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Gnade (Theologie)
Die Gnade, die Gott dem Gläubigen bzw. der gesamten Menschheit ohne Vorbedingung schenkt, bildet den Kern der christlichen Botschaft. Als Zentralbegriff der …
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Grundbegriff und Bedeutung
Gnade ist im Christentum ein Zentralbegriff für Gottes unverdiente Zuwendung zum Menschen. Sie fasst zusammen, was Begriffe wie Heil, Liebe und Freundschaft im Zusammenhang mit der Erlösung durch Jesus Christus beschreiben. Verwandte Begriffe sind Barmherzigkeit, Güte und Gerechtigkeit Gottes.
Gnade bedeutet, dass Gott dem Menschen ohne Vorbedingung Wohlwollen, Zuwendung, Gunst, ein Geschenk oder eine Gabe schenkt. Weil darauf kein Anspruch besteht, ist jeder Gnadenerweis ein unverdientes Gnadengeschenk. Gnade gilt als eine Grundeigenschaft Gottes und als Kern der christlichen Botschaft. Sie beschreibt ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den Menschen und ist mit Fragen nach menschlicher Natur, Sünde, Leiden und freiem Willen verbunden.
Biblische Grundlagen
In der Hebräischen Bibel und im Alten Testament werden vor allem die hebräischen Begriffe ḥen und ḥesed verwendet. ḥen kann „Gunst“, „Gnade“, „Zuneigung“, „Freundlichkeit“, aber auch „Anmut“ und „Schönheit“ bedeuten. ḥesed bezeichnet „Güte“, „Liebe“, „Freundlichkeit“, „Wohlwollen“, „Barmherzigkeit“ oder „Gunst“. Beide Wörter werden in deutschen Bibelübersetzungen meist mit „Gnade“, „Güte“ oder „Huld“ wiedergegeben. In der Wendung „Gnade in jemandes Augen finden“ bedeutet Gnade auch „Gefallen“.
Das Verb ḥanan wird häufig in Gebeten verwendet, wenn Menschen Gottes gnädige Zuwendung erbitten. Die Bitte „Sei mir gnädig!“ kommt besonders oft in Gebetseinleitungen vor. Das Adjektiv ḥannun („barmherzig, gnädig“) erscheint häufig zusammen mit raḥum („barmherzig“) in der liturgischen Formel, dass JHWH „gnädig und barmherzig, geduldig und reich an Güte“ ist. Die Wurzel ḥesed kommt knapp 250-mal vor und kann sowohl Gottes als auch menschliches gnädiges Handeln bezeichnen. Umstritten ist, ob damit ursprünglich ein Rechts- oder Vertragsverhältnis gemeint war oder ausschließlich die Liebe und Güte des Gebenden. Im Gedanken des Bundes verbinden sich beide Aspekte: Gott stiftet aus Gnade eine Beziehung mit den Menschen, aus der für beide Seiten Verpflichtungen zu Loyalität und Treue entstehen.
Der zentrale Gnadenbegriff des Neuen Testaments ist das griechische χάρις (cháris). Das Wort bedeutet unter anderem Anmut, Gunst, Huld, Wohlwollen, gnädige Fürsorge, Gnadentat, Gnadengabe und Dank. Die meisten Vorkommen finden sich in den Briefen des Apostels Paulus. Er versteht seine Berufung und sein Apostolat als Gnadengabe Gottes und sieht auch die Charismen als Gnadengaben für die Gläubigen.
Im Römerbrief entwickelt Paulus seine Rechtfertigungslehre. Er stellt die Gerechtigkeit aufgrund des Glaubens an Christus der Gerechtigkeit aufgrund von Werken unter den Gesetzen gegenüber (Röm 3,23–24). Diese paulinische Lehre wurde später von Martin Luther mit der Formel sola gratia aufgenommen. Während alttestamentliche Texte meist das Volk Gottes als Ganzes betrachten, richtet sich die neutestamentliche Gnadenlehre stärker auf das einzelne Individuum.
Alte Kirche: Osten und Westen
Im griechischsprachigen Osten wurde Gnade mit Wiedergeburt, Erleuchtung, Mitteilung des Geistes, Aufnahme in die Gotteskindschaft, Schau Gottes und Vergottung verbunden. Vorherrschend war eine „synergistische“ Sicht: Das Heil entsteht durch das Zusammenwirken menschlicher und göttlicher Aktivität, wobei Gottes Handeln den entscheidenden ersten Schritt bildet. Gnade bedeutet dort nicht nur Erlösung und Veränderung des Menschen, sondern auch seine Befähigung zu einem gerechten Leben.
