Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Märzrevolution 1848 in Berlin
Die Märzrevolution in Berlin war ein Teil der Revolutionen 1848/1849 in Europa und ein zentrales Ereignis der deutschen Freiheits- und Nationalbewegung.
Inhalt5 Abschnitte
Ursachen und politische Vorgeschichte
Die Märzrevolution in Berlin war ein zentraler Teil der Revolutionen von 1848/1849 in Europa sowie der deutschen Freiheits- und Nationalbewegung. Sie richtete sich gegen die politische Begrenzung durch die preußische Monarchie und führte am 18. und 19. März 1848 zu schweren Barrikadenkämpfen. Der König Friedrich Wilhelm IV. musste danach das Militär aus Berlin abziehen und politische Zugeständnisse machen. Kurzzeitig entstanden eine liberale Regierung und eine frei gewählte Nationalversammlung, doch ab 1849 nahm der König die meisten Zugeständnisse wieder zurück.
In den 1840er Jahren verschärften gleichzeitig Krisen in Landwirtschaft, Handwerk, Heimarbeit und Finanzwesen die soziale Not. Die preußische Regierung verlor dadurch in vielen Bevölkerungsschichten an Vertrauen. Die politische Öffentlichkeit radikalisierte sich. Immer mehr Menschen forderten parlamentarische Mitwirkung, Presse-, Versammlungs- und Gewissensfreiheit.
Der unmittelbare Anstoß kam aus dem Ausland. Nach Aufständen in Palermo am 12. Januar 1848, der Abdankung des französischen Königs Louis-Philippe I. am 24. Februar und der Revolution in Wien am 13. März wuchs auch in Berlin die Bereitschaft zum Protest. Die preußische Regierung erfuhr am 27. Februar von den Ereignissen in Paris und erkannte die Gefahr eines Übergreifens der Revolution. Friedrich Wilhelm IV. versprach am 5. März regelmäßige Landtage und am 8. März eine Lockerung der Zensur. Der Zweite Vereinigte Landtag sollte zunächst am 27. April, später am 2. April 1848 zusammentreten. Diese Zugeständnisse verhinderten die Proteste jedoch nicht.
Ab dem 6. März versammelten sich Berliner im Tiergarten. Am 7. März einigte sich die Volksversammlung auf neun Forderungen: Presse- und Redefreiheit, Amnestie für politische Verfolgte, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, gleiche politische Rechte unabhängig von Religion und Besitz, Geschworenengerichte, unabhängige Richter, die Verminderung des stehenden Heeres, Volksbewaffnung, eine gesamtdeutsche Volksvertretung und die schnelle Einberufung des Vereinigten Landtages. Die Forderungen verbanden liberale, nationale und soziale Ziele. Besonders die Amnestie und die Entmilitarisierung waren für Berlin charakteristisch.
Die Weigerung des Königs, eine Delegation der Volksversammlung zu empfangen, verschärfte den Konflikt. Nach den Wiener Ereignissen kam es am 13. März in Berlin zu ersten gewaltsamen Zusammenstößen. Am 16. März forderten Demonstranten zunehmend offen den Kampf und eine Bürgerbewaffnung. Am 17. März beschlossen oppositionelle und bürgerliche Kräfte eine Massendemonstration auf dem Schlossplatz. Zugleich stimmte der König einer vollständigen Aufhebung der Zensur, der vorgezogenen Einberufung des Landtages und einer echten Verfassung mit Volksvertretung zu. Die Reformen wurden am Morgen des 18. März bekannt gemacht, konnten die bereits angekündigte Kundgebung aber nicht mehr verhindern.
Vom Schlossplatz zu den Barrikaden
Am 18. März 1848 versammelten sich auf dem Schlossplatz über 10.000 Menschen. Einige wollten die Reformen feiern, andere weitere Zugeständnisse erreichen; eine dritte Gruppe verlangte weiterhin den vollständigen Abzug der Truppen aus Berlin. Zusätzlich kamen Schaulustige. Die militärische Lage verschärfte sich, als zwischen ein und zwei Uhr Generalleutnant Karl von Prittwitz den zurückhaltenderen Gouverneur Ernst von Pfuel ablöste. Prittwitz vereinigte vorübergehend die wichtigsten militärischen Befehlsstellen im Berliner Raum und gehörte zur kompromissloseren höfischen Militärpartei.
