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Initiation
Initiation bezeichnete im Altertum die Zulassung zu den Mysterien, z. B. dem Mithraskult und die Aufnahme in einen Geheimbund. In der Ethnologie wird damit …
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Begriff und Grundmuster
Initiation bezeichnet die Aufnahme eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft oder den Übergang in einen neuen persönlichen Status. Der Anwärter kann dabei als Neophyt bezeichnet werden. Beispiele sind der Aufstieg von der Novizin zur Nonne oder vom Laien zum Schamanen. Initiationen folgen einem traditionellen Ritus.
Im Altertum meinte Initiation besonders die Zulassung zu den Mysterien, etwa zum Mithraskult, und die Aufnahme in einen Geheimbund. In der Ethnologie bezeichnet der Begriff vor allem Reifefeiern oder -weihen, durch die jemand in den Kreis der vollberechtigten Standes- oder Altersmitglieder einer Gruppe aufgenommen wird. Häufig betrifft dies Knaben, die in die Gesellschaft der Männer eintreten. Sozialgeschichtlich besonders wichtig sind die Pubertäts- und Stammesinitiationen von Stammesgesellschaften sowie die daraus hervorgegangenen Initiationen der antiken Mysterienkulte.
Initiation in Religionen
Im Christentum haben Taufe, Firmung beziehungsweise Konfirmation und der erste Empfang der Eucharistie einen eingliedernden Charakter. Deshalb werden sie auch als Initiationssakramente bezeichnet.
Im Hinduismus werden junge Männer der höheren Kasten dem Upanayana unterzogen, einem Initiationsritus für Knaben. Durch diese kultische Handlung wird ein Mensch nach hinduistischer Auffassung zum „Dvijati“, also zum „Zweimalgeborenen“.
Im Sufismus wird einem Adepten (Murīd) bei der Aufnahme in einen Sufi-Orden die Chirqa überreicht. Dabei handelt es sich um einen wollenen Mantel, der meist aus einzelnen Stoffstücken genäht wurde.
Im Judentum werden dreizehnjährige Jungen durch die Bar Mitzwa und zwölfjährige Mädchen durch die Bat Mitzwa Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Die Jungen, in reformierten Gemeinden auch die Mädchen, singen in der Synagoge einen Abschnitt aus der Tora vor, nachdem sie die Teamim erlernt haben.
Im Shintō werden Neugeborene an einem bestimmten Tag zu ihrem ersten Schreinbesuch, dem Hatsumiyamairi, gebracht. Dadurch werden sie Mitglieder der Gemeinde.
Pubertäts- und Stammesinitiation
Die Mythen und Riten der Pubertäts- und Stammesinitiation, auch „Mannbarkeitsrituale“ genannt, sind meist geheim. Einzelheiten sind daher nur ausnahmsweise bekannt. Ein verbreitetes Grundmuster ist die symbolische Wiedergeburt: Der Novize stirbt rituell, etwa indem er von einem Ungeheuer verschlungen wird, und taucht anschließend neu geboren wieder auf.
Ein Beispiel ist das Skarifizierungsritual am Mittelsepik in Papua-Neuguinea. Häufig spielt eine Initiationshütte eine wichtige Rolle. Sie kann den offenen Rachen eines Meeresungeheuers darstellen. In einigen Gegenden von Ceram (Indonesien) wird die Öffnung, durch die die Neophyten eintreten, „Schlangenrachen“ genannt. Auf Neuguinea wurden für die Beschneidung von Knaben Hütten in der Form des Ungeheuers Barlun gebaut, von dem man glaubte, es verschlinge die Novizen. Das verschlingende Ungeheuer gilt dabei als Bild der „gezahnten Vagina“, in die der Novize zur Wiedergeburt zurückkehren muss.
Carl Gustav Jung beschäftigte sich intensiv mit den Mythen und Riten dieser Initiationen und veröffentlichte Darstellungen der kinderverschlingenden „furchtbaren Mutter“. Leo Frobenius sammelte in Das Zeitalter des Sonnengottes Mythen über den von einem Ungeheuer verschlungenen „Sonnenheros“. Der Artikel ordnet auch das Märchen von „Rotkäppchen“ in diesen Zusammenhang ein und versteht solche Erzählungen als Darstellungen mystischer Erfahrungen von Novizen.
