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Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Gruppenbezogene Ergebnisse · Rassismus · Fremdenfeindlichkeit · Antisemitismus · Homophobie · Abwertung von Obdachlosen · Abwertung von Behinderten.
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF; englisch group-focused enmity) ist ein sozialwissenschaftliches Konzept zur gemeinsamen Untersuchung abwertender Einstellungen gegenüber unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Es verbindet unter anderem Rassismus, Rechtsextremismus, Diskriminierung und Sozialdarwinismus. Der gemeinsame Kern ist eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“: Bestimmten Gruppen werden Gleichwertigkeit, gleiche Rechte oder Unversehrtheit abgesprochen.
Das Konzept erfasst offene und verdeckte Formen der Menschenfeindlichkeit. Die beteiligten Forschenden bezeichnen GMF als „Syndrom“. Damit ist gemeint, dass verschiedene abwertende Einstellungen häufig gleichzeitig auftreten oder statistisch miteinander zusammenhängen. Wer beispielsweise einer Gruppe gleiche Rechte abspricht, kann mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch andere Gruppen abwerten. Das Konzept wurde später zum Begriff der Pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) weiterentwickelt.
Der Begriff wurde von dem Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer geprägt. Zugleich bezeichnet er ein Forschungsprogramm des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, an dem auch die Universitäten Bielefeld und Marburg sowie ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Graduiertenkolleg beteiligt waren.
Forschungsaufbau und untersuchte Formen
Das Forschungsprojekt lief von 2002 bis 2012. Jährlich befragte NFO Infratest telefonisch eine repräsentative Auswahl von 3000 Personen in Deutschland. Ein Teil wurde über mehrere Jahre hinweg erneut befragt. Dadurch ließen sich sowohl Veränderungen im Zeitverlauf als auch statistische Zusammenhänge zwischen den einzelnen Einstellungen untersuchen. 2008 kamen internationale Vergleiche und Untersuchungen in ost- und westdeutschen Gemeinden, Kleinstädten und Stadtteilen hinzu. Ein weiteres Projekt beschäftigte sich mit Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.
Zum untersuchten Syndrom gehörten Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit, Sexismus, Etabliertenvorrechte sowie die Abwertung von Obdachlosen, Menschen mit Behinderungen und Langzeitarbeitslosen. 2011 wurden zusätzlich die Abwertung von Asylbewerbern und Antiziganismus erfasst.
Islamfeindlichkeit bedeutet dabei eine allgemein ablehnende oder feindselige Haltung gegenüber muslimischen Personen sowie gegenüber Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams. Sie wird von sachlich begründeter Islamkritik unterschieden. Etabliertenvorrechte sind Forderungen Alteingesessener nach mehr Rechten gegenüber später Zugezogenen. Solche Ansprüche verletzen nach dem Konzept die Gleichwertigkeit verschiedener Gruppen. Klassischer Sexismus bezeichnet geschlechtsdiskriminierende Vorstellungen, etwa die Forderung, Frauen sollten sich vor allem auf die Rolle als Ehefrau und Mutter beschränken.
Der Artikel weist darauf hin, dass Teile der Darstellung seit 2012 nicht mehr aktuell erscheinen. Das betrifft besonders die weitere Verwendung des Konzepts, seine Entwicklung seit 2014 und eine neue Kategorisierung in der Mitte-Studie 2023.
Zentrale Befragungsergebnisse
Die Erhebungen machten die Verbreitung verschiedener abwertender Aussagen sichtbar. 2007 meinten 12,6 % der Befragten, Weiße seien zu Recht führend in der Welt; 2002 waren es 16,4 % und 2004 13,1 %. 18,5 % wollten Aussiedler wegen ihrer deutschen Abstammung besserstellen als Ausländer (2002: 22 %; 2004: 21,9 %).
Fremdenfeindliche Aussagen erhielten besonders hohe Zustimmung: 54,7 % fanden 2007, in Deutschland lebten zu viele Ausländer (2002: 55,4 %; 2004: 60 %). 29,7 % hielten es für richtig, Ausländer bei knappen Arbeitsplätzen zurückzuschicken (2002: 27,7 %; 2004: 36 %).
Beim Antisemitismus nahmen 2007 15,6 % einen zu großen Einfluss von Juden in Deutschland an (2002: 21,7 %; 2004: 22 %). 17,3 % schrieben Juden durch ihr eigenes Verhalten eine Mitschuld an der Judenverfolgung zu (2002: 16,6 %; 2004: 12,8 %).
Homophobe Einstellungen zeigten sich 2007 unter anderem darin, dass 31,3 % Ekel beim öffentlichen Küssen homosexueller Menschen äußerten. 15,3 % bezeichneten Homosexualität als unmoralisch, und 35,4 % lehnten Ehen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern ab.
Bei der Abwertung von Obdachlosen sagten 2007 38,8 %, Obdachlose in Städten seien ihnen unangenehm. 32,9 % hielten sie für arbeitsscheu, und 34 % wollten bettelnde Obdachlose aus Fußgängerzonen entfernen. In diesem Zusammenhang ist der diskriminierende Begriff „asozial“ von Bedeutung. Gegenüber Menschen mit Behinderungen fanden 7,7 %, viele ihrer Forderungen seien „überzogen“; 12,7 % meinten, für sie werde zu viel Aufwand betrieben, und 8 % nahmen zu viele Vergünstigungen an.