König und Staatsminister Bodelschwingh erschienen gegen 13:30 Uhr auf dem Balkon des Stadtschlosses. Bodelschwingh verkündete unter anderem Pressefreiheit, die sofortige Einberufung des Landtages, eine Verfassung, eine deutsche Nationalflagge, die Aufhebung der Zollschranken und eine führende Rolle Preußens in der deutschen Bewegung. Wegen des Lärms verstanden viele Demonstranten die Rede jedoch nicht; sie erfuhren ihren Inhalt aus verteilten Zeitungen.
Die Menge drängte immer stärker an das Schlossportal. Soldaten im Schlosshof befürchteten eine Erstürmung, während die Demonstranten die Truppen als Bedrohung empfanden. Auf die Rufe „Militär zurück!“ gab Friedrich Wilhelm IV. Prittwitz den Befehl, den Schlossplatz zu räumen, jedoch „mit eingesteckter Waffe“. Dragoner zogen entgegen diesem Befehl ihre Säbel. Kurz nach 14:30 Uhr lösten sich wahrscheinlich versehentlich zwei Schüsse, die niemanden trafen. Die Menge glaubte dennoch, absichtlich beschossen worden zu sein, und floh. Diese Flucht leitete den Barrikadenkampf ein.
Die Aufständischen errichteten Barrikaden aus Gemüseständen, Fuhrwerken, Droschken, Gehwegplatten, Wollsäcken und Balken. Ziegel wurden von den Dächern geholt und als Wurfgeschosse verwendet. Zunächst waren nur wenige Schusswaffen vorhanden; Planken, Mistgabeln und Holzäxte dienten als Hauptwaffen. Durch die Erstürmung von Zeughäusern und Waffenlagern gelangten die Aufständischen später an Gewehre. Insgesamt entstanden über 900 Barrikaden, einige davon bis zu drei Stockwerke hoch. Tiefe Gräben machten Straßen unpassierbar und erschwerten den Einsatz schwerer Artillerie.
Die Kämpfer stammten überwiegend aus der städtischen Unterschicht. Nur 3 % der gefangenen oder getöteten Zivilisten gehörten zum Bürgertum, während 85 % der städtischen Unterschicht zugerechnet wurden. Handwerksgesellen stellten etwa die Hälfte der Kämpfer, obwohl sie nur rund 20 % der Berufstätigen ausmachten. Auch Industriearbeiter und Schüler waren überproportional vertreten. Neben politischen Forderungen verlangten viele höhere Löhne, eine Absicherung im Alter und ein „Ministerium für Arbeiter“. Die Vorstellung, die Revolution sei ausschließlich bürgerlich gewesen, gilt deshalb als überholt. 36,7 % der Märzgefallenen oder Gefangenen waren jünger als 25 Jahre, nur 18,4 % älter als 40. Frauen spielten in den Kämpfen eine deutlich geringere Rolle.
Verlauf und Ende der Kämpfe
Die ersten größeren Schießereien begannen gegen 16:30 Uhr. Um 18 Uhr wurde die Königstraße zum Hauptkampfplatz; gegen 18:30 Uhr setzte das Militär dort erstmals Kanonen gegen Barrikaden ein. In der ganzen Stadt läuteten Kirchenglocken Sturm, um weitere Menschen zum Widerstand zu rufen. Aufständische beschossen Soldaten von Fenstern und Dächern oder bewarfen sie mit Steinen. Die Soldaten stürmten daraufhin Häuser und verwüsteten auch Wohnungen Unbeteiligter. Der Kampf dauerte wegen des hellen Vollmonds bis in die Nacht. Es kam zu kleineren Bränden, unter anderem an der Königlich Preußischen Eisengießerei und einer Verkaufsbude am Alexanderplatz.
