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Fundamentalismus
Im weiteren Sinne bezeichnet Fundamentalismus eine übersteigerte Form ethnisch-kultureller oder religiöser Identität, die sich oft durch extremen …
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Grundbedeutung und Merkmale
Fundamentalismus ist eine Überzeugung, Anschauung oder Geisteshaltung, die an ideologischen oder religiösen Grundsätzen kompromisslos festhält und daraus politisches Handeln ableitet. Im ursprünglichen Sinn bezeichnet der Begriff Bewegungen des amerikanischen Protestantismus, für die die Bibel das unmittelbare, irrtums- und fehlerfreie Wort Gottes ist. Als weitere christliche Form wird der Integralismus genannt.
Im weiteren Sinn meint Fundamentalismus eine übersteigerte ethnisch-kulturelle oder religiöse Identität. Kennzeichnend sind häufig extremer Traditionalismus und Autoritarismus, also die Orientierung an strengen überlieferten Regeln und an verbindlicher Autorität. Fundamentalistische Positionen stehen der Moderne – etwa Globalisierung, Kommerzialisierung, Werterelativismus, Individualismus und Rationalismus – ambivalent bis ablehnend gegenüber. Sie verlangen eine Rückbesinnung auf die als ursprünglich verstandenen Grundlagen einer Religion oder Ideologie; diese kann nach dieser Haltung nötigenfalls radikal und intolerant durchgesetzt werden.
Fundamentalismus setzt eine ideologische Orientierung absolut und richtet sich oft gegen Andersgläubige oder Andersdenkende. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde das Wort zudem als politisches Schlagwort besonders für islamistische Bestrebungen gebraucht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Fundamentalismus und Terrorismus grundsätzlich gleichzusetzen sind.
Ursprung des Begriffs und christlicher Fundamentalismus
Die Bezeichnung wurde zuerst im Zusammenhang mit der von Reuben Archer Torrey herausgegebenen Schriftenreihe The Fundamentals. A Testimony to the Truth verwendet. Sie richtete sich gegen liberale Theologie und besonders gegen die historisch-kritische Methode, also die wissenschaftliche Untersuchung biblischer Texte in ihrem geschichtlichen Entstehungszusammenhang. Zu den Autoren zählte der konservative Theologe Benjamin Breckinridge Warfield.
Die Generalkonferenz der presbyterianischen Kirche fasste 1910 fünf wesentliche Punkte dieser Haltung zusammen:
- Irrtumslosigkeit und Autorität der Bibel,
- Jungfrauengeburt und Wunder,
- Gottheit Jesu Christi,
- sein Tod für die Sünden der Menschen,
- seine leibliche Auferstehung und seine Wiederkunft.
Diese Punkte allein definieren christlichen Fundamentalismus nicht eindeutig. Als unterscheidendes Merkmal gilt eine biblizistische Auslegung: Die Bibel wird sehr unmittelbar und wörtlich als maßgebliche Grundlage verstanden. Diese Auslegung ist eng mit dem Heilsglauben verbunden, sodass andersdenkenden Christen mitunter ihr Christsein abgesprochen wird. Hinzu kommen eine konservative politische Haltung und das Ziel, religiös begründete Überzeugungen politisch durchzusetzen.
Christoph Urban bezeichnet Fundamentalismus als „Abgrenzungsbegriff“, mit dem in religionspolitischen Debatten theologische Irrwege markiert werden. Markus Gabriel kritisiert religiöse Fundamentalismen dafür, einen Ausschnitt der Wirklichkeit zum universell gültigen Muster zu erklären.
Konflikte, politische Ausrichtungen und Abgrenzungen
Soziologisch gilt Fundamentalismus als radikale Denkhaltung. Konflikte mit dem Umfeld entstehen besonders dann, wenn aus dem Glauben oder der Ideologie Handlungsnormen abgeleitet werden, die nicht nur für die eigene Gruppe, sondern für andere Menschen und die Gesellschaft gelten sollen.
Fundamentalismus versteht sich meist als Reaktion auf eine als Aufweichung empfundene ursprüngliche Überzeugung. Anpassung an aktuelle Lebensumstände oder ethische Kompromisse erscheinen dann als Verrat am Gründungsverständnis des Glaubens oder der Ideologie. Fundamentalistische Bewegungen können deshalb in Grenz- und Vermischungszonen großer Religionen entstehen: Angehörige von Minderheiten wehren sich dort gegen die Assimilation, also die Anpassung, von Glaubensbrüdern und besinnen sich auf ihre Glaubenswurzeln.
