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Weltsystem-Theorie
Die Weltsystem-Theorie ist eine Entwicklungstheorie, die die Beziehungen zwischen Gesellschaften und die daraus resultierenden Veränderungen untersucht.
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Grundidee der Theorie
Die Weltsystem-Theorie ist eine Entwicklungstheorie, die nicht einzelne Gesellschaften isoliert betrachtet, sondern die Beziehungen zwischen Gesellschaften und die daraus entstehenden Veränderungen untersucht. Sie fragt also, wie Staaten und Regionen durch Weltwirtschaft, Handel, Produktion und Machtverhältnisse miteinander verbunden sind.
Die Theorie entstand in den 1970er Jahren als Antwort auf neue Entwicklungen in der kapitalistischen Weltwirtschaft. Wichtige Vertreter sind André Gunder Frank, Immanuel Wallerstein, Samir Amin, Giovanni Arrighi und Beverly Silver; im deutschen Sprachraum werden Hans-Heinrich Nolte und Andrea Komlosy genannt. Wallerstein bevorzugte den Begriff Analyse gegenüber Theorie und verstand die Weltsystem-Analyse als Protest gegen die seit dem 19. Jahrhundert übliche Struktur sozialwissenschaftlicher Forschung.
Eine zentrale Neuerung gegenüber einfacheren Zentrum-Peripherie-Modellen ist die Annahme einer dritten Zone: der Semi-Peripherie. Dadurch entsteht kein zweigeteiltes, sondern ein dreiteiliges Modell aus Zentrum, Semi-Peripherie und Peripherie.
Entstehung des modernen Weltsystems
Wallerstein beschreibt in den vier Bänden von The Modern World System, wie die kapitalistische Weltwirtschaft historisch entstanden sei. Für ihn müssen soziale Phänomene immer räumlich und zeitlich eingeordnet werden: „one cannot analyze social phenomena unless one bounds them in space and time.“
Nach Wallerstein entstand nach dem Scheitern der Habsburger, im 16. Jahrhundert ein Weltreich zu errichten, das Zentrum der europäischen Weltwirtschaft. Dazu zählten vor allem die Niederlande und England. Gleichzeitig wandte sich der Adel stärker von der Subsistenzwirtschaft ab, also einer Wirtschaftsweise zur Selbstversorgung, und nutzte Land zunehmend gewinnorientiert. Einige Länder, etwa Russland, standen anfangs noch außerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft.
Mit dem Imperialismus entwickelte sich zuerst in England im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts der Industriekapitalismus. Danach breitete er sich weltweit aus. Laut Wallerstein gab es bis ins 19. Jahrhundert neben der kapitalistischen Weltwirtschaft keine anderen Weltsysteme mehr. In den Zentrumsgesellschaften führte Industrialisierung zwar zu Wohlstand, zugleich wurden Arbeiter immer stärker als Produktionskraft ausgebeutet, was Krisen erzeugte.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts sieht Wallerstein eine Spaltung in ein sowjetisch-sozialistisches und ein westlich-kapitalistisches Lager. In den kapitalistischen Kernländern entstanden sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten, um die Krise der Arbeiterschaft abzumildern. Die Vereinigten Staaten lösten das Vereinigte Königreich als Hegemonialmacht ab und hielten diese Stellung bis in die späten 1960er Jahre weitgehend unangefochten. Danach zeigten sich durch das wirtschaftliche Erstarken Westeuropas und stark gestiegene amerikanische Rüstungsausgaben erste Abnutzungserscheinungen.
Aufbau der Welthierarchie
Das Weltsystem besteht bei Wallerstein aus drei Schichten: Kern oder Zentrum, Semi-Peripherie und Peripherie. Diese Einteilung beschreibt eine hierarchische Ordnung der Weltgesellschaft. Sie ist nicht starr: Ein Land kann grundsätzlich aufsteigen oder absteigen.
Das Zentrum umfasst Gebiete mit hoher Produktivität und entsprechendem Wohlstand. Dieser Wohlstand begünstigt relativ starke Staaten, die international konfliktärmer handeln können. Außerdem treten in den Zentren „zyklische Rhythmen“ auf, also Wachstums- und Rezessionsphasen. Für Wallerstein zeigen sie die kapitalistische Orientierung der Zentren.