Das Militär war zahlenmäßig überlegen: 14.000 Soldaten mit 36 Geschützen standen etwa 4.000 Aufständischen gegenüber. Dennoch waren die Truppen für Feldschlachten ausgebildet und besaßen wenig Erfahrung mit Straßen- und Barrikadenkämpfen. Außerdem waren sie erschöpft und nach Angaben von Prittwitz in den letzten 36 bis 48 Stunden nur mit Brot und Branntwein versorgt worden. Die Aufständischen erhielten dagegen Unterstützung durch Sympathisanten. Zudem bestand die Gefahr, dass Soldaten zu den Aufständischen überliefen.
Am Abend kontrollierte Prittwitz den Schlossbezirk und einige angrenzende Straßen, konnte Berlin aber nicht vollständig zurückerobern. Gegen Mitternacht empfahl er dem König, das Zentrum vorerst zu halten und bei weiterer Unruhe Berlin zu verlassen. Anschließend sollte die Stadt von außen mit Artillerie zur Kapitulation gezwungen werden. Friedrich Wilhelm IV. lehnte diesen Plan ab, untersagte den weiteren Vormarsch und veröffentlichte am 19. März die Proklamation „An meine lieben Berliner“. Er versprach einen teilweisen Truppenabzug, wenn die Barrikaden entfernt würden.
Eine Bürgerdeputation wies das Angebot zunächst zurück, da sie einen vollständigen Abzug verlangte. Um 10:30 Uhr gab der König dieser Forderung nach. Über zweihundert Zivilisten waren getötet worden; sie wurden als Märzgefallene bezeichnet. Über 600 Aufständische waren verwundet oder gefangen genommen. Die königlichen Truppen hatten weniger als 50 Tote. Gleichzeitig kursierten in Presse und Gerüchten stark überhöhte Angaben von 400 bis 1.800 getöteten Soldaten. Die Kämpfe endeten damit durch den vollständigen Abzug des Militärs aus Berlin.
Politische Folgen und Stabilisierung der Monarchie
Die hohe Zahl der Opfer löste eine Auseinandersetzung über die Verantwortung aus. Am 19. März wurden die Leichen der Märzgefallenen auf Leiterwagen in den Schlosshof getragen. Kurz nach 14 Uhr musste der König den Trauerzug vom Balkon aus beobachten. Die Oberkörper der Toten waren entblößt, damit Schuss-, Bajonett- und Schrapnellwunden sichtbar wurden. Rund 150 Leichen waren mit Blumen und Zweigen geschmückt. Auf den Ruf „Mütze ab“ musste Friedrich Wilhelm IV. den Toten Ehre erweisen. Obwohl sein unentschlossenes Schwanken zwischen militärischer und politischer Lösung wesentlich zur Eskalation beigetragen hatte, wurde vor allem Prinz Wilhelm öffentlich verantwortlich gemacht. Der eigentliche militärische Hauptverantwortliche war Prittwitz. Der Begriff „Kartätschenprinz“ für Wilhelm wurde am 12. Mai 1848 von Maximilian Dortu geprägt. Wilhelm floh am 19. März in die Spandauer Zitadelle und später nach London.
Der König konnte seine Stellung zunächst stabilisieren. Am 21. März ritt er mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde durch Berlin und ließ eine schwarz-rot-goldene Fahne vorantragen. In der Proklamation „An mein Volk und an die deutsche Nation“ versprach er eine echte Verfassung, Geschworenengerichte, Ministerverantwortlichkeit und eine deutsche Einheit; Preußen solle „in Deutschland aufgehen“. Die gemäßigten Liberalen sahen damit ihre wichtigsten Forderungen erfüllt. Soziale Forderungen von Handwerkern und Industriearbeitern blieben jedoch weitgehend unbeachtet. Die soziale Spaltung und die Uneinigkeit der revolutionären Kräfte führten zu einer „Revolutionsmüdigkeit“ und erleichterten später die Gegenrevolution.
