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Deutscher Nationalismus
Inhaltsverzeichnis · 1 Frühnationalismus · 2 Freiheitlicher beziehungsweise Einigungsnationalismus · 3 Reichsnationalismus · 4 Völkischer Nationalismus · 5 Literatur …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Einordnung
Deutscher Nationalismus bezeichnet heute eine Vielzahl von Nationalismen, die sich auf ein ethnisches Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen beziehen. Er wird deshalb zu den ethnischen, also „volksbezogenen“ Nationalismen gezählt. Als Symbole eines deutschen Nationalismus nennt der Artikel unter anderem die Nationalallegorie Germania, die schwarz-rot-goldene Flagge und den Reichsadler.
Für das Verständnis ist wichtig, dass deutscher Nationalismus im Artikel nicht als einheitliche, unveränderte Strömung dargestellt wird. Vielmehr veränderte er sich seit seinen Anfängen: zuerst als frühes kulturelles und sprachliches Zusammengehörigkeitsdenken, dann als freiheitliche Nationalbewegung mit dem Ziel nationaler Einigung, später als konservativer Reichsnationalismus und schließlich in radikalen völkischen Formen mit rassistischen und antisemitischen Ausschlüssen.
Frühe Formen
Wolfgang Hardtwig beschreibt einen deutschen Frühnationalismus, dessen Entwicklung bereits um 1495 mit der Reichsreform begann und bis zur Revolution von 1848 reichte. Er unterscheidet drei Phasen. In der ersten Phase, vom Beginn der frühen Neuzeit bis in die 1760er-Jahre, wurde Nationalismus nur von sehr kleinen, aber wachsenden Eliten getragen. Er entwickelte bereits Organisationsformen, die Hardtwig dem „‚modernen‘ Typus des assoziativen Freiwilligenverbands“ zuordnet.
Dieser frühe Nationalismus war nach Hardtwig „vorpolitisch“. Das bedeutet: Die Zugehörigkeit zur Nation wurde nicht mit politischen Mitwirkungsrechten verbunden. Sie beruhte vielmehr auf einer zugeschriebenen gemeinsamen Merkmalsgleichheit aller Deutschen. Die Schaffung eines deutschen Nationalstaats spielte damals keine wichtige Rolle. Zugleich galt die Verbindung zwischen der deutschen Nation und dem Heiligen Römischen Reich als selbstverständlich und unauflöslich.
Die zweite Phase lässt Hardtwig von der Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg bis zu den Napoleonischen Kriegen um 1810 reichen. Die dritte Phase reicht bis in die Zeit vor den Revolutionen von 1848. Von einem eigentlichen deutschen Nationalismus im modernen Sinn wird meist ab etwa 1770 gesprochen. Hans-Ulrich Wehler sieht in den 1770er- und 1780er-Jahren „Vorläuferphänomene“: Debatten über eine deutsche Nationalliteratur, ein deutsches Nationaltheater, die Pflege einer deutschen Nationalsprache sowie den Personenkult um Friedrich den Großen, dem Wehler „protonationale Züge“ zuschreibt.
In dieser Phase war deutscher Nationalismus vor allem Sprach- und Kulturnationalismus. Damit ist gemeint, dass Sprache und Kultur als wichtigste Grundlage der nationalen Zugehörigkeit verstanden wurden. Dazu gehörte auch die These von der „Reinheit“ der deutschen Sprache und ihrer Überlegenheit gegenüber den romanischen Sprachen. Diese Auffassung vertraten unter anderem Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte.
Freiheitliche Nationalbewegung
Hans-Ulrich Wehler beschreibt die Herausbildung eines „– im strengen Sinne – modernen deutschen Nationalismus“ als Reaktion auf die tiefgreifenden Erschütterungen der Französischen Revolution und der Koalitionskriege von 1789 bis 1815. Dieser moderne Nationalismus müsse vom früheren „vornationalen, landschaftlichen Zusammengehörigkeitsbewußtsein“ abgegrenzt werden, auch wenn dieses weiterbestand.
Der deutsche Nationalismus dieser Zeit war nach Dieter Langewiesche von Anfang an durch eine Doppelstruktur aus Partizipation und Aggression geprägt. Partizipation bedeutet hier: Er forderte den Einschluss und die Gleichwertigkeit aller Deutschen. Aggression bedeutet: Er verlangte zugleich territoriale Ausdehnung Deutschlands und entwickelte Feindbilder gegenüber anderen Völkern.
