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Wikingerzeit

Wikinger verwüsten das Kernland der Karolinger. Zahlreiche Städte werden geplündert. Die Pfalz Karls des Großen in Aachen wird niedergebrannt. 882, Die Wikinger …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zeitlicher Rahmen
  2. 2. Quellen und Lebensbedingungen
  3. 3. Gesellschaft, Herrschaft und Geschlechter
  4. 4. Handel, Schiffe und Ausbreitung
  5. 5. Krieg, Regeln und Außenbild
  6. 6. Kultur und Christianisierung

Begriff und zeitlicher Rahmen

Die Wikingerzeit ist ein Begriff der Geschichtswissenschaft und Archäologie für Skandinavien sowie für Teile Mittel-, Süd- und Westeuropas, die von Angriffen skandinavischer Wikinger betroffen waren. Sie bezeichnet damit nicht nur eine einheitliche Epoche in Skandinavien, sondern auch die Auswirkungen skandinavischer Fahrten auf andere Regionen.

Als Beginn gilt in der Regel der Überfall auf Lindisfarne 793. Frühere mögliche Anfangspunkte sind der Kriegszug des Dänen Chlochilaicus zwischen 516 und 522, Angriffe 742 auf Burghead Fort und 787 auf Portland sowie Schiffsgräber von Salme um 750. Traditionell endet die Wikingerzeit 1066 mit der Schlacht von Stamford Bridge und der Zerstörung Haithabus; eine gängige Grobdatierung lautet 800–1050. Einzelne raubfinanzierte Kriege gingen jedoch weiter, etwa die Kriege Magnus Berrføtts 1098–1103 und der Wikingerzug Sweyn Asleifssons gegen Dublin 1171.

Kennzeichnend waren ein großräumiges soziales Netzwerk, Bindungen an Sippe und Vorfahren, durch Geschenke begründete Verpflichtungen, die Begegnung mit dem Christentum sowie stärkere Zentralgewalten. Fortschritte im Schiffbau ermöglichten Mobilität im Krieg und Handel, brachten Reichtum und förderten kulturelle Blüte. Die Wikingerzeit verlief im Wesentlichen parallel zur karolingischen und ottonischen Zeit Kontinentaleuropas.

Quellen und Lebensbedingungen

Die Quellen sind regional sehr ungleich verteilt: Island und Norwegen sind vergleichsweise gut dokumentiert, Dänemark und Schweden deutlich schlechter. Moderne Quellenkritik stellt die Glaubwürdigkeit vieler Berichte infrage. Besonders Zahlen aus mündlicher Überlieferung, etwa Flottenstärken bei Hjørungavåg 986 oder in fränkischen Annalen, können übertrieben sein. Für Wikingereinfälle im Frankenreich nennen Quellen keine Zahl der Krieger; Massengräber mit teilweise bis zu 300 Toten sind archäologisch gefunden worden.

Die bis 1990 gefundenen Gräber ergeben ein durchschnittliches Sterbealter von 41 Jahren bei Männern und 51 Jahren bei Frauen. Frauenskelette waren durchschnittlich etwa 161 cm, Männerskelette etwa 174 cm groß; größere Menschen bis 185 cm gehörten den Grabbeigaben nach offenbar höheren Schichten an. Skelette zeigen harte körperliche Arbeit und häufig Arthrose. In Kristianstad wurden auf einem spätwikingerzeitlichen Gräberfeld mit 128 Individuen 79 Todesfälle im ersten Lebensjahr festgestellt; nur 10 % wurden 60 Jahre oder älter. Eisenmangel, schlechte Zähne, Brüche, ausgekugelte Arme, Gelenkkrankheiten und Lepra waren verbreitet; auch Tuberkulose wurde nachgewiesen.

