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Werke der Barmherzigkeit
Im Christentum unterscheidet man verschiedene Werke der Barmherzigkeit. Sie sind eine beispielhafte Aufzählung von Handlungen, in denen sich Nächstenliebe …
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Kernidee und Bedeutung
Die Werke der Barmherzigkeit sind im Christentum eine beispielhafte Aufzählung von Handlungen, durch die sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit zeigen. Ihr Sinn liegt nicht darin, für gute Taten eine Belohnung zu erhalten. Entscheidend ist vielmehr die Identifikation mit Menschen, die Not leiden. Das Neue Testament verdeutlicht diese Haltung unter anderem im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37 EU).
In der Reformationszeit wurde die Bedeutung guter Werke unterschiedlich beurteilt. Martin Luther erklärte 1520 im „Sermon von den guten Werken“, der Glaube sei das eine gute Werk, aus dem alle anderen guten Werke spontan und freudig hervorgingen. Er unterschied dabei weder zwischen alltäglichen und besonderen Taten noch zwischen profanen und frommen Tätigkeiten. Nach seiner Lehre wird der Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerechtfertigt („sola fide“), nicht durch gute Werke.
Das Konzil von Trient, das Tridentinum, hielt dagegen fest, ein glaubender Mensch könne durch gute Werke seine Gnade vermehren („augmentum gratiae“). In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stritten außerdem Anhänger Luthers und Melanchthons im „Majoristischen Streit“ über gute Werke. Unterschiede zwischen katholischer und lutherischer Lehre zur Werkgerechtigkeit bestehen weiterhin, auch wenn das ökumenische Gespräch das gegenseitige Verständnis verbessert hat. In der lutherischen Tradition ist eine feste Liste besonderer Werke der Barmherzigkeit nicht üblich.
Biblische Grundlagen
Die traditionelle Aufzählung folgt vor allem der Endzeitrede Jesu im Matthäusevangelium (Mt 25,34–46 EU). Sie nennt ursprünglich sechs Handlungen:
- Hungernde speisen
- Dürstenden zu trinken geben
- Nackte bekleiden
- Fremde aufnehmen
- Kranke besuchen
- Gefangene besuchen
Als siebtes Werk wurde die Bestattung der Toten ergänzt. Der Kirchenvater Lactantius bezog sich dabei auf das Buch Tobit (Tob 1,17–20 EU). Dieses Werk wurde Bestandteil der katechetischen Tradition und damit der bekannten „sieben Werke der Barmherzigkeit“.
Lactantius nannte in seiner „Epitome divinarum institutionum“ allerdings insgesamt neun Werke: mit Nahrungsbedürftigen teilen, Nackte bekleiden, Unterdrückte aus der Übermacht befreien, Fremde und Obdachlose aufnehmen, Waisen verteidigen, Witwen schützen, Gefangene vom Feind loskaufen, Kranke und Arme besuchen sowie Mittellose und Ankömmlinge nicht unbestattet lassen. Diese Liste verbindet verschiedene Gebote aus dem Alten und Neuen Testament und lässt sich nicht auf eine einzige Bibelstelle zurückführen.
Geistliche und leibliche Werke
Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK 2447) unterscheidet in vorreformatorischer katechetischer Tradition sieben geistliche und sieben leibliche Werke der Barmherzigkeit. „Geistlich“ bezeichnet hier Hilfe für das Denken, den Glauben und den seelischen Umgang mit anderen:
- Unwissende lehren
- Zweifelnde beraten
- Trauernde trösten
- Sünder zurechtweisen
- Beleidigern gerne verzeihen
- Lästige geduldig ertragen
- für Lebende und Verstorbene beten
Die sieben leiblichen Werke richten sich vor allem auf konkrete körperliche und materielle Not:
- Hungrige speisen
- Obdachlose beherbergen
- Nackte bekleiden
- Kranke besuchen
- Gefangene besuchen
- Tote begraben
- Almosen geben
Das Almosengeben, also die materielle Unterstützung Bedürftiger, wird besonders mit Tobit (Tob 4,5–11 EU), Jesus Sirach (Sir 17,22 EU) und Matthäus (Mt 6,2–4 EU) begründet. Auch die Heilkunde wurde wie der Krankenbesuch als Werk der Barmherzigkeit verstanden. Eine Würzburger Medizinalordnung des 16. Jahrhunderts ging deshalb davon aus, dass ein Arzt die Behandlung eines Patienten selbst dann nicht ablehnen dürfe, wenn keine Aussicht auf Heilung bestand.
Darstellungen in Kunst und Kultur
Die sieben Werke der Barmherzigkeit sind ein häufiges Thema der christlichen Ikonographie, also der bildlichen Darstellung religiöser Inhalte. In manchen mittelalterlichen Darstellungen wurden ihnen die sieben Todsünden gegenübergestellt: Geiz, Zorn, Neid, Trägheit, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Stolz.
Die bildliche Darstellung des Themas setzte im 12. Jahrhundert ein. Als frühes Werk gilt die sogenannte vatikanische Weltgerichtstafel, die wahrscheinlich zwischen 1061 und 1071 für den Konvent der Schwestern von Santa Maria in Campo Marzio geschaffen wurde und sich heute in den Vatikanischen Museen befindet. Gute hundert Jahre später wurden die sechs im Matthäusevangelium genannten Werke an der Galluspforte des Basler Münsters dreidimensional dargestellt.
1504 schuf der niederländische Meister von Alkmaar ein Polyptychon, also ein mehrteiliges Gemälde, mit sieben Tafelbildern. Jede Tafel zeigt eines der sieben Werke. Das Werk war für die St.-Laurentius-Kirche (Grote Kerk) in Alkmaar bestimmt.
Ein Hauptwerk zu diesem Thema ist Caravaggios Altarbild von 1606/07 in Neapel. Es entstand im Auftrag der Confraternità del Pio Monte della Misericordia für deren Kirche. Die starken Hell-Dunkel-Kontraste, das sogenannte Chiaroscuro, haben darin auch eine inhaltliche Bedeutung: Das helle Licht kann als Metapher der Barmherzigkeit verstanden werden. Es verweist darauf, Vergebung und Barmherzigkeit als göttliche Gnade zu erkennen und zugleich selbst als Tugend auszuüben.
Auch neuere Literatur und Musiktheater greifen das Thema auf. 2019 erschien der Roman „Misericordia – Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ von „B. Movie“, der die Motive in gegenwärtige Lebenszusammenhänge überträgt. 2020 brachte das sirene Operntheater sieben neue Musiktheaterwerke zu den sieben Werken der Barmherzigkeit auf die Bühne.