende des Kaiserreichs und die Geburtsstunde der Weimarer Republik, der ersten Demokratie, die den gesamten deutschen Nationalstaat umfasste.

Die Echtheit der bekannten Aufnahme von Scheidemanns Ausruf ist umstritten.

Vorgeschichte: Novemberrevolution und Abdankung des Kaisers

Am Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich aus dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution. Innerhalb weniger Tage erfasste sie das ganze Reich und zwang die Bundesfürsten nach und nach zur Abdankung. Bereits am 7. November war in München die Dynastie der Wittelsbacher gestürzt; Kurt Eisner erklärte das Königreich Bayern als ersten Bundesstaat zum Freistaat, also zur Republik.

Die SPD-Führung unter Friedrich Ebert sah ihre Forderungen nach Demokratisierung schon durch die Oktoberreform erfüllt: Durch diese Änderung der Bismarckschen Verfassung war das Reich eine parlamentarische Monarchie geworden, in der die Regierung dem Reichstag und nicht mehr dem Kaiser verantwortlich war. Die SPD wollte die Monarchie zunächst erhalten, fürchtete eine Entwicklung wie die Oktoberrevolution in Russland 1917 und strebte Kontinuität und Ausgleich mit den Eliten des Kaiserreichs an. Sie drängte aber auf die Abdankung Kaiser Wilhelms II., dessen Stellung wegen seiner Verantwortung für den verlorenen Krieg unhaltbar war. Der Kaiser, der sich seit dem 29. Oktober im Großen Hauptquartier im belgischen Spa aufhielt, lehnte eine Abdankung zugunsten eines seiner Söhne ab und verzögerte eine Entscheidung.

Am Abend des 8. November erfuhr die SPD-Spitze, dass die konkurrierende USPD, deren linker Flügel der Spartakusbund war, für den 9. November zu Massendemonstrationen aufgerufen hatte – dabei würde wohl die Abschaffung der Monarchie gefordert. Um zuvorzukommen, gab der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden auf Drängen Eberts am späten Vormittag des 9. November den Thronverzicht Wilhelms II. bekannt, ohne dass dieser tatsächlich erfolgt war.

Der Kaiser floh am frühen Morgen des 10. November ins niederländische Exil und unterzeichnete dort am 28. November 1918 die Abdankungsurkunde. Am Mittag des 9. November hatte Max von Baden das Kanzleramt an Ebert übertragen; dieser bat den Prinzen, bis zur Bestimmung eines neuen Kaisers als Reichsverweser zu amtieren – Ebert glaubte noch, die Monarchie retten zu können.

Die Proklamation Scheidemanns und die Überlieferung seiner Rede

Die Bekanntgabe des Thronverzichts kam zu spät, um auf die Berliner Demonstranten Eindruck zu machen. Statt sich zu zerstreuen, strömten immer mehr Menschen in die Innenstadt und demonstrierten zwischen Stadtschloss, Wilhelmstraße und Reichstag.

Beim Mittagessen im Reichstagsgebäude erfuhr Philipp Scheidemann – seit dem 3. Oktober Staatssekretär unter Max von Baden –, dass Karl Liebknecht in Kürze die Räterepublik ausrufen wolle. Um der Linken zuvorzukommen, trat Scheidemann kurz nach 14 Uhr, nach eigenen Angaben „zwischen Suppe und Nachspeise“, an das zweite Fenster des ersten Stockwerks nördlich des Hauptportals des Reichstagsgebäudes und rief die Republik aus. Wegen dieser unautorisierten Handlung kam es zum heftigen Streit mit Ebert, der die Entscheidung über die Staatsform der Nationalversammlung vorbehalten wollte.

Zur Überlieferung der Rede gibt es mehrere Fassungen: Die Vossische Zeitung zitierte am 9. November 1918, der österreichische Journalist Ernst Friedegg veröffentlichte 1919 eine stenographische Aufzeichnung mit etwas anderem Wortlaut (darin: „Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik!“). Eine stark abweichende, deutlich längere Version sprach Scheidemann erst nachträglich am 9. Januar 1920 auf Schallplatte und gab sie 1928 in seinen Memoiren wieder. Lange hielt man diesen Text für authentisch, bis der Historiker Manfred Jessen-Klingenberg 1968 in einer quellenkritischen Analyse die Verlässlichkeit von Friedeggs Aufzeichnungen nachwies und schlussfolgerte, Scheidemann habe „eine selbstverfaßte Fälschung seiner Rede überliefert“ – wohl um die Schuld an der Kriegsniederlage den Gegnern eines Verständigungsfriedens zuzuschreiben und auf die Dolchstoßlegende zu reagieren. Diese Deutung gilt als „nicht überholt“.