Die Nahrung umfasste Fleisch von Rind, Schwein, Schaf, Huhn und Fisch, Milchprodukte, Eier sowie Hafer, Gerste und seit der Wikingerzeit auch importierten Roggen. Dazu kamen Gemüse, Beeren, Obst, Honig, Bier, Met und importierter Traubenwein. Fleisch wurde gepökelt, getrocknet oder geräuchert. Brot und Grütze entstanden aus Getreide; die Handmühlen verschmutzten das Mehl und verschlissen dadurch Zähne. Kleidung und Pflege waren offenbar wichtig: Frauenkleidung konnte mit Metallschnallen befestigt sein, Stoffe enthielten teils Silber- oder Goldfäden. Berichte nennen Augenschminke, regelmäßiges Baden am Samstag sowie gepflegtes Haar.

Gesellschaft, Herrschaft und Geschlechter

Die Gesellschaft war klar geschichtet. Grabbeigaben unterscheiden führende Persönlichkeiten, eine breite Mittelschicht und Menschen ohne Beigaben. Die wichtigste Grenze verlief zwischen Freien und Unfreien. Freie besaßen Mannheiligkeit: Bei Tötung oder Ehrverletzung stand ihnen oder ihrer Familie eine Mannbuße zu. Unfreie hatten dieses Recht grundsätzlich nicht.

Könige, Häuptlinge, Bauern und Knechte beziehungsweise Sklaven bildeten nach der Einführung des Königtums in Norwegen eine als gottgegeben verstandene Ordnung. Der König leitete seine Legitimation zunächst aus göttlicher Abstammung ab. Er herrschte vor allem über Menschen, nicht über klar abgegrenztes Gebiet. Abgaben, Bewirtung bei Besuchen und Heerfolge waren wichtige Pflichten; dafür sollte er den Machtbereich verteidigen. Seine tatsächliche Macht blieb begrenzt, da er auf örtliche Häuptlinge und Gefolgschaften angewiesen war. Die hirð war zunächst das unmittelbare Gefolge eines Königs oder mächtigen Jarls und entwickelte sich zu einer Elitetruppe.

Häuptlinge stützten sich auf Netzwerke abhängiger Bauern und auf Berufskrieger. Bauern bildeten den Kern der Gesellschaft, bewirtschafteten Höfe, schützten die dort lebenden Menschen und nahmen am Thing teil. Wohlhabende Bauern konnten Land verpachten oder Unfreie beschäftigen. Odalsbauern mussten je nach Regelung vier bis sechs Generationen, später 60 Jahre, auf demselben Grundbesitz wohnen. Höfe waren weitgehend Selbstversorger, spezialisierten sich aber etwa auf Fischfang oder Eisengewinnung für den Tausch.

Unfreie konnten verkauft und bestraft werden; ihre Kinder waren meist ebenfalls unfrei. Teilweise konnten sie wirtschaften und sich freikaufen. Voll frei wurden sie nach einer Freilassung erst durch Aufnahme in ein freies Geschlecht. Im Skarastadgan von 1335 ordnete Magnus Eriksson an, dass alle Kinder christlicher Eltern frei sein sollten. Die Kirche und ökonomische Veränderungen begünstigten im 14. Jahrhundert massenhafte Freilassungen.

Frauen waren politisch nicht gleichgestellt und durften nicht am Thing teilnehmen, konnten aber Höfe verwalten, besitzen und in Ausnahmefällen gründen oder leiten. Während längerer Abwesenheit von Männern trugen sie die Verantwortung für den Hof. Witwen hatten eine besonders starke Stellung und konnten einen ohne Erben verstorbenen Sohn beerben. Ehe schloss einen Brautpreis, mundr, ein; der Mindestpreis betrug nach dem Gulathingslov 1½ Mark. Beide Ehepartner konnten sich scheiden lassen. Die traditionelle Rollenverteilung verband Frauen vor allem mit Haus, Nahrung und Textilien, Männer mit Außenarbeit und Kampf; Grabfunde mit Waagen und Gewichten in Frauengräbern weisen jedoch auch auf weibliche Beteiligung am Handel hin.

Handel, Schiffe und Ausbreitung

Schiffe waren Voraussetzung für Handel, Raubzüge, Migration und Herrschaft. Für weite Fahrten dienten Langschiff und Knorr. Handelsschiffe führten neben Schiffsführer, Koch und Rudermannschaft teils Passagiere, Lotsen und Dolmetscher. Der Eigentümer war meist auch Schiffsführer; Handelsschiffe hatten vier Mannschaftsabteilungen unter je einem reiðumaðr.

