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Wilhelm Heitmeyer
Soziale Desintegration und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. · Der Kämpfer gegen die Menschenfeindlichkeit geht. · Gewalten-Teilung. · Rette sich, wer kann.
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Person und wissenschaftliches Profil
Wilhelm Heitmeyer (* 28. Juni 1945 in Nettelstedt) ist ein deutscher Soziologe und Erziehungswissenschaftler. Sein zentrales Thema ist die empirische Untersuchung von Rechtsextremismus, Gewalt und gesellschaftlichen Integrationsproblemen. Von 1996 bis 2013 war er Gründungsdirektor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld; anschließend forschte er dort als Senior Research Professor beziehungsweise Forschungsprofessor, zuletzt bis zum Sommer 2025.
Heitmeyer studierte Erziehungswissenschaften und Soziologie in Bielefeld, promovierte 1977 und habilitierte sich 1988. Vor seiner Hochschullaufbahn arbeitete er als Schriftsetzer in der Druckindustrie und kurzzeitig als Hauptschullehrer. Seit 1982 forscht er unter anderem zu Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, ethnisch-kulturellen Konflikten und sozialer Desintegration. Seit 1990 untersuchte er außerdem langfristig die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Mitte der 1980er Jahre gehörte er zu den ersten Forschern, die rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen und Gewalt in Fußballstadien untersuchten. Mitte der 1990er Jahre forschte er zu fundamentalistischen Orientierungen bei muslimischen Jugendlichen; später beschäftigte er sich auch mit Gewalt im Globalen Süden.
1996 gründete Heitmeyer das IKG an der Universität Bielefeld. 2008 gründete er das International Journal of Conflict and Violence und war bis 2014 dessen Chefredakteur. Federführend begründete er außerdem die Buchreihe Deutsche Zustände, die von 2002 bis 2011 in 10 Bänden Diskriminierung gegenüber unter anderem Juden, Muslimen, Nichtweißen, Homosexuellen, Obdachlosen und anderen Gruppen untersuchte.
Soziale Desintegration als Erklärungsansatz
Die Theorie der Sozialen Desintegration, auch „Bielefelder Desintegrationsansatz“ genannt, entwickelte Heitmeyer gemeinsam mit Mitarbeitern in den 1990er-Jahren. Sie soll Gewalt, Rechtsextremismus und ethnisch-kulturelle Konflikte erklären.
Desintegration bedeutet grundsätzlich eine nicht gelungene gesellschaftliche Integration. Integration besteht nach Heitmeyer in einem ausgewogenen Verhältnis von Freiheit und Bindung. Dieses Verhältnis zeigt sich auf drei Ebenen:
- Auf der sozialstrukturellen Ebene geht es um den Zugang zu materiellen Gütern wie Lohn, Wohnung und Konsumgütern, um die Möglichkeit der Reproduktion sowie um Zufriedenheit mit den Lebensumständen und dem Beruf. Daraus entsteht positionale Anerkennung.
- Auf der institutionellen Ebene müssen Konflikte gesellschaftlich ausgehandelt werden, ohne die Integrität von Personen zu verletzen. Das ermöglicht moralische Anerkennung.
- Auf der personalen beziehungsweise sozioemotionalen Ebene geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Daraus entsteht emotionale Anerkennung.
Desintegration liegt vor, wenn Gemeinschaften und Institutionen nicht sicherstellen können, dass Menschen ihre materiellen Grundlagen sichern, Konflikte gewaltfrei lösen und soziale Anerkennung erhalten. Heitmeyers Grundthese lautet: Je stärker die Desintegrationserfahrungen sind, desto mehr nehmen Ausmaß und Intensität von Gewaltkriminalität und Rechtsextremismus zu; zugleich nimmt ihre Regulierungsfähigkeit ab.
