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Neopaganismus
Neopaganismus (von lateinisch paganus ‚heidnisch') oder Neuheidentum bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert aufgekommene religiöse und kulturelle Strömungen, …
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Grundidee und Einordnung
Neopaganismus oder Neuheidentum bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert entstandene religiöse und kulturelle Strömungen, die sich an vorchristlichen Religionen und Mythologien orientieren. Dazu gehören vor allem antike, keltische, germanische und slawische Traditionen, aber auch Bezüge zu außereuropäischen ethnischen Religionen. Es handelt sich nicht um eine einheitliche Religion, sondern um viele eigenständige Richtungen, oft mit polytheistischen Vorstellungen, also mit mehreren Gottheiten.
Die Zahl der Anhänger ist schwer zu bestimmen, weil viele Gruppen klein, dezentral oder nicht in großen Organisationen zusammengeschlossen sind. Schätzungen sprechen weltweit von mehreren Millionen. Wicca und verwandte Bewegungen gelten in Deutschland mit Schätzungen von mehreren Tausend bis zu 100.000 Anhängern als größte neuheidnische Richtung. Um 1990 wurden mehr als 200.000 Wicca-Anhänger in den USA, 30.000 in Großbritannien und 800.000 weltweit geschätzt.
Die Begriffe „neopagan“ und „Neuheide“ werden teils als Selbstbezeichnungen benutzt, teils aber als abwertende Fremdbezeichnungen abgelehnt. Manche Gruppen bevorzugen Begriffe wie „Alte Religion“ oder „Naturreligion“. Neopaganismus grenzt sich vom historischen Heidentum dadurch ab, dass er moderne religiöse Bewegungen meint, die alte Religionen nicht einfach fortsetzen, sondern sie neu deuten, rekonstruieren oder kreativ weiterentwickeln.
Richtungen und religiöse Vorstellungen
Zum Neopaganismus zählen viele Richtungen, die sich auf bestimmte alte Religionen beziehen: zum Beispiel Kemetismus auf die altägyptische Religion, Hellenismos auf die altgriechische Religion, Religio Romana auf die römische Religion, Ásatrú oder Odinismus auf germanische Religionen, modernes Druidentum und keltischer Neopaganismus auf keltische Traditionen, Romuva auf baltische Religion, Rodismus oder Rodnovera auf slawische Religionen und Zuismus auf mesopotamische oder semitische Traditionen. Hinzu kommen moderne Formen des Hexentums wie Wicca, Dianic, Aradia und Feri, Göttinnenspiritualität, Reclaiming, pantheistische Gruppen und einzelne Strömungen mit okkultistischen Überschneidungen.
Wichtige gemeinsame Selbstaussagen vieler Gruppen sind das Erleben der Naturkräfte, die Anrufung von Göttinnen und Göttern, die Betonung des weiblichen Prinzips, direkte religiöse Erfahrung statt einer Priesterreligion, dezentrale Organisation, Ablehnung fester Dogmen, naturnahes Leben, Umwelt- und Tierschutz, Freiheit des Einzelnen sowie Wertschätzung von Kunst, Kreativität und alten Kulturtechniken. Häufig gibt es Kritik an monotheistischen, hierarchischen und dogmatischen Religionen, besonders am Christentum.
Die Vorstellungen vom Göttlichen sind sehr unterschiedlich. Pantheismus bedeutet, dass Welt und Gottheit miteinander identifiziert werden. Polytheismus meint den Glauben an viele Gottheiten. Animismus bezeichnet die Vorstellung einer belebten oder beseelten Natur. Manche Richtungen verstehen Gottheiten als reale Wesen, andere als Allegorien, Naturkräfte, Prinzipien oder Archetypen der Seele. Wicca wird wegen der Verehrung von Gott und Göttin manchmal als Duotheismus oder Bitheismus beschrieben, kann aber auch pantheistische, monistische, polytheistische oder atheistische Formen haben. Ásatrú und Theodismus verstehen sich vor allem als polytheistisch. In vielen Gruppen ist weniger ein festes Glaubensbekenntnis wichtig als die ehrfürchtige Durchführung von Kulthandlungen.
Entstehung und Entwicklung
Die Wurzeln des Neopaganismus reichen bis in Renaissance und Humanismus zurück. Damals wurden antike Mythologie und Philosophie neu entdeckt. Der byzantinische Philosoph Georgios Gemistos Plethon wollte auf neuplatonischer Grundlage die alte griechische Religion wiederbeleben. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 wurden viele antike Texte im Westen bekannter; Hermetik, Astrologie und später auch das Tarot gewannen für okkulte und neuheidnische Strömungen Bedeutung.
Im 18. und 19. Jahrhundert wirkten Klassik und Romantik stark auf neuheidnische Vorstellungen. Während der Französischen Revolution entstanden künstliche Revolutionskulte wie der Kult der Vernunft und der Kult des höchsten Wesens. Dichter, Künstler und Philosophen griffen griechisch-römische, keltische, germanische, slawische und baltische Überlieferungen auf. Werke wie Jacob Grimms „Deutsche Mythologie“, nationalromantische Bewegungen und die Suche nach vermeintlich alten Volksüberlieferungen beeinflussten spätere neuheidnische Rekonstruktionen.
Im 20. Jahrhundert wurden im angelsächsischen Raum mehrere Bücher wichtig, darunter James George Frazers „Der goldene Zweig“, Robert Graves’ „Die weiße Göttin“, Margaret Alice Murrays Werke zum Hexenkult und Charles Godfrey Lelands „Aradia“. Gerald Gardner begründete in den 1920er Jahren die Wicca-Religion, die später unter anderem von Vivianne Crowley und Doreen Valiente weiterentwickelt wurde.
