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Carl Gustav Jung

Auch habe in Jungs Fall die Psychologie als Wissenschaft sich nicht mehr mit der Rolle einer Interpretin der Religion begnügt, sondern mit der Religion der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grunddaten und Bedeutung
  2. 2. Leben und beruflicher Weg
  3. 3. Freud, Krise und Rotes Buch
  4. 4. Zentrale Begriffe der analytischen Psychologie
  5. 5. Typen, Therapie, Alchemie und Spiritualität
  6. 6. Kontroversen, Kritik und Wirkung

Grunddaten und Bedeutung

Carl Gustav Jung (* 26. Juli 1875 in Kesswil, Kanton Thurgau; † 6. Juni 1961 in Küsnacht, Kanton Zürich), meist C. G. Jung genannt, war ein Schweizer Psychiater. Er begründete 1913 die analytische Psychologie, eine Richtung der Tiefenpsychologie. Ihre Anhänger werden Jungianer genannt.

Jungs Bedeutung liegt vor allem darin, dass er die Erforschung des Unbewussten anders ausrichtete als Sigmund Freud. Während Freud stark auf persönliche Lebensgeschichte und Sexualtheorie bezogen blieb, stellte Jung Begriffe wie Komplex, Introversion, Extraversion, Archetypus, kollektives Unbewusstes, Individuation, Persona, Schatten, Anima, Animus und Selbst in den Mittelpunkt. Sein Werk wirkte über die Psychotherapie hinaus auf Religionswissenschaft, Völkerkunde, Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft, Kunsttherapie, Astrologie und Religionspsychologie.

Leben und beruflicher Weg

Jung wurde 1875 als Sohn des reformierten Pfarrers Johann Paul Achilles Jung und Emilie Jung, geborene Preiswerk, geboren. Die Familie zog zunächst nach Laufen am Rheinfall und später nach Kleinhüningen bei Basel. Nach dem Tod seines Vaters am 28. Januar 1896 musste Jung als Student zum Unterhalt seiner Mutter und seiner Schwester beitragen.

Ab 1895 studierte Jung Medizin an der Universität Basel und besuchte auch Vorlesungen in Jura und Philosophie. Früh interessierte er sich für Spiritismus und okkulte Phänomene, die damals teilweise als mit der Psychiatrie verwandt galten. Er nahm zwischen 1894 und 1899 an Séancen seiner Cousine Helly Preiswerk teil. Jung spezialisierte sich später auf Psychiatrie. Wichtig wurde für ihn Krafft-Ebings Lehrbuch der Psychiatrie, in dem Psychosen als «Krankheiten der Person» beschrieben wurden.

1900 wurde Jung nach dem Staatsexamen Assistent von Eugen Bleuler an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. 1902 erschien seine Dissertation Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. 1902/03 arbeitete er bei Pierre Janet in Paris. Seine Assoziationsstudien mit Franz Beda Riklin führten ihn zur Annahme «gefühlsbetonter Komplexe», also emotional bedeutsamer Gedankengruppierungen, die sich dem Bewusstsein teilweise entziehen können.

1903 heiratete Jung Emma Rauschenbach. Sie wurde für ihn Gesprächspartnerin, Kritikerin, Mitarbeiterin und ab 1930 selbst Analytikerin. Das Paar hatte vier Töchter und einen Sohn. 1905 habilitierte sich Jung, wurde Oberarzt am Burghölzli, Stellvertreter Bleulers und ausserordentlicher Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich. 1909 gab er die Klinikstelle auf und eröffnete in Küsnacht eine Privatpraxis. Nach dem Bruch mit Freud legte Jung 1913 seine Lehrtätigkeit an der Universität Zürich nieder, arbeitete weiter in eigener Praxis und unternahm Reisen, unter anderem 1924/25 nach Nordamerika, 1925/26 nach Nordafrika und Ostafrika sowie 1937 nach Indien. Von 1933 bis 1942 lehrte er an der ETH Zürich, ab 1935 als Titularprofessor. In seinen letzten Lebensjahren vertiefte er Forschungen zum kollektiven Unbewussten, zur Alchemie und zur Bedeutung der Religion für die Psyche.