Gregor von Nyssa unterschied zwischen Gnade und Natur (physis). Gottes „Energien“ (energeiai) gelten als Wirksamkeit der göttlichen Natur in der Welt und beeinflussen den menschlichen Willen. Die griechische Alte Kirche kennt keine Erbsündenlehre, die derjenigen Augustins entspricht. Deshalb unterscheidet sie nicht in gleicher Weise zwischen Heilshandeln und Gnade: Gottes gesamtes Heilshandeln wird als Gnade verstanden. Die Lehre von der Gnade steht eng mit Trinitätslehre und Geistlehre sowie mit der liturgischen Vergöttlichung des Menschen in Verbindung.
Im lateinischen Westen prägte Augustinus von Hippo die Gnadenlehre. Er verband die paulinische Rechtfertigungslehre mit Willensfreiheit und Erbsünde. In der Auseinandersetzung mit Pelagius, dessen Gnadenlehre von einem optimistischeren Menschenbild ausging, betonte Augustinus, dass der Mensch wegen der Erbsünde seine Neigung zum Sündigen nicht überwinden könne. Er besitze daher nur eine eingeschränkte Willensfreiheit und sei auf die wiederherstellende Gnade angewiesen. Erst als Erlöste können Christen den Weg zum Guten einschlagen; Freiheit wird so selbst zu einem Geschenk Gottes. Diese Sicht wurde durch die Verurteilung des Pelagianismus auf der Synode von Karthago 418 und des Semipelagianismus auf der Synode von Orange 529 für die Westkirche maßgeblich.
Mittelalterliche Gnadenlehre
Die Scholastik führte die augustinische Gnadenlehre weiter aus. Anselm von Canterbury lehrte in seiner Satisfaktionslehre, dass erst Christi freiwilliges Opfer am Kreuz die Voraussetzung dafür geschaffen habe, dass Gott dem Menschen Gnade und Erbarmen schenkt.
Thomas von Aquin verband die Gnade mit der Sehnsucht des Menschen nach Gottes Gemeinschaft. Er unterschied zwischen ungeschaffener Gnade (gratia increata), die in Gott selbst besteht und keinen zeitlichen Anfang hat, und geschaffener Gnade (gratia creata), einer von Gott geschenkten übernatürlichen Gabe oder Wirkung, die im Menschen einen zeitlichen Anfang hat.
Die zuvorkommende Gnade (gratia praeveniens) schenkt Gott ohne Anspruch und Verdienst des Menschen. Sie ist die Voraussetzung der Rechtfertigung und bewirkt als erste Gnade (gratia prima, gratia gratis data) den Glauben. Dieser lässt den Menschen das Gute wollen. Die nachfolgende oder mitwirkende Gnade (gratia subsequens, gratia cooperans) unterstützt ihn dabei. Dadurch kann der Mensch Verdienste erwerben und gottgefällig werden; diese Wirkung wird als gratia gratum faciens bezeichnet.
Reformation, Konzil von Trient und Protestantismus
Martin Luther erneuerte die Gnadenlehre im Zusammenhang mit seinem neuen Verständnis der Rechtfertigung, das er in den Vorlesungen über die Psalmen (1513–1515) und den Römerbrief (1515/16) entwickelte. Systematischer Kern ist die Stellvertretung Christi. Gnade bedeutet Gottes Gunst (favor Dei): Dem Menschen, der an Christus glaubt, wird um Christi willen die Sünde nicht zugerechnet; stattdessen wird ihm die fremde Gerechtigkeit Christi als eigene angerechnet. Gnade ist für Luther keine inwendige göttliche Kraft, sondern bleibt als Kraft Gottes außerhalb des Menschen.
Durch die Annahme des Evangeliums von der Heilstat Christi wird der Mensch allein aus Gnade (sola gratia) und allein durch Glauben (sola fide) gerechtfertigt. Luther lehnt die Vorstellung einer heiligmachenden Gnade (gratia habitualis) als göttlicher Kraft im Menschen ab. Sein Gnadenverständnis ist daher auf den gnädigen Gott selbst und auf die in Christus geschehene Heilstat ausgerichtet (solus Christus).
Das Konzil von Trient bestätigte im Wesentlichen die von Thomas von Aquin entwickelte Gnadentheologie. Gegenüber den reformatorischen Lehren betonte es die habituelle Gnade als real verändernde Gegenwart Gottes im Gläubigen. Gnade ist zugleich Voraussetzung und Folge guter Werke. Verworfen wurden sowohl die Vorstellung, der freie Wille sei durch die Erbsünde ausgelöscht, als auch die Annahme, der Mensch könne sich durch seinen natürlichen freien Willen ohne Gnade das ewige Leben verdienen.
