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Buch Tobit

Das Buch Tobit (oder Buch Tobias, abgekürzt Tob) ist eine Erzählung aus dem 3./2. Jahrhundert v. Chr., die möglicherweise in Persien, Judäa oder Ägypten …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Religiöse Leitgedanken
  3. 3. Handlung
  4. 4. Entstehung, Fiktion und Erzählweise
  5. 5. Textüberlieferung und Nachwirkung

Einordnung und Bedeutung

Das Buch Tobit, auch Buch Tobias genannt und mit Tob abgekürzt, ist eine weisheitliche Lehrerzählung mit märchenhaften Zügen. Es entstand im späten 3. oder frühen 2. Jahrhundert v. Chr., obwohl seine Handlung im 8. Jahrhundert v. Chr. spielt. Erzählt wird von zwei verwandten jüdischen Familien, deren schwere Not durch Gottes Hilfe überwunden wird. Im Mittelpunkt stehen Treue zu Gott, Gerechtigkeit und tätige Nächstenliebe.

Benannt ist das Werk nach seiner Hauptperson Tobit. In der lateinischen Vulgata heißt es Liber Tobiae. Weil man dort Vater und Sohn als Tobias bezeichnete, entstand auch der Titel Liber utriusque Tobiae, „Buch der beiden Tobiasse“.

Das Buch wurde nicht in den jüdischen Kanon aufgenommen, gehört aber zur Septuaginta, der alten griechischen Übersetzung jüdischer Schriften. Die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen betrachten es als Teil des Alten Testaments. In den Kirchen der Reformation gehört es nicht zum alttestamentlichen Kanon; die Lutherbibel und die Zürcher Bibel führen es unter den Apokryphen.

Religiöse Leitgedanken

Das Verhaltensideal der Erzählung wird durch drei Leitbegriffe beschrieben: „Wege der Treue und Wahrheit“ sind zuverlässige, an Gott ausgerichtete Lebenswege; „Gerechtigkeitserweise“ bezeichnen gerechtes Handeln; „Werke der Barmherzigkeit“ meinen tätige Nächstenliebe. Besonders wichtig sind Almosen, Hilfe für Bedürftige, die Bestattung von Toten, das Gebet und die Treue zur Tora, also zu den religiösen Weisungen.

Tobit verkörpert dieses Ideal. Trotz persönlicher Frömmigkeit bleibt ihm Leid nicht erspart. Seine Geschichte behandelt daher auch die Frage, wie ein gerechter Mensch mit unverdient erscheinendem Unglück umgeht. Tobit erkennt zugleich eine gemeinsame Verantwortung seines Volkes an. Sara begegnet ihrer Verzweiflung ebenfalls mit Gebet statt mit Selbsttötung. Die gleichzeitig erhörten Gebete beider Figuren verbinden die zunächst getrennten Handlungsstränge.

Gottes Hilfe wirkt durch den Engel Raphael, bleibt den Menschen aber zunächst verborgen. Tobias muss Raphaels Anweisungen befolgen und selbst handeln. Die Erzählung verbindet damit menschliche Verantwortung, familiäre Pflichten und göttliche Führung.

Handlung

Tobit stammt aus dem israelitischen Stamm Naftali. Anders als viele Bewohner des Nordreichs beteiligt er sich nicht am Götzendienst, sondern pilgert mit seiner Familie zum Tempel in Jerusalem. Zusammen mit seiner Frau Hanna und seinem Sohn Tobias wird er nach Ninive deportiert. Auch dort lebt er nach der Tora, unterstützt andere Israeliten und bestattet ihre Toten. Auf einer Reise übergibt er einem Mann namens Gabael in Rages Geld zur Aufbewahrung.

Unter dem assyrischen König Sennacherib wird Tobit verfolgt und sein Vermögen beschlagnahmt. Durch die Fürsprache seines Neffen Achikar, eines hohen Hofbeamten, erhält er es zurück. Als Tobit später den Leichnam eines ermordeten Israeliten bestattet, übernachtet er unter freiem Himmel. Vogelkot fällt auf seine Augen und macht ihn blind. Ärzte können ihm nicht helfen. Vier Jahre lang sorgt Hanna als Weberin für die Familie. Als sie von einem Kunden ein Ziegenböckchen geschenkt bekommt, beschuldigt Tobit sie zu Unrecht des Diebstahls. Hanna stellt daraufhin seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit infrage. Tobit betet und wünscht sich den Tod.

