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Dreifaltige Göttin
Dreifaltige Göttin bezeichnet eine religiöse Vorstellung, nach der die Muttergöttin in drei verschiedenen Erscheinungsformen (Aspekten) verehrt wird, …
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Grundidee und Bedeutung
Die „Dreifaltige Göttin“ bezeichnet die religiöse Vorstellung, dass eine Muttergöttin in drei verschiedenen Erscheinungsformen oder Aspekten verehrt wird. Im Zentrum steht ein zyklisches Verständnis von Leben, Tod und Erneuerung. Die Vorstellung wird besonders im Neopaganismus, also im Neuheidentum, aufgegriffen. Als neuzeitliches Konzept geht sie wesentlich auf den englischen Dichter Robert Graves zurück, der die universale Muttergottheit auch „Weiße Göttin“ nannte.
Robert Graves und die „Weiße Göttin“
Robert Graves (1895–1985) behauptete die Existenz eines mindestens gesamteuropäischen Kultes einer Dreifaltigen Göttin. In seinem 1948 erschienenen mythologisch-poetologischen Essay The White Goddess (deutsch 1985: Die Weisse Göttin) formulierte er einen zentralen Mythos: Der Heros, also der Held, begegnet der Göttin dreimal – als Jungfrau, als Mutter und schließlich als altes Weib. Diese als schwarze Frau auftretende Gestalt verkörpert den Tod und gibt dem Heros den Tod. In seiner Rolle als Jahresgott oder Jahreskönig fügt sich der Heros in den Zyklus von Werden und Vergehen im Jahreskreis ein.
Graves stellte diese Ideen nicht vollständig selbst neu auf. Der Jahreskönig spielte bereits in den Theorien des schottischen Ethnologen James Frazer eine zentrale Rolle, die dieser 1890 in Der goldene Zweig (The Golden Bough) darlegte. Ähnliche Vorstellungen vertraten weitere Gelehrte der sogenannten Cambridge Ritualists. Jane Ellen Harrison (1850–1928) bezog etwa die griechischen Horen auf die drei Mondphasen: zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond. Sie behauptete außerdem, Dreiergruppen oder Triaden von Gottheiten gebe es nur bei weiblichen Gottheiten. Als Beispiele galten die römischen Parzen, die griechischen Moiren sowie die keltisch-römisch-germanischen Matronen; vergleichbar sind auch die nordischen Nornen, die slawischen Zorya und die dreigestaltige griechische Hekate.
Graves’ besondere Leistung bestand daher vor allem darin, unterschiedliche Elemente, die zwischen 1890 und 1920 bereitgestellt worden waren, zu einer schlüssigen, anwendbaren und veränderbaren Synthese zu verbinden. In The Greek Myths von 1955 (deutsch 1964: Griechische Mythologie) erzählte er die griechischen Mythen nach und deutete sie zusätzlich im Bezugssystem der Weißen Göttin. In der Fachwelt wurden seine Schlussfolgerungen weiterhin abgelehnt; besonders seine eigenwillige Interpretation der griechischen Mythen stieß auf grundsätzliche Kritik. Seine Vorstellung der dreigestaltigen Mondgöttin beeinflusste anschließend die neureligiöse Wicca-Bewegung.
Marija Gimbutas und die „Göttin von Alteuropa“
Die litauische Anthropologin und Archäologin Marija Gimbutas (1921–1994) versuchte ab 1974, der Vorstellung von der Dreifaltigen Göttin eine empirisch-wissenschaftliche Grundlage zu geben. Sie nahm an, dass es in Südosteuropa zwischen 6500 und 3500 v. Chr. eine zusammenhängende, von ihr „Alteuropa“ genannte Kultur gegeben habe. Diese Region reichte nach ihrer Darstellung vom Donauraum bis in die Ukraine und von Süditalien über die Ägäis bis zum Schwarzen Meer.
Gimbutas beschrieb diese Kultur als mütterzentriert oder matriarchalisch, friedlich und ohne Kriege, Waffen und Rivalität. Sie soll von weisen Frauen geleitet und durch die Verehrung einer universalen Muttergottheit geeint worden sein. Bei ihren Untersuchungen wertete Gimbutas verschiedene Relikte, ornamentale Muster und besonders jungsteinzeitliche Frauenfiguren aus, die sie als Göttinnen deutete. Ihrer genaueren Interpretation zufolge handelte es sich um eine einzige Göttin mit drei Aspekten: Leben, Tod und Wiedergeburt.