Antike Mysterieninitiation
Die Einweihung in die antiken Mysterienkulte wird auf die ursprünglich weltweit verbreitete Pubertäts- und Stammesinitiation zurückgeführt. Ein Zusammenhang zeigt sich beispielsweise darin, dass der Tag, an dem römische Knaben im 16. Lebensalter die Toga des Erwachsenen anlegten, als Tag des Mysteriengottes Liber oder Dionysos/Bacchus gefeiert wurde. Die Mysterien von Eleusis waren Teil des athenischen Staatskultes und wurden von Königsarchonten organisiert. Auch der Dionysoskult gehörte jedenfalls bei Thebanern und Kretern zum Staatskult; die andanischen Mysterien der Demeter waren Bestandteil des Staatskultes der Messenier.
Im Isis- und Osiriskult bestand die Einweihung im Vorgang der Wiedergeburt (renatio). Der Ritus war streng geheim. Ein ägyptischer Eingeweihter verpflichtete sich in einem Eid, die Mysterien geheim zu halten, und drohte sich selbst für den Fall des Verrats Strafe an. Apuleius schildert im 2. Jahrhundert n. Chr. die Einweihung des Lucius in den griechischen Isis- und Osiriskult. Lucius berichtet von einer symbolischen Reise an die Grenze des Todes und über die Schwelle der Proserpina, durch alle Elemente und zurück zum Anfang der Welt. Inmitten der Nacht sieht er die Sonne hell erstrahlen und betet die Götter der Tiefe und der Höhe aus nächster Nähe an; die Einzelheiten darf er jedoch nicht offenbaren.
Für den Mithraskult sind kleine, mit Reliefs und Plastiken geschmückte Grottenheiligtümer typisch. Eine schriftliche heilige Geschichte des Kultes gibt es nicht. Die wichtigste schriftliche Quelle ist die sogenannte Mithrasliturgie, die möglicherweise selbst ein Zauberpapyrus ist. Albrecht Dietrich deutete ein in jedem Mithräum vorkommendes Bild, in dem Mithras angeblich mit dem Sonnengott kämpft, als Darstellung des Initiationsrituals. Die Liturgie beschreibt eine Reise des Novizen zum Mittelpunkt des Universums und schließlich zu Mithras. Unterwegs begegnet er dem Sonnengott Helios und wird von ihm „neu gezeugt“. Am Ende erscheint ein übermächtiger, leuchtender Gott mit goldenem Haupthaar und weißem Gewand, der in der rechten Hand die goldene Schulter eines Rindes hält, die als Bärengestirn (Großer Bär) bezeichnet wird. Der Novize begrüßt ihn als Pantheos und spricht davon, wiedergeboren zu sein, zugleich zu sterben und den vorbestimmten Weg zu gehen.
Zum Kybele- und Attiskult gehörte das Taurobolium. Nach der Beschreibung des christlichen Schriftstellers Prudentius aus dem 4. Jh. wurde ein Stier auf einem Gitter über einer Grube geschlachtet; der Täufling stand darunter und ließ sich mit dem Blut berieseln. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dieses Ritual allgemein zur Einweihung gehörte. Ein Stieropfer war teuer und ist nur bei Priestern bezeugt, die den Stier für sich selbst und zum Wohl des Staates opferten.
Im kretischen Dionysoskult bezog sich ein Initiationsritual auf die Überlieferung, dass Dionysos als Knabe von den Titanen zerrissen und verschlungen wurde. Firmicius Maternus berichtet im 4. Jh. von jährlichen Leichenbestattungs- und Opferfeiern sowie einer alle drei Jahre stattfindenden religiösen Weihe, bei der die Kreter das Sterben und Leiden des Knaben nachahmten. Dazu gehörten das Zerfleischen eines lebenden Stieres mit den Zähnen und lautes Wehklagen. Das „Kreterfragment“ des Euripides, das offenbar etwa 700 Jahre älter ist, lässt einen Eingeweihten von einem heiligen Leben, dem rohen Fleischmahl und seiner Heiligung zu Bakchos berichten. Nach dem Artikel bestätigt dies, dass es sich tatsächlich um ein Einweihungsritual handelte.
