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Wildnis
Die zweite Begriffsbestimmung ist mit einem Werturteil verbunden. Demnach wird ein Gebiet als Wildnis bezeichnet, wenn ihm die Bedeutung einer Gegenwelt zu …
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Begriff und Grundidee
Wildnis ist kein streng naturwissenschaftlicher Begriff, sondern ein alltagssprachlicher Ausdruck für naturbelassene Landflächen. Seine Bedeutung ist kulturell geprägt und kann unterschiedlich bewertet werden.
Es gibt zwei zentrale Bedeutungen: Erstens meint Wildnis eine vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaft, also Primärnatur. Sie lässt sich durch ökologische Merkmale von Kulturlandschaften, Städten, Landwirtschaftsflächen oder Forsten unterscheiden. In diesem Sinn gelten noch etwa ein Viertel bis ein Drittel der Landoberfläche als Wildnis.
Zweitens kann Wildnis ein Werturteil ausdrücken. Dann gilt ein Gebiet als Gegenwelt zu menschlicher Ordnung. Diese Bewertung kann negativ sein, etwa als ungezähmte, unordentliche Natur, oder positiv, etwa als unverdorbene Urnatur.
Die Abgrenzung zu Kulturlandschaften ist schwierig, weil fast überall auf der Erde Spuren menschlicher Nutzung vorkommen. Trotzdem unterscheiden Ökologen zwischen dauerhaft besiedelten und stark genutzten Räumen und fast unbesiedelten, nur gering traditionell genutzten naturnahen Gebieten. Dahinter steht auch eine philosophische Frage: Wo endet Natur, wo beginnt Kultur?
Definitionen im Naturschutz
Seit der Yellowstone-Nationalpark 1872 als großes Wildnisgebiet geschützt wurde, entstand das Bedürfnis nach genaueren Definitionen. Diese unterscheiden sich deutlich.
Conservation International bezeichnet Gebiete als Wildnis, wenn mindestens 70 Prozent der ursprünglichen Vegetation erhalten sind, sie mehr als 10.000 Quadratkilometer umfassen und weniger als fünf Menschen pro Quadratkilometer dort leben. Darunter fallen weltweit 37 Gebiete.
Die IUCN definiert Wildnis als ausgedehntes, ursprüngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt besitzt, keine ständigen Siedlungen und keine stark eingreifende Infrastruktur enthält und so geschützt und gemanagt wird, dass dieser Charakter erhalten bleibt.
In Neuseeland gelten unbewohnte Gebiete als Wildnis, wenn man mindestens zwei Tagesmärsche zur Durchquerung benötigt; das entspricht 1.500 bis 5.000 km². In den Vereinigten Staaten schützt der Wilderness Act von 1964 mindestens 20 km² große unbesiedelte Naturlandschaften, kleinere Inseln ausgenommen. 2012 gab es 757 Wilderness Areas in 44 der 50 US-Bundesstaaten und in Puerto Rico.
Für Europa wurde 2009 eine nicht rechtlich bindende Resolution zur Erhaltung von Wildnisgebieten beschlossen. Eine europäische Definition beschreibt Wildnisgebiete als große, unveränderte oder nur leicht veränderte Naturgebiete ohne menschliche Eingriffe, Infrastruktur und Dauersiedlungen, die von natürlichen Prozessen beherrscht werden. PAN Parks setzte für große Naturgebiete zunächst mindestens 100 km² an; die European Wilderness Society schlug später 30 km² als Mindestgröße echter Kernwildnis vor. Daneben werden in Europa auch kleinere oder stärker fragmentierte „wilde Regionen“ beschrieben.
Bestand weltweit und in Europa
Zur Einschätzung von Wildnis wird der Grad der Naturnähe untersucht, also wie stark ein Ökosystem durch den Menschen verändert wurde. Solche Bewertungen nutzen unter anderem Hemerobie-Systeme. Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Methode stark.
Conservation International kam 2002 zu dem Ergebnis, dass 46 Prozent der Landoberfläche unberührte und schützenswerte Wildnis seien; 1996 waren es noch 52 Prozent. Betrachtet man nur bewohnbare Regionen, bleiben etwa 25 Prozent wild. Andere Studien nennen andere Werte: National Geographic kam 2008 auf 17 Prozent der eisfreien Erdoberfläche einschließlich Meeren ohne menschliche Eingriffe oder Anzeichen menschlichen Tuns, während die IUCN für 2003 10,9 Prozent relativ unberührte Natur errechnete.