Handelsplätze verbanden Skandinavien mit großen Teilen Europas. Kaupang in Vestfold entstand um 800 und wurde bis 930/950 genutzt; dort fanden sich arabische, fränkische und englische Münzen, Keramik aus dem Rheingebiet und Schmuck von den britischen Inseln. Haithabu profitierte von der Verbindung zwischen Eidermündung und Schlei und damit zwischen Nord- und Ostsee. Importiert wurden unter anderem Waren aus dem Rheingebiet, Tuche aus Friesland, fränkische Schwerter, arabisches Silber, Seide und wohl Gewürze. Skandinavier exportierten Pelze, Wachs, Honig, Eisenbarren, Bernstein sowie Walrosszähne und -häute. Fernhandel war vor allem Luxuswarenhandel; daran schloss Nahhandel an.

Ein einheitliches Handelsrecht bestand nicht. Ein félag war eine Beute- und Handelsgemeinschaft mit gemeinsamem Kapital, Risiko, Gewinn, Verteidigung und Anteil am Schiff. Zunächst ist der Begriff auf Runensteinen vor allem bei Kriegsfahrten belegt, später auch für Handel und schließlich für Freundschaft. Im 10. Jahrhundert nahm der Zufluss arabischen Silbers ab; sächsisches Silber aus dem Harz trat an seine Stelle. Politische Veränderungen machten den Wolgaweg im 10. Jahrhundert unpassierbar, der Dnjeprweg gewann an Bedeutung. Birka wurde gegen Ende des 10. Jahrhunderts aufgegeben, während Gotland wichtiger wurde.

Die Expansion verlief regional unterschiedlich. Im Westen führten Überfälle und später Ansiedlungen nach England, Irland, Schottland, in das Frankenreich und die Normandie. 841 wurde Dublin gegründet, 911 erhielt Rollo im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte die Normandie. In England entstand nach der Invasion von 865, die sich über Jahrzehnte erstreckte, das Königreich Jórvík; 878 entstand das Danelag. Danegeld betrug 991 10.000 Pfund Silber, 994 16.000, 1002 24.000, 1011 48.000 und 1018 78.000 Pfund plus 10.500 aus London. Knut der Große wurde 1016 König von England.

Im Osten richteten sich Fahrten aus dem Mälarseegebiet, Gotland, Öland und von Schwedens Ostküste bis zum Kaspischen Meer. Skandinavier gründeten Handelsplätze in Nowgorod, Staraja Ladoga und Kiew und errichteten um 850 das Reich der Rus. Waräger griffen Konstantinopel um 860 und 907 erfolglos an. Yngvar starb nach fünfjähriger Reise 1041 in Russland; 1042 kehrte nur eines von 30 ausgelaufenen Schiffen zurück.

Krieg, Regeln und Außenbild

Wikingerzüge konnten private Unternehmungen zur Bereicherung oder politisch gelenkte Kriege sein. Sie finanzierten sich durch Beute oder durch Herrscher. Für die Ursachen der Expansion nennt die Forschung verschiedene, nicht abschließend belegte Thesen: Gefolgschaft und Belohnung mit Gütern, Sozialprestige, psychologische Motive wie Ruhmbegierde, Umweltbedingungen, eine Abfolge von Plünderung, Eroberung und Besiedlung sowie Reaktionen auf den christlichen Westen. Verlässliche Zahlen zu Bevölkerung und Anteil der Wikinger fehlen.

Die Mindestbewaffnung nach Gulathingslov § 309 bestand aus Breitaxt oder Schwert, Schild und Speer; je Ruderplatz waren Bogen und zwölf Pfeile zu stellen. Waffen galten als Kennzeichen des freien Mannes. In Landschlachten kämpfte man mit Schildwall oder Phalanx, Speeren, Pfeilen, Steinen und Handwaffen. Der Anführer stand mit Banner geschützt in einer Schildburg. Eine bekannte Keilformation hieß svinefylking, „Schweineformation“ oder Eberkopf. Reiter dienten bei Norwegern vor allem Aufklärung und schnellem Transport; Kämpfe zu Pferd sind für ihre Seite nicht überliefert.