Eine problematische historische Linie ist die völkische Bewegung. Einige deutsch- und germanischgläubige Gruppen suchten eine „arteigene“ Religion und verbanden germanische Mythologie teilweise mit Rassismus und Antisemitismus. Die Ariosophie von Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels hatte Einfluss auf bestimmte rechte und odinistische Strömungen. Einzelne Nationalsozialisten, besonders Heinrich Himmler, waren von solchen Vorstellungen beeinflusst, auch wenn religiös-völkische Organisationen im Nationalsozialismus insgesamt eher Splittergruppen blieben.
Seit den 1960er und 1970er Jahren erlebte der Neopaganismus im Zusammenhang mit New Age, Umweltbewegung, Feminismus und Gegenkultur eine internationale Renaissance. Wicca verbreitete sich in Großbritannien, Europa und den USA, modernes Druidentum entwickelte explizit neopagane Gruppen, und Ásatrú gewann neue Anhänger. Seit den 1980er Jahren gibt es stärker rekonstruierende Richtungen wie keltischen Rekonstruktionismus und Hellenismos. Seit den 1990er Jahren kam es zur Institutionalisierung durch Dachverbände wie die Pagan Federation, während viele Neuheiden feste Verbandsformen weiterhin ablehnen.
Feste, Rituale und Quellen
Neopagane Gruppen verstehen ihre Religion oft als Wiederbelebung vorchristlicher ethnischer Religionen. Weil aus dem vorchristlichen Europa nur begrenzte historische Quellen vorliegen, werden nordische und keltische Mythen, Märchen, Sagen, archäologische Funde, Volksbräuche sowie Traditionen sogenannter Naturreligionen herangezogen. Der Artikel betont, dass eine authentische Rekonstruktion untergegangener Religionen kaum möglich ist; höchstens sei eine interpretierende „spirituelle Rückbindung“ möglich.
Eine wichtige Rolle spielen Jahreskreisfeste. Die genannten Termine sind Richtwerte, da sie von Sonnen- und Mondständen abhängen können. Beispiele sind Disting oder Imbolg am 1.–2. Februar, Ostara um den 21.–23. März, Walpurgisnacht oder Beltane in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, Mittsommer oder Litha am 21.–22. Juni, Lughnasadh am 31. Juli–1. August, ein Herbstfest um den 21.–22. September, Winternacht oder Samhain am 31. Oktober–1. November und Jul oder Mittwinter am 21.–22. Dezember.
Konflikte entstehen gelegentlich mit Archäologie und Denkmalpflege. Viele Neuheiden schreiben sogenannten „Kraftorten“ besondere Bedeutung zu, etwa Megalithen, Hügelgräbern, Viereckschanzen, alten Kultplätzen oder markanten Bäumen. Problematisch wird es, wenn Rituale oder bauliche Eingriffe wie Steinkreise und Gräben Denkmäler beschädigen. Die Ausübung neuheidnischer Religionen soll durch Denkmalpflege nicht verhindert werden, doch die konkrete Nutzung geschützter Orte und die Deutung archäologischer Quellen werden kritisch betrachtet.
Gesellschaft, Politik und Kultur
Neopaganismus ist politisch sehr unterschiedlich. Wicca, Göttinnenspiritualität und Reclaiming stehen häufig eher linken Milieus nahe; Feminismus, Umweltschutz und globalisierungskritisches Engagement spielen dort eine wichtige Rolle. Pagan Pride entstand 1997 in der amerikanischen neuheidnischen Szene, um ein positives öffentliches Bild des Neopaganismus zu fördern. Erlöse von Pagan-Pride-Day-Festivals kommen unter anderem Umweltschutz, Tierschutz und Opfern häuslicher Gewalt zugute.
Im neugermanischen Heidentum gibt es sowohl antifaschistische Gruppen als auch rassistische, biologistische, bioregionalistische oder ethnopluralistische Strömungen. Die Artgemeinschaft wird als Bestandteil der rechtsextremen Szene beschrieben. Symbole aus der nordischen Mythologie, etwa der Mjölnir, sind unter Neuheiden und in Jugendkulturen verbreitet; seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre werden sie auch stärker von Rechtsextremisten genutzt, sind aber für sich allein kein Beleg für rechtsextreme Gesinnung. Als Gegenreaktion entstanden Initiativen wie „Heidentum ist kein Faschismus. Heiden für Menschenrechte.“
In den USA unterscheidet der Artikel zwischen kosmopolitischen Ásatrú-Vereinigungen und kleineren rassistischen Sekten. Der rassistische Odinismus wurde 1969 mit Else Christensens Odinist Fellowship begründet. Weitere genannte Zusammenhänge sind Steve McNallens Ásatrú Free Assembly, White Aryan Resistance und Wotansvolk.
Kulturell erscheint Neopaganismus in Literatur, Theater, Musik und Populärkultur. In der Literatur werden neopagane Motive unter anderem in der englischen Romantik, bei Fernando Pessoa, Yukio Mishima und Alban Nikolai Herbst beschrieben. In der Musik finden sich seit den 1960er Jahren Einflüsse in Pop, Rock, Folk, Metal, Gothic, Industrial, Rave und New Age. Eigene oder stark geprägte Richtungen sind Pagan Metal, Viking Metal, Pagan Folk und „Techno-paganismus“. Der Artikel weist darauf hin, dass oft umstritten ist, ob solche Inhalte ernsthaft religiös, symbolisch, ästhetisch oder politisch gemeint sind.