In der lutherischen Orthodoxie entstand auf Grundlage der Begriffe Philipp Melanchthons ein Stufenmodell der Rechtfertigung: iustificatio (Gerechtsprechung), vocatio (Berufung), illuminatio (Erleuchtung), regeneratio (Wiedergeburt) und sanctificatio (Heiligung). Die Konkordienformel unterschied Bekehrung (conversio) und Rechtfertigung (iustificatio). In der Bekehrung ergreift der Mensch die Gnade in Christus; sie rechtfertigt, erneuert und heiligt ihn, schenkt Wiedergeburt und führt zu einem neuen Leben.
Für die reformierte Tradition wurde Huldrych Zwinglis theozentrischer Ansatz wichtig. Gnade gilt primär als Eigenschaft Gottes, durch die er sich der geschaffenen Natur und besonders dem Menschen zuwendet. Die später entwickelte Föderaltheologie erklärt, dass Gott den Menschen als Gegenüber erwählt und mit Gottebenbildlichkeit ausstattet. So wird die Bundesgemeinschaft mit Gott möglich. Die reformierte Orthodoxie unterschied außerdem zwischen dem Werkbund und einem neuen Gnadenbund, den Gott nach dem Bruch des Werkbundes durch einen innertrinitarischen Pakt zwischen Vater und Sohn zur Erlösung der Menschheit stiftet.
Moderne, Orthodoxie und andere Religionen
In der heutigen römisch-katholischen Kirche bleibt Gnade ein Schlüsselbegriff für das Verhältnis von Gott und Mensch und für Gottes Heilshandeln. Wichtig ist weiterhin die Unterscheidung zwischen ungeschaffener Gnade, also Gott selbst in seiner Liebe, und geschaffener Gnade, also der Weise, in der Gottes Zuwendung im Menschen wirksam wird. Zugleich werden die Freiheit des Menschen und seine mögliche verdienstvolle Mitwirkung betont. In einer dialogischen Beziehung zwingt Gott seine Gnade dem Menschen nicht auf; sie ist ein Anruf an den offenen und antwortfähigen Menschen.
Henri de Lubac sieht in der Sehnsucht des Menschen nach Gott den Schlüssel moderner Gnadentheologie. Gnade wird als Beziehung verstanden, in der Gott und Mensch aufeinander bezogen sind. Karl Rahner greift diesen Gedanken auf, versteht Gnade jedoch als subjektive Erfahrung der unmittelbaren Beziehung zu Gott. Gott behält dabei die Handlungspriorität. Gnade wird zur Ermächtigung zur rechten Freiheit; Gott ist der Horizont menschlicher Freiheit.
Die lateinamerikanische Befreiungstheologie deutet die Befreiung der Armen im Zusammenhang mit Gottes Befreiungshandeln am Volk Israel. Die Kirche soll zu den Armen gehen. Die feministische Theologie knüpft daran an und versteht Befreiung stärker als Befreiung im Alltag. Sie kritisiert ein Sünden- und Gnadenverständnis, das Menschen unfrei macht. Charismen sind Gnadengaben Gottes, die durch den Heiligen Geist dem Aufbau der Glaubensgemeinschaften dienen. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht diese Wirkung allen Gläubigen zu. Charismatische Bewegungen versuchen, Glauben durch spirituelle, mystische und asketische Elemente praktisch erfahrbar zu machen. Heute wird der Begriff Gnade teilweise durch Ausdrücke wie „Hand Gottes“, „Liebe Gottes“, „Rettung“ oder „Befreiung durch Menschenliebe Gottes“ ersetzt.
In den orthodoxen Kirchen wird statt Rechtfertigung von Vergöttlichung gesprochen. Auf Grundlage der palamitischen Unterscheidung zwischen Gottes Wesen und seinen Energien wird häufig die Mitwirkung des Menschen am Heilsprozess bejaht. Dies kann in ökumenischen Dialogen zu Problemen führen.
Ein einheitlicher religionsübergreifender Begriff von Gnade existiert nicht. Im Judentum, Christentum und Islam gilt Gnade als Grundeigenschaft eines allmächtigen Gottes, der sie aus eigenem Willen gewährt. Rabbinische Traditionen verstehen sie als gemilut chasadim, also als Wohltätigkeit und Hilfe ohne Eigennutz, oder als eine Tat, die um ihrer selbst willen geschieht. Im Islam sendet Gott in einem Gnadenakt seinen Propheten, der den Koran empfängt. „Der Barmherzige“ (al-Raḥmān) steht in der Basmala, mit der fast alle Suren beginnen. Judentum und Islam teilen nicht das christliche Dogma, dass der durch die Erbsünde verschuldete Mensch unbedingt der Gnade bedürftig sei. Im Hinduismus wird Gnade je nach religiöser Strömung unterschiedlich bewertet. Im nichttheistischen Buddhismus bezeichnet Nirwana die Befreiung aus dem Kreislauf von Leiden, Samsara und Wiedergeburt.