Freud, Krise und Rotes Buch

Jung las Freuds Traumdeutung zuerst um 1900, verstand sie nach eigener Aussage aber erst bei erneuter Lektüre 1903 im Zusammenhang mit seinen eigenen Ideen. 1906 begann durch den Austausch von Schriften ein enger Briefwechsel mit Freud. 1907 trafen sich beide in Wien und sprachen dreizehn Stunden miteinander. Jung unterstützte Freuds damals noch umstrittene Psychoanalyse und wurde 1908 Redakteur des Internationalen Jahrbuches für psychoanalytische und psychopathologische Forschung. Von 1910 bis 1914 war er Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Die Zusammenarbeit zerbrach vor allem an unterschiedlichen Auffassungen über die Libido, also psychische Energie. Freud betonte die vorrangige Bedeutung des Geschlechtstriebs. Jung wollte den Begriff erweitern, damit auch universelle Verhaltensmuster und Motive verschiedener Kulturen und Epochen erfasst werden konnten. Nach Jungs Buch Wandlungen und Symbole der Libido kam es Ende 1912 zum Bruch. Freud kündigte ihm im Januar 1913 die Freundschaft, Jung beendete im Oktober 1913 die fachliche Zusammenarbeit und legte 1914 den Vorsitz der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nieder.

Nach dem Bruch erlebte Jung eine Phase innerer Desorientierung und starken psychischen Drucks. Ab 1913 widmete er sich intensiv seinem Unbewussten, seinen Träumen und Phantasien. Er hielt diese zunächst in «Schwarzen Büchern» fest. Daraus entstand das «Rote Buch» oder Liber Novus, an dem er bis 1930 arbeitete. Jung nannte seine Methode später «aktive Imagination»: innere Vorgänge sollten in Bilder und Gestalten übersetzt werden. Das Rote Buch wurde 2009 erstmals öffentlich gezeigt und gedruckt; es gilt als wichtige Grundlage für viele spätere Theorien Jungs.

Zentrale Begriffe der analytischen Psychologie

Ein Komplex ist bei Jung eine Gruppe von Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen und Erinnerungen, die sich um einen emotional bedeutsamen Kern sammelt. Solche Komplexe können bewusst oder unbewusst sein. Werden sie verdrängt, können sie als Affekt oder in neurotischen Symptomen auftreten. Ein Beispiel ist der Mutterkomplex: Erfahrungen, Gefühle und Erinnerungen, die mit der Mutter verbunden sind, werden um dieses Kernelement organisiert.

Das Ich oder Ich-Bewusstsein ist das Zentrum des Bewusstseinsfeldes, aber nicht die ganze Psyche. Daneben gibt es das persönliche Unbewusste, das aus Vergessenem, Verdrängtem und noch nie bewusst gewordenen Inhalten besteht. Die Persona ist die soziale «Maske», mit der ein Mensch nach aussen ein bestimmtes Bild zeigt. Der Schatten umfasst Persönlichkeitsanteile, die nicht zum eigenen Idealbild passen und deshalb oft bei anderen gesehen werden; diesen Vorgang nennt man Projektion. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Schatten ist für Jung ein wichtiger Schritt zur Individuation, also zur Entwicklung einer möglichst ganzen Persönlichkeit.

Anima und Animus bezeichnen gegengeschlechtlich gefärbte seelische Anteile: beim Mann die Anima, bei der Frau den Animus. Das kollektive Unbewusste ist bei Jung eine allen Menschen gemeinsame psychische Grundschicht. Darin wirken Archetypen, also universelle Strukturen der Seele. Sie sind keine vererbten fertigen Bilder, sondern angeborene Dispositionen oder Formen, die in Träumen, Mythen, Märchen, Visionen und religiösen Vorstellungen sichtbar werden können. Beispiele sind der Held, der Vater, die Grosse Mutter, der alte Weise, das göttliche Kind oder der Tiergott.

Das Selbst bezeichnet bei Jung die Einheit und Ganzheit der Gesamtpersönlichkeit. Es ist Ausgang und Ziel des Individuationsprozesses. Da unbewusste Anteile nie vollständig bewusst sind, umfasst das Selbst sowohl Erfahrenes als auch noch nicht Erfahrenes. Der Mensch entwickelt sich nach Jung dadurch, dass immer mehr unbewusste Inhalte in Beziehung zum Bewusstsein treten.

Jung unterschied ausserdem Symbol und Zeichen. Ein Zeichen verweist auf etwas Bekanntes und klar Abgegrenztes, etwa ein Verkehrszeichen. Ein Symbol ist für ihn die beste verfügbare Bezeichnung für einen noch relativ unbekannten, aber als vorhanden erkannten Sachverhalt. Symbole verbinden Bewusstsein und Unbewusstes. Als Synchronizität bezeichnete Jung Ereignisse, die zeitlich nahe beieinanderliegen, nicht kausal verbunden sind, vom Beobachter aber als sinnvoll zusammengehörig erlebt werden.