Am 29. März bildete Friedrich Wilhelm IV. die Regierung Camphausen-Hansemann. Ludolf Camphausen wurde Ministerpräsident, David Hansemann Finanzminister. Am 1. Mai fand die erste freie Wahl in Preußen statt; am 22. Mai trat die preußische Nationalversammlung zusammen, in der liberale und linksliberale Kräfte die Mehrheit hatten. Außerdem wurden preußische Abgeordnete in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Nach der Rückeroberung Wiens durch habsburgische Truppen und angesichts radikaler Beschlüsse der preußischen Nationalversammlung ging der König jedoch zur Gegenrevolution über. Am 10. November 1848 kehrten die Truppen nach Berlin zurück. Ab 1849 wurden die meisten Zugeständnisse wieder aufgehoben; Preußen behielt letztlich eine Verfassung „von Königs Gnaden“.
Auch die kurzzeitige Solidarität mit den polnischen Gefangenen des Polenprozesses zerbrach. Am 20. März 1848 wurden sie unter öffentlichem Druck freigelassen und begeistert empfangen. Als Ludwik Mierosławski im April und Mai in Posen einen polnischen Aufstand anführte, unterdrückte die preußische Armee ihn jedoch gewaltsam.
Erinnerung an die Märzrevolution
Der Beisetzungszug am 22. März 1848 sollte die Einheit der Berliner Stadtgesellschaft zeigen, war aber von sozialen Spannungen begleitet. Der Magistrat wollte die zivilen Opfer gemeinsam mit gefallenen Soldaten bestatten; die Berliner Unterschicht und die militärische Elite lehnten dies aus entgegengesetzten Gründen ab. Am Deutschen Dom am Gendarmenmarkt wurden 183 Särge aufgebahrt. Mehr als 20.000 Menschen nahmen teil. Bürger, Studenten, Handwerker, Beamte, Künstler, Gelehrte, Lehrer, Schüler, Arbeiter und Angehörige der höfischen Aristokratie waren vertreten. Der Zug führte über das Stadtschloss zum Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain. König und Minister grüßten vom Balkon des Schlosses.
Der 18. März blieb in der preußischen Reaktionszeit ein Symbol der Freiheitssehnsucht. Von 1849 bis 1851 besuchten Handwerker und Industriearbeiter jährlich am Jahrestag den Friedhof, obwohl Regierung und Polizei dies überwachten. Nach einem vorübergehenden Bedeutungsverlust gewann der Ort ab 1862 erneut an politischer Bedeutung. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei beanspruchte die Märzgefallenen als Vorläufer der eigenen Bewegung. Am 18. März 1873 kamen mehr als 10.000 Menschen zusammen; bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei starb ein Teilnehmer. Bis 1918 erschwerte die Monarchie ein freies Gedenken.
1948 wurde die Erinnerung unterschiedlich politisch gedeutet. Otto Suhr verband die Märzrevolution mit Freiheit und deutscher Einheit, während die SED vor allem die nationale Einheit unter sozialistischer Führung hervorhob. Bei der freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erhielt die „Allianz für Deutschland“ 48 % der Stimmen. Nachträglich wurde diese Wahl mit dem 18. März 1848 und der friedlichen Revolution von 1989/1990 verbunden, obwohl die Regierung Modrow ursprünglich eine unabhängige, „demokratisch-sozialistische“ DDR anstrebte. Im Jahr 2000 wurde der Platz vor dem Brandenburger Tor in „Platz des 18. März“ umbenannt.
In den 1990er Jahren wurden zwölf Gedenktafeln an wichtigen früheren Barrikadenstandorten verlegt, darunter am Alexanderplatz, am Gendarmenmarkt, in der Breiten Straße, an der Rathausstraße, der Roßstraßenbrücke, der Friedrichstraße und der Oberwallstraße. Zu den bekannten Personen der Revolution gehören Friedrich-Ludwig Urban, der eine wichtige Barrikade am Alexanderplatz organisierte, und der 17-jährige Schlosserlehrling Ernst Zinna, der in späteren Darstellungen als Revolutionsheld stilisiert wurde. Die Revolution brachte jedoch keinen einzelnen politischen Führer hervor, der die Bewegung dauerhaft hätte zusammenführen können.