Die Semi-Peripherie nimmt eine Zwischenstellung ein. Ihre Staaten gelten bei Wallerstein häufig als autoritär, was als Zeichen eines schwachen politischen Gerüsts verstanden wird. Sie werden von den Zentren über ungleiche Produktionsverhältnisse ausgebeutet. Zugleich übernehmen sie Produktionsformen, die in den Zentren nicht mehr rentabel oder möglich sind, zum Beispiel verarbeitende Industrie mit niedrigen sozialen Standards. Politisch stabilisiert die Semi-Peripherie das gesamte System, weil sie als Puffer zwischen Zentrum und Peripherie wirkt.
Die Peripherie stellt vor allem Ressourcen und Primärgüter für Semi-Peripherien und Zentren bereit. Wallerstein beschreibt sie als geografischen Bereich einer Weltwirtschaft, in dem vor allem Güter niedriger Ordnung produziert werden: „The periphery of a world-economy is that geographical sector of it wherein production is primarily of lower ranking goods“. Periphere Staaten gelten als schwach, weil fehlender Wohlstand innere Konflikte verschärft. Regierungen und Eliten handeln laut Wallerstein oft im Interesse der Eliten der Zentren statt im Interesse der eigenen Bevölkerung.
Beziehungen und Institutionen
Die drei Schichten sind durch Arbeitsteilung eng miteinander verbunden. Das Zentrum kann hochwertige Güter herstellen, ist aber auf Rohstoffe und Arbeitskraft aus der Peripherie angewiesen. Durch ungleichen Tausch mit der Peripherie kann das Zentrum Mehrwert gewinnen; dieser zeigt sich in Wohlstand und Luxus. Die Semi-Peripherie sorgt als Zwischenschicht dafür, dass die Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie das System nicht zu stark destabilisieren.
Eine andere formale Zuordnung wurde 2004 von Piana vorgeschlagen. Danach besteht das Zentrum aus „freien Ländern“, die andere dominieren, ohne selbst dominiert zu werden. In der Peripherie befinden sich beherrschte Länder. Zur Semi-Peripherie gehören Länder, die zugleich dominiert werden und andere Länder dominieren, meistens Länder der Peripherie.
Für Wallerstein ist das heutige Weltsystem ein marktförmig organisiertes Weltwirtschaftssystem. Daneben nennt er andere Systemtypen: Minisysteme, die auf reziproken Tauschbeziehungen beruhen, und Imperien, die durch Umverteilung von Ressourcen funktionieren. Die wichtigsten Institutionen des modernen Weltsystems sind Markt, Firmen, Haushalte, Staaten, Klassen und Statusgruppen.
Erweiterungen und Kritik
Wallersteins geschichtliche Betrachtung wurde später erweitert. Janet Abu-Lughod übernahm den Ansatz und bezog ihn auf das Zeitalter der mongolischen Herrschaft im 13. Jahrhundert. Archäologisch wurde das Weltsystem sogar auf die späte Kupfersteinzeit und frühe Bronzezeit ausgeweitet, in der Uruk ein Gebiet von Ägypten bis zum Indus beherrscht haben soll. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht hinreichend belegt ist.
Die wichtigste Kritik lautet, Wallerstein vertrete einen ökonomischen Determinismus. Damit ist gemeint, dass politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu stark aus wirtschaftlichen Interessen erklärt werden. Kritiker werfen ihm vor, sozialen Akteuren, Staaten und internationalen Organisationen kaum eigenen Handlungsspielraum zu lassen. Nur in Krisen des kapitalistischen Weltsystems könnten solche Akteure bei Wallerstein eine Rolle spielen.
Historiker kritisieren außerdem Wallersteins Erklärung der Entstehung des Weltsystems, seine historische Abgrenzung und die Annahme, es gebe nur ein System. Ein Einwand lautet, die Ausbeutung des globalen Südens durch Kolonisation habe nicht zwangsläufig zur Entstehung des Kapitalismus im Europa des beginnenden 16. Jahrhunderts geführt. Der Kapitalismus sei nicht in Spanien oder Portugal entstanden, sondern in England, also nicht einfach von den damaligen Kolonialmächten „exportiert“ worden. Der Artikel merkt dazu an, dass dabei ignoriert werde, dass auch die Niederlande und England Ursprungsländer des Kapitalismus und zugleich Kolonialmächte waren.