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Barmherzigkeit
Sie gilt als eine der Haupttugenden und wichtigsten Pflichten der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam, Bahai sowie anderer Religionen wie …
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Grundbedeutung
Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters: Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und hilft mildtätig. Sie ist mehr als bloßes Mitleid. Mitleid gehört eher zum Gefühlsleben, während Barmherzigkeit eine innere Betroffenheit mit einem konkreten Tun verbindet. Käte Hamburger definierte Barmherzigkeit 1985 als tätige Nächstenliebe: Der Nächste ist jeweils der Mensch, den jemand durch barmherziges Handeln zu seinem Nächsten macht.
Barmherzigkeit gilt in vielen Religionen als wichtige Tugend und Pflicht. Besonders in den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam wird auch die Barmherzigkeit Gottes als zentrale Eigenschaft Gottes verstanden. In religiöser Sprache meint sie daher nicht nur menschliche Hilfe, sondern auch Gottes gnädige, vergebende und fürsorgende Zuwendung.
Judentum
Im Tanach ist Barmherzigkeit eine herausragende Eigenschaft Gottes. Das hebräische Wort רחמים rachamím wird theozentrisch verstanden: JHWH ist barmherzig und handelt barmherzig, weil er sich seines Volkes Israel annimmt. In der Offenbarung am Sinai heißt es, JHWH sei „ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (2 Mos 34,6). „Gnädig“ beschreibt dabei Gottes Zuwendung zu seinem Volk; „barmherzig“ bedeutet, dass Gott die Sünde sieht, aber verzeiht und dem Bund treu bleibt.
Besonders bei den Propheten der Exilszeit wird diese Treue betont. Jesaja vergleicht Gottes Erbarmen mit der Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind: Selbst wenn eine Mutter ihr Kind vergessen würde, vergesse Gott sein Volk nicht. Das Wort racham hängt mit Rächäm zusammen, das auch Mutterschoß oder Gebärmutter bedeutet. Dadurch wird Barmherzigkeit als tiefe, schützende und lebensnahe Zuwendung beschrieben.
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, wird für Erbarmen häufig ἔλεος éleos verwendet. Dieses Wort betont Mitleid, Anteilnahme und das Sich-Anrühren-Lassen. Im Buch Tobit wird Barmherzigkeit auch vom Menschen gefordert: „Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein.“
Christentum
Im Christentum ist Barmherzigkeit vor allem eine Eigenschaft Gottes. Sie gilt nicht einfach als natürliche menschliche Eigenschaft, sondern als etwas, das der Mensch durch Gottesliebe empfängt und durch Gottes unerschöpfliche Zuwendung erfährt. Schon im Alten Testament wird Gott als der „Barmherzige und Gnädige“ gepriesen, etwa in Ps 103,8.
Jesus zeigt Barmherzigkeit besonders in Gleichnissen und Heilungen. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) erscheint Gott als großzügiger, vergebungsbereiter Vater. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37) wird sichtbar, dass Barmherzigkeit konkrete Hilfe gegenüber einem Menschen in Not bedeutet. Auch Jesu Krankenheilungen werden als Akte der Barmherzigkeit verstanden.
In der Bergpredigt heißt es: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Mt 5,7). Menschliche Barmherzigkeit ist dabei nicht die Voraussetzung, mit der man Gottes Barmherzigkeit verdient. Sie ist vielmehr die Folge der erfahrenen Barmherzigkeit Gottes. Darum lautet die Aufforderung Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36). Barmherzigkeit steht damit eng mit Nächstenliebe, Menschenliebe, Humanität und Diakonie zusammen; die lateinische Bezeichnung caritas steht in diesem Zusammenhang.
Katholische Lehre und Werke
In der römisch-katholischen Kirche empfangen die Gläubigen die Werke der Barmherzigkeit durch den Heiligen Geist. Gottes unendliche und bedingungslose Liebe umfasst die Barmherzigkeit; beide Begriffe werden in der Tradition oft eng verbunden. Thomas von Aquin bezeichnete Barmherzigkeit im äußeren Bereich als die größte aller Tugenden, weil sie sich anderen zuwendet und der Schwäche anderer aufhilft. Papst Franziskus griff diesen Gedanken in Evangelii Gaudium vom 26. November 2013 auf und betonte den Vorrang der Barmherzigkeit für das kirchliche Handeln.