Anders als Traditionalismus will Fundamentalismus nicht nur vorhandene Traditionen gegen Veränderungen verteidigen. Er versucht, ihre durch die Moderne ausgelöste Infragestellung rückgängig zu machen und zu einem angenommenen Urzustand zurückzukehren. Deshalb ist er selbst ein Phänomen der Moderne. In der modernen Gesellschaft entspricht die Polarisierung der Normbegründung dem von Max Weber beschriebenen Gegensatz zwischen Gesinnungsethik, die sich an festen Überzeugungen orientiert, und Verantwortungsethik, die Folgen des Handelns berücksichtigt.
Fundamentalistische Weltanschauungen sind oft dualistisch: Die Anhänger des Wahren und Guten sehen sich im Kampf gegen das Böse, gegen Schlechte, Andersdenkende und Andersgläubige. Häufig werden heilige Texte unkritisch aufgenommen und kritische wissenschaftliche Auseinandersetzungen abgelehnt; als Beispiel wird Verbalinspiration genannt, die Auffassung einer unmittelbaren Eingebung des Wortlauts heiliger Texte. Religionssoziologisch bilden Fundamentalisten oft kleinere Gruppen innerhalb großer Religionen, die der Mehrheit Verrat an grundlegenden Prinzipien vorwerfen.
Politisch sind die Ausrichtungen unterschiedlich. Manche Gruppen greifen die Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen an, um ihre Ziele mit staatlichen Mitteln durchzusetzen. Andere vertreten eine strikte Trennung von Religion und Staat; wieder andere fordern weltanschauliche Neutralität des Staates gegenüber Religionen und nicht-religiösen Weltanschauungen. Von konservativen oder orthodoxen Richtungen ist Fundamentalismus umstritten abzugrenzen: Diese können Entwicklungen ebenfalls ablehnen, sind aber eher moderat und wollen meist die realen Traditionen ihrer unmittelbaren Vorfahren fortführen. Fundamentalisten möchten dagegen mindestens die eigene Gruppe, teilweise die ganze Gesellschaft, zu einem angenommenen früheren Urzustand zurücklenken.
Gebrauch des Begriffs und religiöse Formen
Im alltäglichen Sprachgebrauch werden konservative religiöse Gruppen, gewalttätige Mitglieder einzelner Volksgruppen und Terroristen mit religiöser oder religionsähnlicher Motivation teilweise undifferenziert als fundamentalistisch bezeichnet. Diese Unschärfe macht den Begriff problematisch. Der Historiker Hartmut Lehmann hält für offen, ob der Begriff mehr als Polemik leisten kann: Zwischen solchen Gruppen bestehen zwar Überschneidungen, sie dürfen aber nicht grundsätzlich gleichgesetzt werden.
Allgemein werden Fundamentalisten dadurch charakterisiert, dass sie sich auf konkrete Grundlagen ihrer Religion oder, im erweiterten Gebrauch, ihrer Partei, Ideologie oder Sekte berufen und darüber keine Diskussion zulassen. Der Begriff kann Intoleranz, Radikalismus und daraus entstehende Gewaltbereitschaft nahelegen; dies entspricht teilweise dem Selbstverständnis der betreffenden Gruppen.
Auch säkulare Ideologien können mit einem formalen Begriff als fundamentalistisch bezeichnet werden. Danach ist eine soziale Bewegung fundamentalistisch, wenn sie ihre religiöse, ethnische oder ideologische Orientierung absolut setzt und expansiv um die Kontrolle eines übergeordneten gesellschaftlichen Machtzentrums kämpft. In meist kritischer oder abwertender Weise wird daher beispielsweise von grün-alternativem „Fundi“ oder Marktfundamentalismus gesprochen.
Als religiöse Ausprägungen nennt der Artikel christlichen Fundamentalismus, radikalen Pietismus, mormonischen Fundamentalismus, Islamismus, Neofundamentalismus, ultraorthodoxes Judentum, Kahanismus, die Chardal-Bewegung und Hindutva. Islamwissenschaftler wie Olivier Roy unterscheiden im Islamismus unter anderem militanten Islamismus beziehungsweise islamistischen Terrorismus und Neofundamentalismus. Fundamentalistische Gruppen können sowohl innerhalb etablierter Religionen als auch in neuen religiösen Bewegungen vorkommen.