Die größte zusammenhängende Wildnisregion ist die Antarktis, fast vollständig aus Eis- und Kältewüsten bestehend. Sehr groß sind auch die arktischen Tundren und Kältewüsten. Danach folgen die borealen Nadelwälder, besonders in Alaska, Kanada und Russland. Weitere große Wildnisräume liegen in Sahara- und Sahelländern sowie im Amazonasgebiet. Australien ist nach der Antarktis der Kontinent mit dem größten Wildnisanteil.
Die Studie „Last of the wild – Version 2“ von 2005 unterschied Gebiete mit starkem Wildnischarakter und nahezu unbeeinflusste Kernwildnis. Ohne Antarktis ergab sie 16 Prozent „most wild“ und 47 Prozent „last of the wild“. Mit gesamter Landfläche der Erde ergeben sich 22 Prozent Kernwildnis und 51 Prozent Gebiete mit Wildnischarakter. Grundlage war unter anderem der Human footprint index von 0 für vollständig naturbelassen bis 100 für vollständig vom Menschen überprägt.
In Europa ist Wildnis ein Sonderfall. Maximal 18 Prozent Europas können noch als Wildnis gelten, fast neun Zehntel davon in Tundra und Taiga Nordeuropas; mehr als zwei Drittel davon liegen in Nordwest-Russland. Ohne Russland erfüllen höchstens 8 Prozent die Kriterien der Studie „Last of the wild“, im globalen Vergleich nur etwas mehr als 2 Prozent Kernwildnis. In Deutschland schätzte das Bundesamt für Naturschutz den Anteil der Wildnisgebiete früher auf etwa 0,5 Prozent der Gesamtfläche; laut der Studie „Bilanzierung großflächiger Wildnisgebiete in Deutschland“ gibt es Stand 2024 0,62 Prozent großflächige Wildnisgebiete und auf weiteren 1,67 Prozent der Landfläche Potenzial für mehr Wildnis.
Wildnis in Deutschland und Sekundärwildnis
In dicht besiedelten Ländern Europas existiert ursprüngliche Wildnis fast nur noch in höchsten Bergregionen. Deshalb werden dort auch kleinere Flächen als Wildnis oder Wildnisentwicklungsgebiete anerkannt.
Deutschland formulierte 2007 in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt das Ziel, dass sich auf zwei Prozent der Landfläche Natur nach eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln soll. Dieses Zwei-Prozent-Wildnisziel wurde 2024 in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 erneuert. Bis 2030 soll sich auf mindestens zwei Prozent der Fläche Deutschlands Natur in großflächigen Wildnisgebieten entwickeln. Wildnisgebiete sind dort ausreichend große, weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, in denen natürliche Prozesse dauerhaft ohne menschliche Beeinflussung ablaufen sollen.
Das Bundesamt für Naturschutz nennt als Qualitätskriterium vorzugsweise mindestens 1000 Hektar, bei flussbegleitenden Auwäldern, Mooren und Küsten mindestens 500 Hektar. Auch Kernzonen von Nationalparken und großflächige Kernzonen von UNESCO-Biosphärenreservaten können als Wildnisgebiete gelten. Es soll keine neue Schutzgebietskategorie entstehen, sondern eine Zusatzqualifikation oder ein Prädikat.
Da es in Mitteleuropa praktisch keine Primärwildnis mehr gibt, spielt sekundäre Wildnis eine wichtige Rolle. Damit sind Gebiete gemeint, die früher genutzt wurden, nun aber sich selbst überlassen werden. Ziel ist, dass natürliche Prozesse wieder ungestört ablaufen. Beispiele sind Kernzonen von Nationalparks, ehemalige Truppenübungsplätze oder Bergbaufolgelandschaften. Dabei entsteht nicht unbedingt ein ursprünglicher Zustand, sondern eine neue Wildnisentwicklung.