Beim klassischen Sexismus forderten 2007 28,5 %, Frauen sollten sich wieder auf die Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen. 18 % fanden, eine Frau solle eher die Karriere ihres Mannes unterstützen, als selbst Karriere zu machen. Etabliertenvorrechte befürworteten ebenfalls viele: 35,1 % wollten Alteingesessenen mehr Rechte geben, und 52,8 % meinten, neu Zugezogene sollten sich zunächst mit weniger zufriedengeben.
Später ergänzte Gruppen und regionale Unterschiede
Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen wurde erstmals 2007 erhoben. Sie beruhte besonders auf der Vorstellung, diese Menschen seien für die Gesellschaft nicht ausreichend nützlich. 2010 unterstellten 47 % der Befragten, die meisten Arbeitslosen seien nicht wirklich an einer Stelle interessiert. 59 % fanden es empörend, wenn Langzeitarbeitslose sich auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machten.
Die Abwertung von Asylbewerbern wurde nur 2011 erfasst. 25,8 % lehnten die Aussage ab, der Staat solle bei der Prüfung von Asylanträgen großzügig sein. 46,7 % glaubten, die meisten Asylbewerber befürchteten nicht wirklich eine Verfolgung in ihrem Heimatland.
Ebenfalls nur für 2011 nennt der Artikel Zahlen zum Antiziganismus, also zur Abwertung von Sinti und Roma. 40,1 % hätten Probleme mit Sinti und Roma in ihrer Gegend, 27,7 % wollten sie aus Innenstädten verbannen, und 44,2 % unterstellten ihnen eine Neigung zu Kriminalität.
Die Auswertung der Jahre 2002 bis 2008 ergab unterschiedliche Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland. Nach Wilhelm Heitmeyer lagen 2008 bei fünf von zehn Bestandteilen des Syndroms die Werte in Ostdeutschland höher. Sexistische Einstellungen waren dagegen in Westdeutschland trotz abnehmender Tendenz stärker verbreitet. Heitmeyer verband die höheren Werte im Osten mit wahrgenommener Benachteiligung und deren Folgen für Minderheiten.
Kritik und weitere Ausgrenzungsformen
Kritisiert wurde zunächst die Gestaltung der Befragungen. Positiv und negativ formulierte Aussagen seien zwischen den Themenfeldern ungleich verteilt gewesen. Manche Formulierungen seien außerdem mehrdeutig. So lasse die Aussage, Muslime sollten nach ihren eigenen Glaubensgesetzen leben dürfen, offen, ob damit Religionsfreiheit oder die Einführung der Scharia gemeint sei. Eine Ablehnung könne daher menschenrechtlich oder verfassungsrechtlich begründet sein und müsse nicht zwingend Islamfeindlichkeit ausdrücken. Eine weitere Analyse verwies hierbei auch auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.
Natasha A. Kelly kritisiert, dass der Ansatz individuelles Verhalten in den Mittelpunkt stelle und dadurch strukturelle Diskriminierung verdecke. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg beanstandet außerdem die Konstruktion vermeintlich einheitlicher Gruppen, das Fehlen von Feindlichkeit gegenüber bestimmten Lebenspraxen und die Gefahr, Menschen aufgrund einzelner Tendenzen eine feste Identität zuzuschreiben. Eine rechtsextreme Orientierung bedeute beispielsweise nicht automatisch, dass die betreffende Person ein Rechtsextremist sei.
Der Artikel nennt weitere Ausgrenzungsformen, die nicht Teil der beschriebenen Studien waren. Bei der Abwertung adipöser Menschen bestehen verbreitete Vorurteile, sie seien disziplinlos und selbst für ihr Übergewicht verantwortlich. Eine Studie der Universität Leipzig kam zu dem Ergebnis, dass die Übernahme dieser Stigmatisierung durch Betroffene Selbstachtung und Selbstvertrauen stark verringern und Ängste sowie Depressionen auslösen kann.
Altersdiskriminierung ist die soziale oder wirtschaftliche Benachteiligung aufgrund des Lebensalters. Sie kann die angemessene Teilnahme am Arbeitsleben und am gesellschaftlichen Leben erschweren.
Adultismus bezeichnet hier ungleiche Machtverhältnisse und abwertendes Verhalten Erwachsener gegenüber Kindern. Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit sieht darin eine Hauptursache weiterer Menschenfeindlichkeit. Körperliche Gewalt, Bestrafung, Beschimpfung, Beschämung, Unterbrechen, Liebesentzug oder gezielt eingesetztes Loben und Belohnen könnten Kindern vermitteln, eine Ordnung von „Oben“ und „Unten“ sei normal. Dieses erlernte Schema der Ungleichwertigkeit könne dazu beitragen, dass andere Diskriminierungsformen nicht als Problem erkannt werden.