Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wicca
Wicca sieht sich auch als „Religion der Hexen“, und die meisten Anhänger bezeichnen sich selbst als Hexen. ... Lebensfragen mehr geben konnte. Für sie …
Inhalt6 Abschnitte
Grundzüge und Verbreitung
Wicca ist eine neureligiöse Bewegung des Neopaganismus, die auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Sie versteht sich als neu gestaltete naturverbundene Spiritualität und als Mysterienreligion: Neben religiöser Praxis sollen Erkenntnis über das eigene Leben und innere Transformation wichtig sein. Viele Anhänger bezeichnen sich als Hexen. Die verschiedenen Richtungen sind häufig synkretistisch, das heißt, sie verbinden Elemente unterschiedlicher religiöser und kultureller Traditionen.
Kennzeichnend sind die acht Jahreskreisfeste sowie Esbats, magische Rituale nach dem Mondzyklus. Wicca zählt zu den mitgliederreichsten neopaganen Gruppierungen und ist besonders im angloamerikanischen Raum verbreitet. In den USA ist Wicca seit 1994 staatlich als Religion anerkannt. Zahlen sind unsicher, weil Grenzen zu anderen neuheidnischen Richtungen nicht eindeutig sind und Menschen mehrere Spiritualitätsformen praktizieren können: Schätzungen nannten um 1990 mehr als 200.000 Personen in den USA, 30.000 in Großbritannien und weltweit 800.000. ARIS verzeichnete in den USA 134.000 Wicca-Bekenner 2001 und 342.000 im Jahr 2008. Für Deutschland wurden für 2020 etwa 209.000 Wiccas geschätzt; bei Beschränkung auf in britisch-traditionelles Wicca initiierte Personen etwa 178.000.
Entstehung, Organisation und Wege
Die Wicca-Religion wurde wahrscheinlich zwischen 1921 und 1950 durch Gerald Brousseau Gardner (1884–1964) gegründet. Gardner erklärte, in den New Forest Coven initiiert worden zu sein. Von ihm gingen wichtige moderne Traditionen aus; später entwickelten sich unter anderem die Alexandrische Linie und in den USA das Seax Wica. Seit Ende der 1980er Jahre verbreiteten Bücher von Scott Cunningham und Silver RavenWolf besonders das eklektische Neo-Wicca selbstinitiierter, nicht in Coven organisierter „freifliegender Hexen“.
Traditionelle Anhänger gehören oft einem Coven an, einem Arbeits- und Anbetungskreis. Glaubensansichten und Formen unterscheiden sich von Coven zu Coven. Idealtypisch besteht ein Coven aus 13 Personen, möglichst in Arbeitspartern aus Frau und Mann. Er wird von Hohepriesterin und Hohepriester geleitet; eine Maiden vertritt die Hohepriesterin. Treffen finden vor allem an Sabbaten und Vollmond-Esbats statt. Manche Coven praktizieren skyclad, also rituelle Nacktheit; andere verwenden Gewänder oder Alltagskleidung. Bei zu großer Mitgliederzahl kann ein Arbeitspaar einen Tochter-Coven gründen, traditionell mindestens drei Meilen, etwa fünf Kilometer, vom Muttercoven entfernt.
Die Einweihung in einen Coven heißt Initiation und wird von einem gegengeschlechtlichen Hohepriester oder einer gegengeschlechtlichen Hohepriesterin vorgenommen. Sie umfasst die freiwillige Widmung an ein göttliches Wesen sowie die Vermittlung von Wissen und tieferer Einsicht. Es gibt drei Grade: Der erste ist der Grad der Göttin und des Wassers, der zweite der Grad des Gottes; mit ihm wird ein Wicca zum Hohepriester geweiht und könnte einen Coven leiten. Der dritte Grad wird teils als Arbeit an der Vereinigung von Gott und Göttin verstanden. Dabei wird ein handschriftliches Buch der Schatten weitergegeben, das Rituale enthält und ergänzt werden kann. Selbstinitiation wird je nach Richtung befürwortet oder nur als Notlösung angesehen.