Zur gleichen Zeit leidet seine junge Verwandte Sara in Ekbatana. Der Dämon Aschmodai hat jeden ihrer bisherigen Ehemänner in der Hochzeitsnacht getötet. Nachdem eine Magd sie verspottet hat, denkt Sara kurz daran, sich zu erhängen. Aus Rücksicht auf ihren Vater Raguel verwirft sie diesen Gedanken, betet und bittet Gott entweder um den Tod oder um Erbarmen. Tobits und Saras Gebete werden gleichzeitig erhört. Gott sendet Raphael, um Tobits Blindheit zu heilen und Sara vom Dämon zu befreien.

Tobit erinnert sich an sein Geld in Medien und schickt Tobias los, es zurückzuholen. Weil er mit seinem Tod rechnet, gibt er seinem Sohn zuvor eine Lebenslehre mit: Tobias soll Gott dienen und entsprechend seinen Möglichkeiten Almosen geben. Raphael bietet sich in Menschengestalt als Reisebegleiter an. Am Tigris greift ein großer Fisch Tobias an. Auf Raphaels Anweisung fängt er ihn und nimmt Galle, Herz und Leber mit. Verbrannte Fischleber und verbranntes Fischherz sollen Dämonen vertreiben; die Galle soll Blindheit heilen.

Raphael führt Tobias zu Raguel. Dieser stimmt der Ehe zwischen Tobias und Sara zu, weil beide füreinander bestimmt seien. Im Hochzeitsgemach verbrennt Tobias Herz und Leber des Fisches auf Räucherwerk, worauf Aschmodai flieht. Vor dem Vollzug der Ehe beten Tobias und Sara gemeinsam. Raguel hat bereits ein Grab für Tobias vorbereiten lassen, freut sich am Morgen aber, ihn lebend zu finden.

Nach der Feier kehrt Tobias mit dem Geld seines Vaters und der Fischgalle nach Ninive zurück. Er heilt Tobits Augen. Als die Familie den Reisebegleiter bezahlen will, offenbart Raphael, dass er ein Engel ist. Tobit stimmt einen Lobpreis auf den barmherzigen Gott an. Vor seinem Tod rät er Tobias, Ninive zu verlassen, weil die Stadt zerstört werden werde. Nach Hannas Tod zieht Tobias zu seinem Schwiegervater nach Medien. Er wird 127 Jahre alt und erlebt noch die Nachricht von der Zerstörung Ninives.

Entstehung, Fiktion und Erzählweise

Das Werk kann nicht aus der Zeit seiner Handlung stammen. Tobias’ Begleiter soll beispielsweise mit kleinen Silbermünzen bezahlt werden, doch solche Münzen wurden im Perserreich erst im 4. Jahrhundert v. Chr. geprägt. Außerdem gelten die Prophetenbücher bereits als heilige Schrift, und die Wendung „nach dem Gesetz des Mose“ entspricht dem Sprachgebrauch des Buchs der Chronik. Diese Hinweise führen in die hellenistische Zeit, genauer in das späte 3. oder frühe 2. Jahrhundert v. Chr.

Der Entstehungsort ist umstritten. In der älteren Forschung wurde wegen des Achikar-Stoffes Ägypten, besonders Elephantine, vorgeschlagen. Neuere Forschung nimmt eher die östliche jüdische Diaspora, möglicherweise Persien, oder Judäa an. Gegen die östliche Diaspora sprechen die ungenauen Ortskenntnisse. Józef T. Milik vermutete eine Entstehung in der Oberschicht des persischen oder frühhellenistischen Samaria und eine spätere Bearbeitung in Jerusalem.