Auf See kämpfte man nicht unter Segel, sondern legte den Mast um. Schiffe wurden oft zusammengebunden; gekämpft wurde mit Pfeilen, Speeren und Steinen, im Nahbereich auch mit Hiebwaffen. Seeschlachten fanden in ruhigem Fahrwasser, etwa hinter Schären oder in Fjorden, statt. Flottenzahlen in nur mündlich überlieferten Berichten sind oft sehr hoch; bei Augenzeugenberichten liegen sie unter 50, durchschnittlich bei 30 Schiffen. Berserkir werden selten erwähnt: frühe Quellen schildern sie als Elitekämpfer, andere als Männer im Blutrausch. Wie sie tatsächlich kämpften, bleibt unklar.

Das Zusammenleben war durch ungeschriebene Regeln geprägt. Ehre und Ansehen waren zentral. Besucher mussten den Hausherrn rufen; über dessen Land zu reiten, ohne ihn aufzusuchen, galt als grob unhöflich. Sitzordnung, Ankerplätze, Gastrecht und der Zugang zu heiligen Stätten waren geregelt. Heilige Stätten durften nicht mit Waffen betreten werden. Geschenke begründeten Freundschaft und gegenseitige Verpflichtungen; Rangniedrigere durften Ranghöheren keine Waffen schenken. Besonders angesehen war ein Goldreif vom König. Die Schandstange mit Pferdekopf und Runen war eine schwere öffentliche Beleidigung.

Zeitgenossen nahmen die Wikingerzüge als besonders bedrohlich wahr, obwohl Plünderung in früheren kontinentalen Kriegen ebenfalls vorkam. Die Wikinger waren keine einheitliche Gruppe und kämpften auch gegeneinander. Quellen unterscheiden teils Händler von Wikingern: Händler erscheinen etwa bei Rimbert als früh christianisiert, Wikinger als stärker am Heidentum festhaltende Krieger.

Kultur und Christianisierung

Über Bildung in der frühen Wikingerzeit ist wenig bekannt. Runen existierten schon um 200, dienten aber nicht als Literatur. Für das 11. Jahrhundert wird eine weitere Verbreitung der Lesefähigkeit angenommen. Norrøn könnte als Verkehrssprache in weiten Teilen des nordischen Bereichs gedient haben. Skaldendichtung und Sagastoffe wurden meist erst lange nach der Wikingerzeit niedergeschrieben, beruhen aber in wesentlichen Teilen auf älterer mündlicher und teils rudimentär schriftlicher Überlieferung. Die Kunst verwendete vor allem zoomorphe, also tiergestaltige, Ornamente auf Schmuck und Waffen; sie werden teilweise als Germanischer Tierstil zusammengefasst.

Ansgar und Rimbert missionierten bereits im 9. Jahrhundert an Handelsorten wie Haithabu, Ripen und Birka. Die planmäßige Missionierung des gesamten Nordens begann im zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts. Für Dänemark war die Taufe Harald Blauzahns ein entscheidender Wendepunkt; der Jellingstein und die Umgestaltung des Heiligtums König Gorms in einen Kirchhof gelten als Zeugnisse. Sigtuna wurde christliches Zentrum Svealands. In Schweden zeigen Runensteine der Mitte des 11. Jahrhunderts früh christliche Prägung, während in Dänemark zur Zeit Svens und Knuts nur etwa ein Fünftel der Steine christliche Merkmale trägt.

Die Christianisierung änderte die Legitimation von Herrschaft und unterdrückte die heidnische Kultpraxis, beendete aber nicht sofort traditionelle Tugendvorstellungen. Freigebigkeit, Tüchtigkeit, Weisheit und sogar Rachebereitschaft erscheinen auf heidnischen wie christlichen Runensteinen. Die Einführung des Christentums gilt dennoch in vielen Bereichen als Ende der Wikingerzeit, weil die auf Ahnen, Sippe und heidnischem Kult gegründete Häuptlingsordnung grundlegend verändert wurde.

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