Göttliches, Natur und Wiedergeburt
Wicca geht von Holismus aus: Alles gilt als miteinander verbunden und im Grunde als Einheit. Natur wird als heilig verehrt. Die Formel „Wie oben, so unten“ besagt, dass im Großen und im Kleinen dieselben polaren Ordnungsprinzipien wirken und sich im Kleinsten das Ganze spiegele. Wicca wird daher eher panentheistisch als theistisch beschrieben: Gott und Schöpfung sind nicht getrennt.
Im Mittelpunkt stehen meist die dreifache Mond-Göttin – Jungfrau, Mutter und Weise – und der Gehörnte Gott, etwa als Fruchtbarkeits- und Todesgott. Die Göttin steht typischerweise für ein lunares weibliches Prinzip, der Gott für ein solares männliches Prinzip. Beide gelten als gleichberechtigt und notwendig. Manche Wiccas verstehen sie als Archetypen des kollektiven Unbewussten oder als Anima und Animus. Andere sehen sie als Aspekte eines ungeschlechtlichen, monistischen Eins, das Patricia Crowther Dryghten nannte; diese Auffassung wird nicht von allen geteilt. Der Grundsatz lautet häufig: „Alle Göttinnen sind eine Göttin und alle Götter sind ein Gott.“ Persönliche oder im Coven gewählte Gottheiten können als Erscheinungsformen dieser Hauptgottheiten verehrt werden; manche Richtungen verzichten auf personale Gottheiten.
Die Göttin wird im Jahreslauf als jugendliche Göttin im Frühjahr, Muttergöttin im Sommer und Greisingöttin im Winter beschrieben. Der Gehörnte Gott wird im Frühjahr geboren und initiiert, heiratet im Sommer die Göttin, stirbt im Herbst und wird im Winter wiedergeboren. Wicca-Anhänger verstehen Werden und Vergehen als Kreisläufe und nehmen eine Wiedergeburt der Seele an. Reinkarnation gilt nicht als negatives Leiden, das überwunden werden muss, sondern als heiliger und erstrebenswerter Kreislauf. Zwischen Wiedergeburten soll die Seele im „Sommerland“ ruhen. Die Regel der dreifachen Wiederkehr wird als Karma-Vorstellung verstanden, ohne dass jedes Unglück als selbstverschuldetes Karma oder das Leben als vorherbestimmt gilt.
Ethik und Jahreskreis
Zentrale ethische Leitlinien sind die Wiccan-Rede „Solange es niemandem schadet, tu was du willst“ und die Regel der dreifachen Wiederkehr: „Alles, was von dir ausgeht, fällt dreifach auf dich zurück.“ Die Rede wird unterschiedlich ausgelegt. Sie kann als Verbot jeder schädigenden Handlung gelten; nach anderen Deutungen sind schädliche Handlungen nicht in gleicher Weise frei, sondern müssten gerechtfertigt und angemessen sein. Eine weitere Auslegung fordert, den eigenen wahren Willen zu erkennen und auszuüben, ohne anderen oder sich selbst zu schaden. Die Wiederkehr-Regel betont Ursache und Wirkung, ist aber nur entfernt mit östlichem Karma verwandt. Zusammen erfüllen beide Grundsätze weitgehend die Funktion einer Goldenen Regel und heben Eigenverantwortung hervor.
Das Jahresrad umfasst acht Sabbate und symbolisiert den Naturzyklus von Werden und Vergehen. Vier Große Sabbate liegen jeweils zwischen zwei Sonnenfesten: Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh. Die vier Kleinen Sabbate richten sich nach astronomischen Sonnenständen: Litha (Sommersonnwende), Jul (Wintersonnwende), Ostara (Frühjahrstagundnachtgleiche) und Mabon (Herbsttagundnachtgleiche). Neben ihnen gibt es 13 Esbats zu Ehren der Göttin bei Vollmond, manchmal auch bei Schwarzmond; sie gelten als magische Arbeitstage. Das System verbindet in moderner Form vier keltische Hochfeste mit Sonnenwendfesten; Litha und Mabon sowie viele Rituale sind moderne Neuschöpfungen.
Rituale, Werkzeuge und Elemente
Zu den Ritualwerkzeugen zählen Athame, ein zweischneidiger schwarzer Zeremonialdolch zur Lenkung von Energie, und Bolline, ein weißes Messer für praktische Arbeiten wie Kräuterschneiden. Weitere wichtige Gegenstände sind Stab, Pentakel, Weihrauchfass, Kordel, Kelch, Kessel und Buch der Schatten. Das Pentakel zeigt ein Pentagramm mit aufwärts gerichteter Spitze in einem Kreis. In manchen Ritualen symbolisieren Kelch und Athame das weibliche beziehungsweise männliche Prinzip.