Moderne westliche Gesellschaften können diese Probleme durch mehrere Entwicklungen verschärfen. Soziale Polarisierung vermindert auf der sozialstrukturellen Ebene die Zugangschancen zu gesellschaftlichen Teilsystemen. Die Individualisierung vergrößert zwar die Freiheit, erhöht aber zugleich den Druck, sich beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt selbst zu platzieren. Geringe Erfolgschancen können Frustration und den Verlust positionaler Anerkennung auslösen. Wettbewerb, Ökonomisierung, Konkurrenzdenken und Konsumorientierung fördern eigennutzorientiertes Verhalten, soziale Distinktion und Ausgrenzung.
Auf institutioneller Ebene kann politische Machtlosigkeit zum Rückzug aus öffentlichen Angelegenheiten führen. Dadurch sinkt die Beteiligung an der Sicherung von Kernnormen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness, was den Verlust moralischer Anerkennung begünstigt. Auf der sozioemotionalen Ebene können ambivalente Individualisierung, die Destabilisierung von Paarbeziehungen und familiäre Desintegration die Sozialisation von Kindern gefährden. Erhöhtes Konfliktpotenzial und emotionale Überforderung der Eltern können mit dem Verlust emotionaler Anerkennung verbunden sein. Der Ansatz, Desintegrationserfahrungen als Auslöser für Rechtsextremismus zu betrachten, ist unter anderem von Roland Eckert, Helmut Willems und Stefanie Würtz widersprochen worden.
Gewalt und ihre gesellschaftlichen Bedingungen
Seit Anfang der 1980er Jahre untersuchte Heitmeyer rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen und ihre Funktion als Legitimationen für Gewalt. In dieses Forschungsfeld gehören auch die Ursachen rechtsextremistischen Terrorismus sowie die Frage, wie Integrations- und Desintegrationserfahrungen mit Gewalt in unterschiedlichen sozialen Kontexten zusammenhängen.
Weitere Themen waren Tötungsdelikte bei Amokläufen von Jugendlichen und jungen Männern in Schulen sowie schon früh die Gewalt in Fußballstadien. Im internationalen Zusammenhang beschäftigte sich Heitmeyer mit der Kontrolle von Gewalt und mit Kontrollverlusten. Gemeinsam mit John Hagan (Chicago) gab er das International Handbook of Violence Research beziehungsweise die deutsche Ausgabe Internationales Handbuch der Gewaltforschung heraus. Außerdem leitete er eine internationale Forschergruppe zu „Control of Violence“. In jüngerer Zeit richtete sich sein Interesse auch auf Gewalt im Globalen Süden.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Heitmeyer entwickelte den Begriff und das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und untersuchte sie ab 2000 mit einer Forschungsgruppe. Gemeint ist die Abwertung und Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe – unabhängig vom individuellen Verhalten. Dazu zählen unter anderem Migranten, Juden, Sinti und Roma, Muslime, Homosexuelle, Obdachlose, (Langzeit-)Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit anderer Hautfarbe.
Ein zentrales Forschungsprojekt bestand aus jährlich repräsentativen Bevölkerungsbefragungen über 10 Jahre, von 2002 bis 2011. Das Projekt wurde von der Volkswagenstiftung und dem Graduiertenkolleg der DFG gefördert. Die Ergebnisse erschienen in den jährlichen Ausgaben der Deutschen Zustände im Suhrkamp-Verlag und über viele Jahre hinweg in der Zeit.
Das Eskalationsmodell nach Heitmeyer, auch „Zwiebelmuster“ oder „Eskalationskontinuum im rechten Spektrum“ genannt, stellt unterschiedliche Stufen autoritärer Weltbilder in der Bevölkerung dar. Die Intensität nimmt von außen nach innen zu. Äußere Schichten verleihen den inneren Schichten Legitimität. Dadurch wird deutlich, dass nicht nur radikale rechte Gruppen eine Bedrohung darstellen. Auch Menschen, die einem solchen Weltbild nur punktuell zustimmen, können für radikalere Gruppierungen einen Legitimationsfundus bilden.
Heitmeyer schrieb im Februar 2017, die Normalität in der Gesellschaft habe sich verschoben. Besonders bedroht seien zwei nicht verhandelbare Grundnormen: die Gleichwertigkeit aller Menschen sowie ihre psychische und physische Unversehrtheit.