Schutzkonzepte und Prozessschutz
Wildnisschutz wird meist über Schutzgebiete organisiert. In den USA gibt es seit 1964 gesetzlich geschützte Wilderness Areas, die 2012 rund 4,6 Prozent der Gesamtfläche der USA ausmachten, also etwa 443.000 km². In Europa gab es seit 1997 PAN Parks und PAN Park Wildnispartner; 2013 umfassten sie 7670 km² innerhalb bestehender Großschutzgebiete, also 0,08 Prozent Europas. 2014 übernahm die European Wilderness Society die führende Rolle im europäischen Wildnisschutz.
Auf internationaler Ebene gehören primäre Wildnisgebiete nach IUCN in die höchsten Schutzkategorien Ia und Ib. 2005 fielen etwa 1,1 Prozent der Landfläche der Erde unter diese Schutzkategorien. Die häufigste Schutzgebietsform für große unzerstörte Naturräume ist der Nationalpark.
Ein wichtiger Fachbegriff ist Prozessschutz. Er bedeutet, dass natürliche Vorgänge wie Sturm, Feuer, Schädlingsbefall, Konkurrenz oder Verjüngung zugelassen werden. Beim segregativen Prozessschutz steht die ungesteuerte Entwicklung zu wildnisähnlichen Lebensräumen im Mittelpunkt. Beim integrativen Prozessschutz werden natürliche Prozesse nach bestimmten Zielen zugelassen oder begrenzt.
Nach IUCN müssen in einem Nationalpark der Kategorie II mindestens 75 Prozent der Fläche sich selbst überlassen bleiben und dürfen nicht genutzt werden. Das deutsche Bundesnaturschutzgesetz formuliert für Nationalparks das Ziel, im überwiegenden Teil ihres Gebiets den möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik zu gewährleisten. In anderen Schutzgebietstypen wie Naturschutzgebieten, FFH-Gebieten oder Vogelschutzgebieten steht Prozessschutz oft weniger im Vordergrund, weil dort häufig bestimmte, durch menschliche Nutzung entstandene Lebensräume erhalten werden sollen.
Gefährdungen, Nutzen und Konflikte
Die verbliebenen Wildnisregionen sind vor allem durch Rohstoffabbau, Holznutzung, Erdöl- und Erzförderung sowie die Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen bedroht. Besonders genannt werden Soja-Futtermittelproduktion für steigenden Fleischkonsum und Energiepflanzen als Ersatz für fossile Brennstoffe. Dadurch verliert Wildnis ihren wilden Charakter.
Eine IUCN-Studie von 2021 nennt die Klimaerwärmung als größtes Gefährdungspotenzial für Weltnaturerbestätten. Folgen sind unter anderem tauende Permafrostböden, häufigere und größere Waldbrände, mehr Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall, Dürren sowie häufigere Überschwemmungen. Zusätzlich ist zu beachten, dass viele Schutzgebiete auf dem Papier bestehen, aber nicht wirksam geschützt werden.
Wildnis hat großen Nutzen für Artenvielfalt und Biosphäre. Sie ist Lebensraum bedrohter Tiere und Pflanzen und bewahrt intakte Funktionszusammenhänge der Natur. Regenwälder erzeugen Sauerstoff, binden Kohlendioxid und beeinflussen den Wasserhaushalt der Tropen. Dauergefrorene Torflagerstätten der Polargebiete speichern klimaschädliches Methan. Intakte Naturgebiete sichern gesunde Böden, sauberes Wasser und saubere Luft.
Fast alle großen Wildnisregionen sind auch Heimat indigener Völker. Viele dieser Gruppen sind auf intakte Ökosysteme angewiesen und verfügen über jahrtausendealtes Wissen über ihre Umwelt. Konflikte entstehen, wenn Staaten ihre Wohn- oder Nutzungsrechte nicht anerkennen oder Konzessionen zur Rohstoffausbeutung vergeben.
Wildnisschutz ist gesellschaftlich umstritten. Viele Menschen verbinden Wildnis zugleich mit Faszination und Angst, Freiheit und Gefahr. In Mitteleuropa entstehen Konflikte etwa bei Borkenkäferbefall, Totholz, Windwurf, Waldbrandfolgen oder der Rückkehr großer Tiere. Auch im Naturschutz gibt es Streit: Offenlandbiotope können ohne Pflege verschwinden, und Wildnisentwicklung führt nicht automatisch sofort zu höherem Artenreichtum. Die Debatte dreht sich daher um die Frage, wann man Natur sich selbst überlassen sollte und wann Eingriffe nötig sind.