Die von Gimbutas zusammengefassten Symbolgruppen waren:
- Leben: Wassersymbole wie Wasservögel, Schlangen, Fische, Frösche, Zickzack-Bänder, Gruppen paralleler Linien, Mäander, Netze und laufende Spiralen.
- Tod: die von Eulen und Geiern begleitete „weiße Frau“.
- Wiedergeburt: Symbole der Erneuerung und Transzendenz wie Ei, Gebärmutter, Phallus, Wirbel, Halbmond und Rinderhörner.
Nach Gimbutas wurde diese Zivilisation um 3500 v. Chr. durch einwandernde, kriegerische „Kurgan-Leute“ zerstört. Diese Hirtenvölker kamen mit Pferden aus den asiatischen Steppen, eroberten schrittweise Gebiete, töteten Einwohner und errichteten ein patriarchalisches Herrschaftssystem, also ein Väterrecht.
Gimbutas’ Deutung wurde zunächst besonders von Teilen des Feminismus aufgenommen, aber auch dort kritisiert. Susan Binford wandte sich 1982 gegen den ihrer Ansicht nach konstruierten Mythos einer früheren matriarchalen Größe. In der Archäologie richtete sich die Kritik vor allem gegen die Subjektivität von Gimbutas’ Interpretationen und gegen die fehlende Überprüfbarkeit ihrer Thesen.
Die Dreiheit im Wicca
Viele Neuheiden, darunter Wiccas, verehren die „Große Göttin“ als Dreiheit aus Maiden (Jungfrau), Mother (Mutter) und Crone (alte Weise). Nicht alle Neuheiden sind Wiccas, und die theologischen Vorstellungen im Neopaganismus unterscheiden sich stark. Sexualität, Schwangerschaft, Stillen und weitere Aspekte der Weiblichkeit können als Verkörperungen der Göttin gelten. Deshalb wird der physische Körper im Wicca und bei vielen Neuheiden als heilig betrachtet.
- Die Jungfrau steht für Neubeginn, Geburt, Jugend und Euphemismus. Sie wird durch Weiß dargestellt, das Reinheit und Unschuld symbolisiert. Ihr gehört der Frühling, ihr Symbol ist der zunehmende Mond.
- Die Mutter steht für Reife, Fruchtbarkeit, Sexualität, Erfüllung und Kraft. Ihre Farbe ist Rot, das Menstruationsblut symbolisiert. Sie wird mit dem Sommer und dem Vollmond verbunden.
- Die alte Weise, seltener „altes Weib“ genannt, steht für Weisheit, Ruhe, Tod, Ende und zugleich Neubeginn. Sie wird durch Schwarz dargestellt, das den Tod symbolisiert. Ihr werden Herbst und Winter sowie der abnehmende Mond zugeordnet.
Der männliche Gegenpart der Großen Göttin ist der gehörnte Gott. Er entspricht dem Heros aus Graves’ Urmythos und wird häufig durch Cernunnos oder Herne verkörpert. Die Göttin führt ihn zum Tod; im Verlauf des Jahreskreises erneuert er sich, bis er wieder aufersteht. In einem Coven, einer Wicca-Gemeinschaft, repräsentieren bei besonderen Ritualen wie dem Esbat die Hohepriesterin die Göttin und der Hohepriester den Gott.
Darstellungen in der Popkultur
Die Dreiheit aus Jungfrau, Mutter und altem Weib erscheint auch in verschiedenen Werken der Popkultur. In George R. R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer, die ab 1996 erschien, und in der darauf basierenden Fernsehserie Game of Thrones bilden diese drei Gestalten Aspekte der Religion des „Glaubens an die Sieben“. In der Fernsehserie Foundation wird die Dreifaltige Göttin in der Religion Luminimus verehrt. In Neil Gaimans Roman Der Ozean am Ende der Straße übernehmen die Figuren Lettie, Ginnie und Mrs Hempstock eine vergleichbare dreifache Funktion: Sie halten das Böse aus der Welt der Menschen fern und bewachen die Grenze zur Traumwelt.