Ein häufiges Ritual ist das Ziehen eines magischen Kreises. Er wird als Stelle definiert, an der eine durch Visualisierung und Magie geschaffene kugelförmige Sphäre in die Erde tritt. Dabei werden meist die vier Kreisviertel mit Himmelsrichtungen, Jahreszeiten und Elementen angerufen. Deosil, die Bewegung im Uhrzeigersinn und mit dem Lauf der Sonne, steht für gute und positive Energien; Widdershins, gegen den Uhrzeigersinn, für negative Energien. Auf der südlichen Hemisphäre wird dies teilweise umgekehrt verwendet. Beim Vollmondritual „Herabziehen des Mondes“ verkörpert die Hohepriesterin die herbeigerufene Göttin. Der „Große Ritus“ ist eine symbolische oder heute seltener tatsächliche, nie öffentliche Verbindung von Hohepriesterin und Hohepriester. Erden bedeutet die Verbindung mit der Erde, Zentrieren das Sammeln in der Körpermitte; Fokussieren soll Energien durch intensive Vorstellungskraft kanalisieren.
Die Elementelehre umfasst Erde, Wasser, Luft und Feuer sowie Äther als Geist. Die fünf Spitzen des Pentagramms symbolisieren diese fünf Elemente. Beim Kreisritual können die vier Elemente als Elementeherrscher oder Wachtürme angerufen werden. Kräuter und Pflanzen werden nach einer visualisierten Verbindung mit ihnen, häufig mit der Bolline, geerntet und etwa als Opfergaben, Schmuck, für Ritualfeuer, zur Weihung von Werkzeugen oder zur Dekoration von Kreis und Altar verwendet.
Traditionen und wissenschaftliche Einordnung
Britisch Traditionelles Wicca (BTW) bezeichnet Traditionen, die auf den New Forest Coven zurückgeführt werden. Eclectic Wicca verbindet Elemente verschiedener Traditionen und Kulturen; seine Anhänger können in einem Coven initiiert oder selbstinitiiert sein. Solitary-Wicca umfasst nicht in Coven organisierte Personen, die eigenständig lernen und Hierarchien vermeiden. Neo-Wicca ist ein Sammelbegriff für offenere moderne Deutungen, meist mit Selbstinitiation und geringerer Betonung von Sexualität und Tod.
Religionswissenschaftliche Forschung beschreibt Wicca überwiegend als Synthese und Neukombination zahlreicher Elemente. Ronald Hutton kam 1999 zu dem Ergebnis, dass Wicca weitgehend eine Neuschöpfung Gardners sei, aufgebaut auf magischen Traditionen, Freimaurerei, Ritualmagie, Woodcraft-Bewegung, Nudismus und modernen Büchern. Die Übernahme freimaurerischer Formen betrifft laut Darstellung vor allem die äußere Struktur, etwa Coven, drei Grade und Verschwiegenheit, nicht dieselben Inhalte. Vorchristliche Einflüsse werden etwa bei Göttinnenverehrung und Jahresfesten gesehen: Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain wurden bei keltischen Stämmen der britischen Inseln gefeiert; Sonnenwendfeiern sind bei Germanen überliefert. Über Einzelheiten ist jedoch wenig bekannt. Für keltischen Glauben an Reinkarnation oder Seelenwanderung gibt es keine gesicherten Belege.
Die in Werken von Michelet, Leland, Murray, Frazer und Graves vertretenen Vorstellungen einer durchgehend überlebenden alten Hexenreligion gelten heute teilweise als widerlegt oder wenig plausibel. Einzelne Wiccas widersprechen dieser wissenschaftlichen Deutung und betrachten Gardner eher als Wiederentdecker einer älteren Religion; wissenschaftliche Hinweise dafür werden im Artikel nicht genannt. Neuere Einflüsse auf Wicca sind auch feministische Göttinnenspiritualität, Neo-Schamanismus sowie eine stärkere Orientierung an keltischem und germanischem Heidentum.