Typen, Therapie, Alchemie und Spiritualität

In Psychologische Typen von 1921 unterschied Jung extravertierte und introvertierte Einstellungen. Extravertierte Menschen sind stärker auf die äussere, objektive Welt ausgerichtet; introvertierte Menschen stärker auf die innere, subjektive Welt. Dazu kombinierte Jung vier Funktionen: Denken, Fühlen, Intuition und Empfinden. Denken und Fühlen nannte er rational, Empfinden und Intuition irrational. Zusammen mit Introversion und Extraversion ergeben sich acht Typen. In der modernen Psychologie gelten Jungs psychologische Typen weitgehend als veraltet; die Begriffe introvertiert und extravertiert werden aber weiterhin verwendet.

Die Rolle des Psychotherapeuten verstand Jung als Begleitung. Der Therapeut soll sich möglichst vorurteilsfrei auf die Bilder, Eindrücke und Entwicklungen des Patienten einlassen. Ziel ist nicht die Anwendung eines starren Schemas, sondern die Unterstützung des individuellen Weges zur Individuation.

Ab 1928 beschäftigte sich Jung intensiv mit Alchemie. Er verstand die Alchemie als frühe, unbewusste Beschreibung psychischer Strukturen in der Sprache stofflicher Verwandlungen, also als eine Art «Proto-Psychologie». Alchemistische Motive wie die Vereinigung von Gegensätzen, die «Coniunctio», deutete er psychologisch als Bilder innerer Wandlung. Seine Methode war jedoch ahistorisch; er unterschied nicht deutlich zwischen griechischer, ägyptischer, chinesischer und mitteleuropäischer Alchemie.

Jung sah Religion als ursprüngliche, archetypische Manifestation des kollektiven Unbewussten. Er nahm eine transzendente, spirituelle Dimension im Menschen an und meinte, spirituelle Erfahrungen könnten für das seelische Wohlbefinden wesentlich sein. Religion könne Individuation erleichtern, weil sie Sinn stifte. Diese Auffassung fand Zustimmung in der Religionspsychologie, wurde aber auch kritisiert, etwa von Martin Buber und theologischen Richtungen, die Jung vorwarfen, religiöse Fragen psychologisch zu verkürzen.

Kontroversen, Kritik und Wirkung

Jungs Verhalten und Äusserungen in der Zeit des Nationalsozialismus sind stark umstritten. Von 1933 bis 1939 war er Präsident der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Jung erklärte, er habe als politisch neutraler Schweizer die Psychotherapie in Deutschland erhalten und jüdischen Kollegen durch Einzelmitgliedschaft helfen wollen. Zugleich entstanden durch Veröffentlichungen im Zentralblatt für Psychotherapie und durch seine Aussagen über «germanische» und «jüdische» Psychologie Eindrücke, die als Anpassung an den Nationalsozialismus oder als antisemitisch kritisiert wurden. Jung bestritt, Antisemit oder Nationalsozialist zu sein. Nach den Quellen war sein Wirken nicht von spezifischem Antisemitismus geprägt, doch erscheinen manche Aussagen politisch naiv, unsensibel oder opportunistisch. Nach 1945 wurde er scharf kritisiert; privat soll er geäussert haben: «Ich bin ausgerutscht.» 1942 und 1943 lieferte Jung über Allen Welsh Dulles dem US-amerikanischen Geheimdienst psychologische Einschätzungen führender Nationalsozialisten und des deutschen Volkes.

Kritik an Jungs Lehre kam besonders aus der Psychoanalyse und aus anderen psychologischen Schulen. Freud und seine Anhänger lehnten vor allem Jungs weiten Begriff des Unbewussten und die Archetypenlehre ab. Viele Kritiker bezweifelten, dass es vererbte psychische Strukturen im Sinne Jungs gebe. Weitere Kritik lautet, Jungs Theorien seien schwer überprüfbar und daher wissenschaftlich problematisch. Martin Buber kritisierte Jungs Religionsverständnis, weil Jung nach Bubers Ansicht psychologische Aussagen über Religion mit Aussagen über das Transzendente vermischte. Erich Fromm beurteilte Jung ambivalent: Er sah problematische Züge, aber auch aussergewöhnliche Kreativität.

Trotz dieser Kritik hatte Jung eine breite Nachwirkung. Seine Gesammelten Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, und weltweit entstanden Analytikervereinigungen und Ausbildungszentren. 1948 wurde das C. G. Jung-Institut Zürich als Ausbildungs- und Forschungsstätte gegründet. Besonders wirksam blieben seine Begriffe Introversion, Extraversion, Komplex, Archetypus, Individuation, Schatten, Persona und Synchronizität. In der akademischen Psychologie war sein Einfluss begrenzt; grösser war er in Religionspsychologie, Transpersonaler Psychologie, Literatur, Kunsttherapie und psychologischer Astrologie. In der Astrologie wurden Jungs Begriffe wie Anima, Animus, Schatten, Persona, Individuation, Archetypen und Synchronizität stark aufgenommen.

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