Als Beispiel nennt der Artikel Ernst Moritz Arndt im frühen 19. Jahrhundert. Auch viele Revolutionäre von 1848 traten für die großdeutsche Lösung ein, also für eine deutsche Einigung unter Einschluss Österreichs. Später gab es bis hin zum Ende des 19. Jahrhunderts auch Groß- oder Weltmachtstreben, das nicht nur von Konservativen vertreten wurde, sondern etwa auch von Sozialliberalen wie Friedrich Naumann und Sozialdemokraten wie Ferdinand Lassalle.
Bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 überwog jedoch das national-freiheitliche Element. Die deutsche Nationalbewegung war eng mit dem Liberalismus verbunden. Besonders der linke Flügel des Liberalismus zielte auf eine nationale Demokratie. Die Kleinstaaterei, also die Zersplitterung Deutschlands in viele Einzelstaaten, wurde als anachronistisch und reaktionär empfunden. An ihre Stelle sollte ein liberaler Nationalstaat mit gleichberechtigten Staatsbürgern treten.
Nationalismus im Kaiserreich
Nach der Gründung des kleindeutschen Nationalstaats 1871 veränderte sich der deutsche Nationalismus deutlich. Er nahm überwiegend den Charakter einer politischen und gesellschaftlich konservativen, oft auch illiberalen Abwehrideologie an. „Kleindeutsch“ meint hier die Reichsgründung ohne Österreich. Der Nationalismus diente nun nicht mehr vor allem dem Kampf gegen Kleinstaaterei und Fürstenherrschaft, sondern verteidigte den erreichten Status quo und verband sich zugleich mit Expansionsbestrebungen.
Ab den 1870er-Jahren verstärkte sich das aggressive Element des Nationalismus. Dieser Reichsnationalismus unterschied sich vom früheren liberalen Einigungsnationalismus: Er verherrlichte den Kaiser, das Militär und Otto von Bismarck, den konservativen, aber charismatisch wahrgenommenen „Reichsgründer“.
Durch den Kulturkampf gegen die katholische Kirche und die Sozialistengesetze erhielt der Reichsnationalismus auch ein ausgrenzendes Element. Katholische und sozialdemokratische Deutsche wurden als „Reichsfeinde“ abgestempelt. Ihnen wurde unterstellt, ihre Loyalität zur ultramontanen Kirchenführung beziehungsweise zu Partei und Klasse sei größer als ihre Loyalität zur Nation. Als vorbildlicher Typus eines nationalgesinnten Deutschen galt dagegen der protestantische Bildungs- und Besitzbürger.
Völkische Radikalisierung
Noch radikaler war der Ausschlussgedanke im aufkommenden rassischen Antisemitismus. Dieser sprach deutschen Juden nicht nur das Deutschtum ab, sondern stellte sie sogar als Gegenspieler des Deutschtums dar. Hier verband sich der Reichsnationalismus mit der Idee einer „purifizierten Nation“, also einer als gereinigt vorgestellten Nation.
Diese Strömung breitete sich von den ab 1878 gegründeten Antisemitenparteien in das konservative und nationalliberale Lager sowie in das akademische Milieu aus. Von der Spätphase der Regierung Bismarcks, also seit Mitte der 1880er-Jahre, bis zum Ersten Weltkrieg radikalisierte sich der deutsche Nationalismus zunehmend. Der Artikel weist darauf hin, dass ähnliche Entwicklungen in dieser Phase auch in anderen westlichen Nationalstaaten beobachtet werden können.
Obwohl Bismarck die „Saturiertheit“ des Deutschen Reichs verkündet hatte, also sinngemäß dessen politische Zufriedenheit mit dem erreichten Bestand, wurde erneut die deutsche Frage aufgeworfen. Gefordert wurde eine „Vollendung“ der Reichsgründung durch die Einbeziehung Österreichs sowie des deutschen „Volkstums“ in Ost- und Südosteuropa.
Die radikalen, exklusiven, rassistischen und antisemitischen Strömungen des deutschen Nationalismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert werden als völkische Bewegung zusammengefasst. Auch in der deutschnationalen Bewegung in Österreich-Ungarn gab es damals einen radikal-völkischen und antisemitischen Flügel. Als Beispiel nennt der Artikel die von Georg von Schönerer gegründete Alldeutsche Bewegung.