Die Erzählung ist bewusst fiktional. Ihre Zeitangaben verbinden Ereignisse aus mehr als drei Jahrhunderten: Wäre Tobias um 732 v. Chr. als Kind nach Ninive deportiert worden, könnte er nicht als alter Mann die Zerstörung Ninives 612 v. Chr. erlebt haben. Auch die Altersangaben unterscheiden sich: Tob 14,14 nennt 117 Jahre, die Langfassung am Ende 127 Jahre. Hinzu kommen geografische Unstimmigkeiten. Ekbatana liegt etwa 2010 m hoch am Zagrosgebirge, Rages mehr als 300 km entfernt auf 1132 m Höhe. Trotzdem sollen beide Orte nur zwei Tagesreisen auseinanderliegen; außerdem vertauscht die Erzählung Ebene und Gebirge. Eine Reise von Ninive nach Rages führt auch nicht an das Ufer des Tigris.

Spannung durch Ungewissheit steht nicht im Vordergrund: Schon früh erfahren die Lesenden, dass Raphael helfen wird und wie die Fischinnereien wirken. Häufig entsteht Ironie durch den Wissensvorsprung des Publikums. So wünscht Tobit, ein Engel möge Tobias und dessen Begleiter schützen, obwohl der Begleiter selbst der Engel Raphael ist. Tobits Erblindung und Saras gescheiterte Ehen sind dennoch tragisch, nicht komisch gemeint.

Die Erzählung erinnert an die Patriarchengeschichten der Genesis, an das Buch Ijob und an außerbiblische Motive wie „Der Dankbare Tote“ und „Die Braut und das Ungeheuer“. Ähnlichkeiten bestehen auch zum Telemachos-Zyklus der Odyssee: Ein junger Mann reist wegen der Notlage seines Vaters und wird dabei von einem göttlichen Wesen in Menschengestalt beraten. Eingefügt sind außerdem ein autobiografischer Bericht, Gebete, Hymnen, ethische Mahnreden und ein Testament.

Textüberlieferung und Nachwirkung

Vollständig erhalten ist das Buch nur auf Griechisch. Es gibt drei griechische Textformen: Die knappe, sprachlich gute Kurzfassung G¹ steht unter anderem im Codex Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert und im Codex Alexandrinus aus dem 5. Jahrhundert. Die ausführlichere, semitisch beeinflusste Langfassung G² wird vor allem durch den Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert vertreten. G³ ist eine unvollständige Mischfassung. Wahrscheinlich ist G² ursprünglicher; G¹ dürfte durch Straffung und sprachliche Überarbeitung entstanden sein.

Qumran-Funde bestätigten, dass semitischsprachige Fassungen existierten. 1952 wurden in Höhle 4Q Fragmente von vier aramäischen Manuskripten und einer hebräischen Schriftrolle entdeckt. Damit sind etwa 20 % des aramäischen und 6 % des hebräischen Textes bekannt. Die Fragmente stammen ungefähr aus der Zeit zwischen 100 v. Chr. und 20 n. Chr. und stehen insgesamt der Langfassung näher.

Die Vetus Latina, die altlateinische Fassung, beruhte auf einem G² ähnlichen griechischen Text. Die Vulgata-Fassung des Hieronymus weicht dagegen stark von der griechischen Überlieferung ab. Hieronymus erklärte, sie mithilfe eines Dolmetschers an einem Tag aus dem Aramäischen übertragen zu haben; eine besondere Nähe zu den aramäischen Qumran-Fragmenten ist jedoch nicht erkennbar. Diese Vulgata-Bearbeitung prägte das mittelalterliche Europa und bildete die Grundlage der älteren Lutherübersetzung.

Die Lutherbibel übersetzte Tobit 2017 neu aus G²; dadurch änderte sich auch die Verszählung. Die Einheitsübersetzung von 1980 folgte G¹, die Revision von 2016 dagegen G². Weil der Codex Sinaiticus zwei Lücken in Tob 4,7–19 und Tob 13,6–10 besitzt, müssen Übersetzungen dort andere Handschriften, G¹ oder die Vetus Latina heranziehen.

In der westlichen Wirkungsgeschichte waren besonders Raphael als Schutzengel und die „drei Tobiasnächte“ wichtig, also das in der Vulgata überlieferte Warten vor dem Vollzug der Ehe. Die Wanderung von Tobias und Raphael wurde in der italienischen Frührenaissance zu einem beliebten Bildmotiv. Der Stoff wurde außerdem in Dramen und Oratorien verarbeitet, darunter Joseph Haydns Il ritorno di Tobia von 1775.

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