Seit dem Mittelalter werden die Sieben Werke der Barmherzigkeit genannt. Die sieben leiblichen Werke sind: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Die sieben geistigen Werke sind: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder zurechtweisen, Beleidigern gern verzeihen, Lästige geduldig ertragen und für Lebende und Verstorbene beten. Papst Franziskus schlug 2016 vor, die körperlichen und geistigen Werke um die Sorge um die Schöpfung zu erweitern.
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken erklärte 1995, dass moderne Gesellschaften trotz Sozialstaat nicht ohne Barmherzigkeit auskommen. Ohne Barmherzigkeit gehe die motivationale Grundlage für Sozialgesetzgebung verloren, und neue Notlagen würden nicht entdeckt. Barmherzigkeit wird deshalb als „Quellgrund der sozialen Gerechtigkeit“ bezeichnet.
Am 30. April 2000 legte Papst Johannes Paul II. fest, dass die katholische Kirche jährlich am Sonntag nach Ostern das Fest der Barmherzigkeit Gottes begeht. Er bezog sich auf Visionen der Ordensschwester Maria Faustyna Kowalska (1905–1938), die an diesem Tag heiliggesprochen wurde. Papst Franziskus rief mit der Bulle Misericordiae vultus vom 11. April 2015 ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit aus, das vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 begangen wurde.
Islam
Im Islam ist Barmherzigkeit eine wesentliche, möglicherweise die herausragende Eigenschaft Gottes. Im Koran wird sie besonders in den mekkanischen Suren betont. In Suren aus der mittleren Periode des Wirkens Muhammads in Mekka, etwa 615–620 n. Chr., ist der Gottesname „der Barmherzige“ häufiger als die Anrede „Allah“. Der Koran umfasst 114 Suren; bis auf Sure 9 beginnt jede Sure mit der Basmala: „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen“. Diese Formel hat auch im Alltagsbeten der Muslime große Bedeutung.
Die Barmherzigkeit Gottes wird mit zwei arabischen Begriffen beschrieben: ar-Raḥmān, „der Allerbarmer“, und ar-Raḥīm, „der Allbarmherzige“. ar-Raḥmān bezeichnet Gottes bedingungslose Gnade gegenüber allen Geschöpfen. ar-Raḥīm beschreibt Gottes Gnade und Vergebung gegenüber den Gläubigen, die für ihre guten Taten belohnt werden. Beide Namen stammen von derselben Wortwurzel und gehören zu den häufigsten Gottesnamen im Koran.
Auch menschliche Barmherzigkeit ist wichtig. Das Geben von Almosen ist eine Äußerung von Barmherzigkeit und als vierte der fünf Säulen des Islam eine Hauptanforderung an die Gläubigen. In einem Hadith heißt es: „Diejenigen, die nicht barmherzig sind, werden keine Barmherzigkeit erlangen.“ Zugleich beschreibt der Artikel, dass Gottes Gnade im Koran in einer letztlich ungeklärten Beziehung zu seiner Gerechtigkeit steht. Auch fromme Muslime haben daher keine sichere Gewissheit der Gnade und ewigen Errettung. Als Ermutigung gilt Sure 39,53: „Verliert nicht die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit. Gewiss, Gott vergibt alle Sünden. Er ist ja der Allvergebende und Barmherzige.“
Weitere Religionen
Im Buddhismus wird Barmherzigkeit meist als Mitgefühl verstanden. Der Sanskrit-Begriff dafür ist karuṇa. Karuna gehört zu den vier Brahmaviharas, also Formen zwischenmenschlicher Verbundenheit, die kultiviert werden sollen: Metta, die liebende Güte, Mudita, die Mitfreude, Upekkhā, der Gleichmut, und Karuna, das Mitgefühl. Karuna entsteht im Kern aus meditativer Einsicht und Erfahrung und folgt nicht einfach einem Gebot im Sinn von „Du sollst“. Nach Katastrophen engagieren sich viele buddhistische Laien und Ordinierte in Friedens- und Hilfsorganisationen.
Im Konfuzianismus waren für Konfuzius die Umgangsformen, li, die Güte des Rangoberen gegenüber den Unteren und die Menschenliebe wichtige Bestandteile der familiären und staatlichen Ordnung. Im Daoismus forderte Laotse im Daodejing neben dem Nicht-Eingreifen eine natürliche und unaufgeforderte Güte der Menschen untereinander.
Falun Gong nennt Barmherzigkeit zusammen mit Wahrhaftigkeit und Nachsicht als eines von drei Grundprinzipien. Ihre Befolgung gilt dort als Grundvoraussetzung für spirituellen Erfolg und für die optimale Wirksamkeit der Übungen.
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