Die Proklamation Liebknechts

Gegen 16 Uhr proklamierte Karl Liebknecht im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“, zunächst vom Dach eines Wagens, nach der Erstürmung des Schlosses erneut vom großen Fenster des Portals IV im ersten Stockwerk.

In seiner Rede verkündete er unter anderem: „Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloß jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber.“ Er grüßte die „russischen Brüder“, kündigte an, anstelle der Kaiserstandarte die rote Fahne zu hissen, und rief zum Aufbau einer Regierung der Arbeiter und Soldaten sowie zur Weltrevolution auf. Als ein Soldat ihn als „ersten Präsidenten“ rief, antwortete Liebknecht: „Soweit sind wir noch nicht.“

Die Berliner Zeitungen berichteten ausführlicher über Liebknecht als über Scheidemann. Dennoch entfaltete seine Aktion keine nachhaltige Wirkung, da der linke Flügel der Revolutionäre keine ausreichende Machtbasis hatte und nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands im Januar 1919 weiter an Einfluss verlor. Erst die 1949 gegründete DDR bezog Liebknechts Proklamation in ihre Traditionsbildung ein. Das Portal IV des Berliner Schlosses wurde vor dessen Sprengung 1950 geborgen und als „Liebknechtportal“ in das Staatsratsgebäude integriert.

Nachwirkungen

Nach dem Historiker Lothar Machtan ließen bei den Demonstrationen am Mittag des 9. November mehr als ein Dutzend Redner die Republik hochleben, darunter der USPD-Abgeordnete Ewald Vogtherr unmittelbar nach Scheidemann vom Reichstag aus. Scheidemanns Proklamation sei also nur eine von vielen gewesen und ohne staatsrechtliche Wirkung, da er nach der fluchtartigen Abreise Max von Badens und vor der Bildung des Rates der Volksbeauftragten kein entsprechendes Mandat innegehabt habe. Auch habe dies nicht in seiner Redeabsicht gelegen: Er habe angesichts der vielen Hoch-Rufe auf die Republik nur einen Ansehens- oder Machtverlust seiner Partei verhindern wollen; sein Ausruf sei „eine rhetorische Verneigung vor der normativen Kraft des Faktischen“ gewesen.

Die MSPD-Führung bewog die USPD zunächst zum Eintritt in eine gemeinsame Regierung, den Rat der Volksbeauftragten. Diese zerbrach jedoch schon am 29. Dezember 1918 infolge der Weihnachtskrise. Im Januar 1919 kam es zum sogenannten Spartakusaufstand, gegen den die SPD-Führung rechtsgerichtete Freikorpstruppen einsetzte. Am 19. Januar fanden die Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung statt, die die neue Verfassung ausarbeitete; sie trat am 11. August 1919 in Kraft. Artikel 1 beginnt mit dem Satz: „Das Deutsche Reich ist eine Republik.“ Trotz restaurativer Tendenzen und des Scheiterns der Weimarer Republik gab es in Deutschland nie erfolgversprechende Bestrebungen zur Wiederherstellung der Monarchie.

Liebknecht wurde am 15. Januar 1919 im Zuge des Spartakusaufstands zusammen mit Rosa Luxemburg von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet. Auch Scheidemann wurde zum Feindbild deutschnationaler und völkischer Kreise: 1922 wurde ein Attentat auf ihn verübt, nach Hitlers Machtergreifung floh er ins Exil nach Dänemark. Seine Töchter wurden verfolgt: Lina und ihr Mann Ernst Katz begingen im Mai 1933 nach Misshandlungen Selbstmord, Hedwig starb 1935. Scheidemann, dessen Name auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs vom 25. August 1933 stand, starb 1939 in Kopenhagen.

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