Neue religiöse Bewegungen und Geheimbünde
Auch neue religiöse Bewegungen und Freimaurerorden praktizieren Initiationen. Bei Eckankar werden die ersten beiden von bis zu zwölf Initiationen durch die Übergabe eines persönlichen Mantras vollzogen. Im Wicca werden neue Mitglieder in einem mehrstufigen Prozess aufgenommen. Rituelle Handlungen begleiten die Aufnahme, und dem neuen Mitglied werden religiöse Geheimnisse anvertraut. Im Mormonismus bezeichnet Endowment eine Reihe geheim zu haltender heiliger Handlungen, die beim ersten Tempelbesuch eines Gläubigen von und an diesem durchgeführt werden.
Weltliche und problematische Aufnahmeriten
Der Ritterschlag ist ein weltlicher Initiationsritus, durch den ein Adeliger feierlich in den Ritterstand erhoben wird. Beim Jägerschlag wird ein Jungjäger zum Jäger erhoben und in die Alte Jägerschaft aufgenommen. Die Jugendweihe ist in Deutschland ein säkularer Initiationsritus und wird heute vor allem in den ostdeutschen Bundesländern durchgeführt.
Einige elitäre Bildungseinrichtungen entwickelten eigene Initiationsriten. An französischen Elite-Bildungseinrichtungen überschritten diese bis etwa 1997 häufig die Grenze zu Demütigung und Misshandlung. Im Rahmen der „Bizutage“ wurden Neulinge beispielsweise gezwungen, nackt auf allen vieren Hundekot zu essen, oder man flößte ihnen eine Mischung aus Rotwein, Urin und Erbrochenem ein.
In einigen Studentenverbindungen werden Mitglieder zunächst auf Probe aufgenommen. Diese Aufnahme heißt „Akzeption“ beziehungsweise „Acception“. Nach einer Probezeit von ein bis vier Semestern werden sie durch die „Burschung“, auch „Rezeption“ beziehungsweise „Reception“ genannt, vom Status des „Fux“ oder „Fuchs“ zum Vollmitglied erhoben.
Im österreichischen Fußball bezeichnet Pastern ein Aufnahmeritual, bei dem jüngere Spieler von hierarchisch höherstehenden Spielern körperlich angegriffen und gedemütigt wurden. Trainer und Betreuer wussten davon oftmals. Nach der öffentlichen Thematisierung durch den ehemaligen Fußballprofi Paul Scharner entstanden Initiativen gegen das Ritual. Auch im Skisport wurde oder wird Pastern seit Jahrzehnten betrieben. Ehemalige Spitzensportler berichteten über Übergriffe in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren, unter anderem am Skigymnasium Stams.
Jugendbanden verlangen von Anwärtern häufig eine Mutprobe, beispielsweise einen Diebstahl. Neuankömmlinge können außerdem Ekel- und Gewaltproben ausgesetzt werden, um ihre Unterwerfung zu erzwingen. In Frankreich heißen solche Erniedrigungsrituale „Bizutage“, in Brasilien „Trote“. Informelle demütigende Aufnahmerituale sind auch aus dem Militär bekannt, etwa bei den Gebirgsjägern in Mittenwald im Jahr 2009, sowie aus Gefängnissen.
Nach der Ethnologin Sabine Doering-Manteuffel sind solche Rituale besonders stark bei Randgruppen ausgeprägt, die sich selbst als Elite verstehen. Der Psychologe Jürgen Raithel deutet neue riskante Initiationsriten als Versuch, in einer reizgesättigten und reizdesensibilisierten Gesellschaft neue Reize zu finden, die den Charakter einer Mutprobe haben.