Autoritärer Nationalradikalismus und Einordnung
Für bestimmte rechtsextreme und rechtspopulistische Entwicklungen schlägt Heitmeyer den Begriff „Autoritärer Nationalradikalismus“ vor. Den Begriff „Rechtspopulismus“ hält er in diesem Zusammenhang für verharmlosend und gefährlich, weil er Unterschiede innerhalb des gesamten rechten Spektrums verwische.
Der Autoritäre Nationalradikalismus unterscheidet sich nach Heitmeyer sowohl von rechtspopulistischen als auch von gewalttätigen rechtsextremistischen Richtungen. Sein Ziel sei die Destabilisierung gesellschaftlicher und politischer Institutionen, um einen Systemwechsel zu erreichen. Dieser Systemwechsel bedeute nicht unbedingt Diktatur, sondern im Rahmen bisheriger legaler Verfahren die Umstellung auf eine geschlossene Gesellschaft und eine illiberale Demokratie. Dazu gehöre das Eindringen in Institutionen wie Justiz, Polizei, Medien, Schulen, politische Bildung, Gedenkstätten, Sport, Bundeswehr, Gewerkschaften und Theater.
Heitmeyer nennt drei Merkmale:
- Das Autoritäre strebt ein verändertes Ordnungsmodell mit traditionellen Lebensweisen, klaren Hierarchien und dichotomischen Gesellschaftsbildern an, etwa „Wir gegen die“, „Innen gegen Außen“ oder „Eigenes gegen Fremdes“.
- Das Nationalistische beruht auf Überlegenheitsansprüchen deutscher Kultur, einer veränderten Geschichtsschreibung und Deutsch-Sein als zentralem Identitätsanker.
- Das Radikale zeigt sich in einem rabiaten und emotionalisierten Mobilisierungsstil.
Aggressiver Sprachstil rechtspopulistischer Akteure und mediale Aufmerksamkeit können nach Heitmeyer neue gesellschaftliche „Normalitäten“ erzeugen. Unsichtbare gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werde unter anderem durch Pegida und AfD in öffentliche Manifestationen verwandelt. Dadurch entstehe eine „prekäre Zivilität“: Erreichte Formen des zivilen Zusammenlebens würden zugleich wieder zerstört. Während der COVID-19-Pandemie warnte Heitmeyer vor „neuen rechten Bedrohungsallianzen“. Auf Demonstrationen gegen Maßnahmen zur Pandemieeindämmung könnten sich besorgte Einzelpersonen mit ideologischen Gruppen verbinden und dem rechten Rand neue Anhänger zuführen. Zugleich spalte die Pandemie weiter „nach arm und reich“.
Auszeichnungen und zentrale Veröffentlichungen
Heitmeyer erhielt von 2003 bis 2005 eine Forschungsprofessur der Volkswagenstiftung. 2012 wurde er mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet, 2014 mit dem Ehrenpreis des Innovationspreises des Landes Nordrhein-Westfalen für seine Verdienste um die Konflikt- und Gewaltforschung. 2025 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Zu seinen zentralen Veröffentlichungen und Herausgeberschaften gehören Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen (1987), Jugendliche Fußballfans (1988, mit J. I. Peter), Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie (1992), Entsicherungen. Desintegrationsprozesse und Gewalt (1994), Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland (1997, mit J. Müller und H. Schröder), Desintegration, Konflikt und Ethnisierung (2000, mit R. Anhut), Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus (2001), Kontrollverluste. Zur Zukunft der Gewalt (2004), Control of Violence (2011) und die 10-bändige Reihe Deutsche Zustände (2002 bis 2011). Spätere Arbeiten behandeln unter anderem Autoritäre Versuchungen (2018), Rechte Bedrohungsallianzen (2020), Treiber des Autoritären (2022) sowie Autoritäre Treiber eines Systemwechsels. Zur Destabilisierung von Institutionen durch die AfD (2025).